06.07.1981

FERNSEHENMaulheld für Miezen

Im Ruhrgebiet tummelt sich ein neuer „Tatort“-Kommissar: der von Götz George ruppig gespielte Schimanski.
Einen "Alternativ-Bullen" nannte ihn die Münchner "AZ", und, als ginge es um eine Regelanfrage vor der Verbeamtung auf Lebenszeit, meldete der Chef der Duisburger Mordkommission, Dagobert Allhorn, Bedenken an: "Bei mir dürfte dieser Mann nicht mal Fahrrad-Diebstähle bearbeiten." Die "Welt" apostrophierte ihn einen "Maulhelden", "ausgestattet mit den neuesten Redensarten aus der Subkultur", die "FAZ", die etwas von "ruppig" murmelte, befand, daß er vor den Kopf stoße: "Der rempelt sich durch."
Die Rede ist nicht etwa von einem neuen Chef des Bundesverfassungsschutzes, die Aufregung bläht sich nicht um einen frischen Berliner Polizeipräsidenten, es geht vielmehr um den neuen WDR-Kommissar und "Tatort"-Helden Schimanski, alias Götz George, der wiederum laut "Abendzeitung" wie eine "Kreuzung aus Bernhardiner und Kläffpinscher" wirkt und auf den sich die "Welt" den Stabreim machte: "ein Maulheld zwischen Männern und Miezen".
Die "Tatort"-Reihe, in der Kommissare und Schnüffler mit Pensionsberechtigung der Regionalisierung der deutschen TV-Landschaft Rechnung tragen und daher ihre Leichen abwechselnd in Flensburg, im Ruhrgebiet oder in München aufspüren, litt in letzter Zeit unter diversen Abgängen.
Bayerns Kommissar Veigl (Gustl Bayrhammer), der eine Dackelliebe mit grantelnder Menschenfreundlichkeit verband, wurde es müde, seine Untergebenen anzumachen, Hansjörg Felmy wechselte vom Bulettenfreßfach als WDR-Kommissar Haferkamp endgültig in die Polaroid-Werbung und Nicole Heesters, einzige Alibi-Frau unter den gestandenen bis abgestandenen Kriminalmännern, wollte bald nicht mehr.
Besonders eben der Essener Haferkamp (besonderes Kennzeichen: die spröde Liebe des Muffels zu seiner Geschiedenen) und der raunzende Veigl mit dem Weltstadt-mit-Herz-Appeal waren die Träger des kriminalistischen Wanderpokals der ARD, bei dem zumeist Verbrecher der besseren Kreise aus Geld- oder Lebensgier mordeten.
Jetzt, mit Götz George als Kommissar Schimanski (und seinem Kompagnon Eberhard Feik als Kommissar Thanner), der nach Verbrechern in Duisburg statt in Essen fahndet, sucht der WDR -- so der Eindruck nach der ersten Folge -- seine Ganoven eher im proletarischen Milieu.
Der von dem "Tatort"-Neuling Hajo Gies spannend und atmosphärisch dicht gedrehte "Duisburg-Ruhrort" spielt unter Binnenschiffern und deren gefrusteten Frauen, der Kommissar füllt sich in Kneipen obergäriges Bier ein und zeigt einer Kellnerin des Nachts, an welchen Körperstellen er tätowiert ist.
Hält man sich vor Augen, wie Schimanskis Vorvorgänger, der Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp), ziemlich rasch wieder vom Bildschirm verschwand, weil er bei seinen Nachforschungen auch gern an fremden Matratzen horchte, so wird die Empörung verständlich, die der kernige Götz George, tagsüber mit ausgebeulter Windjacke bekleidet, bei einem Teil des Publikums auslöste.
"Bild" zitierte Zuschauer, die ihn als "schmuddelig, ordinär, undiszipliniert" empfanden -- alles Attribute, mit der man in der deutschen Leistungsgesellschaft auch als Bildschirm-Schimäre kaum einen Blumentopf gewinnen kann.
Doch selbst wenn man von Schimanskis lässigem Lebenswandel absieht -- "Duisburg-Ruhrort" hat Anflüge von Unausgewogenheit, die der steril gewordenen "Tatort"-Reihe nur guttun könnten. Da gibt es das Türken-Problem, samt den blutigen Stellvertreterkriegen ihrer rechtsradikalen Exilanten, und da kommentiert Schimanski, als er marxistische Bücher des Ermordeten sichtet, daß der schwerlich hätte Lehrer werden können.
Man ist ja schon froh, wenn ein TV-Kommissar so was noch sagen kann, ohne gleich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde rechnen zu müssen.

DER SPIEGEL 28/1981
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