09.08.1982

KOMMUNISTENHammer, Sichel und Buch

Mit konspirativer Geheimnistuerei ist eine neue kommunistische Organisation gegründet worden, die „Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands“.
Keiner wußte, wo es langging. Die Teilnehmer der mehrtägigen Konferenz, 133 aus dem ganzen Bundesgebiet, wurden truppweise zunächst zu Treffpunkten beordert. Erst dort erfuhren sie das Tagungslokal: Hotel "Novotel" in Bochum.
Keiner sollte auch wissen, wer sie waren. Sie kamen als "Lehrergruppe auf der Durchreise" und waren im "Novotel" als "Verband freier Sozialwissenschaftler" angemeldet. "So etwas von diszipliniert", schwärmt die Hoteldirektion ahnungslos noch heute, "es war die anständigste Gruppe, die wir je gehabt haben."
Diszipliniert sicherlich: Bei der Konferenz, die vom 17. bis zum 20. Juni veranstaltet worden war, handelte es sich um den 5. Zentralen Delegiertentag des "Kommunistischen Arbeiterbundes Deutschlands" (KABD), der einzigen derzeit links von der DKP intakten kommunistischen Organisation in der Bundesrepublik, existent schon seit zehn Jahren. Nachdem zwei Tage herum waren, benannte sich der Delegiertentag S.32 um - in Gründungsparteitag der "Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands", abgekürzt MLPD.
Sogar das sollte vorerst unter der Decke bleiben. Den Delegierten, so jedenfalls meldeten V-Männer es dem Verfassungsschutz, war sowohl das Verlassen des Tagungshotels als auch das Telephonieren "strengstens untersagt", und ohne Zustimmung des Zentralkomitees (ZK) durfte keiner seinen Genossen zu Hause erzählen, was passiert war.
Erst am letzten Juli-Tag, sechs Wochen nach dem Ereignis, gab die "Rote Fahne", das KABD-Zentralorgan, bekannt, daß "im Ruhrgebiet" eine neue kommunistische Partei gegründet worden sei, und verbreitete sich sechs Seiten lang über diese "unsere Kriegserklärung, die Parteigründung". Welche Leute an die Spitze gewählt wurden, verriet allerdings auch die "Rote Fahne" noch nicht, die sonst immer, so einer vom Redaktionskollektiv, "so schreibt, daß das auch der einfache Arbeiter versteht".
Daß das Blatt nur Reden zitierte, die Redner aber nicht beim Namen nannte, ist Tradition des KABD, der sich, so etwa der jüngste Bericht des badenwürttembergischen Landesamtes für Verfassungsschutz, stets "betont konspirativ" verhalten hat: "So vermeidet die Gruppe nach wie vor die Offenlegung der personellen Zusammensetzung ihrer zentralen und regionalen Führungsgremien, ferner gibt sie nahezu sämtliche Publikationen unter einem nicht überprüfbaren Impressum heraus."
Auch eine Unterhaltung von KABD-Funktionären mit dem SPIEGEL kam vorletzte Woche erst "im Auftrag des ZK" zustande, das gern testen wollte, "was Journalisten uns wohl alles fragen werden" - fast durchweg, wie sich ergab, "kaderpolitische Fragen" nach Zahl der Mitglieder, handelnden Personen, Finanzen, Verlauf des Parteitags, die "aus Schutz und weil auch sonst sinnvoll" unbeantwortet blieben.
So geheimnisvoll muß eine Organisation vielleicht aber vorgehen, die darauf aus ist, daß "sich die Arbeiterklasse unter Führung der revolutionären Massenpartei zum bewaffneten Aufstand, der höchsten Form des Klassenkampfes, zum Sturz des Kapitalismus erheben und den bürgerlichen Staatsapparat zerschlagen" soll, "um auf den Trümmern der alten Gesellschaft den Sozialismus aufzubauen".
Nicht gleich heute oder morgen, sondern alles "erst, wenn die herrschende Klasse eine so ernsthafte Krise durchmacht, daß sie nicht mehr in der alten Weise regieren kann und die große Mehrheit des werktätigen Volkes nicht mehr will", das kann dauern.
Einstweilen sind die Trümmer, über die hinweg es mit der neuen Partei "vorwärts zum Sozialismus" gehen soll, nur auf ebendem politischen Terrain vorhanden, wo sie sich selber angesiedelt hat und es, ganz links, nicht weitergeht:
* Die alte "Kommunistische Partei Deutschlands" (KPD), die sich als rechtmäßiger Erbe der Partei von Rosa Luxemburg und Ernst Thälmann versteht, ist, 1956 schon, vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig verboten worden;
* die KPD der Bürgersöhne Christian Semler und Jürgen Horlemann, 1970 gegründet, wußte bald nicht mehr, "wer wir sind, und wohin wollen wir", und löste sich 1980 auf;
* von der KPD der Marxisten-Leninisten sonderte sich zur Bundestagswahl 1980 eine "Volksfront" ab, die bundesweit 9319 Stimmen erhielt;
* der "Kommunistische Bund Westdeutschland" (KBW), 8174 Stimmen bei der letzten Bundestagswahl, spaltete sich in KBW und BWK, "Bund Westdeutscher Kommunisten";
* der "Kommunistische Bund" (KB) verlor seine "Zentrumsfraktion", die seither als "Gruppe Z" eigene Politik betreibt.
Der Zerfall all dieser Gruppen der "Neuen Linken" hatte dieselbe Ursache. Sie waren auf Dauer außerstande, ihren Genossen die wundersamen Wege zu erklären, auf die nach Maos Tod und dem Sturz der "Viererbande" ihr großes Vorbild, die Volksrepublik China, geraten war.
Anders der KABD, der nun - mit rund 2000 Leuten, die er auf die Beine bringt - noch einmal von vorn anfangen will. Ungerührt davon, was danach geschah, sind für ihn die chinesische Kulturrevolution und "die Lehren von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tse-tung" nach wie vor "die entscheidende Grundlage für die Entstehung einer neuen kommunistischen Weltbewegung".
Was da sonst in China neuerdings und in der Sowjet-Union schon länger getrieben wird, gilt als "revisionistische Entartung"; was in der DDR, in Polen und sonstwo im Ostblock vor sich geht, "das ist", sagen die KABD-Funktionäre, "kein Sozialismus. Da ist ein neuer Typ des Kapitalismus wiederhergestellt worden".
Der Vorwurf zielt auch auf die "Deutsche Kommunistische Partei" (DKP), die unverbrüchlich stramm hinter Moskau und Ost-Berlin und dem dort praktizierten "realen Sozialismus" hermarschiert. "Gerade die Absage" an diesen Ostblock-Sozialismus nennen die KABD-Leute als "entscheidende Gründe für den Aufbau und die Gründung" ihrer neuen Partei: "Dort", im Osten, "macht sich eine entartete Bürokratie auf Kosten der Arbeiter ein schönes Leben."
Vor solchen Anfechtungen glaubt sich der KABD gefeit - dies in erster Linie durch eine "proletarische Denkweise", die nur die eine Frage kennt: "Was nützt dem Proletariat?"
"Eine Mitgliedschaft und Leitung, die sich zu über 90 Prozent aus Arbeitern und einfachen Angestellten zusammensetzt" ("Rote Fahne"), ständige Kontrolle und eine halbjährlich "neue Einschätzung" der Parteiführer, die ein "Vorbild an proletarischer Moral" zu bieten haben, so die Funktionäre, sollen den geraden "revolutionären Weg" der neuen marxistisch-leninistischen Partei garantieren.
Die "werktätige Intelligenz" wird auch dabeisein, obschon es bei einer Partei bleiben soll, "in der die Arbeiter das Sagen haben" und alles Theoretische also erst an zweiter Stelle kommt - Theorie gilt, nach einem Stalin-Wort, lediglich als "Leuchtfeuer für die Praxis".
Als Emblem hat man sich, entsprechend, Hammer, Sichel und Buch gegeben.
Die rote Fahne mit dem neuen Zeichen soll Ende nächster Woche erstmals vor der Düsseldorfer Philipshalle bei der nun endlich offiziellen MLPD-"Gründungs-Veranstaltung" flattern - Motto: "Wer nicht Amboß sein will, der muß Hammer sein", dies wiederum frei nach Goethe und nach George Dimitroff, der den Vers, so die MLPD-Leute, einst im Reichstagsbrandprozeß zitierte; hundertsten Geburtstag hatte dieser Kommunist gerade.
Auch ein "Lied zur Parteigründung" soll dann erschallen. Es wird zur Zeit noch komponiert.

DER SPIEGEL 32/1982
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