14.09.1981

Zuviel Zelluloid, zuwenig Information

SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne über die Fernsehserie „Der unvergessene Krieg“
An großen Worten hat es dieser TV-Serie nicht gefehlt. Für Hollywood-Star Burt Lancaster, der an ihr selber mitwirkt, ist sie "das unglaublichste Filmwerk aller Zeiten", sowjetische Publizisten nennen sie "einen Meilenstein in der Kinogeschichte", und die Ost-"Berliner Zeitung" jubilierte: "Ein Dokument von einmaliger Kraft."
Selbst nüchternere Kritiker fanden aufregend und respektabel, was da amerikanische und sowjetische Filmer in seltener Harmonie unternommen hatten: aus den bis dahin noch nie ausgewerteten Filmen russischer Kriegsreporter eine 20teilige Fernsehserie über Leiden, Kämpfe und Triumphe sowjetischer Menschen im Zweiten Weltkrieg zu komponieren.
Prominente Kriegsveteranen hatten dabei assistiert: Der amerikanische Rußland-Experte Harrison E. Salisbury, im Zweiten Weltkrieg UPI-Korrespondent in Moskau, schrieb die Drehbuchentwürfe, der US-Produzent Isaac Kleinerman übernahm die künstlerische Oberleitung, der sowjetische Dokumentarfilmer Roman Karmen suchte mit 500 Helfern in den Filmarchiven geeignetes Material heraus, und am Ende setzte Armeegeneral Pawel Alexejewitsch Kurotschkin, im Krieg Befehlshaber mehrerer Armeen, an Text und Film den Zensorenstift an.
Daraus entstand eine Bilddokumentation über Schrecken und Irrsinn des Rußlandkrieges, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte. "The Unknown War" (so der amerikanische Titel) illustriert wie kein anderer Film den furchtbarsten Krieg, den Deutsche je gegen einen fremden Staat entfesselt und geführt haben.
Die besten Serienstücke werden in Erinnerung bleiben, solange sich Deutsche über Kriegsschuld und Vernichtungswahn auseinandersetzen: das Martyrium des hungernden, belagerten Leningrad, das Massensterben im Kampf um Stalingrad, das gespenstische Duell der stählernen Ungetüme im Dreck und Staub der Kursker Panzerschlacht, die Landschaften und Städte versengende Feuerwalze von Hitlers Wehrmacht und der furchtbare Gegenschlag von Stalins Armeen -aufwühlende, deprimierende Szenen aus einem Krieg, der sich dem Verständnis der Nachgeborenen immer mehr entzieht.
Das zeigte schon die Behandlung des Gemeinschaftswerks in Ost und West. Die Sowjets schnitten -- entgegen der Vereinbarung einer identischen Fassung -- für den Gebrauch in der UdSSR einige der Szenen, in denen Stalin auftritt, heraus und gaben ihm auch einen eigenen Namen, der den Zweck aufzeigt: "Der Große Vaterländische Krieg".
In den USA lief das Mammutwerk als "Der unbekannte Krieg" -- weil dem US-Produzenten Fred Wiener ("Air Time International") "das alles unbekannt war, doch nicht nur mir, sondern, so meine ich, den meisten Amerikanern". Geldgeber waren die American Express Company und die Chase Manhattan Bank.
Die DDR nannte ihre eigene deutsche Fassung der Serie "Die entscheidende Front". Das "Jahrhundertwerk des Weltfilmschaffens" ("Neues Deutschland") rief bei ostdeutschen Zuschauern laut ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen "sehr bald Ermüdungserscheinungen" hervor.
Die Westdeutschen zauderten mit dem Ankauf, das ZDF lehnte wegen Tendenz und Überlänge ab. Radio Moskau mutmaßte: "Vielleicht haben führende Kreise in der BRD Angst vor dem Film, weil er ihre Worte von der Gefahr aus dem Osten ad absurdum führt?"
Der WDR kaufte nach dem "Holocaust"-Erfolg auf Empfehlung der Redaktionschefs Heinz Werner Hübner und Theo M. Loch die US-Fassung für 1,1 Millionen Mark. Hübner: "Nach 35 Jahren ist es an der Zeit, so etwas beim Publikum zur Diskussion zu stellen." Im Frühjahr schlossen sich die anderen ARD-Anstalten an, ausgenommen der Bayerische Rundfunk.
Doch als WDR-Redakteur Michael Eickhoff begann, das Drehbuch der amerikanischen Serienversion zu übersetzen, merkte er, daß die vielgerühmte Serie eine arge Schwäche hat: einen kümmerlichen Text. Eickhoff stieß auf "historische Ungereimtheiten, propagandistische Übertreibungen", und bald erkannte er: "Die Sicht der Sowjets hat sich gegenüber den Amerikanern doch weitgehend durchgesetzt."
Selbst die Väter der TV-Serie mochten sich nicht mehr vorbehaltlos zu ihr bekennen. Bei Salisbury hörte der WDR-Mann "Distanz zu dem Filmwerk" heraus, und auch Kleinerman beantwortete die Frage, ob er noch glaube, daß die Sowjets den Film von aller Propaganda ferngehalten hätten, mit einem etwas hilflosen "Nein, so ganz wohl nicht".
Was nun tun? Anfangs wollten Eickhoff und der für Zeitgeschichte im WDR zuständige Abteilungsleiter Jürgen Rühle wenigstens die fragwürdigsten S.210 Textstellen revidieren. Auch Hübner sagte öffentlich zu, historisch fehlerhafte Serienteile würden "vom WDR zurechtgerückt werden".
Man hatte schon damit begonnen: Beispielsweise war die Stelle im Film, in der den Deutschen die Ermordung Tausender polnischer Offiziere bei Katyn angelastet wird, durch einen Hinweis auf die sowjetische Täterschaft ergänzt worden, und der Behauptung, deutsche Soldaten hätten Tolstois Grab geschändet, folgte der Zusatz: "Eine Darstellung, die der deutsche General Guderian in seinen ''Erinnerungen'' als sowjetische Propaganda zurückweist."
Je mehr aber die WDR-Redakteure den US-Text durchforsteten, desto unheimlicher wurde ihnen ihre Arbeit. Der Text enthielt so viel Fehlerhaftes, daß sie gut die Hälfte des ganzen Drehbuches hätten ändern müssen. Korrigierten sie aber nur einige Fehler und ließen die Masse der anderen unangetastet, so belasteten sie den WDR mit der Verantwortung für alle übriggebliebenen Ungereimtheiten -- ein Risiko, das die Herren der Fernsehanstalt aus gutem Grund scheuten.
Hübner und Rühle zogen die Bremse: Sie entschieden sich, Serie und Text unkorrigiert auszustrahlen -- als "eine sowjetische Dokumentation" (Hübner). Die Korrekturen wurden wieder rückgängig gemacht; Katyn bleibt im Film ein deutsches Verbrechen, die Landser müssen weiterhin Tolstois Grab schänden.
So wird denn die TV-Serie unter dem neuen Titel "Der unvergessene Krieg", um fünf Folgen gekürzt, von diesem Montag an 15 Wochen lang in ihrer Urfassung über bundesdeutsche Bildschirme flimmern -- zur klammheimlichen Freude all derer, die sich jeder tieferen Vergangenheitsbewältigung versperren und schon seit langem darauf vorbereitet sind, den Mammutfilm lediglich als ein Werk sowjetischer Desinformation zu denunzieren.
Der Serientext macht ihnen die Arbeit nicht sonderlich schwer, denn hier stimmt vieles nicht: Zahlen und Daten sind meist falsch, strategische Konzepte werden mißverstanden, Armeen postiert, wo sie nie waren, und nicht selten Kampfhandlungen "dokumentiert", die gar nicht stattfanden.
Manche der schlimmsten deutschen Verbrechen sind nur angedeutet, weil sie gleichfalls nicht ins Bild passen: der Hungertod von Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen -- weil Gefangenschaft als unehrenhaft galt; die Deportation von Millionen Zwangsarbeitern -- weil viele der Rückkehrer nach dem Krieg zur Umerziehung in russische Lager gesteckt wurden; die Massaker der SD-Einsatzgruppen, weil überwiegend jüdische Sowjetbürger die Opfer waren, was in der UdSSR heute noch verschwiegen wird.
Fehler häuft sich auf Fehler. Da verteidigen sich Festungen und Städte gegen den deutschen Angreifer immer länger, als sie es wirklich taten, da greifen modernste Sowjetbomber ein, die es zu dem Zeitpunkt nicht gab.
Schlimmer noch als solche Verzeichnungen ist, was dieser Film alles verschleiert, ausklammert, umfrisiert: Aus dem sowjetischen Überfall auf Finnland 1939 wird ein kleiner Grenzkonflikt, die Massendesertionen der Rotarmisten 1941 gibt es nicht, der Stalin-Terror gegen erfolglose Generale bleibt unerwähnt, das Stichwort "Wlassow" entfällt.
Also doch "20 Stunden Geschichtsfälschung", wie sich "Die Welt" schon vor zwei Jahren freute? Natürlich nicht. Weder ein sowjetischer Zensor noch ein schwacher Drehbuchautor kann die Authentizität der meisten Bilder zerstören, die die tiefere, die eigentliche Wahrheit über Hitlers "ungeheuerlichsten Eroberungs-, Versklavungs- und Vernichtungskrieg" (Historiker Ernst Nolte) vermittelt.
Dennoch bleibt es problematisch, daß sich ein Strom von Falschinformationen auf das TV-Publikum ergießt -doppelt bedenklich in einem Land mit notorischer Geschichtsunkenntnis, in dem nur ein Drittel seiner Gymnasiasten und fünf Prozent seiner Haupt- und Gewerbeschüler überhaupt wissen, wann der deutsch-sowjetische Krieg stattgefunden hat.
Nun glaubt sich freilich der WDR gegen den Vorwurf, neben Wahrem auch eine Menge Falsches zu verbreiten, durch ein zusätzliches Verfahren gefeit. Hübner: "Wo etwas behauptet wird, was so nicht stimmt, was so nicht gewesen ist, dort können wir korrigieren in einem ''Stichwort''."
"Historisches Stichwort" nennt der WDR die etwa 15minütige Sendung, die einem Serienteil folgt. In ihr werden renommierte Experten jede 45-Minuten-Folge kommentieren und das bieten, was Rühle "ein ganzes Netz von Möglichkeiten zur Korrektur" nennt.
Professoren, Studienräte, Militärs und Publizisten stehen zur Korrektur bereit, darunter hervorragende Männer ihres Fachs wie die Historiker Andreas Hillgruber und Jürgen Rohwer, der ehemalige Nato-General Adolf Graf von Kielmansegg und der Ostforscher Richard Lorenz. Sie sollen kritisieren, was ihnen mißfällt.
Das wäre ein akzeptables Verfahren, würden die Experten das Gewünschte leisten. Doch sie tun''s nicht, allenfalls S.213 zehn Prozent der Fehldarstellungen rücken sie zurecht. Das liegt an der Kürze der verfügbaren Zeit und an manchen persönlichen Handikaps: Die gelehrten Herren, zuweilen recht weitschweifig, reden oft an der Sache vorbei, und die weniger gelehrten wissen es nicht besser als der Texter des Films.
Wie da korrigiert und erläutert wird, läßt sich nachlesen in dem Buch "Der unvergessene Krieg", das Eickhoff dem Film beigegeben hat. Es ist beinahe ein WDR-offizielles Buch, zumindest "in enger Zusammenarbeit mit dem WDR entstanden" (Verlagswerbung).
( Michael Eickhoff, Wilhelm Pagels, Willy ) ( Reschl: "Der unvergessene Krieg". ) ( Verlagsgesellschaft Schulfernsehen, ) ( Köln; 192 Seiten; 19,80 Mark. )
Neben den "Historischen Stichworten" der TV-Serie enthält das Buch eine von dem Hamburger Studienrat Wilhelm Pagels, 31, erarbeitete Kurzgeschichte des deutsch-sowjetischen Krieges, die der WDR für solide genug hält, um sie dem Schulfernsehen der Bundesrepublik anzudienen. Aus einer Anzeige des Verlages: "Wer dem Thema ''Krieg gegen Rußland'' besser vorbereitet begegnen will, braucht dieses Buch."
Er braucht es mitnichten, denn selten ist eine Darstellung über den Rußlandkrieg so flusig gewesen wie die von Pagels. Heillos geht es bei ihm durcheinander: Mal kommt der Stalin-Hitler-Pakt im April, mal im September 1939 zustande, der Rigaer Frieden von 1921 wird ins Jahr 1920 zurückverlegt, das demokratische Finnland in die Gruppe der faschistisch-militaristischen Staaten eingereiht, und ausgerechnet das russenfreundliche Bulgarien, Hitlers einziger Bundesgenosse, der sich dem "Ostfeldzug" versagte, wird zu den antisowjetischen Kriegshetzern gezählt.
Je weiter der Autor in die Vergangenheit zurückkehrt, desto skurriler werden seine Entdeckungen. Wir erfahren beispielsweise, daß (statt der demokratischen Februarrevolution) die bolschewistische Oktoberrevolution von 1917 den Zarismus gestürzt habe und daß Rapallo, der erste gemeinsame deutsch-sowjetische Gehversuch unter der Kanzlerschaft Josef Wirths, "eng mit dem Namen des damaligen Reichskanzlers Luther verbunden" sei.
Wer sich so häufig irrt, kann schwerlich die Lücken füllen, die der amerikanisch-sowjetische Film hinterläßt. Auch die "Historischen Stichworte" sind oft wenig hilfreich oder fallen gar ganz weg, wo sie besonders notwendig wären.
Das erweist sich schon bei der ersten Filmfolge ("22. Juni 1941"), die Vorgeschichte und Beginn des deutschen Überfalls auf die Sowjet-Union darstellt. Dieser Serienteil bietet reichlich Anlaß zu Kommentar und Kritik, doch wo bleiben sie?
Da werden urpolnische Gebiete wie die um Lemberg und Bialystok dem ehemals sowjetischen Territorium zugeschlagen, das Polen 1921 "an sich genommen hatte" und im September 1939 von der Roten Armee "wieder beansprucht" wurde -- das alles mag noch hingehen.
Ernst aber wird es, wenn der Film eine Version des Stalin-Hitler-Paktes vom 23. August 1939 verbreitet, die kein westlicher Historiker akzeptieren kann. Und das ist keine Kleinigkeit, immerhin hat der Pakt bei der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs durch Hitler eine fatale Rolle gespielt: ohne den Pakt kein deutscher Einfall in Polen.
Ein Historiker könnte nachweisen, daß "Der unvergessene Krieg" hier die Geschichte auf den Kopf stellt. Doch die vom WDR bestellten Spezialisten schweigen dazu ebenso wie zu einem seltsamen Rätsel dieses Films: 15 Stunden lang schildert er jeden Feldzug, jede Wendung des Rußlandkrieges, aber er hat kaum ein paar Minuten Zeit, um zu klären, warum Hitler nun eigentlich die Sowjet-Union überfiel.
Zwar bringt der Film ein antirussisches Zitat aus Hitlers "Mein Kampf", das des Führers imperialistisches "Lebensraum"-Konzept belegt, doch das Wort von 1927 kann schwerlich erklären, warum Hitler 1940/41 so handelte, wie er es tat.
Erst eine Darstellung des Zusammenwirkens von rassistischer Ideologie und machtpolitischer Kalkulation, von antijüdischen Wahnideen, nationalistischer Großraumpolitik und antibolschewistischer Kreuzzugsmentalität S.214 könnte hinreichend erklären, wie sich in Hitlers Hirn der Entschluß zum größten Vernichtungskrieg des 20. Jahrhunderts festsetzte -- welch ein Thema für ein "Historisches Stichwort"!
Leider bleibt es aus. Bei so geringer Hilfestellung muß der Fernsehzuschauer auch hinnehmen, was ihm die Serie über den im Januar 1941 anlaufenden deutschen Aufmarsch gegen Rußland und die sowjetische Reaktion erzählt. Moskaus Geheimdienst, sagt der TV-Sprecher, habe dem Kreml-Führer "genau enthüllt, was die Deutschen vorhatten", doch "Stalin blieb stumm".
Hier böte sich für Historiker eine Gelegenheit, endlich einmal die Legende vom tumben Stalin und von der fehlenden sowjetischen Kriegsvorbereitung abzubauen. Doch die vom Fernsehen angerufenen Experten scheinen es selber nicht richtig zu wissen.
So nimmt Pagels an, Stalin habe durch seine Spione, darunter den in Tokio operierenden Richard Sorge, über die deutschen Angriffsvorbereitungen "eine ganze Reihe von konkreten Hinweisen und Warnungen" erhalten. Salisbury geht noch weiter und versteift sich in seinem, wie er meint, "sehr viel kritischeren" Buch "Die Ostfront" zu der Behauptung: "Niemals hatte eine Regrerung so umfassende, so genaue und so rechtzeitige Informationen über die Absichten ihres Feindes besessen."
( Harrison E. Salisbury: "Die Ostfront". ) ( Verlag Fritz Molden, Wien, München, ) ( Zürich, New York; 200 Seiten; 39,80 ) ( Mark. )
Die beiden Autoren irren. Rußlands Geheimdienst war über den Feind miserabel informiert; selbst Sorges Meldungen erweisen sich bei einem Vergleich mit dem tatsächlichen Verlauf des deutschen Aufmarsches meist als falsch. Hitlers Aufmarschplan, den Sorge laut Salisbury nach Moskau funkte, hat er nie gekannt.
Das schließt nicht aus, daß Stalin zahlreiche Meldungen über deutsche Truppenkonzentrationen an der Westgrenze erhielt. Aber nicht eine einzige konnte ihm offenbaren, was Hitler mit dem Aufmarsch bezweckte: ein gigantisches politisches Erpressungsmanöver, um Stalin doch noch in das Allianzsystem der faschistischen Mächte zu zwingen, oder brutalen, erbarmungslosen Krieg.
Stalins Schuld mag darin liegen, daß er (wie übrigens auch Englands Geheimdienst) eher an den Erpresser als an den Kriegsbrandstifter Hitler geglaubt hat. Aber der stumme, vertrauensselige Narr des Films war er nicht, wie seine Orders und Worte verraten: die Reden über die deutsche Kriegsgefahr vor Generalstäblern und Offiziersschülern im Januar und Mai 1941, die im März befohlenen Erkundungsflüge über deutschem Grenzgebiet, die Alarmierung der Roten Armee am 1. April, die im Mai begonnene Verlegung von vier Armeen nach dem Westen.
Die Sowjet-Union war verteidigungsbereit, ihr Generalstab rechnete fast täglich mit dem deutschen Ansturm. Als der spätere Armeegeneral Kasakow am 15. Juni den Operationschef des Generalstabes fragte, wann er mit dem Krieg rechne, erhielt er die Antwort: "Wir können noch von Glück reden, wenn der Krieg nicht innerhalb von 15 oder 20 Tagen ausbricht." Vorbereitet und doch von der barbarischen Plötzlichkeit des deutschen Überfalls überrascht -- das war die Wirklichkeit des furchtbaren 22. Juni 1941.
Die Film-Kommentatoren aber beharren darauf, daß Rußland "unvorbereitet" (Pagels) war. Moskau, so Lorenz, habe "so gut wie keine Abwehrmaßnahmen ergriffen", nur "einige Truppenverbände" seien am Invasionstag in Grenznähe, kaum eine Panzereinheit einsatzbereit gewesen.
Die Wirklichkeit sah anders aus: 56 Divisionen in der ersten, 50 Kilometer tiefen Verteidigungszone, insgesamt 170 Divisionen in den westlichen Militärbezirken -- eine starke Streitmacht. Zahlenmäßig war sie den deutschen Angriffsarmeen fast ebenbürtig.
So werden schon hier Auftakt und Anfangsphasen des Rußlandkrieges von dem Film und seinen deutschen Kommentatoren falsch intoniert. Man stellt einseitig auf den ruinösen Überraschungseffekt des deutschen Angriffs ab und leitet allein von ihm die Krisen und Katastrophen der Roten Armee in den Herbstschlachten des Jahres 1941 her.
Nun gab gewiß der gelungene Überfall des 22. Juni den 152 Divisionen, 3712 Panzern und 1280 Kampfflugzeugen Deutschlands einen Vorwärtselan von nie erlebter Aggressivität, dem die Grenzverbände der Roten Armee machtlos gegenüberstanden. Jenseits der ersten Verteidigungszone standen jedoch weitere Sowjetverbände bereit, in die Kämpfe einzugreifen. Aber auch sie wurden von der Panik der überrumpelten Kameraden an der Grenze angesteckt.
Bald erwies sich, daß mehr als die grenznahen Verteidigungsstellungen der Sowjet-Union zusammengebrochen waren. Ein ganzes System militärischer Ausbildung, Führung, Bewaffnung und Strategie ging zu Bruch.
Jeder weitere Tag zeigte auf beklemmende Art, daß die Rote Armee für diesen Krieg nicht gerüstet war: die Soldaten schlecht geführt, die Panzerverbände falsch eingesetzt, die Artillerie unkonzentriert verwendet, die Luftwaffe schon nach wenigen Tagen vom Himmel verdrängt, dazu eine untaugliche Feindaufklärung und eine passive, oft servile Militärführung, die nicht selten Stalins Erschießungs-Drohungen S.216 mehr fürchtete als die Angriffe des Feindes.
Doch der Film nimmt davon nicht Notiz, sowjetische Führungskrisen, Stimmungstiefs oder gar Kontroversen kennt er nicht. Er ist allein auf sowjetischen Widerstandswillen, auf Heldentum und künftigen Sieg ausgerichtet.
In solcher Optik kann es leicht geschehen, daß die Rote Luftwaffe, wie es im O-Ton heißt, "es den Deutschen schwermacht, die Luftüberlegenheit zu erlangen" und sich die sowjetische Artillerie "als entscheidend erwies". Mehr noch: "Die Rote Armee wurde offensiv, wo immer sich die Gelegenheit bot."
Das alles wird so falsch und grob dargestellt, daß man auf das korrigierende "Historische Stichwort" gespannt ist. Doch was kommt? Fernsehdirektor Hübner plaudert mit dem Moskauer ARD-Korrespondenten Klaus Bednarz über die Wirkung der Serie in der Sowjet-Union.
Hier beginnt man schon zu ahnen, daß die "Stichworte" die Mängel der Serie schwerlich beheben werden. Das bestätigt sich bei der nächsten Folge, die dem ersten Wendepunkt des Krieges gilt: der Schlacht um Moskau.
Ihre historische Bedeutung läßt sich kaum überschätzen: Hitlers Feldzug scheitert im Dezember 1941 vor den Toren Moskaus, zum erstenmal finden sich sowjetische Generale zusammen, die auf verblüffende Art beweisen, wie rasch sie lernen können. Schukow, Konew, Rokossowski, Goworow -eine neue Führung, eine neue Strategie formiert sich. Der Film freilich vermittelt davon nur wenig. Er bleibt im Plakativen stecken und verschleiert eher, als daß er aufklärt.
Wer ahnt schon, daß mit den "Kesseln von Wjasma und Brjansk", in denen laut TV-Sprecher die Deutschen "größere sowjetische Verbände gebunden hielten", die Vernichtung von neun Sowjetarmeen, die "wahrscheinlich zweitgrößte Katastrophe der Roten Armee" (Salisbury) gemeint ist? Wer ahnt, daß die Stadt, in der "die Menschen ihr gewohntes Leben lebten", jenes von den Hitler-Armeen bedrohte Moskau ist, das Hunderttausende verließen und das von allen diplomatischen Vertretungen schon aufgegeben war?
So verpaßt der Film auch das eigentliche Wunder von Moskau: daß Generale der Roten Armee die sowjetische Beinahe-Niederlage in einen triumphalen Sieg verwandeln, weil sie nicht mehr bereit sind, ihre Reserven -- wie von Stalin verlangt -- örtlicher Erfolge wegen zu opfern. Es sind diese Reserveverbände, mit denen Schukow die Deutschen weit zurückschlägt.
Ganz sicher eine Jahrhundert-Tat, die der Kommentierung und Aufhellung bedarf. Graf von Kielmansegg, der nächste "Stichwort"-Lieferant, kann sie nicht geben; er kennt den Rußlandkrieg nur aus der Perspektive des ehemaligen Panzermajors.
Ähnlich geht es bei der dritten Folge zu, die wohl zu dem Besten gehört, was die Fernsehserie bietet: "Die Belagerung Leningrads".
Dieser Film ist, aus gutem Grund, ganz auf den Horror und die menschenfeindliche Brutalität des modernen Krieges angelegt. Eine Zivilbevölkerung im Würgegriff des feindlichen Militärs, schier pausenlosem Artilleriebeschuß ausgesetzt, von Hunger, Tod und Verzweiflung gequält -- das ist wirkungsvoller als jede Friedenspropaganda, das sitzt und wird haften bleiben.
So sehr steht jedoch der leidende und gleichwohl immer wieder hoffende Mensch im Mittelpunkt der dritten Folge, daß die politisch-militärische Seite der Belagerung zu kurz kommt. Dabei gehört auch dies zu ihrer dramatischen Geschichte: das Mißtrauen Stalins gegen die militärische Führung Leningrads, das ängstliche Herunterspielen der wirklichen Lage gegenüber dem Diktator, Unfähigkeit und Sturz des Leningrad-Verteidigers Woroschilow.
Ein Mann, der all dies kennt, könnte das TV-Publikum darüber aufklären. Es gibt ihn; er hat das große Standardwerk über die Belagerung Leningrads ("900 Tage") geschrieben und gehört sogar zu den Schöpfern der Serie. Der Mann heißt Harrison E. Salisbury.
Doch merkwürdig: Der Leningrad-Experte Salisbury ist nicht gefragt. An seiner Stelle erscheint im "Historischen Stichwort" der ARD-Korrespondent Harald Brand, der deutsche Touristen in Leningrad fragt, wie sie sich in der Stadt fühlen, die Hitler einst dem Erdboden gleichmachen wollte. Ein Tourist: "Schuldgefühle? So sehe ich die Sache nicht."
Der Zuschauer merkt bald, daß dieses ganze gutgemeinte Unternehmen an einem Zuviel an Zelluloid und einem Zuwenig an kritischer Information leidet. 15 Folgen Rußlandkrieg -- das setzt Kenntnisse, Informationen, zweifelsfreie Materialien voraus, ohne die sich die zu erwartende Diskussion der Öffentlichkeit nicht bewältigen läßt.
Schade: Eine große Chance zur Aufhellung deutsch-sowjetischer Schicksalsfragen wurde vertan.
S.210 Vor dem Standbild Peters des Großen in Leningrad. * S.213 Michael Eickhoff, Wilhelm Pagels, Willy Reschl: "Der unvergessene Krieg". Verlagsgesellschaft Schulfernsehen, Köln; 192 Seiten; 19,80 Mark. * Mit Legationsrat Hilger (M.) und Generalfeldmarschall Keitel (r.) in Berlin. * S.214 Harrison E. Salisbury: "Die Ostfront". Verlag Fritz Molden, Wien, München, Zürich, New York; 200 Seiten; 39,80 Mark. *

DER SPIEGEL 38/1981
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