14.09.1981

THEATEREnde einer Selbstzensur

Sechzig Jahre nach den „Reigen“-Skandalen gibt der Schnitzler-Sohn das schönste Stück des Wiener Dramatikers frei.
Mit lauten Hurra-Rufen stürmten etwa 600 Stöcke schwingende Demonstranten die Wiener Kammerspiele, zertrümmerten die Spiegelglasscheiben, drangen ins Parkett und in die Logen, von wo aus sie Stühle und Teergeschosse auf die Zuschauer herabwarfen.
Anlaß des größten Wiener Theater-Krawalls war ein Meister-Stück in zehn Szenen, ein zartes, morbides Bäumchen-Wechsel-dich-Spiel unter Wienern des Fin de siecle: "Der Reigen" des Wiener Arztes, Dichters, Juden Arthur Schnitzler.
Es war der 16. Februar 1921, und "Der Reigen" stand schon gut zwei Wochen auf dem Spielplan, Schnitzler hatte zufällig die Vorstellung besucht; vor dem empörten und wohlorganisierten Mob -- selbsternannte Sittenwächter, Antisemiten -- rettete ihn nur der Eiserne Vorhang.
Auch im Wiener Parlament kam es zu Prügeleien; Sozialdemokraten und Christlichsoziale gerieten sich wegen des angeblich "obszönen" Stücks in die Haare.
In Berlin, wo der "Reigen" seit dem Dezember 1920 im Kleinen Schauspielhaus lief, zündete das Wiener Beispiel: Am 22. Februar gab es organisierte Tumulte in der Aufführung, die Entrüstung lieferte dem Stück eine johlende Saalschlacht. Abkommandierte völkische Beobachter, die meisten von ihnen im jugendlichen Saalschlacht-Alter, warfen Stinkbomben.
Daraufhin untersagte der Polizeipräsident von München eine lokale "Reigen"-Aufführung: "Soviel Polizisten, wie nötig sind, um die Deutsch-Völkischen in Zaum zu halten, kann ich nicht aufbringen."
In Berlin begann der "Reigen"-Prozeß gegen die Direktion und den Regisseur des Kleinen Schauspielhauses, wegen Erregung "öffentlichen Ärgernisses". Im November endete dieser Prozeß mit einem Freispruch.
Arthur Schnitzler war über die antisemitischen Schmähungen, war von der hochschäumenden sittlichen und vaterländischen Entrüstung, die der "Reigen" überall provozierte, tief verstört. "Welches Spiel der Verlogenheiten", notierte er im Tagebuch, "Politicum. Unaufrichtig Feind wie Freund. -- Allein, allein, allein."
Schnitzler übte Selbstzensur. Er nahm den "Reigen" nicht in seine Gesamtausgabe auf und verbot künftige Theater-Aufführungen -- letztwillig über den Tod hinaus. Sein Sohn und Nachlaßverwalter, der Wiener Theatermann Heinrich Schnitzler, hielt sich getreulich an die Buchstaben.
Nur für den Film eröffnete sich eine Lücke -- die Rechte lagen nicht mehr bei Heinrich Schnitzler. So verfilmte etwa Max Ophüls im Jahre 1950 den "Reigen", zwei weitere, unerhebliche bis spekulative Kino-Versionen folgten. Letzte Woche nun, nach vielen Gewissensqualen, gab Sohn Heinrich, 79, für das Theater grünes Licht.
Denn die Lage begann sich zu komplizieren, und die Zeit drängte.
In Österreich und in der Bundesrepublik endet die Urheber-Schutzfrist 70 Jahre nach dem Tode des Autors, in den meisten anderen europäischen Ländern hingegen schon nach 50 Jahren. Schnitzler war am 21. Oktober 1931 gestorben -- die Schutzfrist wäre, mit Ablauf dieses Jahres, also nur noch in Schnitzlers Heimat und in Deutschland gültig.
Und weil mit dem Urheber-Schutz natürlich auch das Aufführungsverbot erlischt, können etwa Schweizer, englische, holländische Bühnen ab 1. Januar 1982 frei über den "Reigen" verfügen.
Aus "Gerechtigkeitsgefühl", sagt Heinrich Schnitzler, und um das deutsche und österreichische Theater nicht zu "diskriminieren", hob er nun für diese beiden benachteiligten Länder das Aufführungsverbot auf.
Das "Reigen"-Verbot war ohnehin eher eine Marotte als eine sinnvolle Maßnahme des pietätvollen Nachlaßwahrers. Angesichts einer gewandelten Moral, die weder vor Hard-core-Pornos noch vor Peepshows zurückschreckt, ist das Stück vor Skandalen längst sicher:
Im "Reigen" geht es um Vorher- und Nachher-Szenen, die Kopulation selbst ist durch Gedankenstriche ausgedrückt -- in den Bühnenaufführungen fiel der Vorhang, und das Publikum dachte sich so heftig sein Teil, daß es Stinkbomben warf und "Raus mit den Juden!" rief.
Nun ist die Bühne frei für Schnitzlers Meisterwerk, beim Fischer Verlag in Frankfurt häufen sich die Anfragen. Anheben wird der "Reigen"-Reigen in Basel, am 1. Januar 1982.
S.266 Mit Adolf Wohlbrück, Simone Signoret. *

DER SPIEGEL 38/1981
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