05.07.1982

DDRNoch zu wenig

Die DDR-Führung läßt Friedensdemonstranten gewähren, wendet sich aber gegen westliche Einflüsse.
Sorgfältige Kontrollen im S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße: Die DDR-Grenzer sortieren, am letzten Juni-Sonntag, westliche Friedensfreunde aus der Schlange der Einreisenden. Sie werden fündig: Der Schriftsteller Robert Jungk, ein Hamburger Journalist, zwei West-Berliner Jugendliche dürfen Ost-Berlin nicht betreten.
Dort geschieht wenig später Unerhörtes. Auf dem Gelände der Erlöserkirche in Berlin-Lichtenberg versammeln sich etwa 3000 junge DDR-Bürger und proben Meinungsfreiheit. Sie sprechen, wie am 13. Februar in Dresden, über Frieden und darüber, daß "Freiheit nicht "ur ein Wort" ist. Sie singen auch öffentlichoffen über ihr Land: " " Weil es noch zu wenig sind, die die Zeit sich nehmen, leben " " Menschen ohne Träume in dieser Zeit. Träumen wollen alle " " Menschen, Brot allein ist nicht genug. Weil es noch zu wenig " " sind, die die Fesseln lösen, leben Menschen ohne Freiheit in " " diesem Staat. Frei sein wollen alle Menschen, Brot allein ist " " nicht genug. "
Der DDR-Schriftsteller Stefan Heym fordert TV-Live-Reportagen über den Abbau von Atomraketen in Ost und West. Mit ihrer Unterschrift verlangen Wehrpflichtige einen "Sozialen Friedensdienst" ohne Waffen. In einer "Friedenswerkstatt" wird mit Handstempeln das Abrüstungs-Symbol "Schwerter zu Pflugscharen" auf Filz geprägt, werden Postkarten mit Antikriegstexten verkauft.
Der immer aufmerksame Staatssicherheitsdienst läßt nur die Drucker nicht gewähren: Höflich per Telephon richtet die Behörde im Kirchenamt aus, die Produktion der seit Monaten umstrittenen Aufnäher sei illegal. Weiter nichts.
In der Umgebung der Erlöserkirche parken auffällig viele DDR-Limousinen, besetzt mit jeweils zwei auffällig konturlosen Herren; und nebenan, durch die beiden einzigen frischgeputzten Fenster einer Berufsschule, lugen Kameras und Objektive - bis die Friedenstreiber sich wehren: Sie verstellen die Fenster mit einem neugemalten Transparent, Aufschrift: "Fotos für den Frieden".
Die Staatsmacht, die nach dem Dresdner Friedenstreffen im Februar die "Pflugschar"-Etikettenträger noch verfolgt und gemaßregelt hatte, griff diesmal nicht ein, kirchliche Demonstrationen werden vorerst geduldet.
In Eisenach machte der Oberkirchenrat Dietrich von Frommanshausen auf einem "Jugendsonntag" am 13. Juni vor 10 000 Protestanten klar, wer das Zeichen "Schwerter zu Pflugscharen" angreife, greife die Kirche selbst an. In Burg bei Magdeburg trafen sich 2000, in Potsdam eine Woche später 3500 junge Christen, um für Frieden und Abrüstung einzutreten.
Angesichts des Zulaufs zu solchen Versammlungen schaltete die SED-Führung um. Sie hat, so scheint es, gelernt, daß Konfrontation nicht immer etwas bringt, Mitmachen besser sein kann.
In der ganzen Ost-Republik müssen sich jetzt Tausende auf staatlich organisierten Kundgebungen zu einem aus dem Westen entlehnten Slogan bekennen: "Gegen Nato-Waffen Frieden schaffen." Um den Pflichtdemonstranten diese Variante von Pazifismus schmackhaft zu machen, erhalten sie - so beim VEB Energiekombinat Dresden - einen freien Tag oder, wie im Kreis Grossenhain (Sachsen), zehn Mark-Ost in bar.
Zum Ost-Berliner Friedensforum wurde von Amts wegen Carl Ordnung, Funktionär des kommunistisch gesteuerten Weltfriedensrates, entsandt. In Ordnung, Mitglied der CDU-Ost, war die neue Doppelstrategie der DDR-Führung gegenüber den Friedens- und Abrüstungswilligen zu erkennen: Der wahre Friedensauftrag werde zwar von der "sozialistischen Armee" erfüllt; aber "das gemeinsame Streben von Marxisten, Christen und Pazifisten" müsse da nicht schaden - Töne, mit denen das Politbüromitglied Kurt Hager im Juni den SED-Schwenk zu mehr Toleranz angedeutet hatte.
Die freilich findet Grenzen an der Grenze. Voller Mißtrauen verfolgen Einheitssozialisten, Kirchenführer und Stasi-Aufpasser alle Versuche von Friedensfreunden aus Ost und West, sich gegenseitig mit Wort oder gar Tat auszuhelfen.
Vorerst sind es nur ein paar Einzelkämpfer, die sich daranmachen, den S.54 Traum von der deutsch-deutschen Massenbewegung in die Tat umzusetzen. So trafen sich am vorvergangenen Wochenende in West-Berlin 50 Angehörige verschiedener linker westdeutscher Gruppen, die im gesamtdeutschen Geist für den 12. September eine "Großdemonstration" in West und Ost planen.
Motto der Patrioten, die ihre Ideen durch Emissäre noch am gleichen Tag in einen DDR-Jugendklub am Prenzlauer Berg tragen ließen: "Es ist etwas in Bewegung gekommen im geteilten Deutschland."
Die Art der Bewegung erläutert ein zehnseitiges "Manifest" mit wirren nationalen und sozialistischen Thesen, das die "Arbeiterorganisationen" an ihre "Macht" erinnert und mit einem Forderungskatalog schließt: für das Recht auf freie Reise, für die Freiheit der politischen Gefangenen, für unabhängige Gewerkschaften in der DDR, für das Recht des deutschen Volkes, über sein Schicksal zu entscheiden.
Noch haben die Initiatoren dazu das Volk nicht befragt, allenfalls mit sich selbst diskutiert - in einem sogenannten Komitee zur Verteidigung und Verwirklichung demokratischer Rechte und Freiheiten in Ost und West - in ganz Deutschland.
Der Verein, in Düsseldorf beheimatet, von der Sozialdemokratin Carla Boulboullee geleitet und von dem Bochumer Theologieprofessor Günter Brakelmann gefördert, hat in der Verteidigung von Freiheiten spezielle Erfahrungen. 1976 lud er den DDR-Protestsänger Wolf Biermann zu einer Konzertveranstaltung nach Köln; Biermann durfte hinterher nicht mehr in die DDR zurück.
Komitee-Mitstreiterin Annette Bahner geriet 1979 mit dem Stasi in Konflikt und saß einige Monate in DDR-Haft; Mitglied Uwe Trieschmann wurde, nachdem er im Januar 1982 in Karl-Marx-Stadt DDR-Friedensfreunde zur Mitarbeit werben wollte, zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, nach Intervention der Bundesregierung aber im Mai entlassen.
Im Untersuchungsgefängnis Karl-Marx-Stadt erwies sich der Stasi bei den Verhören des Häftlings über alle Aktionen und Flugblätter des Komitees als wohlinformiert. Mit welch schlichten Glaubenssätzen Trieschmann und seine Gesinnungsfreunde sich und andere gefährden, zeigt eine These ihres "Berliner Manifests".
Dort heißt es: "Das arbeitende Volk in beiden Teilen Deutschlands setzt seine Hoffnungen in die SPD und die Gewerkschaften des DGB."
S.51
Weil es noch zu wenig sind, die die Zeit sich nehmen, leben Menschen
ohne Träume in dieser Zeit. Träumen wollen alle Menschen, Brot
allein ist nicht genug. Weil es noch zu wenig sind, die die Fesseln
lösen, leben Menschen ohne Freiheit in diesem Staat. Frei sein
wollen alle Menschen, Brot allein ist nicht genug.
*

DER SPIEGEL 27/1982
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