28.06.1982

Walter Boehlich über Benno von Wiese: „Ich erzähle mein Leben“

Die bedingte Karriere Walter Boehlich, 60, war Cheflektor des Suhrkamp Verlages und lebt als Publizist und Übersetzer in Frankfurt. In der Autobiographie des Germanisten Benno von Wiese, 78, fehlen Attacken auf Boehlich nicht: „Von jeher ein zur bösen Satire begabter Widersacher“, der aus „Mücken Elefanten“ mache und „außerhalb der Universität“ stehe. Dem „hochbegabten Schüler von Ernst Robert Curtius“ sei, so von Wiese säuerlich, „der Weg in die akademische Laufbahn“ nicht geglückt.
Schön wäre es, wenn man Benno von Wieses Lebenserinnerungen einfach beiseitelegen oder -lassen könnte als ein schlecht geschriebenes, geschwätziges, gleichgültiges Buch, zu dem der Autor sich durch seine Eitelkeit hat verführen lassen, womöglich auch durch den Wunsch, sich wenigstens selbst das Denkmal zu setzen, das ihm sonst keiner setzen mag.
Man kann es nicht, weil Benno von Wiese eine Art Leitfossil ist, das uns zu mancherlei Erkenntnissen über das verhilft, was deutsche Kontinuität ist, über politische, gesellschaftliche und eben auch persönliche Gegebenheiten der letzten achtzig Jahre, über das Unheil, das die anzurichten pflegen, die sich mit voller Naivität als unpolitisch hinstellen und immer die schönen, leeren Versatzstücke zur Verfügung haben, wenn sie etwas durchsetzen wollen, was mit allem weniger zu tun hat als mit Politik.
Benno von Wiese hat in seinem Fache, der neueren deutschen Literaturgeschichte, lange Zeit eine erstaunende Rolle gespielt und viele, zu viele Fäden in seinen Patschhändchen gehabt. Kein anderer, vermutlich, war so produktiv, kein anderer hat so viele Schüler produziert, kein anderer hat solchen Einfluß auf die Lehrstuhlbesetzung genommen, und das alles, obwohl er wenig zu lehren und wenig zu sagen hatte und außer den Oberlehrern sich niemand so recht für die Früchte seiner Feder erwärmen mochte. Natürlich war er nicht "die" deutsche Germanistik, aber mit dem, was sie in Mißkredit gebracht hat, hat er sehr viel zu tun.
Nicht weil er der Beste war, hat er diese Karriere gemacht, sondern er hat sie nur unter den Bedingungen seit 1933 überhaupt machen können. Sein Fach, immer schon nationalistisch zentriert, zu lange dem blanken Irrationalismus verfallen, hat mit dem deutschen Faschismus nur geringe Schwierigkeiten gehabt. Aus seinem Zeughaus stammt ein großer Teil der Nebelgranaten, die die Nazis zu verschießen pflegten. Sie hatten sich das ja nicht selber ausgedacht, sondern es an deutschen Universitäten gelernt oder sich über deutsche Universitäten vermitteln lassen.
Ohne die Machtergreifung wäre Benno von Wiese einer unter vielen geblieben, vielleicht für immer in Erlangen, aber dann geschah, was seiner Laufbahn zu Hilfe kam. Zuerst die Arisierung, dann die Abwanderung der wenigen republikanisch Denkenden, schließlich die Entnazifizierung. Was 1945 übriggeblieben war, waren im Prinzip solche, die weder für die Nazis noch für die befohlene Demokratie ganz unerträglich waren, das heißt: das alte Fach ohne kruden Faschismus, aber auch ohne Antifaschismus. Man war endlich unter sich, man konnte weitermachen, und das Überleben wurde zur Rechtfertigung des "damals Üblichen".
Das war die Stunde Benno von Wieses. Anderen etwas vorzuwerfen, mußte er sich außerstande sehen; auch sich selbst warf er nichts vor und wünscht bis heute nicht, daß ihm etwas vorgeworfen werde. Ein Nazi war er ja nicht gewesen, nur ein Mitläufer, oder, was er lieber hören mag, ein Irrläufer, weil er nämlich schnell, im April 1933, in die NSDAP eingetreten war, um von innen Schlimmeres zu verhüten, auch aus Lebensangst, ohne doch mit der braunen Ideologie etwas zu tun zu haben - glaubt er. Bis heute scheint ihm nicht klargeworden zu sein, wie nahe er und seine Disziplin dem Faschismus von Anfang an gewesen sind.
Aus guten Gründen ist der böse Blick, der zunächst fast ausschließlich auf der Germanistik ruhte, auch auf die Jurisprudenz, die Medizin, die Naturwissenschaften gewandert, oder auf die Historie, und mit ebenso guten Gründen interessieren wir uns ein wenig mehr für die Lebensschicksale der Opfer und der Widerstehenden als für die der Täter und Mitmacher; aber wenn nun einer kommt und so unverhohlen aus dem Nähkästchen plaudert, mit einem Rest schlechten Gewissens allerdings, allemal jedoch wieder erklärlich und entschuldbar findet, was er selbst verschuldet hat, kann man seine Selbstrechtfertigung eben nicht beiseitelegen oder -lassen.
Es ist ein Irrtum anzunehmen, daß die Zeit Wunden solcher Art heile und daß mit den Jahren alles erträglicher würde. Es wird, je mehr Jahr vergehen, nur immer unerträglicher, weil die Erleichterung, die Verbrechen des Nazismus überlebt zu haben, einer detaillierteren Kenntnis des Ausmaßes dieser Verbrechen weicht.
Die Legende von dem armen, irregeleiteten Volk und den paar Gangstern an der Spitze läßt sich nicht länger aufrechterhalten. Sowohl um das Klima des Nazismus zu erzeugen, als auch um den Eindruck zu erzeugen, daß da 99 Prozent hinter Hitler standen, bedurfte es der Mit- und Irrläufer.
Benno von Wiese bereut heute, daß er, ohne Nazi gewesen zu sein, den Irrlehren der Nazis Vorschub geleistet habe. Im gleichen Atemzuge freilich versichert er, er sei niemals bereit gewesen, das Opfer des Intellekts zu bringen. Das überzeugt mich nicht.
Vor 1933 war er, eigenen Angaben nach, eng mit Richard Alewyn (sein Name sei gelobt!) und sehr eng mit Hannah Arendt befreundet. Alewyn verliert sofort seinen Heidelberger Lehrstuhl, Hannah Arendt emigriert, und ihr gemeinsamer Freund schließt sich der widerlichsten Antisemitenpartei an, die es je gegeben hat.
Er hatte, wenn man seine alten Arbeiten ernst nehmen soll, immer schon etwas gegen die "jüdische Geistigkeit" in der modernen deutschen Literatur gehabt, so daß ihm 1933 nicht als Verrat erschienen sein wird, was ihm heute als solcher erscheint. Er war weder aufgeklärt noch kritisch, weder tapfer noch S.154 mutig, sondern allenfalls ein Genie der Anpassung - wenn es dazu des Genies bedürfte.
Die Entnazifizierung hat er mit geringen Blessuren überstanden, aber irgendwann kam der Tag, an dem die ehemaligen Freunde sich wieder meldeten. Sie scheinen ihm verziehen zu haben, bis zu einem Ereignis, bei dem Benno von Wiese sich hätte "bewähren" können, zeigen, daß er nicht länger mit dem großen Haufen, sondern mit denen sympathisierte, die etwas gelernt hatten aus der deutschen Geschichte und der Geschichte der deutschen Philologie.
Das war in den berühmten Sechzigern, als Studenten und jüngere Professoren, wohl auch ein paar Außenstehende, verlangten, daß endlich ein Stück miserabler Vergangenheit aufgearbeitet und ein paar Konsequenzen gezogen werden müßten.
Niemand wird sich wundern, daß Benno von Wiese wieder auf seiten der Beschwichtigenden, Abwiegelnden stand, denn sich auf die Seite der Rebellen zu stellen, das hätte geheißen, Einfluß zu verlieren, die Kontinuität, deren höchsttragender Vertreter er war, zu zerstören. Darüber und über nichts sonst ist die mühsam gekittete Freundschaft mit Alewyn schließlich zerbrochen.
Benno von Wiese scheint in den ihm gesetzten Grenzen darunter gelitten zu haben, aber die Art, in der er das Unverständliche zu erklären sucht, beweist, daß er wieder einmal nichts begriffen hat. Alewyn, meint er, habe die Produktionsversprechen seiner Jugend nicht eingelöst und sei neidisch auf ihn, den so ungleich Produktiveren, gewesen. Er teilt auch mit, was Alewyn zu solchen Erwägungen bemerkt habe: "Ja, du schreibst, und ich denke." So ist es gewesen, und damit hängt zusammen, S.155 daß die wenigsten Denkenden Benno von Wieses Schriften auch nur einmal lesen, während sie Alewyns an Umfang so viel geringeres Werk immer erneut zur Hand nehmen.
Es hat diese beiden Germanisten noch anderes getrennt. Alewyn war nicht geschaffen für die Groß-Universität und schon gar nicht geschaffen dazu, ein Groß-Ordinarius zu werden. Benno von Wiese dagegen war diese Rolle auf den Leib geschrieben. Es hat ihn keine sonderliche Mühe gekostet, redend und schreibend Banalitäten zu produzieren, hier zu verwalten, dort zu reagieren, immer jovial, immer voller Bonhomie - in des Wortes wahrer Bedeutung -, ein Wanderprediger seines wenig gebildeten Faches.
Hat er sich einmal gesagt, welchen Schaden diese Ämter- und Machtakkumulation angerichtet hat? Daß es der reine Unsinn war, immer mehr Studenten an sich zu ziehen, so viele, daß er sich um keinen mehr richtig kümmern, ihre Examensarbeiten, bis auf die Dissertationen, längst nicht mehr selbst lesen konnte? Hat er einmal nach Reformen verlangt, als diese noch Erfolg versprochen hätten? Nein, all das natürlich nicht; er war verliebt in seine "Everybody's-darling-Rolle", er genoß sie, wohl wissend und hoffend, daß keiner wie er mehr nachkommen werde. Zu unser aller Glück.
Obwohl er, wie gesagt, nicht tapfer war, hat er auf seine Weise dennoch bisweilen gekämpft. Nicht bloß für Berufungen. Das wäre eine läßliche Sünde. Sondern auch dafür, daß möglichst nicht in aller Öffentlichkeit von den engen Verbindungen der Germanistik mit Nationalismus, Chauvinismus und Nationalsozialismus diskutiert werde.
Mit der konservativen bis reaktionären Mehrheit seines Verbandes hat er erzwungen, daß aus dem für den Münchner Germanistentag vorgeschlagenen Generalthema "Nationalsozialismus und Germanistik" die Wassersuppe "Nationalismus in Germanistik und Literatur" gemacht wurde. Nur keine Konfrontation, nur keine Klarheit und keine Wahrheit, lieber verwesende Leichen im Keller.
Nur aus solchen Gründen muß man sich dies Buch vornehmen, aber doch nicht seiner peinlichen und taktlosen Klatschgeschichten wegen, die aus Wissenschaftsgeschichte ein Plauderstündchen von Unmündigen und für Unmündige machen; ein Buch, das vor keiner Plattheit und keiner Albernheit zurückschreckt, in dem einer sein Leben erzählt, der im Ernste nichts zu erzählen hat und nicht einmal erzählen kann, dessen Autor sich ständig desavouiert durch seinen vollkommenen Mangel an methodischem Denken, der noch stolz darauf ist, keine Methode gehabt zu haben, bis auf die, versteht sich, das schlechte Bestehende für eine halbe Ewigkeit mit dem Lehm seiner Vorwissenschaftlichkeit zu verfestigen.

DER SPIEGEL 26/1982
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