05.03.2016

Markus Feldenkirchen Der gesunde MenschenverstandArmes Abendland

Jedem steht es frei, eine Partei zu gründen, deren Geschäftsmodell darauf beruht, Menschen gegen Minderheiten aufzuwiegeln. Was mich an der AfD und ihrer parteinahen Wandergruppe Pegida allerdings irritiert, ist der Anspruch, etwas Besseres zu sein. Weil sie anders als NPD und DVU nicht einfach "Ausländer raus!" brüllen mögen, behaupten sie, eine größere kulturelle Mission zu verfolgen. Es geht, der Reihe nach, um: Die Rettung des Abendlandes. Den Schutz klassischer deutscher Tugenden wie Anstand. Die Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Das Erbe der Dichter und Denker.
Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, im Vorfeld zu prüfen, ob für solch ein ambitioniertes Anliegen auch das richtige Personal an Bord ist. Es geht schon beim Kernbegriff los, dem A aus Pegida. Keiner der selbst ernannten Retter konnte bislang erklären, was sie unter Abendland genau verstehen. Vermutlich leiten sie den Namen von dem Umstand ab, dass Kulturveranstaltungen (die sie selbst nicht besuchen), bei uns eher am Abend stattfinden.
In Sachen deutsche Tugenden wie Anstand setzen AfD und Pegida derweil täglich neue Maßstäbe. Über den "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schrieb Pegida-Anführerin Tatjana Festerling neulich auf ihrer Facebook-Seite: "Was für ein Stück Scheiße du bist, leck mich am Arsch!" Es scheint, als verlaufe die Grenze zwischen Abend- und Morgenland ziemlich genau auf Höhe der Gürtellinie. Manche mögen nun einwenden, dass AfD und Pegida nicht dasselbe seien. Genauso gut könnte man behaupten, der VfL Wolfsburg habe nichts mit VW zu tun.
Auch bei der zentralen Forderung der Bewegung, der "Wiederherstellung von Recht und Ordnung" in Deutschland, gibt es Probleme. In der Regel geht es die Bürger nichts an, wie Politiker und Funktionäre ihr Privatleben gestalten. Bei einem Fachpolitiker für Bahnfragen ist es mir ziemlich egal, ob er sich abends durch fremde Betten ludert. Wer jedoch für Recht und Ordnung wirbt, sollte selbst nicht allzu viele Verurteilungen und Ermittlungsverfahren mitbringen. Das Vorstrafenregister mancher Pegida- und AfD-Funktionäre liest sich jedoch ähnlich wie das der Rockerbande Hells Angels. Es würde den Rahmen sprengen, alle Vergehen hier aufzulisten.
Auch der Stolz der Bewegung auf das Land der Dichter und Denker gibt mir zu denken. Ich habe jedenfalls Zweifel, ob die Anwälte der Dichter und Denker allzu viel von diesen gelesen haben. Mit Heinrich Heine, einem der größten Dichter und Denker Deutschlands, sind sie offenkundig nicht sehr vertraut. Sonst würden sie vielleicht dessen "Lied der Marketenderin" kennen, in dem es heißt:
Das Vaterland und die Religion,
Das sind nur Kleidungsstücke –
Fort mit der Hülle! daß ich ans Herz
Den nackten Menschen drücke.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Markus Feldenkirchen und Jan Fleischhauer im Wechsel.
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 10/2016
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