19.04.1982

Holocaust mit Kinderaugen

SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über die Fernsehserie „Ein Stück Himmel“
Holocaust" war das bedeutsamste Ereignis der deutschen Fernsehgeschichte und die bitterste Erfahrung der deutschen Fernsehmacher: Jahrzehntelang hatten sie, mit Fleiß und Ernst, ihrem Publikum alles Medienmögliche über Nazi-Herrschaft und Judenschicksal ins Gewissen gesendet - kein Aufschrei, keine Katharsis.
Dann ging Anfang 1979 ausgerechnet dieser kommerzielle US-Import, knallig wie "Bonanza" und trivial wie "Dallas", den Deutschen so tief unter die Haut, daß die bundesrepublikanische TV-Szene in Panik geriet. Der Schock, den "Holocaust" auslöste, hat die Zeitgeschichtler und Dramaturgen in den Funkhäusern vermutlich nachhaltiger verstört als damals die ganze Serie ihre Zuschauer.
Für "alle, die im Fernsehen Programm machen und verantworten", markierte der Kölner TV-Direktor Heinz Werner Hübner die historische "Zäsur", werde die Frage nach dem "Grund des Erfolges unbeantwortet bleiben", und "für jene, die es darauf anlegen, den Erfolg zu wiederholen", sei "''Holocaust'' nicht berechenbar".
Das Thema unbewältigt, seine Präsentation heikel wie eh, die Aufnahmewilligkeit des Publikums mehr als fraglich und vor aller Augen die Eruptionen und Nachbeben von 1979 - aus diesem Dilemma wurde ein Komplex, den die Öffentlich-Rechtlichen seither mit sich rumschleppen: Würde, könnte, müßte es noch einen deutschen TV-"Holocaust" geben?
Am Montag dieser Woche (ARD, 20.15 Uhr) beginnt der WDR die Serie "Ein Stück Himmel" und mit ihr den ersten, nach Aufwand, Thema und Zielsetzung vergleichbaren Versuch, den Holocaust nach "Holocaust" noch einmal nachzuspielen. Und wenn es im Lunapark der Television mit gerechten Dingen zuginge, müßte nach diesem Achtteiler das TV-Trauma "Holocaust" eigentlich endgültig überwunden und das Land der Täter tiefer aufgewühlt sein als nach dem Schauerdrama aus dem amerikanischen Reklame-Kanal.
Nicht nur, daß das Drehbuch nach den Erinnerungen des polnischen Mädchens Janina Dawidowicz authentisch ist und so aller fiktiver (von der Realität ohnehin überbotener) Horror sich erübrigt; nicht nur, daß in dieser Serie das undarstellbare Inferno gar nicht erst inszeniert wird, sondern auch ohne Feuersbrünste, Rampe und Gaskammern allgegenwärtig ist.
Verglichen mit den serientypischen Knalleffekten aus dem Fundus des Grauens, mit denen "Holocaust" den Schrecken zur Show entstellte, ist "Ein Stück Himmel" ein Stück ganz privat durchlebter und durchlittener Zeitgeschichte - eine, wenn das denn denkbar ist, fast poetische Abrechnung mit dem Massaker des Jahrhunderts.
Acht Stunden lang verfolgt die Kamera hier feinfühlig, unaufdringlich und ohne die makabre Kulisse eines Völkermordes den Leidensweg eines Kindes mit Kinderaugen, die, natürlich, weder das historische Ausmaß der Katastrophe durchschauen noch einen Blick haben können für die realen Untiefen der "Endlösung".
Was Janina Dawidowicz erkennt und ermißt, sind das wachsende Elend im überschaubar privaten Kreis, die schleichende Angst ringsum, der unaufhaltsame Zerfall aller Normalität.
Wieder setzt, wie bei "Holocaust", die Geschichte in der gutbürgerlichen Behaglichkeit des jüdischen Mittelstandes ein. Janina, Einzelkind und damals neun, träumt in den Tag, schmust mit ihrem abgöttisch geliebten Papa, fängt Frösche in der Sommerfrische.
Als Hitler in Polen einfällt, flüchten die Dawidowicz aus dem grenznahen Kalisz zunächst nach Warschau, nach dessen Bombardierung zurück in die Heimat, als dort die systematische Verfolgung der Juden einsetzt, erneut in die Hauptstadt. Dort beginnt hinter der riesigen, mit Glassplittern bespickten Ziegelsteinmauer alsbald der grausame Getto-Alltag.
Der Vater geht erst als Soldat in den Untergrund, dann - zur Schande der S.248 Familie, aber für diese einstweilen lebensrettend - zur Getto-Polizei. Die Mutter versetzt ihre letzten Habseligkeiten für das Lebensnotwendige. Vor den Razzias der Nazis sucht die Familie schließlich in einem miesen Hinterhof-Zimmer Zuflucht, mit Blick auf ein winziges Stück Himmel.
Gerade in den Episoden, die in diesem von todesbangen Menschen vollgepferchten Labyrinth spielen, gewinnt "Ein Stück Himmel" seine eindringlichsten und bewegendsten Szenen. Denn das Getto-Dasein wird für Janina und ihresgleichen rasch zu einem makabren Abenteuerspielplatz, auf dem Kinder sich und ihre Phantasie austoben wie andernorts auch, über alle tagtäglichen Ängste hinweg.
"Ich weigerte mich", so Janina David heute, "zu erkennen, was ich da sah, und verbot mir noch energischer, irgend etwas dabei zu empfinden." Mit ungebrochenem Selbsterhaltungstrieb und hartnäckig behaupteter Lebenslust spielt der Backfisch seine kindlichen Bedürfnisse aus, feilscht mit Freundinnen um ein paar Bonbons, bestaunt die ausgemergelten Gaukler, die mit dem Mut der Verzweiflung zwischen dem Schlamm und Müll des Gettos ihre Späße treiben, tritt einmal sogar in einer getto-internen Ballettaufführung selbst als Schneewittchen auf.
Wach, wiewohl verwirrt nimmt dieses Kind denn auch wahr, wie sich selbst die erwachsene Umwelt scheinbar unbeirrt an Banalitäten festklammert: Noch angesichts des Todes spielen sich die Großen normales Leben vor.
Als Janina in der (heimlich abgehaltenen) Juden-Schule für einen Aufsatz über die Genies der Renaissance ausgezeichnet wird, glaubt ihre Mutter, nun seien die abendländischen Werte wohl doch noch nicht verloren. Und bei allem Elend können sich die Eltern immer noch in die Wolle kriegen über Vaters einstige Eskapaden mit schönen Blondinen.
Als auch der letzte Schlupfwinkel nicht mehr sicher ist, schmuggeln die Dawidowicz ihr Kind aus dem Getto zu "arischen" Bekannten, wieder muß Janina Verstecken spielen. Als ihre merkwürdige Gastrolle bei argwöhnischen Nachbarn auffällt, geben die Freunde sie als katholische Danuta Teresa Markowska in ein Kloster, und auch dort muß sich das Mädchen selbst verleugnen.
Erst als Janina in der Nonne Zofia einer mütterlichen Gefährtin begegnet, der sie sich anvertrauen kann, wird sie von dem militärisch-lieblosen Drill des Klosterlebens befreit und läßt sich taufen. Nachdem die Rote Armee die deutschen Besatzer vertrieben hat, erfährt das Mädchen, daß es monatelang unter seinesgleichen - christlich getarnten Jüdinnen - gelebt hat. Janina kehrt allein nach Warschau zurück, um ihre Eltern zu suchen. Vergebens: Die Familie hat die "Endlösung" nicht überlebt.
Erst rund 20 Jahre nach Kriegsende und einer langen Irrfahrt durch Westeuropa und Australien wird Janina David in London als Sozialarbeiterin seßhaft und beginnt "aus einem ganz privaten Zwang", sich selbst Rechenschaft zu geben und die fetzenhaften Erinnerungen an die Torturen ihrer Kindheit zu protokollieren - in Englisch, weil "ich das in meiner Muttersprache nicht hätte niederschreiben können". Ihre autobiographische Beichte erschien zunächst in England, jüngst in der Bundesrepublik, wurde endlich Basis der TV-Serie.
( Janina David: "Ein Stück Himmel. ) ( Erinnerungen an eine Kindheit". Carl ) ( Hanser Verlag, München; 372 Seiten; ) ( 29,80 Mark. - "Ein Stück Erde. Das Ende ) ( einer Kindheit". Carl Hanser Verlag, ) ( München; 296 Seiten; 29,80 Mark. )
Bücher ohne Klage und Anklage, Erinnerungen voll stillem Staunen, leiser Furcht und vorsichtiger Mahnung - und doch hätte auf dem Bildschirm daraus leicht das große weinerliche Melodram werden können:
133 Drehtage, 38 Kilometer belichtetes Filmmaterial, 30 Kinder-, 120 Haupt- und Nebendarsteller, 2000 Komparsen, 40 (meist von Frau David verifizierte) Innendekorationen, 110 Außenmotive (vorwiegend in der CSSR), rund zehn Millionen Mark Etat - so klotzen die Sendeanstalten sonst bei historischen Schinken.
Nun, schon vor und noch bei der Produktion sind unter den Verantwortlichen die Fetzen geflogen, ob man es auf einen Abklatsch von "Holocaust" anlegen oder lieber die sensationslose Ehrlichkeit der autobiographischen Vorlagen retten sollte.
Die Drehbücher stammen schließlich von jenem Leo Lehman, der den deutschen Fernsehern schon "Zahnschmerzen", "Evas Rippe" und "Crumbles letzte Chance" zugemutet hat und somit nicht gerade prädestiniert erschien, einen kindlichen Katastrophenbericht einfühlsam umzusetzen.
Die Regie übernahm Franz Peter Wirth, der von "Don Carlos" über "Buddenbrooks" bis zu "Derrick" so ziemlich alles auf der Pfanne hat und allzu gern auch in dieselbe haut: auch er, scheinbar, nicht der behutsamste Hintermann.
Aber Lehman, der viel mehr Schlachtenlärm und blutige Action wollte, scheute dann doch vor dem großen Spektakel zurück, und mit Wirth ging nur da die bajuwarische Wallung durch, wo er, etwa bei Janinas Taufe, mit Weihrauch und Harmonium in die katholischen vollen langen konnte.
"Ein Stück Himmel" gehört eindeutig und acht Stunden lang dem Prager Teenager Dana Vavrova, heute 14, und seinen leuchtenden Augen. Mit jedem Blick und scheinbar noch so selbstverständlicher Bewegung und Reaktion führt dieses Mädchen noch einmal das Schicksal einer Gleichaltrigen auf, die Jahre des Elends mit der Würde und Kraft überstanden hat, deren - in dieser Lage - wohl nur Kinder fähig sind.
"Ein Stück Himmel" ist auf diese Weise zu einem poetischen Stück Menschheitsgeschichte geworden, eine Ruhmestat des deutschen Fernsehens. "Holocaust" kann endlich ad acta.
S.248 Janina David: "Ein Stück Himmel. Erinnerungen an eine Kindheit". Carl Hanser Verlag, München; 372 Seiten; 29,80 Mark. - "Ein Stück Erde. Das Ende einer Kindheit". Carl Hanser Verlag, München; 296 Seiten; 29,80 Mark. * Mit der Nonne Zofia bei einem Besuch in Polen (1980). *

DER SPIEGEL 16/1982
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