15.02.1982

Der letzte Angriff

Meister in der Fußball-Bundesliga wird in diesem Jahr wohl keine Mannschaft mit einem Trainer unter 50. Auch im Kampf gegen den Abstieg setzen gefährdete Klubs lieber auf Trainer-Oldies.
Ich fühle mich wie 36", schnaufte Trainer Georg Gawliczek, 63, nach dem Training von Hertha BSC Berlin. Zwei Stunden später brach er zusammen und kam ins Krankenhaus. Diagnose: Kreislaufkollaps.
Zwei Tage später verließ er die Intensivstation, um bei Hertha die Mannschaftssitzung zu leiten. Den applaudierenden Spielern erklärte er: "Das war eine klitzekleine Kreislaufschwäche, rührt von einer nervösen Verkrampfung des Zwerchfells her, alte Geschichte von mir."
Vier Tage nach dem Kollaps trainierte "Onkel Schorsch", so die Spieler, seine Mannschaft wieder. Gemeinsam zogen sie dann in die Sauna, dort planschte der reife Herr im Entmüdungsbecken und ließ sich von einer barbusigen Serviererin Cola mit Rum reichen. Mit den Spielern stieß er, bis zum Bauch im Wasser, auf die Gesundheit an. Gawliczek: "Diesen Kollaps trage ich wie einen Orden, zeigt er doch, wie ich für die Mannschaft lebe."
Gawliczek hatte bei Hertha BSC den 20 Jahre jüngeren Trainer Uwe Klimaschefski abgelöst. Viel lieber hätte der Berliner Klub einen noch betagteren Trainer genommen: Helmut Kronsbein, 67. Aber der mußte wegen eines Augenleidens absagen. Kronsbein: "Herzlich gerne, aber ich seh nischt mehr." Außerdem hat Kronsbein schon einen Herzinfarkt hinter sich.
Genug Durchblick hat jedoch Kuno Klötzer, der im kommenden April 60 wird, beim MSV Duisburg. Er hat Friedhelm Wenzlaff, 41, abgelöst. Gawliczeks Altersgenosse Max Merkel, 63, verdrängte beim Karlsruher SC Manfred Krafft, 44. Klötzer und Merkel sollen ihre Klubs vor dem Abstieg retten. Klötzer, nach fünf Spielen und fünf Niederlagen: "Manchmal glaube ich, mein junger Vorgänger hat mit der Mannschaft nur Liederabende abgehalten."
Der Rückgriff auf die Trainer von gestern in den beiden höchsten deutschen Fußballklassen bestätigt einen Trend. Auch die am meisten genannten drei Titelanwärter hören auf das Kommando älterer Fußballehrer. Bayern Münchens Trainer Pal Csernai wird im Oktober 50 Jahre alt, der Österreicher Ernst Happel vom Hamburger SV zählt 56 Jahre, der Holländer Rinus Michels vom 1. FC Köln feierte letzte Woche seinen 54. Geburtstag. Bundestrainer wird in Deutschland sowieso keiner, der unter 50 ist.
Der legendäre Sepp Herberger war immerhin schon 57 Jahre alt, als er 1954 erstmals für Deutschland eine Weltmeisterschaft errang. Sein Nachfolger Helmut Schön, der das Amt erhielt, nachdem Gawliczek darauf verzichtet hatte, errang den Titel 1974 mit 58 Jahren. Der Bundestrainer im Amt, Jupp Derwall, ist auch schon 54.
Die Konjunktur der alten Trainer lebt von der Erfolglosigkeit der jüngeren. Auch in der Bundesliga fiel von der nächsten Trainergeneration erst einer auf: Jupp Heynckes, 36, von Borussia Mönchengladbach. Besser als seine Altersgenossen schaffte er es, für ausreichende Distanz zu den untergebenen Spielern zu sorgen.
Fast alle der jüngeren Trainer, die oft noch mit ihren Athleten zusammen Fußball gespielt hatten, vermischten die Diensthierarchie mit Kumpelvertraulichkeit. Als der Jugoslawe Ivica Horvat bei seinem alten Klub Eintracht Frankfurt als Trainer arbeitete, drohte ihm vor dem Krafttraining ein alter Mannschaftskamerad: "Laß das lieber, sonst spielen wir mal so, wie du das immer möchtest, dann bist du aber geliefert."
Horvat, jünger als Klötzer und Merkel, ist längst aus dem Geschäft um die Gagen zwischen 10 000 und 35 000 Mark im Monat verschwunden. Bei Werder Bremen trat der ehemalige Nationalspieler Wolfgang Weber seine erste Trainerstelle mit 35 Jahren an. Doch bald geriet die Mannschaft in Abstiegsgefahr.
Kuno Klötzer, der beim HSV schon mal einen 17 Jahre jüngeren Kollegen abgelöst hatte und dann mit der Mannschaft sogar Europacupsieger geworden war, übernahm "die verfahrene Kiste zu spät". Doch in der nächsten Saison brachte er Werder so weit an die Spitze, daß der Aufstieg zur ersten Bundesliga frühzeitig sicher war. Dann erlitt Klötzer einen Autounfall, als er in Braunschweig die Konkurrenz studieren wollte, und schied aus.
Klötzer behauptet, daß erfahrene Trainer besser in der Lage seien, mit den Spielern zu einer "Einheit zu werden, weil ihnen wie auf der Schule grade durch den Altersunterschied mehr Respekt entgegengebracht wird". Tatsächlich stand beim HSV die Mannschaft stets auf Klötzers Seite, wenn der jüngere Generalmanager Dr. Peter Krohn dem Trainer wegen angeblich verfehlter Taktik die Leviten lesen wollte.
Daß zwar nicht immer Trainer im höheren Alter, jedoch stets Sportlehrer mit mehrjähriger Bundesligapraxis auch gesundheitlich dem Streß des aufregenden Trainerberufes besser gewachsen sind, bewies die 1981 angelegte Studie einer Arbeitsgruppe am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln. 14 Bundesligatrainer, darunter nur ein Raucher, waren vor und während den S.160 Meisterschaftsspielen untersucht worden.
Eine halbe Stunde vor Spielbeginn klebten die Ärzte auf der Brust drei Elektroden an. Während des Spiels nahmen sie ein EKG auf und kommentierten dazu gleichzeitig das Spielgeschehen.
Bereits vor Spielbeginn kletterte der Puls aus der Ruhefrequenz von 60 bis 70 Schlägen in der Minute auf durchschnittlich 104, in der Spitze sogar auf 132 pro Minute an. Im Spiel erreichten drei noch ziemlich unerfahrene Trainer Spitzenwerte von 156. Durchweg zeigten Trainerneulinge oder Sportlehrer, die dem Bundesligastreß noch keine zwei Jahre ausgesetzt waren, deutlich höhere Werte.
"Wir haben nicht mehr soviel Profilierungssüchte wie die Jüngeren", erklärte Georg Gawliczek von Hertha BSC Berlin. So hatte Gawliczek als Assistent von Herberger gearbeitet und später Spitzenklubs wie Schalke 04 und den HSV betreut. Sein Vorgänger Klimaschefski war jedoch zuvor nur dem FC Homburg im Saarland zu Diensten gewesen. Klötzer trimmte ebenfalls vier Jahre lang den Hamburger SV, aber auch Fortuna Düsseldorf, Hertha BSC und Werder Bremen. Sein Vorgänger Wenzlaff hatte vorher nur als Assistenztrainer beim MSV Duisburg gearbeitet. Wenn Probleme auftauchten, suchte er Rat bei älteren Trainern.
Als Gawliczek bei Hertha in Berlin Klimaschefski ablöste, stellte er erst einmal das System um. Statt Raumdeckung, die gewitzten Spielern Gelegenheit zu geringerer Laufarbeit gibt, ordnete er Manndeckung an. Erstens vermittelte das allen Spielern den Eindruck, daß der "alte Opa Gawliczek sich doch noch Gedanken macht", und zweitens hebt es die Disziplin. Gawliczek, der monatlich 100 Mark Rente aus der Schweiz bezieht, wo er vier Jahre trainiert und geklebt hatte, rügte nach dem ersten Training: "Hier guckt keiner mehr dem anderen in die Augen."
Vorgänger Klimaschefski hatte seine Spieler oft verspottet. Nach einer Niederlage sagte er die Pressekonferenz ab, weil er seine Spieler erst zum Bus bringen müsse, denn sie seien ja "lauter Blinde". Als ein Spieler sich nach einer Meniskusoperation zum Training zurückmeldete, lehnte ihn Klimaschefski ab: "Na, du Invalide, was treibst du dich denn hier schon wieder rum?"
Kritik ist "immer gut, aber nur sachliche", behauptet Kuno Klötzer. "Harmonie jedoch ist am besten." Harmonie glaubt Klötzer auch nach fünf Niederlagen, eine sogar gegen den noch älteren Merkel, beim MSV Duisburg immer mehr feststellen zu können. Tatsächlich sicherte ihm der Vorstand auch Weiterbeschäftigung zu, falls Duisburg absteigt.
Anfangs maulten die MSV-Spieler über Klötzers militärischen Ton. Noch eine Minute vor dem Schlußpfiff tritt er S.161 an den Spielfeldrand, klatscht in die Hände und ruft: "Auf zum letzten Angriff." Juniorennationalspieler Thomas Kempe, 22, nörgelte einmal im Trainingslager: "Raustreten zum Dienst."
Aber inzwischen ertragen vor allem die älteren Spieler Klötzers Kommißton. "Viele bei uns knieten sich doch nicht mehr richtig hinein in ihre Aufgabe", sagte Mannschaftskapitän Bernard Dietz. Klötzers letzte Parole: "Alle müssen in Zukunft einige Meter mehr laufen, einige Zentimeter höher springen und eine Minute eher ins Bett gehen." Alle gehorchten.
"Wenn das der Wenzlaff gesagt hätte", berichtet Spieler Herbert Büssers, "dann hätten ihm einige von uns einen Vogel gezeigt, jetzt aber gehen sie sofort auf die Bude, wenn es 22 Uhr ist." Wie lange die Disziplin reicht, hängt von den nächsten Spielen ab. Noch einmal fünf Niederlagen und keinen Sieg würde nicht einmal der "Eisenbock Klötzer" überstehen, glaubt sein früherer HSV-Spieler Willi Reimann.
"Es gibt alte junge Trainer, und es gibt junge alte Trainer", dozierte Herthas Gawliczek. "Ich zähle mich zur letzteren Kategorie." Sendungsbewußtsein und durch noch so viele Niederlagen nicht zu tilgendes Selbstbewußtsein zeichnen die älteren Trainer mehr aus als die jüngeren.
Während in Karlsruhe immer noch Fans gegen den Oldie Max Merkel protestieren, nachdem auch die Spieler wie Emanuel Günther anfangs geglaubt hatten, "jetzt kommt der Weihnachtsmann leibhaftig zu uns", haben die Athleten ihre Ansicht geändert. Günther: "Der trainiert Sachen, die kannte ich noch nicht, und ein Schlitzohr ist er noch dazu."
Gegen den Tabellenzweiten Borussia Mönchengladbach, der seit 13 Spielen in der Bundesliga unbesiegt ist, erreichten die Karlsruher ein 1:1. Den Sieg verpaßten sie nur, weil Günther in der letzten Minute einen Elfmeter statt ins Tor an die Latte schoß.
"Meint wirklich jemand, daß heute anders trainiert wird als früher, höchstens hier und da schlechter", erklärte Merkel. "Es ist immer noch so, daß der Ball ins Tor muß, möglichst ins gegnerische." Als ihm Reporter sein hohes Alter vorhielten, antwortete Merkel: "Ich habe einen Nachbarn, der ist 75 und hat sich jetzt verlobt."
Unter den alten Trainern besteht auch schon eine Art freiwilliger Hilfsgemeinschaft. "Merkel ist in Karlsruhe der richtige Mann am richtigen Platz", erklärte Gawliczek in Berlin. Als Merkel bei Klötzers MSV Duisburg ein Pokalspiel 2:1 gewonnen hatte, nahm er den Verlierer in Schutz: "Am Kuno lag es nicht, daß die Bälle bei uns am Tor vorbeiflogen und nicht rein, was kann der Trainer denn dafür, daß irgendein Trottel den Ball nicht trifft?"
Auch Alemannia Aachen holte nach einem Jahrzehnt, in dem meist jüngere Trainer am Tivoli gearbeitet hatten, Horst Buhtz, 58. Prompt siegte die Mannschaft 6:3 über den Favoriten Kickers Offenbach mit dem Jungtrainer Franz Brungs.
Noch vor Ende dieses Jahres kündigt sich ein weiterer Bundesliga-Rückkehrer an. Wo er zuletzt zuguckte, bei Borussia Dortmund und beim 1. FC Köln, in Frankfurt oder in Stuttgart, sofort vermuteten Insider eine neue Vertragslage.
Es soll sogar Klubvorstände geben, die den neuen Trainer nicht schon in diesem Frühjahr, sondern erst im nächsten Herbst verpflichten wollen, weil der Umworbene so lange unabkömmlich ist: Hennes Weisweiler, 62, derzeit Cosmos New York.
S.157 Nach dem Training im Olympiastadion in einer nahegelegenen Sauna. *

DER SPIEGEL 7/1982
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