05.03.2016

BarrierenZ wie zurück

Was passiert mit einem Kontinent, der sich verschließt? Welche neuen Gesichter zeigt er von sich? Eine Reise an die europäischen Grenzen, von Schengen in die Ägäis und zum Nordpolarkreis. Von Alexander Smoltczyk (Text) und Maurice Weiss (Fotos)
Selbst in Schengen wird jetzt eine Grenzanlage errichtet. Eine Grenze aus Wasserläufen und Sandflächen, Barrieren und Wällen, alles direkt an der Mosel, nicht weit vom Dreiländereck. Hauptsache, schwer zu überwinden.
"Unsere Kinder wissen ja gar nicht mehr, was eine Grenze ist. Hier können sie es dann spielerisch erfahren", sagt Roger Weber, Gemeinderat und in Schengen fürs Bauwesen zuständig. Denn um einen Kinderspielplatz geht es, um Grenze als Abenteuer. Weber war zwölf Jahre lang Schengener Bürgermeister. Er sitzt, etwas vergrippt, im Café des von ihm gegründeten "Europazentrums" und beobachtet, wie der Traum seiner Generation von einem barrierefreien Europa gerade begraben wird.
Schengen liegt, tief versteckt zwischen Mosel-Weinbergen, im dreifachen Abseits von Frankreich, Deutschland und Luxemburg. Hier wurde vereinbart, "stationäre Grenzkontrollen" abzuschaffen. Hier sind Grenzen nur noch als Flackern auf dem Handyschirm zu spüren, wenn der Provider wechselt. Man geht zu Lidl und hat die Staatsgrenze überquert. Das andere ist nur eine gröbere Körnung des Asphalts, wenn es nach Frankreich geht, ein eigentümlicher Schnitt der Straßenbäume.
Roger Weber, der alte Bürgermeister, sagt: "Schengen ist nicht tot." Aber das ist eher eine Hoffnung.
Man spürt nichts mehr davon, wenn man auf Lesbos ist oder in Budapest oder im Pendlerzug über der Öresundbrücke, wenn im Grenzbahnhof die Pässe kontrolliert werden.
"Jede Grenze führt letztlich zum Krieg. Das hat Victor Hugo geschrieben", sagt Roger Weber. Hugo war auch einmal in Schengen zu Gast. Man hat viele weise Sätze in Schengen gelassen, ein anderer stammt von Polens ehemaligem Außenminister Bronisław Geremek, der davon träumte, im Schlafwagen quer durch Europa fahren zu können, ohne geweckt zu werden. Dieser Traum zumindest ist in Erfüllung gegangen. Zumal es kaum noch Schlafwagen gibt.
Auch Schengen hat ein Flüchtlingsproblem. Er habe, sagt Weber, drei Häuser angekauft und Möbel hineintragen lassen: "Alles steht bereit. Und jetzt bekommen wir keine Flüchtlinge zugewiesen. Das staut sich irgendwo."
Im Herzen Europas, wo Grenzen als Spielplatz simuliert werden müssen, stehen die Unterkünfte leer. Es gibt ein Problem im Schengenraum.
Der 23. Februar ist der Tag des Gottes Terminus, Beschützer der Grenzpfähle und -steine. Die alten Römer legten dankend Blumen an die Marken. Jetzt scheint der Kult wiederauferstanden.
Am 23. Februar 2016 führt Belgien Grenzkontrollen zu Frankreich ein und erklärt, es werde für seine Staatsgrenze "alle Optionen" prüfen, sollte das Flüchtlingslager in Calais geräumt werden. Am Brenner bereitet Österreich ein "robusteres Grenzregime" zu Italien vor. Und für die Flüchtlinge in Griechenland beginnt sich die Nordgrenze endgültig zu schließen.
Es ist das Jahr des Gottes Terminus. Und ein wenig ist es so wie zu DDR-Zeiten: Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten, und dann steht sie plötzlich da.
"Pussy-ass nigga ... don't give a fuck ... piece of pussy ...", so gangsta-rappt es aus den Boxen, wummert es über den nächtlichen Olivenhain, im Vollmondlicht schimmert silbern Rasierklingendraht, doppelt gelegt – "you better duck ... crazy as fuck ...".
Hier ist Samos, ein Ort, der in den Brüsseler Lagebesprechungen als "einsatzbereiter Hotspot" auftaucht. Eine Außengrenze des Reiches Schengen. In diesen Tagen wird sie zusammengehalten von den Händen einiger Anarcho-Punks aus Hamburg, Bern oder Freiburg.
Es sind tätowierte, sehr fleißige Hände, die auf eigene Kosten eine akkurat aufgereihte Schlange von 200 Flüchtlingen mit vegetarischem Curry versorgen, von der Ladefläche eines ehemaligen Paketbusses aus und beschallt von – "... bitch! I ain't a sucker ..."
Die Gruppe nennt sich "NoBorderKitchen". Küche ohne Grenzen. Auf ihrer Flagge wehen der Kochlöffel und zwei gekreuzte Filetiermesser, die einen Stacheldraht zerschneiden. Und nach Samos sind sie gekommen, weil es im Hotspot, einem ehemaligen Internierungslager, zwar seit Kurzem "Eurodac"-Apparate zur Registrierung gibt, auch etliche Küstenwachenboote und bald einen Hubschrauber. Aber keine Küche.
Weder Frontex noch die EU-Kommission noch die Alexis-Tsipras-Linksregierung in Athen fühlen sich zuständig, Menschen auf der Flucht etwas zu essen zu geben.
Also retten die Punks das System. "Die Leute würden verhungern ohne uns", sagt Louisa aus Winterthur. "Die Bullen machen nichts."
Aber diese Gangsta-Pussy-Beschallung zur Essensausgabe? Immerhin kommen die Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan, aus Taliban-Land. "Der alte Rap aus den Neunzigern?", fragt Max, aus der Tiefe seines St.-Pauli-Kapuzenpullis heraus: "Haben die Flüchtlinge selbst mitgebracht."
Grenzen verlaufen manchmal ziemlich unerwartet.
Griechenland ist eine Exklave des Schengenreichs, ein Vorposten in der Ägäis, der sich mit jeder neuen Stacheldrahtrolle auf dem Balkan weiter vom Rest Europas entfernt. Bei Samos nähert sich die Außengrenze der EU fast bis auf Rufweite der Türkei. Das sieht man an den zerschnittenen Bootsschläuchen, die sich als Schmutzrand am Ostufer der Insel abgelagert haben. Das spüren die Fischer noch in ihren Albträumen, wenn das Schwere im Netz kein Fisch gewesen ist.
67 415 Flüchtlinge sind im Januar aus der Türkei nach Griechenland gekommen. Mindestens 96 haben das Meer nicht überlebt.
Jakovas Valis hat sein Fischerboot in Sichtweite des türkischen Ufers liegen. Er flickt ein Leck, ein Tuch auf dem Kopf gebunden, ein hagerer Typ, der nicht verschweigt, dass manche Kollegen ihn für einen Spinner halten. "Ich habe schon einige Boote gerettet. Warum? Ich erzähle dir etwas: Im Krieg, als die Deutschen hier waren, war der Hunger so groß, dass Hunde gegessen wurden. Meine Großmutter ist übers Meer in die Türkei geflohen. Das Rote Kreuz hat sie aufgenommen. Und dann ist sie weiter nach Syrien, bis der Krieg zu Ende war."
Der Hotspot auf Samos kann täglich 500 Flüchtlinge registrieren. Es gibt dafür mobile Geräte der US-Firma Crossmatch, Werbeslogan: "Die Welt identifiziert sich mit uns." Die eigentliche erste Grenze Europas ist dieser Apparat.
Der Sesshafte hat mehr Rechte als der Wandernde, der Bürger mehr als der Nomade. Deswegen ist dieses Papier der erste Schritt über die Grenze von Unsicherheit zu Sicherheit.
Wer das DIN-A4-Blatt mit Foto und ID-Nummer bekommen hat, kann den Hügel hinunterlaufen zum Hafenanleger. Dort sitzt Feri, ein Syrer, der schon vor Jahren ausgewandert ist, an einem Ikea-Schreibtisch und verkauft Fahrscheine. Die Europakarte hinter ihm sieht aus wie ein Katalog. Und wenn sich dann die Piräus-Fähre langsam ins Hafenbecken schiebt, jubeln die Flüchtlinge und winken, als wäre sie die Arche Noah.
Im Café Agora, ein paar Schritte weiter, verkaufen die Brüder Vangelis und Giorgios Rucksäcke, Tampons und Vorräte. Für Touristen gibt es auch den "Becher des Pythagoras", eine hydraulische Spielerei, die sich der berühmteste Sohn der Insel vor 2500 Jahren ausgedacht hat. Man füllt bis zu einer unsichtbaren Grenze Wasser oder Wein in den Becher. Nichts passiert. Doch sobald – "one drop, you see?" – auch nur ein weiterer Tropfen hinzugegossen wird, läuft der Becher komplett aus.
Vangelis braucht das nicht weiter zu kommentieren. Er wischt die Pfütze auf seiner Eistruhe ab. Alles ist eine Frage des Maßes. Das ist die eine Weisheit des Pythagoras. Die andere ist heikler zu deuten: Manche Grenzen bemerkt man erst, wenn alles zu spät ist.
Der europäische Traum der Gründerväter hatte mehr mit Bewegungsfreiheit zu tun als mit einer gemeinsamen Währung. Der junge, wilde Helmut Kohl rüttelte an den Grenzschranken zu Frankreich, nicht an Wechselstuben.
Der Fall der Berliner Mauer ist dann als Beginn einer grenzenlosen Epoche gefeiert worden und als Ende der Geschichte. Seither sind rund 20 000 Kilometer neue Grenzlinien gezogen worden. Ein halber Erdumfang.
Der Pariser Linksgaullist Régis Debray, ein ehemaliger Guerillero, hat eine "Eloge der Grenzen" veröffentlicht. Darin erklärt er die Grenze zur zivilisatorischen Errungenschaft, ja zur Grundlage alles Humanen.
Die Bevölkerung werde zum Volk, zum "peuple", durch seine Geschichte und seine Grenzen: "Gefragt sind eine Legende und eine Karte." An beidem, so Debray, fehle es der EU. Ohne sichere Außengrenzen ist Europa ein inkontinenter Kontinent, ohne gemeinsame Geschichten ein Sack nationaler Flöhe.
Ein "Lob der Grenze" hat auch der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann geschrieben. "In einer grenzenlosen Welt triumphierte immer nur der Stärkere", so Liessmann. Eine Grenze kann verschoben, übertreten, ignoriert werden, wie jedes Menschenwerk. Aber es muss sie geben. Oder, wie ein französischer Frontex-Beamter es ausdrückt: "Nachbarn sind etwas Schönes. Aber ich möchte nicht, dass sie in meinem Wohnzimmer sitzen und Popcorn essen."
Kompliziert wird es, wenn Außengrenzen nicht funktionieren. Dann kommt es schnell zu Ausgrenzungen im Diesseits der Grenze. Vorgenommen von selbst ernannten Vertretern des Volkes. Die wilden Grenzen sind die gefährlichen, weil sie überall auftauchen können. In jedem Dorf, in jeder U-Bahn.
5001 Straßenkilometer von Samos entfernt, in Kirkenes, Norwegen, steht Orjan Nilsens Holzbude "Souvenirs Postcards", Trockenfisch am Giebel und ein Rentiergeweih im Schnee. An Nilsens Hütte stoßen zwei Reiche aufeinander, Russland und Schengenland. Man würde kaum auf den Gedanken kommen, diesen Punkt als Hotspot zu bezeichnen.
Die Europastraße 105 verläuft gut 300 Kilometer nördlich des Polarkreises.
Orjan Nilsen erläutert das hiesige Grenzregime. "Es ist zum Beispiel verboten, in Richtung Russland zu pissen", sagt er. Drüben an der ehemaligen Erzmine habe ein entsprechendes Schild gestanden, in drei Sprachen.
Seit 26 Jahren hat Nilsen den nördlichsten Grenzübergang Europas im Blick. Seine Andenkenbude war der letzte Posten Marktwirtschaft vorm Eisernen Vorhang.
Fahl ist das Licht, die Luft gesättigt mit Eiskristallen, aus dem Schnee scheint es bläulich zu schimmern. "Schengen Border, restricted area" steht auf der halb eingeschneiten Tafel. Dahinter das Verbotschild: keine Fußgänger.
Seit wenigen Jahren gibt es einen kleinen Grenzverkehr für die Anwohner. Nilsen war nie auf der anderen Seite. "Ich mag diese Grenze nicht", sagt er. Zu viel Papierkram. Und was gäbe es drüben schon zu sehen?
Die Grenze verläuft zwischen Birken, Kiefern und mitten durch den See Neitijärvi und den Fluss Jakobselva. Bunt sind die Pfähle bemalt und laut Abkommen 4000 Millimeter voneinander entfernt. Eigentlich ist die Leere hier Bannmeile genug. Es gibt keinen Zaun, aber die Grenze ist vor einigen Jahren für Schengen mit Kameras und Bewegungsmeldern aufgerüstet worden.
Die Erschütterungen der Welt hat Nilsen nur sehr entfernt mitbekommen. Als in Moskau Michail Gorbatschow gestürzt wurde, schloss sich die Grenze für vier Tage. Nilsen ging weiter jagen und bohrte sich Löcher zum Fischen ins Eis. Dass am anderen Ende des Kontinents etwas in Bewegung geraten ist, merkte er erst, als eines Morgens sein Rad weg war. "Sie haben es sich wohl ausgeliehen." Das Lastenrad mit den drei Rädern.
Irgendjemand hatte eine Lücke im Grenzabkommen gefunden. An eine Überquerung der letzten hundert Meter auf dem Rad hatte niemand gedacht.
"Autos hatten die Flüchtlinge nicht. Also haben die Russen ihnen Klappräder angedreht. Die kamen alle mit diesen Rädern." Syrische Familien, Afghanen, in Anoraks, die Kinder an der Hand, mit ihren Bündeln und diesen albernen Fahrrädern. Es sah aus wie ein misslungener Witz.
Rund 5500 Flüchtlinge sind so eingeradelt. Die meisten besaßen nur ein russisches Transit-, kein Schengenvisum. Russland hatte sie durchgewinkt. "Wir haben sie erst einmal in der Fjellhalle untergebracht", sagt Nilsen, einem Atombunker aus der Zeit des Kalten Krieges, hinterm Schulhaus.
Einige Kilometer die Grenze entlang steht, bis zum Dach eingeschneit, das ehemalige Skihotel "Neiden". "Wir wollten den Kindern die Balkanroute ersparen", sagt Osman Chikh Osman. Auf dem Handy zeigt er seine Apotheke. Die Medikamente sind sorgfältig aufgereiht, vor der Tür ahnt man subtropische Blumen. "Home", sagt er. Nur leider in Kobane. Und nur noch als Foto existent.
Die Grenze an der E 105 war ihr Sehnsuchtsort. Draußen dröhnen die Schneeräumer, um zwei Uhr nachmittags wird es schon wieder dunkel. Es gibt keine Zeit. Es gibt kein Vor und kein Zurück. Das Skihotel ist eine Arche im Packeis.
Die Räder sind polizeilich vernichtet worden, weil die Bremsen den Vorschriften nicht genügten. Nur fünf Stück sind erhalten. Sie stehen jetzt, zwischen einem Iljuschin-Jagdbomber und samischer Volkskultur, im "Grenzland-Museum" von Kirkenes. Während ihre Besitzer in der Polarnacht festsitzen, sind ihre Räder schon Geschichte.
Licht und Dunkel, hier und dort, das Flüchtige getrennt vom Festen. Der Flüchtling vom Ansässigen. Alles beginnt mit einer Unterscheidung. Im Grunde sind Grenzen Identitätsmaschinen und gehorchen einem binären Code: drinnen oder draußen. Wer die Logik nicht akzeptiert, muss Mühsal und Umwege in Kauf nehmen.
Und wenn Griechenland mit seinen Tausenden Inseln keine saubere Trennung in der Ägäis hinbekommt, dann wird das Problem eben in einer Halle gelöst. In Passau zum Beispiel steht eine solche Halle, gleich neben der Prüfgesellschaft Dekra. Früher wurden in dieser Halle Nutzfahrzeuge montiert, heute steht am Eingang: "Vor Zugang hier anmelden". In Passau hat es die Bundespolizei übernommen, die Grenzüberschreiter zu registrieren.
"Wir haben hier fünf Bearbeitungslinien", sagt Bundespolizeisprecher André Leistner. Hinter ihm an der Wand hängt noch ein Hinweis zur Trennung von Motorenölen.
Zunächst, erklärt Leistner, werde das Schutzersuchen angenommen. Dann – "Schritt zwei" – der Migrant auf Messer, Scheren, Dokumente untersucht. Es erfolgt eine erste "Labelung": Der Alleinreisende wird getrennt von Familien, der Minderjährige gesondert erfasst, die Geschlechter geschieden.
Die Lastwagenhalle ist mit Trennwänden in Gänge, Wartezonen, Büros unterteilt, einige Beamte verfolgen das Weltgeschehen auf SPIEGEL ONLINE. Ansonsten ist die Halle leer. "Wir haben heute Nulllage", sagt André Leistner. "Bisher kein einziger Migrant." Es klingt ein wenig entschuldigend.
Es geht zur Registrierung im eigentlichen Sinne. Dort sitzt Andreas Krause, Polizeihauptmeister vom Niederrhein und für einige Wochen ausgeliehen. Krause sagt, dass alles nicht ganz einfach sei. Man müsse eins vom anderen unterscheiden, das gilt für die Flüchtlinge genauso wie für die Computersysteme, mit denen sie erfasst werden. Es gibt das "Fast-ID" für die innerpolizeiliche Abgleichung mit der BKA-Datenbank. Und es gibt EDDI, die digitale Erkennungsdienstliche Behandlung mit Fotos und Abnahme aller zehn Fingerabdrücke. Etwaige Treffer gehen dann in die Bearbeitungslinie für Einreiseverweigerung, kurz "Z-Spur" genannt: "Z wie bei zurück", sagt Krause. "Die Z werden den Österreichern überstellt. Straftäter machen wir im EDDI."
Das klingt verwirrend, weswegen André Leistner auch rasch klarstellt: "Die Bundespolizei kann inzwischen eine hundertprozentige Erfassung garantieren."
Wer die Bearbeitungslinie bis hierhin durchlaufen hat, bekommt ein grünes Bändchen, das er am Handgelenk zu tragen hat. Grünes Bändchen heißt: grenzpolizeilich registriert. Jedenfalls in Deutschland. Europa ist eine ganz andere Sache. Deswegen seien sie auch bundespolizeilich bedeutungslos, die ganzen "Laufzettel", wie Leistner sie nennt. All die mehr oder weniger bestempelten DIN-A4-Zettel der Hotspots auf Samos oder Lesbos, die ein Flüchtling auf seiner Reise so einsammelt. Wieder und wieder gefaltet und mit Signaturen diverser Hilfswerke versehen. Die er jedem auf der Route entgegenstreckt, als wäre es schon ein Bürgerpass.
"Wird auch gefälscht", sagt Leistner.
In der Lastwagenhalle kann so etwas nicht passieren. Die Maschine funktioniert. Schwieriger wird es, wenn man wieder nach draußen kommt.
"Man darf nicht alles an sich rankommen lassen", sagt ein Grenzpolizist. Er hat eine rote Kelle in der Hand, über sich einen Heizstrahler und unter den Dienststiefeln eine Dämmplatte. Er steht in einem Container, der aussieht, als wäre er in der Mitte durchgesägt worden, und dieser steht genau auf der Überholspur der A 3, vorm Rastplatz Rottal-Ost, knapp hinter der österreichischen Grenze und damit mitten auf einer der Hauptachsen des Kontinents.
Weil der Verkehr sich nicht länger als drei Kilometer stauen darf, wird die Kontrollstelle immer wieder aufgehoben. Das erzeugt ein gewisses Pulsieren auf der Europastraße und in dem Grenzer vermutlich die Sinnfrage.
Nicht alles an sich rankommen lassen. Man kann sich vorstellen, wie es in diesen Grenzschützern arbeitet. Das Zweifeln, Begründen, Ausblenden, Rechtfertigen. Nicht dran denken, wer jetzt womöglich gerade die Kontrollpause nutzt. Nicht an den Afghanen denken, neulich in der Lastwagenhalle, der mit zwei Ehefrauen und elf Kindern und der Asyl beantragt hat.
Nicht alles an sich heranlassen. Darum geht es. Und wenn es Europa noch gibt, dann weil alle vor derselben Frage stehen: Wo ist die Grenze?
Wer sich in diesen Tagen im Grenzbereich des Kontinents herumtreibt, begegnet Trenngittern und Vorschriften. Wenn sich alle an diese Vorschriften hielten, wäre alles sehr einfach.
An Grenzen geht es aber nicht nur um Vorschriften. Grenzen sind Orte der Entscheidung, auch für die, die Grenzen bewachen sollen.
Wegscheid ist ein kleiner Ort in Niederbayern, von Passau donauabwärts gelegen. Die Wegscheider Ortsgruppe des Vereins für Deutsche Schäferhunde hat ihr Klubhaus im alten Zoll- und Grenzerhaus, unten am Osterbach, der Staatsgrenze zu Österreich.
"Wir nehmen auch andere Rassen auf", sagt Siegfried Schätzl, der Vorsitzende. "Nur Kampfhunde nicht. Das muss schon passen."
Schätzl ist ein massiger 56-Jähriger und gern im Trainingsanzug unterwegs. Er erzählt, dass es, "schäferhundtechnisch gesehen", die innerdeutsche Grenze nie gegeben hat: "Das war immer ein Blut."
Im Herbst sind 65 000 Flüchtlinge in Wegscheid über die Grenze gekommen. Jetzt, wo es ruhiger geworden ist, kann der Verein wieder seiner Aufgabe nachkommen und den Hunden Fährtenarbeit beibringen, Unterordnung und Schutzdienst.
Schätzl ist jemand mit inneren Prinzipien. Sie sagen ihm, was geht und was gar nicht geht: "Wenn hier eine Mutter steht, das Kind an der Brust, dann soll ich die nicht reinlassen nach Deutschland? So was kannst du sagen von München aus oder von Berlin. Aber nicht von hier. Es gibt immerhin noch so was wie Bürgertum."
Im Vereinsheim hat es die Krisensitzungen gegeben. Der Peter Altmaier war da und zwei Polizeigeneräle. Die Vereinsfrauen brachten Kleidung, Pampers, Binden, die Männer Bierbänke und Semmeln. Weil es Bürgertum gibt. Weil Menschen nicht alles zugemutet werden darf. Weil es da Grenzen gibt. "Wir haben die ins Vereinsheim geholt, da konnten sie sich duschen und aufwärmen. Die waren ja völlig orientierungslos." Niemanden schien es zu stören, dass Hunde, auch Deutsche Schäferhunde, im Islam unreine Tiere seien.
"Hinterfotzig" sei das gewesen, wie die Österreicher "die Menschen auf einem Pappendeckel ausgesetzt" hätten: "Meinen Enthusiasmus für Europa habe ich dort auf der Wiese verloren." Der Verein hat eine Bilderpräsentation aus den Tagen gemacht und mit Musik von Dire Straits unterlegt: "Brothers in Arms". "Man muss es bewusst mitbekommen. Weil das geschichtliche Ereignisse sind."
Nur eines, sagt Schätzl, sei ihm damals schon komisch vorgekommen, und vielleicht hat auch das mit seiner Hundeerfahrung zu tun: "Die vielen jungen Männer. Da habe ich Bauchschmerzen gehabt."
Siegfried Schätzl hat eine innere Grenze gezogen. Manches geht, und manches geht nicht, "wennst ein normal denkender Mensch bist".
Grenzen muss es geben. Sie scheiden Gefahr von Sicherheit, Freiheit von Willkür und Armut von Wohlstand. Je größer auf den jeweiligen Seiten der Unterschied ist, desto höher die Zäune und Mauern. Das ist das allgemeine Grenzgesetz.
Auf dem Hügel oberhalb von Gevgelija in Mazedonien finden sich noch jugoslawische Grenzsteine, von Efeu überwuchert und kaum zu erkennen. Die alte Systemgrenze wirkt wie ein Idyll angesichts der metallbewehrten Schneise, die Mazedonien in die Landschaft gerissen hat, durch Weinberge und Maisfelder.
Eine Grenze ist Ausdruck von Recht, eine Mauer von Macht. Kaum sonst wo ist diese Macht so sichtbar wie an der mazedonisch-griechischen Grenze.
Es ist eine martialische, eine Angstgrenze. Zwei hohe Zäune, eine Sandpiste für Patrouillen und auf beiden Seiten je drei Rollen Nato-Draht. Man kann nicht weiter entfernt sein vom Dörfchen Schengen und seinem alten Bürgermeister Roger Weber als hier.
Dabei soll Schengen genau hier gerettet werden. Mazedonien soll die Menschen aufhalten, die Griechenland nicht aufhalten konnte. Das heißt: Ein Nicht-Schengenstaat errichtet eine Schengenaußengrenze zu einem Schengenstaat. Das klingt nach Monty Python und ist die Zustandsbeschreibung im Südosten Europas.
Nördlich der Grenze, in Mazedonien, sind Kasinos entstanden, und busladungsweise hocken Griechen vor den Glücksspielautomaten. Südlich, in Sichtweite der Kasinos, hocken Familien im Unterholz und warten auf ihr Glück. Sie hoffen, im Schutz der Dunkelheit eine Passage zu finden, dort, wo der Stacheldraht in Dornendickicht übergeht, noch.
Das Nadelöhr der Balkanroute heißt "Kontrollpunkt 3 A" und misst 1,30 Meter in der Breite. Hinter dem Tor sitzen, auf ihre Schilde gestützt, mazedonische Polizisten auf Campingstühlen. Österreich hat Unterstützung versprochen, wie auch Ungarn und Serbien. Weiter hinten hält eine Gruppe Demonstranten Pappschilder hoch und zwei Säuglinge. Sie rufen abwechselnd zwei Sätze: "Öffnet die Grenze!" und "Merkel, hilf uns!"
Ein griechischer Polizist versucht, die Gruppe vom Zaun abzuhalten. Er trägt seinen Bauch wie eine Kugel unter der Uniform und fügt ein "Meine Freunde" hinzu, wenn er die Flüchtlinge verscheucht. Als Person, sagt er, sei er gegen Nationen. "Das Universum ist unsere Nation. Macht die Türen nicht zu. Nehmt die Leute auf und erzieht sie." Es klingt, als gäbe es eine neue Organisation: "Grenzer ohne Grenzen".
Seitdem in Wien beschlossen wurde, nur noch 580 Syrer täglich passieren zu lassen, kampieren einige Tausend Flüchtlinge auf den Maisfeldern vor der Grenze. Hasan Sarkawt nicht. Er geht nicht fort von dem Tor. Vielleicht ist er die Nummer 581. Jedenfalls steht er seit drei Tagen direkt am Rolltor von Kontrollpunkt 3A und versteht nicht, weshalb es nicht weitergeht. Neben ihm steht ein Rollstuhl mit einer Plane, unter der es manchmal zuckt und ächzt. Das ist Zeno, seine schwerstbehinderte Tochter, und auch, wenn er besser Englisch könnte, gäbe es keine Worte, um zu schildern, was es bedeutet haben mag, einen Rollstuhl von Syrien bis hierher zu schieben.
Ihn wird nichts aufhalten. ■

Der junge Helmut Kohl rüttelte an den Grenzschranken zu Frankreich, nicht an Wechselstuben.

Von Alexander Smoltczyk (Text) und Maurice Weiss (Fotos)

DER SPIEGEL 10/2016
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