19.04.1982

„Der Admiralstabschef war wütend“

Daniel Ellsberg über die illegale Lagerung amerikanischer Atomwaffen in Japan Amerikas Marine lagerte Atomwaffen an der japanischen Küste - und verletzte damit den Sicherheitsvertrag mit Tokio. Daniel Ellsberg - der unter Kennedy Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats war, später die geheimen „Pentagon Papers“ zum Vietnamkrieg preisgab, jetzt bei einer Friedensdemonstration festgenommen wurde -, beschreibt für den SPIEGEL, wie die Navy sogar den Verteidigungsminister hinterging.
Meine Studien über Kommandoanlagen und Pläne für Atomwaffeneinsätze im Pazifik führten mich seit 1959 mehrmals in die Zentrale des strategischen Luftkommandos (SAC). Dabei fand ich heraus, daß im Falle eines allgemeinen Nuklearkrieges von mehreren Stützpunkten in Japan aus Atomwaffen eingesetzt werden sollten.
Zwar ist in den Sicherheitsabmachungen zwischen den USA und Japan festgelegt, daß Atomwaffen in Japan zu keiner Zeit gelagert werden sollen. (Daß amerikanische Flugzeugträger bei Urlaubsaufenthalten und gelegentlichen Stopps in japanischen Häfen Atomwaffen an Bord hatten, war einigen hohen japanischen Politikern allerdings sehr wohl bekannt.)
Unsere Pläne sahen jedoch vor, daß wir die japanischen Stützpunkte in bestimmten Notsituationen trotz des japanisch-amerikanischen Abkommens benutzen würden.
Dank der besonderen Beziehungen zwischen Marineinfanterie und Marine hatte die U.S. Navy direkt vor der Küste Japans ständig ein Landungsschiff mit Kernwaffen an Bord stationiert - Bomben für die Flugzeuge auf der Basis Iwakuni.
Zur Tarnung gab die Marine das Boot als elektronisches Reparaturschiff aus. Es lag folglich nicht nur innerhalb der japanischen Drei-Meilen-Zone, sondern ankerte 100 bis 200 Meter vom Strand entfernt, es befand sich also in Wahrheit am Strand. Welche Maßstäbe man auch immer anlegen wollte: Das Schiff war auf japanischem Territorium stationiert.
In einer Alarmsituation würde folgendes passiert sein: Das Schiff landet an. Seine Bugklappe öffnet sich, die Atomwaffen werden auf amphibischen Traktoren an Land gebracht und direkt zum Flugplatz transportiert, wo sie auf die Flugzeuge der Marineinfanterie geladen werden. Diese Flugzeuge der Marineinfanterie besäßen ihre Waffen dann sechs bis zehn Stunden früher als die Hunderte von Flugzeugen, die der U.S. Air Force in Japan zugeteilt sind.
Das Anlanden der Traktoren und Bomben führte das Landungsschiff gelegentlich als Übung durch. Die Existenz der Atombomben war offenbar auf dem Stützpunkt genau bekannt, außerhalb des Stützpunktes bei der Luftwaffe aber kaum, geschweige denn bei den Japanern. Man betrachtete dies als Super-Geheimnis gegenüber den Japanern.
Das Risiko war, daß es zu einem Bruch der Beziehungen zwischen Japan und den USA gekommen wäre, hätte die Regierung oder die japanische Opposition von den Atomwaffen erfahren.
Wie konnten die Japaner dies erfahren? Man erzählte mir, daß nicht nur die Piloten, die das Manöver gelegentlich übten, und die Männer an Bord des ständig präsenten Landungsschiffes genau Bescheid wußten, sondern natürlich auch ein Teil ihrer japanischen Freundinnen und möglicherweise auch Leute in der Umgebung des Stützpunktes.
Die Stationierung dieser Waffen war die phantastischste und unverantwortlichste Handlung, die man sich vorstellen konnte - mit Ausnahme vielleicht von der unnützen Lagerung unfallträchtiger Atomwaffen in Washington D. C.
Aber das System der Geheimhaltung im Bereich von Atomwaffen beschränkte die Zahl der Eingeweihten außerhalb von Iwakuni auf den kleinen Kreis der Atomwaffenplaner in den USA.
Ich informierte die höchsten Stellen von Rand,
( Die Rand Corporation ist eine ) ( kalifornische "Denkfabrik", die seit ) ( Jahrzehnten für die amerikanische ) ( Regierung Studien, besonders zur Außen- ) ( und Sicherheitspolitik, anfertigt. )
die sich wiederum an die Luftwaffe wandten. Die Offiziere der Luftwaffe stimmten zu, daß dieses eine extrem ernste Situation sei. Aber für die Luftwaffe sei es äußerst heikel, die Frage aufzuwerfen, wo die Marine ihre Nuklearwaffen gelagert habe. Bei solchen Themen gab es nämlich gewisse Allianzen zwischen der Marine und der Luftwaffe.
Nachdem Paul Nitze im Pentagon Unterstaatssekretär für internationale Sicherheitsfragen geworden war, schrieb ich ihm ein Memorandum. Ich wurde S.187 daraufhin gebeten, alles schriftlich festzuhalten. Aus Gründen der Sicherheit sollte ich das Memorandum selbst auf der Schreibmaschine tippen.
Ich stempelte das Memorandum "Top Secret - Eyes only for Paul Nitze" (Streng geheim - nur für Paul Nitze) und schilderte alles, was ich erfahren hatte.
Nitze ließ das Memorandum von seinen Mitarbeitern prüfen. Man zeigte mir den daraus resultierenden "Top Secret"-Bericht, der alle meine Fakten bestätigte; es wurde auch bestätigt, daß dies eine klare Verletzung - sowohl nach Buchstaben und Geist - unseres Sicherheitsabkommens mit Japan darstellte.
Das Landungsschiff war eine ständige Einrichtung. Man konnte noch nicht einmal sagen, daß es sich "in den Gewässern und nicht auf dem Territorium" befinde, da jede rechtliche Prüfung zu dem Ergebnis kommen würde, das Schiff sei auf japanischem Territorium. Das hieß auch, daß diese Situation umgehend geändert werden mußte.
Zusätzliche Informationen tauchten auf. Jemand berichtete, daß er auf der Suche nach dem Stationierungsort des Landungsschiffes den Sonderbeauftragten des Verteidigungsministers für Atomwaffen und Atomenergie konsultiert habe. Dessen Aufgabe bestand darin, die genaue Position jeder einzelnen amerikanischen Atomwaffe auf der Welt zu kennen. Der Sonderbeauftragte besaß einen enormen Loseblattordner, in dem all dies verzeichnet war.
Unter Japan waren keine Atomwaffen eingetragen, und auch in der Nähe Japans tauchte auf der Liste kein Schiff mit Atomwaffen auf. Es gab auch keinen Hinweis, daß so etwas möglich sei. Nitzes Mann beharrte auf seinen Angaben und rief die Marine an. Dort sagte man ihm, eine solche Situation gebe es nicht.
Als ich später auch den Namen des Schiffes ("San Joaquin County") nannte, fand Nitzes Mitarbeiter heraus, daß das Schiff in der Liste mit Heimathafen Okinawa (damals noch von den USA besetzt) geführt wurde - so daß der Sonderbeauftragte des Verteidigungsministers darüber getäuscht wurde, daß das Landungsschiff ständig vor Iwakuni stationiert war.
Den Verteidigungsminister über die Position einer Atomwaffe zu täuschen, galt aber für jeden als das schlimmste Vergehen innerhalb der Bürokratie.
Zum Zeitpunkt dieser Untersuchungen ankerte das Landungsschiff gerade zu Reparaturen und zur Überholung in Okinawa. Man brauchte es also nur in Okinawa festzuhalten, wo es ja auch seinen offiziellen Heimathafen hatte.
Die eindeutige Empfehlung von Nitzes Mitarbeitern lief darauf hinaus, das Thema unverzüglich gegenüber Verteidigungsminister McNamara anzusprechen und sicherzustellen, daß das Landungsschiff in Okinawa blieb.
Paul Nitze entwarf diese Empfehlung im Februar oder März 1961. Er forderte, das Landungsschiff solle in Okinawa bleiben, nicht nach Japan zurückkehren und seine Operationen ausschließlich nach Okinawa verlegen.
Unmittelbar nachdem das Memorandum von McNamara unterzeichnet war, fand sich Paul Nitze bei einem Treffen in McNamaras Büro Admiral Arleigh A. Burke gegenüber, dem Chef des Admiralstabs. Am Ende der Besprechung bat Burke Nitze in sein Büro.
Burke setzte sich, und Nitze sah sofort, daß auf seinem Schreibtisch eine Kopie meines Memorandums "Top Secret - Eyes only for Paul Nitze" lag. Damit war klar, daß ein Marineoffizier der Abteilung für internationale Sicherheit mein Memorandum kopiert und an Admiral Burke weitergeleitet hatte.
Burke war wütend und versuchte gar nicht erst, die Fakten meines Memorandums zu leugnen. Sein einziges Argument lautete: "Wie kann sich ein Zivilist wie Nitze unterstehen", sich in die "Operationen von Schiffen der U.S. Navy einzumischen?"
Daß das Schiff eines unserer empfindlichsten Sicherheitsabkommen verletzte und enorme Risiken darstellte; daß es entgegen den Direktiven des Verteidigungsministers Atomwaffen an Bord hatte - und dies in bewußter Täuschung des Verteidigungsministers, all das wurde von Burke gar nicht erwähnt.
Seine Position war nur: Der Verteidigungsminister hat der Marine nicht vorzuschreiben, wohin sie ihre Schiffe schickt.
Deshalb hing nun alles davon ab, ob McNamara Nitze in dieser Frage unterstützen würde. Nitze traf sich mit McNamara und informierte ihn darüber, daß die Angelegenheit von größter Dringlichkeit sei. McNamara müsse Admiral Burke Order geben, sich an die Direktiven des Verteidigungsministers und an das amerikanisch-japanische Sicherheitsabkommen zu halten.
Zu diesem Zeitpunkt jedoch hatte McNamara beschlossen, daß er sich neben all den bisherigen Kämpfen mit den verschiedenen Teilstreitkräften keinen weiteren Streit leisten könne. Er gab nach, zog seine Direktive zurück - und verletzte damit das Sicherheitsabkommen.
Als ich dies erfuhr, fragte ich: "Weiß McNamara, daß ihn die Marine angelogen hat?" Die Antwort lautete: "Das war es ja, was ihn ursprünglich so wütend gemacht hatte und dazu veranlaßte, die Direktive überhaupt auszugeben."
Als Folge dieses Zurücksteckens durfte das Landungsschiff, das damals immer noch in Okinawa lag, mit seinen Atombomben wieder in japanische Hoheitsgewässer zurückfahren und nur knapp 50 Kilometer von der Stelle entfernt ankern, wo die USA über Hiroschima die erste Atombombe gezündet hatten.
S.185 Die Rand Corporation ist eine kalifornische "Denkfabrik", die seit Jahrzehnten für die amerikanische Regierung Studien, besonders zur Außen- und Sicherheitspolitik, anfertigt. * Oben: bei einer Demonstration; * unten: die "Midway", vorn protestierende japanische Fischer. *

DER SPIEGEL 16/1982
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