19.04.1982

DDRAttacke aus der Nähe

Eine geheime Anweisung für die DDR-Grenztruppen legt fest, was im deutsch-deutschen Kriegsfall zu tun ist: Die ostdeutschen Militärs planen Stoßtruppaktionen im Grenzgebiet der Bundesrepublik.
Die Büro-Strategen leisteten präzise Arbeit. Mit buchhalterischer Beflissenheit legte das Kommando der DDR-Grenztruppen zentimetergenau fest, wie die Küchenmannschaft in den Krieg zu ziehen hat. Beim Ausrücken ins Gefecht sitzt der Einheitsführer links hinterm Fahrer, daneben der Koch.
Auf der Ladefläche des Transporters vom Typ LO 2002 A sieht die Schlachtordnung so aus: am hinteren Ende in der Mitte die Kiste mit dem Frischbrot, bündig darüber die Gewürzkiste, rechts angewinkelt die Kiste mit Dauerbrot, daneben in vorgeschriebener Reihenfolge weitere Behältnisse sowie ein Klapptisch und zwei Zelthocker.
Die Küchen-Packordnung für den Ernstfall ist der "Vertraulichen Verschlußsache G 572 910" beigeheftet, mit der das Truppenkommando in holziger Technokratensprache den Führungskräften erläutert, was in den ersten Stunden des Tages X an der deutsch-deutschen Grenze passieren wird, wenn der Dritte Weltkrieg losbricht.
Das brisante Instruktionspapier enthält präzise Angaben, wie sich die DDR-Militärs die gefechtsmäßige Sicherung der Staatsgrenze West vorstellen: Spätestens 70 Minuten nach Auslösung des Alarms sollen die Einheiten die vorbereiteten Kompaniestützpunkte entlang der deutsch-deutschen Grenze beziehen und mit dem "pioniermäßigen Ausbau" beginnen. Innerhalb weniger Stunden sind die einzelnen Kampfverbände für die "Annäherung, Einnahme und Verteidigung" gegnerischer Objekte bereit.
Ihre wichtigste Aufgabe im Kriegsfall wären Kommandounternehmen, die das Grenzgebiet der Bundesrepublik verunsichern. Die etwa 140 Kompanien der DDR-Grenztruppen entlang der Westgrenze mit einer Sollstärke von je 80 bis 100 Mann, im Ernstfall durch mindestens 50 Ausbildungskompanien verstärkt, sollen mit "handstreichartigem Handeln" Brücken, Straßen, Eisenbahnknoten, beherrschende Höhen und Engpässe besetzen. "Spezifische Aufgabe" der Grenzschützer wäre auch das Ausschalten von stationären und mobilen funktechnischen Anlagen der Bundeswehr.
Die "gedeckte Annäherung", so die Anweisung, erfolgt auf mehreren Marschwegen. Nach "gut organisierter Täuschung durch Ablenkung" beginnt die Attacke "aus nächster Nähe".
Nach Art preußischer Steuereinnehmer erteilen die Angriffsplaner ihre Instruktionen: "Die Handlungen zur Einnahme und Verteidigung der Objekte durch diese Sturmgruppe sollte auf der Grundlage der Festlegungen der Dienstverordnung 25/0/02, Ziffer 96 bis 99 und der DV 250/0/03, Ziffer 159 und 160 erfolgen."
Und: Nach den "gelösten Aufgaben" ziehen sich die Kommandotruppen in ihren "Unterbringungsraum" zurück, in vorbereitete Igelstellungen, die in 1,5 bis drei Kilometer Entfernung von der Grenze und in Reihen gestaffelt anzulegen sind. "Nach Herstellung einer Schützenmulde" ist der "Übergang zur Einnahme der Ruhe unter Sicherung durch diensthabende Wachen bzw. Streifen zu vollziehen".
Knapper sind dagegen die Anweisungen für das Verhalten bei einem Atomschlag: Die zuständigen Spezialisten jeder Kompanie ermitteln "den Beginn und das Ende des Ausfalls des radioaktiven Staubes. Die Dosimetrie ist durch den Hauptfeldwebel zu führen".
Als wäre den Verfassern der Geheimakte das Kriegsspiel selbst unheimlich geworden, suchen sie an einigen Stellen den aggressiven Ton zu dämpfen: All die Maßnahmen hätten lediglich den Zweck, "überraschende Handlungen" des kapitalistischen Gegners erfolgreich abzuwehren.
Die kämpferische Rolle der DDR-Grenztruppen, dem östlichen Gegenstück zum Bundesgrenzschutz, hat die SED freilich nie verheimlicht. Die Grenzschützer leisten, so verkündete Verteidigungsminister Heinz Hoffmann, "Frontdienst in Friedenszeiten" und müßten daher auch "nach Gefechtsprinzip geführt werden". Im Kriegsfall würden die Grenztruppen "bis zum Eintreffen anderer Kräfte" eigenständig operieren.
Die etwa 50 000 Mann starke Truppe - einschließlich des Rings um Berlin -, die zu normalen Zeiten dafür sorgt, daß den DDR-Bürgern die Grenze verschlossen bleibt, hat sich seit dem Bau der Mauer 1961 langsam von einer Polizeiformation zum militärisch gedrillten Elite-Verband entwickelt, ausgerüstet mit schwerem Kriegsgerät, Geschützen, panzerbrechenden Waffen, Reizkampfstoffen und Maschinengewehren. Offiziell zählen die Grenztruppen nicht als Teil der Nationalen Volksarmee; sie sind jedoch dem Verteidigungsministerium unterstellt.
Seit die 1393 Kilometer lange deutsch-deutsche Grenze mit Schußapparaten bestückt ist und mit einem personalsparenden Alarmsystem überwacht wird, widmen sich die Grenztruppen immer stärker der neuen Aufgabe als vorderster Aufklärungsverband des Warschauer Paktes. Beleg dafür ist die Absicht, daß künftig jede Kompanie entlang der Westgrenze mit einem Aufklärungszug von 16 bis 20 Mann ergänzt wird.
Die Verschlußsache G 572 910 nennt denn auch die Aufklärung im Feindgebiet als eine der wesentlichen Aufgaben der Grenztruppen. Das heißt: Die Kommandounternehmen für den Kriegsfall werden schon in Friedenszeiten so präzis vorbereitet, daß die DDR-Grenzschützer jedes Detail der zu besetzenden Ziele im Grenzgebiet der Bundesrepublik kennen müssen. Originalton: Die Stoßtruppaktionen werden am "nachgestalteten Objekt" geübt.
Starkes Gewicht wird auf die politische und ideologische Vorbereitung der Frontsoldaten gelegt: "Die mündliche Agitation und das persönliche Vorbild der Vorgesetzten und Kommunisten ist die bestimmende Form der politischen Arbeit unter Gefechtsbedingungen." Feldwandzeitungen, Kurzversammlungen von FDJ- und Parteiorganisationen sollen "den politisch-moralischen Zustand" der Truppe festigen.
Zur "Erhaltung des Gefechtswertes der Kompanie" scheint den Verfassern der geheimen Dienstanweisung eine Maßnahme besonders geeignet: "Kampferfolge und Heldentaten der eigenen Genossen und anderer Einheiten" seien vom Politoffizier der Kompanie mit allen Mitteln "zu popularisieren".

DER SPIEGEL 16/1982
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