22.02.1982

Unheimliche Angst

Immer zuverlässiger entlarven Kontrollen gedopte Sportler. Doch viele Athleten nehmen trotzdem das Risiko auf sich. Aufputschmittel für den schnellen Erfolg wichen dem Langzeitdoping.
Als ein schwedischer Zollbeamter auf dem Stockholmer Arlanda-Flughafen einen Routineblick in das Gepäck des heimkehrenden Gewichthebers Ray Yvander warf, fand er eine Apotheke: In der Bagage waren 1500 muskelstärkende Anabolika-Pillen verstaut.
Yvander hatte in Kalkutta an einer Weltmeisterschaft im Kraftdreikampf teilgenommen. Kurz darauf erfuhr der bundesdeutsche Gewichtheber Max Stamm, daß er beim selben Wettkampf Ende 1981 nachträglich Weltmeister geworden war. Der zunächst mit dem Titel ausgezeichnete Amerikaner Mike Bridges war des Anabolika-Mißbrauchs überführt und daraufhin disqualifiziert worden.
"Doping ist heute eines der größten Probleme im Sport", beklagte der britische Mittelstrecken-Weltrekordler und Olympiasieger Sebastian Coe. "Wenn man es nicht schnellstens löst, kann es den Sport sogar zerstören."
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) setzte jüngst auch Testosteron und Koffein in größerer Dosis auf seine Verbotsliste. Eine Lösung des Doping-Problems ist allerdings nicht in Sicht, obwohl die Veranstalter auf Doping-Proben bei nahezu allen internationalen Titelkämpfen bestehen.
Doch viele Sportler scheuen das Risiko nicht. Professor Dr. Manfred Donike, ein Doping-Experte von internationalem Ruf, nahm 1981 an seinem Kölner Institut für Biochemie 1021 Doping-Analysen vor; 28 fielen positiv aus. Realistisch hofft er auf den "Abschreckungseffekt". Darüber hinaus hätten Kontrollen "die Spitzen abgeschnitten und extreme Mißbräuche weggenommen".
Wenigstens einen Teilerfolg hat die Doping-Bekämpfung zu verzeichnen: Das Wettkampf-Doping, der manchmal lebensgefährliche Mißbrauch von aufputschenden Amphetaminen zum Zweck kurzfristiger Leistungssteigerung, hat beträchtlich nachgelassen. Sie sind zuverlässig nachweisbar. Auch der deutsche Boxmeister Jupp Elze war unter Doping-Einfluß gestorben.
Als Ausnahme gelten die Profiradsportler. Sie dürfen sich nahezu straffrei ruinieren. Auch Doping-Tote wie der Brite Tommy Simpson, der während der Tour de France starb, schrecken die Fahrer offenbar nicht ab.
Der Wiener Sportmediziner Professor Ludwig Prokop hält den Radsport für die "Brutstätte des Doping". Donike, der früher als Profi gefahren ist, ermittelte nach internationalen Rennen 16 Doping-Mogler; nur einen der Sünder holten die zuständigen Funktionäre aus dem Rennsattel.
Für das aktuelle Kernproblem hält Donike muskelbildende Anabolika, die er als "Trainings-Dopingmittel" beschreibt. Die Athleten schlucken sie während der Aufbauphase vor bedeutenden Wettkämpfen und setzen die Muskeldrogen rechtzeitig vor den Wettkampfhöhepunkten ab.
Doch verbesserte Methoden weisen mittlerweile auch Anabolika-Mißbrauch nach, der Wochen zurückliegt. Deshalb stiegen Sportler auf Mittel um, die Testosteron enthalten, das ebenfalls die Muskeln wachsen läßt und zudem auch im Körper erzeugt wird. "Bei Frauen habe ich unheimliche Angst", warnte Donike. Denn das männliche Geschlechtshormon kann Bartwuchs, Baßstimme und ungünstigstenfalls Gebärunfähigkeit bewirken.
Die frühere bundesdeutsche 800-Meter-Meisterin Ursula Hook gab 1981 auf. Die Arzttochter hatte erkannt, daß sie ohne Hormon-Manipulation und die Gefahr unumkehrbarer Langzeitwirkungen nur noch hinter der Ostblock-Konkurrenz herhecheln konnte.
Die drei schnellsten 1500-Meter-Läuferinnen von 1979, eine Bulgarin und zwei Rumäninnen, waren als Doping-Sünderinnen entlarvt worden. Dennoch durften sie beim Olympia in Moskau starten. Die ebenfalls schon einmal überführte DDR-Kugelstoßerin Ilona Slupianek stieß sogar zum Gold vor.
DDR-Nachwuchssprinterin Renate Neufeld flüchtete in die Bundesrepublik, weil sie sich gegen regelmäßiges Doping gesträubt hatte und deshalb aus dem Leistungskader ausgeschlossen worden war. Kürzlich veröffentlichte der bundesdeutsche Gewichtheber-Verband einen sowjetischen Bericht, der Gewichthebern empfahl: "Die Anwendung pharmakologischer S.188 Mittel muß komplex sein."
Der Aufsatz warnte davor, "selbst mit Dopingmitteln zu experimentieren". Zum Doping auf Rezept sind im Ostblock die Sportärzte da; sie gewähren Aufsicht und Kontrolle auch beim Manipulieren. Ein finnischer Journalist wies im kleinen Grenzverkehr nach, wie leicht im sowjetischen Tallin Dopingmittel einzukaufen sind.
Über die Soviet Connection schmuggeln Skandinavier vermutlich Drogen in westliche Städte. Dort erzielen sie wesentlich höhere Preise. Die "Sport-Illustrierte" berichtete von einem Reporter, dem in der Talliner "Ratsapotheke" 1000 Packungen mit Testosteron zum Stückpreis von sechs Mark angeboten worden waren. Hierzulande kosten sie mehr als doppelt soviel.
Eine Fraktion unter westlichen, auch bundesdeutschen Sportärzten befürwortet deshalb, Athleten, die nach Dopingmitteln verlangen, zu beraten und auch zu versorgen. Ihr Argument: Andernfalls schlucken und spritzen die Sportler unkontrolliert und erhöhen das Risiko, sich zu schädigen.
Beim Olympischen Kongreß hatten die gewählten Sprecher der aktiven Athleten einschließlich der Ostblock-Sportler vorgeschlagen, nicht nur überführte Ruderer und Ringer zu disqualifizieren, sondern auch die verantwortlichen Funktionäre, Ärzte und Trainer. Der norwegische Skilanglauf-Olympiasieger Ivar Formo forderte eine internationale Doping-Polizei. Eine vollständige Überwachung wäre freilich nur möglich, wenn ein Antidoping-Team auch unangemeldet etwa im sowjetischen Trainingslager auf der Krim Proben vornehmen dürfte. In der Praxis schränken personeller und finanzieller Mangel die Doping-Bekämpfung ein. Nur vier anerkannte Institute auf der Welt nehmen Proben vor. Eine Analyse kostet bis zu 250 Mark. Zudem fehlt den meisten Sportlern das Unrechtsgefühl in einer Zivilisation, die Pillen gegen jedes Wehwehchen, für und gegen den Schlaf konsumiert wie Zucker und Salz. Sie unterstellen, daß die Konkurrenz sich ebenfalls dopt und machen sich daran, nachzurüsten. Überdies steht fest, daß viele Leistungen, etwa 70 Meter im Diskuswerfen, ohne pharmazeutische Hilfe unerreichbar sind.
Trotzdem wähnten sich gutgläubige Funktionäre 1980 schon kurz vor dem Endsieg gegen die Pillen-Plage. Obwohl nach jedem Wettbewerb der Olympischen Spiele in Moskau alle Medaillengewinner und weitere ausgeloste Endkampfteilnehmer die Teströhrchen mit ihrem Urin gefüllt hatten, war keine Harnprobe positiv ausgefallen.
Dann gelang es den Chemikern im Kölner Donike-Institut, einen künstlich überhöhten Testosteron-Spiegel nachzuweisen. "Mit Genehmigung und im Auftrag der Medizinischen Kommission des IOC" prüften die Kölner 440 Proben von den Winterspielen in Lake Placid und 564 Proben aus Moskau noch einmal. Das Ergebnis: Je nach Toleranzgrenze wiesen 40 bis 89 der Proben aus Moskau, 34 bis 104 aus Lake Placid überhöhte Testosteron-Werte auf.
Tatsächlich deckte die Doping-Fahndung in keinem Jahr mehr Mißbrauch auf als 1981. "Die Athleten haben gar nicht so recht gewußt, was sie zu sich genommen hatten", entschuldigte der bundesdeutsche Gewichtheber-Präsident Wolfgang Peter Doping-Sünder seines Verbandes, die bei den Deutschen Meisterschaften aufgefallen waren.
Vier Stemmer, darunter zwei Junioren, hatten ihre Muskeln mit Anabolika aufgepäppelt, Alois Fasolin, 42, aus Wolfsburg hatte dank eines Aufputschmittels noch eine Bronzemedaille ergattert. "Ich will auf dem Treppchen ganz oben stehen", erfuhr "Bild" vom ertappten Andreas Sollwedel, 22. "Deswegen muß ich weiter dopen."
Im Dutzend waren Boxer, Ruderer und Leichtathleten aus Ost und West in der vorigen Saison in die Doping-Falle getappt. Der unerfahrene US-Diskus-Weltrekordler Benjamin Plucknett hatte sich an einem Sportfest in Christchurch (Neuseeland) beteiligt, ohne zu wissen, daß dort eine Kontrolle bevorstand. Der Weltverband sperrte ihn und strich seinen Rekord.
Als der Testbefund bei Sprinterin Linda Haglund, der schwedischen Olympiavierten von Moskau, positiv ausfiel, räumte sie bereitwillig ein, sie habe von ihrem finnischen Trainer Tabletten gegen chronische Rückenschmerzen erhalten. Der Trainer bedauerte, er habe die S.190 Packungen verwechselt und versehentlich statt der Vitaminpräparate Anabolika verabreicht, die eigentlich seine Nierenschmerzen hätten lindern sollen.
Sogar bei den Weltspielen der Gehörlosen fielen 1981 zwei Doping-Sünder auf. Und als ein bayrischer Gymnasiast bei einem Fitneß-Test in der Schule an einem Herzversagen starb, erfuhr der bayrische FDP-Landtagsabgeordnete Kurt Sieber von Eltern, daß schon Schüler Medikamente zur Leistungssteigerung einnähmen.
Doping-Fachmann Donike stellte sogar "Modetrends" der Doping-Szene fest. So hätten "Ausdauersportler absurde Versuche" mit sogenannten Betablockern unternommen, die beruhigen und zu gesteigerter Konzentration verhelfen. Damit haben Schützen das auffälligere, alkoholische Zielwasser ersetzt. Radrennfahrer spritzen zur Leistungsstabilisierung Cortison.
Doch zwei andere Methoden der Manipulation vermag kein Test aufzudecken: das sogenannte Blutdoping und wachstumshemmende Mittel. Der finnische Hindernisläufer Mikko Ala-Leppilampi gab kürzlich zu, daß er 1972 vor den Olympischen Spielen ebenso wie "zahlreiche finnische Spitzenathleten" sich zuerst Blut habe abzapfen und dann wieder eingeben lassen.
Eine Eigenbluttransfusion erhöht die Zahl der roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff in die Muskelzellen befördern. Mehr rote Blutkörperchen erhöhen mithin die Dauerleistungsfähigkeit. Seit 1972 lastet dieser Verdacht auf Lasse Viren, dem zweimaligen olympischen Doppelsieger auf den Langstrecken.
Doch die folgenschwerste Manipulation wäre die künstliche Hinauszögerung der Pubertät oder ein pharmakologischer Wachstumsstop. Seit Jahren argwöhnen Fachleute, daß Turnerinnen in ihrem Wachstum gehemmt würden, damit sie ihre vorpubertären, sportspezifischen Vorzüge möglichst lange medaillenträchtig ausspielen können.
Seit Jahren beherrschen Ostblock-Kinder die Szene im sogenannten Frauenturnen. Der ehemalige Bundestrainer Hans Timmermann hält die Kinderfiguren für das Ergebnis normaler Auslese, "wie auch nur Große Basketball spielen".
Seine Untersuchung erwies, daß 13jährige Turnerinnen im Schnitt 6,3 Zentimeter kürzer sind als der Jahrgangsdurchschnitt. Doch "die Möglichkeit dazu besteht", erklärte der Sportmediziner Professor Dr. Josef Keul. Tatsächlich werde das Wachstum von Kindern gestoppt, die sonst übermäßig lang wachsen würden.
"Das verhält sich so ähnlich wie eine Rüstungsspirale", beschrieb Eduard Friedrich, Direktor im Bundesausschuß für Leistungssport, die Sportkonkurrenz, "auch im Grenzbereich des Erlaubten."

DER SPIEGEL 8/1982
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