21.06.1982

CURD JÜRGENS

Wo er hintrat, wuchs Futter für Society-Kolumnisten, ob er eine seiner fünf Gemahlinnen watschte oder mit Klunkern behängte, oder ob er wieder einmal in der Werkstatt des Herz-Klempners de Bakey die mürbe Pumpe reparieren ließ.
Er war ein Landsknecht, der den Borgia spielte, mit sarkastischem Genuß. Aus der Szene der verbiesterten oder verschnarchten deutschen Film- und Theater-Männer ragte Curd Jürgens wie eine Art Matterhorn hervor, eins mit vergoldetem Privatlift und "Chivas Regal"-Pipeline.
Auf alles könne er verzichten, zitierte er Oscar Wilde, nur auf Luxus nicht. Er hatte, bei allem Macho-Chichi, etwas Rares in der Branche, nämlich Flair, Aura, Persönlichkeit. Verbunden mit der Statur eines germanischen Ochsen-Bändigers, brachte ihn das auf eine internationale Umlaufbahn.
In Frankreich und in Übersee, Brust an Brust mit Brigitte Bardot, Schulter an Schulter mit Danny Kaye, konnte sich Curd Jürgens den Titel "Weltstar" erspielen. Eine, die auch über Frankreich Weltkarriere gemacht hatte, war Romy Schneider.
Curd Jürgens hat seinen Lebens-Film stets mit voller Pulle gedreht. "Es ist wichtiger", sagte er, "den Jahren mehr Leben zu geben als dem Leben mehr Jahre." Und beim Sterben sollte einem geholfen werden, nachgeholfen.
Der Hang zu goldenen Löffeln und Verwegenheit war ihm schon in der Wiege eingeschaukelt worden. Der Vater, ein Hamburger Baumwoll-Magnat, und die Mutter, eine Südfranzösin, hatten sich in fürstlichem Ambiente kennengelernt, am Zarenhofe zu St. Petersburg.
Als 17jähriger, in Berlin, holte er sich ein Trauma, das ihn sein Leben lang begleitete. Bei einem schweren Motorrad-Unfall wurden ihm "irgendwelche Stränge" zerrissen; er konnte Liebhaber, aber nicht mehr Vater werden.
Beim Theater debütierte er, natürlich, als Bonvivant, rappelte sich, noch im Kriege, zum Mitglied des Wiener Burgtheaters hoch. Daneben begann schon die Filmerei, den Einstieg bot ihm Willi Forst mit der Hauptrolle im "Königswalzer".
In den über 100 Kinostücken, bei denen er mal weiter oben, mal weiter unten in der Besetzungsliste rangierte, hat er eine Menge blonden Hoppla-Ramsch und Blau-Aug'-Bagatellen produziert. Ins Stabsquartier der Stars avancierte er als Widerständler in Hitlers Rock, als Flieger-General Harras in der Zuckmayer-Verfilmung "Des Teufels General":
Der letzte Champagner vor dem Abgrund, zärtlich-resignierender Blick auf junge Mädchenblüte, Rauhbein mit Buttergemüt und frotzelige Kameraderie - das wird wohl das Film-Denkmal sein, das von ihm bleibt.
Ein Nerven-Dämon, ein gleißender Komödiant, ein Gründgens, Bois, Minetti ist Curd Jürgens sicher nie gewesen. Seine Show war immer eine Personality-Show, Jürgens on the rocks; auf den Brettern, ohne den Duft von Russisch-Leder und Rolls-Royce, stand er leicht auf verlorenem Posten.
Zur Pokal-Sammlung eines Stars gehört der Salzburger "Jedermann": Nicht gerade fürs Publikum, aber für Jürgens war es ein tiefes Erlebnis. Er hatte gerade eine Herzoperation hinter sich, dem Tod ins Auge gesehen, und der himmlische Mahnruf "Jedermann", erzählte er, fuhr ihm stets unheimlich in die Knochen.
Als er 60 war "und kein bißchen weise", wie er damals sang, machte er sich noch mal auf eine Ochsen-Tour, mit dem Ein-Mann-Stück "Im Zweifel für den Angeklagten". Im Jet-set-Bonvivant rumorte auch ein Sozial-Ankläger; im Stück verkörperte er einen Rechtsanwalt, der wider Todesstrafe und für Proletarier stritt.
Im Dezember letzten Jahres hatte Jürgens noch eine große Fernseh-Stunde. In der Verfilmung des Stefan-Heym-Romans "Collin" spielte der Herzkranke einen DDR-Schriftsteller, der herzkrank geworden war, weil er nie die Wahrheit schrieb.
Dem Mitteilungs-Zwang gab Jürgens, Condottiere und Casanova, erst in den letzten Jahren nach; er griff zur Feder, die war, leider, blumig. Die Memoiren hießen dann "... und kein bißchen weise". Er, der Selbst-Ironiker, wollte sie anders nennen: "Ich, normannischer Schrank, Koloß auf tönernen Füßen".

DER SPIEGEL 25/1982
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