16.08.1982

Legende vom Schlachter als Henker

Ein Schlachtermeister aus Altona soll 1933, als Henker der Nazis, vier linke Aufrührer mit dem Beil hingerichtet haben. Lokalgerücht, Romanstoff, Filmthema - eine Fernsehsendung rollt nun die Geschichte noch einmal auf: halb Spielfilm, halb dokumentarische „Spurensicherung“ in Hamburgs brauner Vergangenheit.
Die ersten Todesurteile, die nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland vollstreckt wurden, trafen, am 1. August 1933, vier Kommunisten in Altona: Sie galten als überführt, bei der blutigsten Straßenschlacht zwischen Braunhemden und organisierten Linken, dem "Altonaer Blutsonntag" im Juli 1932 (17 Todesopfer), an Schießereien beteiligt gewesen zu sein.
Einige Zeit nach der Hinrichtung breitete sich in Altona das Gerücht aus, die vier Genossen seien nicht von einem professionellen Scharfrichter exekutiert worden, sondern von einem Altonaer Schlachtermeister, der sich von den Nazis für 2000 Mark für diese Arbeit habe anheuern lassen. Die Stelle, wo er sein Geschäft gehabt haben soll, wird noch heute gezeigt, wie die Hinrichtungsstätte hinter dem Altonaer Amtsgericht - sie ist jetzt ein Kinderspielplatz.
1937 wurde die gerüchthaft-hartnäckige Geschichte des "Henkers von "ltona" in einer Prager Zeitungsnotiz lakonisch zu Ende erzählt: " " Der Schlächtermeister hatte gehofft, daß er mit den 2000 " " Mark, die ihm die Hinrichtung einbrachte, sein Geschäft " " wieder würde in Gang bringen können. Nach und nach sickerte " " aber durch, daß er der Henker der vier unschuldigen Opfer des " " Hakenkreuzes gewesen sei. Darauf blieben immer mehr Kunden " " weg, und der finanzielle Zusammenbruch war unvermeidlich. In " " seiner Verzweiflung erschoß der Schlächtermeister zunächst " " seine Frau und beging dann Selbstmord. "
Die Prager Zeitungsnotiz über eine Altonaer Begebenheit kam in Haifa dem Schriftsteller Arnold Zweig in die Hände, der dort seit 1934 im Exil lebte. Und die Geschichte des unseligen Metzgers ließ ihn nicht los.
Er las in sie das exemplarische Schicksal eines tumben, verführten, geblendeten und endlich schaurig enttäuschten Hitler-Anhängers hinein; er machte aus dem Stoff - den er aus dem Westen in den Osten Hamburgs transponierte - seinen großen Roman "Das Beil von Wandsbek", der 1943 (in hebräischer Übersetzung) in Palästina erschien. S.143
"Das Beil von Wandsbek" gilt, neben dem "Siebten Kreuz" von Anna Seghers, als der bedeutendste, realistisch und menschlich glaubwürdigste Roman der deutschen Exil-Literatur, der den Alltag in den Vorkriegsjahren des Dritten Reichs darstellt. Zweig, der "preußische Jude", 1887 in Schlesien geboren, der in den zwanziger Jahren vor allem durch den Kriegsroman "Der Streit um den Sergeanten Grischa" berühmt geworden war und Hamburg kaum aus näherer Anschauung kannte, hat sich in Palästina aus Zeitungsberichten und Erzählungen von Hamburger Emigranten ein erstaunlich kompaktes, detailreiches Stadt-Bild zusammengebaut.
Die Geschichte des Schlachters, der sich als Henker verdingt - er heißt im Roman Albert Teetjen und hat sein Geschäft in der Wandsbeker Wagnerstraße -, bettet Zweig in ein breites gesellschaftliches Panorama ein; der historische Stoff, den er verarbeitet, reicht vom "Altonaer Blutsonntag" bis zur zwangsweisen "Arisierung" der jüdischen Hamburger Reedereien und bis zu den phantastischen Altonaer Architekturprojekten, die Albert Speer für Hitler entwarf; und Zweig durchdringt diesen Stoff mit seiner düster-fatalistischen Interpretation des Faschismus.
Er sah die "Wurzeln der Hitlerei" im Militarismus des Wilhelminischen Kaiserreichs. Daß die Verurteilung und Hinrichtung der Altonaer Straßenkämpfer überhaupt zustande kommt, führt der Roman auf die Rolle eines der Angeklagten während der Novemberunruhen von 1918 zurück: Die alte Reichswehr, so stellt es Zweig dar, übt nach fast 20 Jahren Vergeltung für die Revolution.
Mit ihr eins ist sich der aufstrebende Reeder Footh: Er besorgt den Nazis den Henker, den sie dringend brauchen - sie begünstigen ihn dafür, als er sich die Tankschiffe der jüdischen Reederei "Thetis" aneignen will. Den Schlachter und SS-Mann Albert Teetjen aber, der sich für 2000 Mark zum Handlanger des Blutgerichts macht, stellt Zweig mitfühlend als das Opfer einer für ihn undurchschaubaren Maschinerie dar. Nach umständlichen Verstrickungen in den Entscheidungsinstanzen wird das Urteil vollstreckt - gegen ihre Absicht tragen ein konservativer, auf Gerechtigkeit bedachter Gefängnisdirektor und eine ehemalige Sozialdemokratin dazu bei.
Der Zufall, als eine Art Nemesis der modernen Zeit, führt dann auch dazu, S.146 daß der Henker, trotz einer Maske, erkannt wird. Seine eigenen Kameraden aus dem SS-Sturm stürzen ihn in den Ruin. Phantasmen und dunkle Träume, ein kurioser Wünschelrutengänger und die schrecklich ausgespielte Magie des Richtbeils beleuchten die irrationalen Tendenzen der Zeit.
Zugleich benutzt Zweig (ähnlich wie später Elias Canetti) Sigmund Freuds Deutung der Paranoia des Senatspräsidenten Daniel Paul Schreber, um Hitlers Größenwahn zu erklären. Die Verblendung des Wandsbeker Schlachters, seine Illusion von einem triumphalen Aufstieg, der sich als ökonomische Katastrophe entpuppt und ihn in den Selbstmord treibt, wird bei Zweig zum suggestiven Bild für die Allmacht Hitlers in den Köpfen seiner Gläubigen.
In der Bundesrepublik hatte ein so zudringliches, so unhandlich komplexes Faschismus-Bild, hatte Arnold Zweig überhaupt nie eine Chance. Als "Das Beil von Wandsbek" 1979, elf Jahre nach dem Tod des Autors, zum ersten Mal in einer westdeutschen Ausgabe erschien, wurde das Buch kaum zur Kenntnis genommen.
( Arnold Zweig: "Das Beil von Wandsbek". ) ( Autoren Edition im Athenäum Verlag, ) ( Königstein. 548 Seiten; 29,80 Mark. )
Der Fernsehfilm "Das Beil von Wandsbek", der an diesem Montag (in den Dritten Programmen der Nordkette, Hessens und des WDR) die Henkers-Geschichte noch einmal aufrollt und den Schriftsteller-Sohn Adam Zweig von der Entstehung des Romans erzählen läßt, versucht, ein verdrängtes Stück deutscher Literatur vor dem Vergessen zu retten - und ein verdrängtes Stück hamburgischer, deutscher Geschichte: Vom Blutsonntag, von Arisierung, von Konzentrationslagern auf dem Stadtgebiet ist die Rede, in Wochenschau-Aufnahmen wird der Jubel wieder laut, mit dem die Belegschaft von Blohm + Voss den Führer auf dem Werftgelände begrüßte.
Arnold Zweigs Deutung dieses Jubels paßte, als der Schriftsteller sich 1948 in Ost-Berlin niederließ, auch in der DDR nicht recht ins antifaschistische Pensum. Zweig wurde gedruckt, respektiert, mit Ehrungen und Preisen bis hinauf zum Lenin-Friedenspreis gefeiert - doch er blieb trotz allem Lavieren zeit seines Lebens ein querköpfiger Mann, zu sehr "Humanist", um sich durch stramme DDR-"Parteilichkeit" hervorzutun.
1951 wurde "Das Beil von Wandsbek" in einer aufwendigen Defa-Produktion unter Regie von Falk Harnack verfilmt. Doch schon kurz nach der Uraufführung verschwand das Prestige-Werk wieder aus den DDR-Kinos - sei es, weil der Nazi-Henker, obwohl seine fiese Kleinbürgerlichkeit betont wurde, noch immer zu viel Mitgefühl weckte; sei es, weil die kommunistische Gegenfigur nicht heroisch genug war; oder sei es - wie im Westen kolportiert wurde -, weil dem DDR-Publikum in der Darstellung der Nazi-Herrschaft nicht der Gegensatz, sondern die Ähnlichkeit mit der eigenen Situation ins Auge stach.
Der zweieinhalbstündige Film von Heinrich Breloer und Horst Königstein (der seit Jahren als behutsam filmender Lokalhistoriker in Hamburg und Altona "Spurensicherung" betreibt), nähert sich dem Stoff durchaus anders: auf zwei einander immer wieder kreuzenden Wegen.
Zum einen wird mit den Mitteln eines Spielfilms die Geschichte des Schlachters Teetjen rekonstruiert, wie Arnold Zweig sie erzählt hat, zum anderen wird mit Dokumenten, altem Wochenschau-Material und neuen Interviews den Ereignissen nachgespürt, die den Roman angeregt haben. Erst diese "doppelte" Recherche (die die Autoren in einem Buch
( Heinrich Breloer/Horst Königstein: ) ( "Blutgeld". Prometh Verlag, Köln. 152 ) ( Seiten; 29,80 Mark. )
dokumentiert haben), bringt zum Vorschein, was an "Wahrheit" nach fünfzig Jahren noch festzuhalten ist - es bleibt widersprüchlich genug.
Die Spielhandlung, die Horst Königstein inszeniert hat, kommt dem Klima des Zweig-Romans sehr nahe. Der Henker in Frack und Zylinder sieht, bewußt, den Photographien Hitlers als Staatsmann überaus ähnlich, und die Theatralik der Nazis, ihre Ästhetisierung des politischen Lebens übt einen dämonischen Zauber aus.
Der Film läßt, wie der Roman, die Liebe des Henkers zu seiner Frau als Gegenkraft uneingeschränkt gelten. Das entspricht einer Absicht der sozialistischen Schriftsteller, zu denen Arnold Zweig sich gezählt hat, die "Hohlräume des Gefühls" zu besetzen - oder ihre Besetzung durch den Nationalsozialismus zu zeigen.
Der Dokumentarfilmer Heinrich Breloer, der sich in Altona auf die Suche nach Augenzeugen des Blutsonntags und Bekannten der vier Hingerichteten gemacht hat, ist auf einen Menschen gestoßen, der im Film auf paradoxe Weise zu jener idealistischen Gegenfigur wird, die manche Kritiker im Roman vermißten: Aus Zeugnissen, Tagebüchern und Briefen entsteht ein Bild des 20jährigen Bruno Tesch, des Jüngsten der Hingerichteten, der in der Gewißheit seiner Unschuld in den Tod geht und auf seine Rehabilitierung durch die Geschichte vertraut.
Die Reihe der Zeit-Zeugen ist lang. Der Reeder Erik Blumenfeld ist darunter, der von der "Arisierung", der Übernahme der Firma seines Vaters durch Krupp in Essen, erzählt.
Und dann, wie eine Gegenstimme, Albert Speer. Er spricht von der quasi "homoerotischen" Faszination, die Hitler auf ihn ausgeübt habe, und malt noch einmal aus, was Hitler und er mit Hamburg vorhatten: Eine Prachtstraße, einen fünfzigstöckigen Wolkenkratzer als "Gauhaus" und eine gigantische Hochbrücke, von Altona aus quer über die Elbe, die die Golden Gate Bridge von San Francisco übertrumpfen sollte. Was davon je realisiert wurde, ein monströser Betonklotz, wurde in den fünfziger Jahren gesprengt.
Nicht alle Beteiligten oder Betroffenen wollten sich vor der Filmkamera äußern, und der Einblick in manches Material, das in Archiven ruht (die Prozeßakten etwa), wurde den Filmemachern verwehrt. So bleibt das Rätsel, von dem alles ausging, am Ende unaufgelöst: Die Spur des Schlachters, den das Gerücht zum "Henker von Altona" machte, ist verloren. Leute, die ihn kannten, sagen: "Der war nicht fähig dazu ... So sah er nicht aus ... Aber ob er die Sache hat machen müssen ..."
S.142
Der Schlächtermeister hatte gehofft, daß er mit den 2000 Mark, die
ihm die Hinrichtung einbrachte, sein Geschäft wieder würde in Gang
bringen können. Nach und nach sickerte aber durch, daß er der Henker
der vier unschuldigen Opfer des Hakenkreuzes gewesen sei. Darauf
blieben immer mehr Kunden weg, und der finanzielle Zusammenbruch war
unvermeidlich. In seiner Verzweiflung erschoß der Schlächtermeister
zunächst seine Frau und beging dann Selbstmord.
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S.143 Roland Schäfer und Angelika Thomas als Schlachter-Ehepaar Teetjen. * S.146 Arnold Zweig: "Das Beil von Wandsbek". Autoren Edition im Athenäum Verlag, Königstein. 548 Seiten; 29,80 Mark. * Heinrich Breloer/Horst Königstein: "Blutgeld". Prometh Verlag, Köln. 152 Seiten; 29,80 Mark. *

DER SPIEGEL 33/1982
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