05.03.2016

Der perfekte Kandidat

Nur wenn die amerikanischen Eliten sich grundsätzlich ändern, ist Donald Trump zu stoppen.
Donald Trump hat die Vorwahlen am Super Tuesday gewonnen, seine Präsidentschaftskandidatur scheint unaufhaltsam. Wie konnte es dazu kommen, und welche Lehren folgen daraus? It's the economy, stupid! Trumps Aufstieg hat viel mit der wirtschaftlichen Entwicklung Amerikas in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu tun. In den USA von heute gibt es Parallelwelten, das Vermögen der Superreichen wächst exponentiell, die 400 reichsten Amerikaner verfügen mittlerweile über so viel Vermögen wie die unteren 61 Prozent. Das Jahreseinkommen einer durchschnittlichen Familie ist dagegen in den vergangenen 20 Jahren um fast 5000 Dollar gesunken. Ein großer Mythos der Vereinigten Staaten ist bedroht: der amerikanische Traum.
Der amerikanische Traum verheißt, dass jeder erfolgreich sein kann, unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe. Er ist ein Aufstiegsversprechen und ein Anreiz, sich einzubringen. Der amerikanische Traum ist der Kitt, der eine diversifizierte und fragmentierte Nation bisher zusammenhielt. Doch wenn zwei Jobs nicht ausreichen, um eine Familie zu ernähren, gilt das Versprechen nicht mehr. Die Teilhabe am Erfolg ist für viele Amerikaner außer Reichweite geraten. Wie weit dieses Empfinden verbreitet ist, zeigt Bernie Sanders' unerwarteter Erfolg bei den Demokraten.
Trumps Versprechen, Amerika wieder "great" zu machen, ist deshalb so wirkmächtig, weil es den Traum wiederbelebt und Wählerschichten erreicht, die sich längst vom politischen System abgewandt haben. Seine Wähler stammen zu einem wesentlichen Teil aus den ländlichen Regionen und den Vorstädten, sie sind eher arm, Arbeiter und ohne Hochschulbildung. Trump appelliert an die Modernisierungsverlierer, die vom gesellschaftlichen Fortschritt abgekoppelt sind und weder vom Reichtum noch von der digitalen Revolution profitieren.
Es fehlt nicht an Vorschlägen, wie die soziale Ungleichheit bekämpft werden könnte. Was fehlt, ist der Wille der Eliten. Solange die Profiteure der gesellschaftlichen Spaltung nicht bereit sind, einen Teil ihrer Macht, ihrer Privilegien und ihres Wohlstands abzugeben, wird sich an der Attraktivität von Trumps süßer Verführung nichts ändern. Die Republikaner, die nun darüber klagen, dass Trump ihre Partei zerstört, sind mitverantwortlich für seinen Erfolg. Am konservativen Rand der Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahren eine Bewegung gebildet; anfangs nannte sie sich Tea Party und mobilisierte gegen Barack Obama und dessen Reform der Krankenversicherung. Jetzt mischt sich in dieser Bewegung der Hass gegen das neue, ethnisch gemischte und politisch korrekte Amerika, das Obama repräsentiert, mit einer tiefen Staatsfeindlichkeit. Es ist ein Kulturkampf.

Die republikanische Parteiführung hat diese Bewegung nicht nur gewähren lassen, sondern sie zu umarmen versucht, zuweilen auch lustvoll gefördert, mit fatalen Folgen. Heute gehört es zum guten Ton in Washington, gegen Washington zu agitieren, je derber, desto besser. Wenn aber der Staat und seine Institutionen sich selbst verachten, ist es nur eine Frage der Zeit, bis seine Bürger ihm folgen. Dies ist der ideologische Humus, auf dem Trumps Erfolg gedeihen konnte. Anstatt darum zu wetteifern, wer den Staat am effektivsten zersetzt, müssten die Republikaner für ihn werben, nicht nur als Nachtwächterstaat, sondern als Ordnungsinstanz des Gemeinwesens.
Trumps Triumph ist auch die Folge erfolgreicher Kommunikation. Er nutzt die sozialen Medien, um direkt mit den Wählern in Kontakt zu treten, und umgeht damit den gesellschaftlichen Filter der Medien. Eine kritische Öffentlichkeit wird ausgehebelt. Trump hat sich mit 6,6 Millionen Followern auf Twitter und über einer Million auf Instagram seine eigene Öffentlichkeit geschaffen. Das Ergebnis ist eine Verrohung des Diskurses. Der Ton im Netz und Trumps Ausfälle ergänzen sich kongenial und verstärken sich. Trump gewinnt auch deshalb, weil er der lauteste, brutalste und skrupelloseste aller Politiker sein darf, ohne dass ihn dafür jemand zur Verantwortung zieht. Zumindest dies ändert sich, seit Medien und Politik verstanden haben, wie ernst die Lage ist.
Diese Gründe haben sich zu einem perfekten Sturm zusammengebraut, der den perfekten Kandidaten brauchte, um seine Kraft zu entfalten. Trump ist dieser perfekte Kandidat. Es ist gut möglich, dass er im Januar 2017 als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird.
Aus europäischer Sicht mag es verlockend sein, Trumps kometenhaften Aufstieg mit Schaudern zu betrachten und sich mit einer Prise Antiamerikanismus an dem Spektakel zu ergötzen. Doch die genannten Gründe gibt es, wenngleich abgemildert, auch in Europa. In Deutschland fehlt bislang der perfekte Kandidat, aber Figuren wie Geert Wilders oder Marine Le Pen zeigen, dass dies nicht auf Dauer so bleiben muss. Wir Europäer wären gut beraten, Trumps Aufstieg genau zu studieren und daraus zu lernen.
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 10/2016
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