28.06.1982

„Es ist das _este, bis zum _etzten zu gehen“

„Die wüste lebt“, „Fünf verletzte bei unfall“ - das wäre die neue Schreibweise, wenn die „gemäßigte Kleinschreibung“ beschlossen würde, auf deren Regeln sich Fachleute aller deutschsprachigen Länder geeinigt haben. In der Auseinandersetzung um Groß- oder Kleinschreibung, die schon seit einem Vierteljahrhundert von Germanisten mit der Verbissenheit eines Glaubenskrieges geführt wird, müssen jetzt die Kultusminister entscheiden. Die Zeichen deuten auf Patt: Die SPD-Minister sind für Kleinschreibung, die CDU-Minister dagegen.
Nur an den großen Buchstaben ist auszumachen, ob ein Tourist in Moskau "Liebe genossen" oder "liebe Genossen" hat, ob in einem anderen Satz von einem Menschen die Rede ist ("Der Arme floh") oder von einem Tierchen ("Der arme Floh").
Geht es nach einem Dutzend führender Fachleute aus den vier deutschsprachigen Ländern, so wird es diesen Unterschied nicht mehr lange geben. Sprachwissenschaftler aus der Bundesrepublik, der DDR, Österreich und der Schweiz einigten sich Mitte Juni in Wien auf die Regeln (Fachausdruck: "Regelwerk") für eine "gemäßigte Kleinschreibung".
Wird diese Reform verwirklicht, so werden nur noch Sätze wie "Ich habe liebe genossen" und "Der arme floh" zu Papier gebracht. Denn groß geschrieben werden dann im wesentlichen nur noch Eigennamen sowie die ersten Wörter von Sätzen, von Überschriften (Beispiel: Fünf verletzte bei unfall) und von Buch- oder Filmtiteln (Die wüste lebt), das Anredepronomen "Sie" und einige Abkürzungen. Drei von vier Wörtern, für die heute große Anfangsbuchstaben verlangt werden, sind dann klein zu schreiben.
Die Debatte um eine Rechtschreibreform dieser Art beschäftigt Fachleute und in Intervallen auch die Öffentlichkeit schon ein Vierteljahrhundert lang, seit 1958 ein bundesdeutscher Arbeitskreis entsprechende "Wiesbadener Empfehlungen" beschlossen hat. Nun aber scheint die Entscheidung für oder gegen diese Reform relativ nahe zu sein.
Bislang konnten sich die Befürworter vor lauter Entwürfen nicht einigen, und die staatlichen Instanzen der deutschsprachigen Länder waren außerstande, einen gemeinsamen Beschluß zu fassen. Insbesondere ließ die DDR mit jahrzehntelangem amtlichem Schweigen und dem Fernbleiben von Expertentagungen völlig offen, wohin sie tendierte. Doch eine Reform kann es, so die einhellige Ansicht im Westen, nur entweder für alle vier Länder gemeinsam oder überhaupt nicht geben.
In Wien aber trat der DDR-Germanist Dieter Nerius (Universität Rostock) als entschiedener Reformer auf. Er verfocht offenkundig die Staatsdoktrin seines Landes.
An zwei anderen Ländern würde die Reform kaum scheitern. In Österreich ist eine ministerielle Rechtschreib-Kommission überwiegend mit Befürwortern besetzt, und das Unterrichtsministerium will den Wiener Reformvorschlag alsbald den Regierungen der anderen Länder übermitteln und um Entscheidungen bitten. Und der Schweizer Bundesrat Hans Hürlimann hat jüngst amtlich mitgeteilt, seine Regierung werde jedem Beschluß zustimmen, auf den sich die anderen Länder einigten.
In der Bundesrepublik hingegen ist zumindest mit Schwierigkeiten zu rechnen. Eine Reform müßte von den Kultusministern aller elf Bundesländer einstimmig beschlossen werden, und die Widerstände sind nirgends so hartnäckig S.143 wie hierzulande. Die Auseinandersetzung wird seit eh und je wie ein Glaubenskrieg geführt.
Die Verfechter der gemäßigten Kleinschreibung stehen den Befürwortern einer "modifizierten Großschreibung" gegenüber. Jahrzehntelang bekämpften sich die beiden Parteien, als gelte es, die deutsche Sprache vor der Zerstörung zu retten. Erst in den letzten Jahren hat die Auseinandersetzung einiges an Schärfe verloren, und wechselseitig werden die internen Sitzungen besucht.
An den kontroversen Standpunkten haben diese milderen Umgangsformen nichts geändert. Im Kern geht es darum, ob die Substantive künftig groß oder klein geschrieben werden sollen.
Die Großschreiber sind derzeit bemüht, den Vorsprung der Kleinschreiber aufzuholen und Ende Juli ebenfalls ein Regelwerk vorzulegen.
Das Hauptargument der Kleinschreiber ist, die Rechtschreibung solle "von dem unnötigen Regelballast befreit werden, der eine Wortart - die Substantive - gegenüber den anderen durch Großbuchstaben hervorhebt und der zu einer hohen Fehlerquote bei einem Großteil der Bevölkerung führt". So formuliert es Wolfgang Mentrup, Rechtschreib-Experte im Mannheimer Institut für deutsche Sprache und neben Gerhard Augst, einem Ordinarius für Germanistische Linguistik an der Gesamthochschule Siegen, der Wortführer in der Kontroverse.
Das Hauptargument der Großschreiber gegen diese Reform ist laut Otto Nüssler, Geschäftsführer der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache und Gegenpol zu Mentrup und Augst, die "erschwerte Lesbarkeit aller Texte für den Normalverbraucher, der mindestens zehnmal mehr liest als schreibt". Die großen Buchstaben seien als Orientierungshilfe unentbehrlich.
Beide Seiten berufen sich auf prominente Vorläufer und Sympathisanten. Schon die Märchen-Brüder Grimm waren geteilter Meinung. Jacob schrieb viele Arbeiten klein, Wilhelm groß.
Von den Gegenwartsautoren werden Thomas Mann und Hermann Hesse von den Groß-, Max Frisch und Heinrich Böll von den Kleinschreibern am häufigsten zitiert. Böll bekannte, daß er seine Frau "in fragen der groß- und kleinschreibung immer noch und immer wieder um rat fragen muß, und das seit nunmehr fast 30 jahren".
So kontrovers die künftigen Reformen auch diskutiert werden, so einig sind sich zumindest die Fachleute darüber, daß die gegenwärtigen Rechtschreib-Regeln mehr schaden als nützen.
Auch Akademiker aller Sparten können schwierige Sätze kaum fehlerfrei schreiben. Das haben viele Tests bewiesen, bei denen Texte entweder diktiert S.145 werden oder bei denen die fehlenden - kleinen oder großen - Buchstaben einzusetzen sind, wie in der folgenden Passage (aus dem Buch von Wilhelm Hiestand "Rechtschreibung - Müssen wir neu schreiben lernen?"):
"Versuchen Sie, _ichtiges und _alsches voneinander zu scheiden. Es ist sicher ein _eichtes, jemanden mit diesen Regeln aufs _rockene zu setzen. Denn es ist nichts _eichtes, ohne _eiteres alles _eitere richtig zu lösen.
"Zeit und Intelligenz sollten besser für etwas _nderes, für etwas _ichtiges und _esonderes eingesetzt werden.
"Es ist das _este, bis zum _etzten zu gehen, um die Sinnlosigkeit dieser Regeln aufzuzeigen, sie bis zum _etzten fragwürdig zu machen. Zu guter _etzt kann schließlich niemand bis ins _etzte alle diese Spitzfindigkeiten beherrschen. Seien Sie auf das _ußerste gefaßt, erschrecken Sie aber nicht auf das _ußerste."
( Die Schreibweise nach heutigen Regeln: ) ( Richtiges und Falsches, leichtes, ) ( trockene, Leichtes, weiteres, Weitere, ) ( anderes, Wichtiges und Besonderes, ) ( beste, Letzten, letzten, Letzt, letzte, ) ( Äußerste, äußerste. )
Klein- wie Großschreiber haben sich bemüht, viele Fehlerquellen zu beseitigen und verständliche Regeln zu finden. Doch jede der Parteien stieß auf Grenzen, die der Vereinfachung gesetzt sind.
Das Problem der Kleinschreiber sind die Eigennamen, die sie als einzige Wortgruppe weiterhin groß schreiben wollen. Aber bislang hat noch niemand überzeugend zu definieren vermocht, was ein Eigenname überhaupt ist, und auch die Reformer wagten es nicht.
Sie behalfen sich mit einer langen Liste, die sie zum Bestandteil ihres Regelwerks machten.
Groß geschrieben werden demnach unter anderem Personennamen, von Vor- und Familiennamen bis zu Spitznamen (Karl-Heinz Rummenigge, Holbein der Jüngere, Schätzchen), Namen von Personen aus der Religions-, Mythen- und Märchenwelt (Christus, Venus, Rotkäppchen), Namen einzelner Tiere und Pflanzen (Bello, Gerichtslinde), Namen von Erdteilen, Ländern, Städten, Landschaften, Straßen und Gebäuden, von Sternen und Sternbildern, von Schiffen und Zügen (Meteor, Blauer Enzian), von Parteien, Behörden, Betrieben und Zeitungen. Groß geschrieben werden sollen auch Kurzformen von Namen (Beethovens Neunte).
Hingegen werden beispielsweise nicht zu den Namen gezählt und deshalb klein geschrieben: Bezeichnungen für Völker, Sprachen, historische Ereignisse (die französische revolution), Feier- und Wochentage sowie Monate, Berufe und S.148 Ränge, Produkte und Waren, Krankheiten, Getränke und Maßeinheiten.
Das führt dazu, daß es nach dieser Rechtschreibung Dänemark gibt und dänen, einen bundeskanzler und ein Bundeskanzleramt, den papst und die Evangelische Kirche in Deutschland.
Der Teufel existiert nur als teufel, weil auf ihn keine Regel paßt, während nicht minder fiktive Gestalten wie Minerva und Schneewittchen eingeordnet werden können und groß geschrieben werden.
Schwierig dürfte es immer dann werden, wenn ein Wort mal als Name groß, mal als Gattungsbegriff klein geschrieben werden soll. So ist zu unterscheiden zwischen dem Hauptbahnhof in Hamburg und den hauptbahnhöfen als Treffpunkten für Gastarbeiter, zwischen der Erde als Planet und der erde, in der gegraben wird, zwischen dem Judas, der laut Bibel Jesus verraten hat, und dem judas, als der sich einer entpuppt.
In die Grauzone unscharfer Übergänge sind auch Gott und die götter geraten. Nach den Wiener Regeln wird nur Gott groß geschrieben, die für Christen gleichwertigen Synonyma wie allmächtiger, herr und schöpfer hingegen nicht.
Dem Durchschnittsbürger, der Namen und Nicht-Namen kaum auseinanderzuhalten vermag, kommen die Kleinschreiber entgegen: Er darf in entsprechenden Fällen das Wort groß oder klein schreiben (siehe Kasten Seite 145).
Weitere Probleme kündigen sich bereits an. Aus politischen wie aus kommerziellen Gründen wird es zu einer Vielzahl von Ausnahmen kommen.
Die DDR-Experten ließen in Wien den Hinweis in das Regelwerk aufnehmen, daß historische Ereignisse, wenn sie als Namen verstanden werden, groß geschrieben werden können. Der großen sozialistischen oktoberrevolution von 1917, die eigentlich klein geschrieben werden müßte, sind die Großbuchstaben deshalb heute schon sicher.
Und die Regel, Produkte und Waren seien klein zu schreiben (volkswagen, persil, fiat), kann durch Eintragung von großen Anfangsbuchstaben ins Handelsregister in jedem Einzelfall außer Kraft gesetzt werden.
Die Großschreiber-Partei steht vor einem ähnlichen Definitions- und Grenzproblem. In dem Entwurf, den sie derzeit in den eigenen Reihen kursieren läßt, besteht sie darauf, daß alle Substantive groß geschrieben werden; sie hat es aber vermieden, diesen Begriff zu definieren oder das Wort "Substantiv" überhaupt zu erwähnen.
Die Großschreiber hatten dafür allen Grund, denn sie hätten sich nur in Schwierigkeiten gebracht. Spötter zitieren gern einen Zirkelsatz: Groß geschrieben werden nur Substantive, und Substantive sind daran zu erkennen, daß sie groß geschrieben werden.
Die Regel-Autoren halfen sich mit der sogenannten Artikelprobe aus der Klemme: Ein Wort soll groß geschrieben werden, wenn es mit Artikel gebraucht wird oder gebraucht werden kann.
Daß mit der modifizierten Großschreibung einige Rechtschreib-Klippen beseitigt, aber viele verewigt und einige neu entstehen würden, zeigen Beispiele aus den Sammlungen der Befürworter dieser Reform:
Sich eines Besseren besinnen; man kann das Eine tun, ohne das Andere zu lassen; ans Drum und Dran denken; im Voraus; etwas ins Reine bringen; vom ersten Besten bestellen; es bis zum Äußersten kommen lassen; sie ist seit Kurzem krank; hinter Allem steht die Kostenfrage; wir tun unser Bestes; er tut alles Mögliche.
Einige Gegenüberstellungen zeigen Risiken nicht nur für Schüler an:
Das Ganze ist mir neu, das alles ist mir neu; die Krankheit macht ihn bange, die Krankheit macht ihm Bange; die Firma macht Bankrott, die Firma geht bankrott. Alle Probleme, die in solchen Wörtern und Sätzen stecken, gibt es bei der gemäßigten Kleinschreibung nicht.
Ob dies die deutschen Kultusminister beeindruckt, steht dahin. Sie haben bislang keinen klaren Kurs gesteuert.
Im Jahre 1973 sprachen sie sich so einstimmig, wie es ihre Statuten verlangen, "für die alsbaldige Durchführung einer gemäßigten Rechtschreibreform auf der Grundlage der ''Wiesbadener Empfehlungen''" aus. Drei Jahre später aber politisierten sie das Thema auf ihre Art. Nun befürworteten die SPD-Minister die gemäßigte Kleinschreibung, die CDU/CSU-Minister die modifizierte Großschreibung.
Bleibt es dabei, dann bleibt alles beim alten.
Denn würde die Konferenz der Kultusminister nur das beschließen können, worüber sich die bundesdeutschen Rechtschreibreformer einig sind, so wäre das allzu wenig.
Kernpunkt wäre dann lediglich, daß bei Anreden in Briefen, auf Wahlplakaten und in Kirchengebeten nur noch das "Sie", aber nicht mehr auch das "Du" groß geschrieben wird.
S.145 Die Schreibweise nach heutigen Regeln: Richtiges und Falsches, leichtes, trockene, Leichtes, weiteres, Weitere, anderes, Wichtiges und Besonderes, beste, Letzten, letzten, Letzt, letzte, Äußerste, äußerste. *

DER SPIEGEL 26/1982
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