21.09.1981

RAF:„Brutaler Vollzug, Stich um Stich“

Nach den Anschlägen von Heidelberg und Ramstein rechnen die westdeutschen Sicherheitsbehörden mit einer Terrorwelle. Die schon totgeglaubte „Rote Armee Fraktion“ schießt wieder. Dabei nehmen die Attentäter ungewöhnliche Risiken in Kauf: Sie halten unbeirrt an Aktionsplänen fest, die der Polizei schon bekannt sind.
Im Heidelberger "Karmeliter-Wäldchen" zwischen Schloß und Neckar trafen in einem Wagen mit österreichischem Kennzeichen Camper ein, drei Männer und eine Frau. Sie hatten ein Iglu-Zelt und Schlafsäcke bei sich, Werkzeug, CB-Funkgerät (Typ: ptt marc) und Proviant.
Auf abschüssigem Gelände richteten sie sich ein. Ins Gehölz schlugen und sägten sie eine Schneise, so daß der Blick frei war auf Neckar und Bundesstraße 37.
Tagelang verbrachte die Gruppe, mal nur einer, mal alle vier, an dieser Stelle. Dann, am Dienstag vergangener Woche, kam über CB-Funk ein Signal vom gegenüberliegenden Schleusenhaus. Sie legten Brötchen und Joghurt zur Seite und griffen zu den Waffen.
Eine russische Panzerfaust vom Typ RPC-7W und acht Schüsse aus einer Maschinenpistole demolierten einen hellgrünen Mercedes 450. Insassen: General Frederick James Kroesen, Oberbefehlshaber der 200 000 Mann starken US-Armee in Europa, und Begleitung.
Der General hatte Glück. Eine zweite Granate traf nicht, die erste nur den Kofferraum der Limousine. Die MP-Salve vermochte die gepanzerte Karosserie nicht zu durchschlagen.
Weil die Panzerfaust-Granate Zentimeter hinter der Seitenscheibe einschlug, kamen Kroesen und seine Ehefrau mit leichten Schnittwunden davon; sein Adjutant und der Fahrer blieben unverletzt. "Wenn die richtig getroffen hätten", so Günter Ermisch, Vizepräsident des Wiesbadener Bundeskriminalamts (BKA), "wären die alle weg gewesen."
Wie schon nach dem Anschlag auf die US-Basis Ramstein (SPIEGEL 37/ 1981), bei dem, zwei Wochen zuvor, zwanzig Menschen verletzt wurden, meldete auch diesmal die Rote Armee Fraktion (RAF) in einem Bekennerbrief (Poststempel: Aschaffenburg) Urheberrechte für den Mordversuch an: "Heute haben wir mit dem Kommando Gudrun Ensslin den Oberkommandierenden der US-Army und des Nato-Abschnitts Europa Mitte, General Kroesen, angegriffen."
Und wie nach Ramstein, als in Wiesbaden Autos von GIs abbrannten, folgte auch diesmal anderntags eine Anschlußtat -- der fünfte Anschlag gegen amerikanische Militäreinrichtungen in zweieinhalb Wochen: Auf einem Schienenstrang, der zum US-Luftstützpunkt am Frankfurter Flughafen führt, entdeckte ein Soldat zwei mit je sechs Kilogramm Sprengstoff gefüllte und mit Zeitzündern versehene Feuerlöscher.
Die Bomben, die innerhalb einer Stunde explodiert wären und dann wahrscheinlich auch eine 20 Meter entfernte Brücke der Autobahn Frankfurt--Mannheim zerstört hätten, wurden gerade noch rechtzeitig entschärft.
Während General Kroesen Stunden nach dem Mordanschlag ulkte, er sei "froh, daß die keine amerikanischen Waffen benutzt haben", machten Terroristenfahnder sich und andere auf Schlimmeres gefaßt. Innenminister Gerhart Baum (FDP) bekundete öffentlich Furcht vor neuen Anschlägen. Generalbundesanwalt Kurt Rebmann eilte zum Tatort nach Heidelberg und teilte mit, die Schar der RAF-Sympathisanten wachse wieder.
Die Schüsse auf Kroesen fielen zwei Tage nach den Chaoten-Aktionen beim Besuch von US-Außenminister Alexander Haig in Berlin. Auf Flugblättern, die aus dem Berliner Untergrund emporflatterten, war vom mißglückten RAF-Bombenanschlag gegen Haig vor zwei Jahren mit Bedauern dieser Art die Rede: "2,7 Sekunden zu spät."
BKA-Vize Ermisch fürchtet, sein Amt werde bald "einer Welle von Gewalt gegenüberstehen", und gefährliche Konstellationen kann er sich ganz konkret vorstellen: Wenn beispielsweise ein Friedensdemonstrant bei Auseinandersetzungen mit der Polizei getötet würde, könnten RAF-Leute jenen Zulauf bekommen, der bis jetzt noch ausgeblieben ist. Ermisch: "Benno-Ohnesorg-Effekt."
Erste Kripo-Analysen der Gewalttaten der vergangenen 16 Tage sind bedenklich genug. Neun Jahre nach den ersten tödlichen Anschlägen auf US-Stützpunkte in Frankfurt und Heidelberg geht eine Phase terroristischer Unauffälligkeit zu Ende, die manche schon für den Exitus der Szene hielten. Eine neue Aktionsperiode zeichnet sich ab, obwohl der Kern der Terrorgruppen durch die Fahndung und durch Aussteiger geschwächt wurde.
Terrorismus-Bekämpfer gehen davon aus, daß
* Mitglieder der mittlerweile fusionierten terroristischen Vereinigungen RAF und "2. Juni" von der Planung systematisch zum Vollzug von Gewalttaten übergehen;
* voneinander unabhängige "Revolutionäre Zellen" nach RAF-Anschlägen mit Signalwirkung ihrerseits Gewaltaktionen verüben;
* Top-Terroristen, die sich ins Ausland abgesetzt hatten, wieder in der Bundesrepublik aktiv werden. S.23
Hinzu kommt eine bislang unbekannte Risikobereitschaft westdeutscher Terroristen: Sie halten sich strikt an Pläne, die der Polizei längst bekannt sind -- und obgleich sie wissen, daß diese Pläne der Polizei bekannt sind. Ein BKA-Ermittler: "Brutaler Vollzug, Stich um Stich."
"Verblüffende Planungstreue" ergab sich für Fahnder aus den Bekennerbriefen zu Heidelberg und Ramstein. Ganz offenbar waren die Schriftstücke schon im voraus mit Schreibmaschine gefertigt worden; nach Vollzug wurden nur noch die Daten der Tatausführung eingetragen.
Erstaunlich: Jene komplexen kriminalistischen Puzzles aus Indizien, Geständnissen und Hypothesen, die in der Hochphase des westdeutschen Terrorismus erst nach Aktionen mühselig zusammengetragen werden mußten, sind nun schon vor Anschlägen weitgehend zusammengesetzt -- und die Taten geschehen gleichwohl.
So hatten Sicherheitsbeamte schon lange Spuren aufgenommen, die sämtlich in eine Richtung wiesen: daß Terroristen es auf US-Basen und amerikanische Top-Militärs abgesehen haben.
Zuletzt fanden sich, im vergangenen Oktober in einer konspirativen Wohnung in Heidelberg-Rohrbach, deutliche Anspielungen in einem "Strategiepapier" der RAF-Leute um Christian Klar, Adelheid Schulz und Brigitte Mohnhaupt. Kernsatz: "Ein OFF (Offensive) auf verschiedenen Ebenen: auf der mil. gegen US-Armee und BUWE (Basen) und Typen."
Schon zuvor waren nach den Erkenntnissen des damaligen BKA-Chefs Horst Herold im Raum zwischen Stuttgart und Heidelberg 18 RAF-Mitglieder in neun Fahrzeugen "im vorbereitenden Einsatz gewesen, um eine Nato-Basis anzugreifen". Nur ein Autounfall bei Bietigheim, bei dem zwei Mitwirkende, Juliane Plambeck und Wolfgang Beer, ums Leben kamen, verhinderte damals, "fünf Minuten vor zwölf" (Herold), die Aktion.
Vom Unfallwagen in Bietigheim führte eine Spur zu der Rohrbacher Wohnung, wo vier Tausendmarkscheine, elf Fünfhundertmarkscheine und rund 100 000 französische Franc entdeckt wurden, die aus dem Lösegeld einer Entführung stammten: Juliane Plambeck war eine jener Frauen gewesen, die 1977 den Wiener Strumpfkönig Michael Palmers gekidnappt und dann von ihm 4,5 Millionen Mark erpreßt hatten.
Daß "die Kriegskasse noch voll" war, beunruhigte die BKA-Fahnder nicht allzusehr. Als alarmierend wurden andere Asservatenfunde eingestuft: detaillierte Pläne und Skizzen vom Nato-Flugplatz Ramstein in der Pfalz und topographische Karten von Heidelberg.
Unter den Materialien von Rohrbach schreiben die Fahnder vor allem dem Strategiepapier Schlüsselbedeutung zu; es wird als "Handlungsanweisung an alle Gruppierungen, die sich Vorbereitungen und Aktionen zutrauen", verstanden. Ein Ermittler: "Die Bibel ist da."
Daß, wie im Fall Ramstein, auch in Heidelberg Vollzug bevorstand, wußten S.24 Beamte des baden-württembergischen Landeskriminalamts (LKA). Tage vor dem Anschlag nämlich hatte US-General Kroesen selber dem LKA mitgeteilt, daß er auf der Bundesstraße 37, in der Nähe des Tatorts, von einem motorradfahrenden Paar beobachtet worden sei.
Ermittlungen ergaben, daß die Honda mit einem gefälschten Kennzeichen (HD -- LD 291) versehen war. Und wie genau das Bild war, das sich die Terroristenfahnder machten, war sogar schon am 14. Juni "n einem Lokalblatt, der "Rhein-Neckar-Zeitung", nachzulesen: Auf" " einen oder mehrere ranghohe Offiziere des Hauptquartiers der " " amerikanischen Landstreitkräfte in Europa (USAREUR) in der " " Heidelberger Römerstraße war bzw. ist ein terroristischer " " Anschlag geplant, dessen Vorbereitungen bereits konkrete " " Formen angenommen haben. Sicheren Informationen zufolge " " sollte demnach, oder soll, falls der Plan weiterverfolgt " " wird, ein US-Offizier auf dem Weg von seiner Wohnung zum " " Hauptquartier ... überfallen werden. Anzeichen sprechen " " dafür, daß die Tat vor Dienstbeginn ausgeführt werden " " sollte. "
Zwar wußten Staatsschützer vergangene Woche trotz solcher Vorab-Erkenntnisse nicht genau, "wer im einzelnen" die Anschläge dann verübt hatte. Im dunkeln blieben auch die Mitglieder revolutionärer Zellen, denen das Gros der insgesamt zehn Anschläge gegen westdeutsche US-Militäreinrichtungen in diesem Jahr zugeordnet wird.
Gesichert war aber, daß in Heidelberg und Ramstein dieselben geschossen und gebombt hatten. Fahnder wähnten sich über die "Identität des Täterkreises" im klaren, meinten zu erkennen, wer bei den Anschlägen im Untergrund die Fäden gezogen haben könnte.
Unmittelbar vor dem Ramsteiner Anschlag wurde an einer Autobahn-Baustelle bei Stuttgart ein roter Ford Escort GL, Baujahr 1975 bis 77, geblitzt, der zu schnell gefahren war. Die Photofalle lichtete Nummernschild (K -- AJ 4819) und Fahrer von vorne ab (siehe Photo unten).
Der Fahrzeughalter konnte allerdings nachweisen, daß er an jenem Tag nicht auf der betreffenden Autobahn gefahren war; die Terroristen, so schien es, hatten sich nach alter RAF-Praxis sein Kennzeichen noch einmal prägen lassen und mißbraucht.
Mit Hilfe sogenannter gesichtsmetrischer Auswertungen machte sich das BKA schließlich ein Bild, wer auf dem Verkehrsphoto der Mann am Steuer gewesen sein könnte: Christian Klar, jener seit den Morden an Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer gesuchte Top-Terrorist, der den Zielfahndern des BKA schon zweimal knapp entwischt war.
Eine verdeckte Fahndung nach dem Ford konnte allerdings weder Wagen noch Fahrer beibringen. Augenzeugen des Ramstein-Anschlags, denen die Bilder vorgelegt wurden, waren nicht sicher, den Mann schon einmal gesehen zu haben. Und als Fernsehfahnder Eduard Zimmermann letzten Freitag im ZDF ("Aktenzeichen: XY ... ungelöst") den Radarfall vortrug, meldete sich ein Kölner Zuschauer und erklärte, der Fahrer des fraglichen Ford zu sein.
Dem gedoppelten Kennzeichen habe ein Irrtum bei der Anfertigung der Kfz-Schilder zugrunde gelegen, den er inzwischen aber bemerkt habe. Sein Wagen sei jetzt mit den richtigen Kennzeichen versehen. Das BKA stellte fest: Der Mann hatte recht. Die Fahnder waren ins Leere getappt.
Bei der Suche nach den Regisseuren des Doppelschlags gegen US-Militärs stießen Auswerter in der Abteilung TE (Terrorismus) des BKA auf einen anderen Oldtimer des westdeutschen Untergrunds: die Kindergärtnerin Inge Viett, 37.
Die Aktivistin der frühen "Bewegung 2. Juni" war am 4. August in Paris einer Polizeistreife aufgefallen, weil sie auf dem Motorrad keinen Sturzhelm trug. Als einer der Beamten sie im Montparnasse-Viertel überholt hatte und stoppen wollte, stieg sie ab, zog eine Waffe, feuerte auf den Flic und flüchtete.
Fingerabdrücke der Viett wurden in jener Pariser Wohnung gesichert, in der die Polizei im Mai letzten Jahres die mutmaßlichen Terroristinnen Sieglinde Hoffmann, Ingried Barabaß und drei Komplizinnen verhaftet hatte. Und in dem Unfall-Auto von Bietigheim fanden sich in der Handschrift der Viett Anweisungen für geplante Autodiebstähle.
Inge Viett, davon gehen Fahnder aus, könnte jenes Honda-Motorrad benutzt haben, das nach dem Anschlag von Ramstein in der Nähe des Tatortes aufgefunden wurde. Sie könnte auch jene Honda-Beifahrerin gewesen sein, von der sich General Kroesen beobachtet fühlte.
Und: Einen Tag nach dem Attentat von Heidelberg identifizierten Stuttgarter Bürger die Fahrerin eines blauen VW-Käfers mit falschem Kennzeichen als die Gesuchte; einem Wachposten eines amerikanischen Einkaufszentrums in Bad Cannstatt und US-Militärpolizisten fiel sie gleichfalls auf.
Beide, Inge Viett und Christian Klar, konnten mit der Panzerfaust RPG-7 W S.26 umgehen -- einer vermutlich von der palästinensischen Befreiungsorganisation PFLP gelieferten Waffe, die schon einmal von RAF-Schützen benutzt wurde.
Schon 1975 beschoß der Frankfurter Terrorist Wilfried Böse gemeinsam mit einem Komplizen auf dem Flughafen Paris-Orly eine startende Passagiermaschine der israelischen Fluggesellschaft El Al. Die Granaten trafen allerdings nur ein leeres jugoslawisches Flugzeug. Technische Zeichnungen der 40-Millimeter-Waffe, deren Geschosse auf 150 Meter Entfernung zwanzig Zentimeter dicke Stahlplatten durchschlagen können, fanden sich auch schon mal in einer konspirativen Wohnung.
Daß die letzten beiden Anschläge, trotz eindeutiger Hinweise, überhaupt geschehen konnten, daß die Täter bis Ende vergangener Woche nicht gefaßt wurden, liegt, wieder mal, auch an Fahndungspannen:
Als der wegen Banküberfalls und Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung zu fünf Jahren Haft verurteilte Helmut Pohl aus dem Justizvollzug entlassen wurde, unterwarf ihn das BKA sogleich der "Befa 7", der Beobachtenden Fahndung: Pohl sollte Polizisten zu jenen Aktivisten führen, die damals die Anschläge von Ramstein und Heidelberg vorbereiteten.
Doch obgleich die Observation ständig verstärkt wurde, seit Oktober 1980 durch 30 Beamte, entwischte er. Fingerabdrücke, die später entdeckt wurden, belegen, daß er dort angekommen war, wo er die Kripo eigentlich hinführen sollte: beim harten Kern der RAF.
Dort mischt nun wohl auch eine Mannheimerin namens Gisela Dutzi mit, die gleichfalls trotz Beobachtung abtauchen konnte und seit vergangenem Monat per Haftbefehl gesucht wird. Letzte Spuren von ihr fanden sich in der Rohrbacher Wohnung.
Auf einer Blaupause entdeckten Kriminaltechniker Fingerabdrücke und womöglich einen Hinweis auf den nächsten RAF-Anschlagsort: Die Fingerprints der Dutzi waren auf Lageplänen des US-Stützpunktes "Hammonds-Baracks" in Mannheim.
S.24
Auf einen oder mehrere ranghohe Offiziere des Hauptquartiers der
amerikanischen Landstreitkräfte in Europa (USAREUR) in der
Heidelberger Römerstraße war bzw. ist ein terroristischer Anschlag
geplant, dessen Vorbereitungen bereits konkrete Formen angenommen
haben. Sicheren Informationen zufolge sollte demnach, oder soll,
falls der Plan weiterverfolgt wird, ein US-Offizier auf dem Weg von
seiner Wohnung zum Hauptquartier ... überfallen werden. Anzeichen
sprechen dafür, daß die Tat vor Dienstbeginn ausgeführt werden
sollte.
*

DER SPIEGEL 39/1981
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