05.03.2016

SPDDer Joker

Weil EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sein Amt bald verlieren dürfte, wünschen ihn sich viele Genossen in Berlin. Wagt er den Sprung? Von Gordon Repinski
An einem milden Dienstag Anfang Februar läuft Martin Schulz durch einen Innenhof in Tunis und ist mit einem Mal befreit von allen drückenden Lasten; von der Flüchtlingskrise, der Terrorbedrohung, den Nöten Europas. Sein Blick fällt auf eine silbern glänzende Tafel am Gebäude vor ihm.
"Salle Président Martin Schulz"
Schulz blickt auf das Schild, seine Mundwinkel gehen in die Höhe; die Augen, die eben noch tief in ihren Höhlen lagen, strahlen mit der Tafel um die Wette. "Salle Martin Schulz? C'est incroyable, unglaublich! Soll ich das sein?"
Die Diplomatin, die ihn in der EU-Vertretung in Tunesien in Empfang genommen hat, nickt. Schulz wendet sich zu seinem Mitarbeiter, der Finger fährt in Richtung Schild: "Haste das gesehen? Das gibt's ja nicht!"
Man reicht ihm eine Schere, er setzt an, um das blaue Band vor seinem Saal zu durchschneiden. "Mesdames et Messieurs, es ist ein historischer Moment", feiert sich Schulz. "Ich präsentiere Ihnen den Salle Martin Schulz!"
Es soll wie ein Spaß klingen, doch in Wahrheit findet es Schulz durchaus erfreulich, dass in Nordafrika Säle nach ihm benannt werden. Schließlich ist er Präsident des EU-Parlaments, unterwegs in schwieriger Mission: dem Zusammenhalt Europas in der Flüchtlingskrise. Schulz, der Retter. Daran könnte er sich gewöhnen.
Doch weil Gedenktafeln an Vergängliches erinnern, weist die Ehrung in Tunesien zugleich darauf hin, dass seine Karriere im Straßburger Spitzenamt bald ein Teil der Geschichte sein könnte. Im Dezember endet seine Amtszeit, dann soll planmäßig ein Konservativer übernehmen. Wenn es so kommt, wäre einer der wenigen SPD-Politiker, deren Beliebtheit stetig steigt, plötzlich arbeitslos.
Kein Wunder, dass da bei manchen Genossen in Berlin Fantasien frei werden. "Wer einen Europawahlkampf so gut meistert wie Martin Schulz, ist auch prädestiniert für die führende Rolle in einem Bundestagswahlkampf", sagte bereits vor Monaten Bundestagsfraktionsvize Axel Schäfer. Die Diskussionen sind angesichts der anhaltenden Schwäche von SPD-Chef Sigmar Gabriel mittlerweile bis in die Parteispitze vorgedrungen.
Sollten die Landtagswahlen Mitte März zum Debakel für die Genossen werden, könnte auf Martin Schulz eine Herausforderung der besonderen Art zukommen. Die Finger könnten auf ihn zeigen, den ehemaligen Buchhändler aus Würselen, der eigentlich mit dem Thema Berlin schon abgeschlossen hatte.
Und so ist Schulz in diesen Tagen ein zerrissener Mann. Einerseits ist er einer der wenigen Spitzengenossen, die sich nicht nur selbst einiges zutrauen, sondern auch von anderen für geeignet gehalten werden. Andererseits verbindet ihn mit Sigmar Gabriel eine tiefe Freundschaft. Würde er den Sprung wagen?
Am Tag vor der unerwarteten Ehrung in Tunis schreckt Schulz in seinem Flugzeugsitz auf, der Pilot macht eine Durchsage. Man überfliege gerade die Südspitze Korsikas, scheppert es durch die Lautsprecher.
"Lan-den!", ruft Schulz halb singend in den Raum.
Doch der Wunsch nach einem Strandurlaub ist bereits Sekunden später wieder vergessen. Schulz wendet sich zur Seite: "Sie wollen doch nur schreiben, ich gehe nach Berlin", sagt er. "Aber das wird nicht passieren." Er werde noch seine Wahlperiode im Europaparlament zu Ende machen, und dann sei Schluss. "Dann höre ich auf, dann habe ich genug gearbeitet."
Tatsächlich darf man Schulz glauben, dass er am liebsten Präsident in Straßburg bleiben würde. Er ist seit 1994 Abgeordneter, Europa ist sein Herzensthema. Will er sich eine Restchance im bevorstehenden Parteienpoker um den Posten wahren, darf es auf keinen Fall so aussehen, als würde er bereits auf eine neue Aufgabe schielen.
Deshalb wird Martin Schulz schmallippig bei der Frage, ob er für den nächsten Bundestag kandidiere: "Ich habe ein Mandat bis 2019", sagt er. Der Satz klingt wie der eines Fußballstars, der vor Kameras stets beteuert, er habe einen laufenden Vertrag bei Borussia Dortmund. Um dann, wenn die Zeit reif ist, doch den Wechsel zu Bayern München zu verkünden.
Martin Schulz reist in diesen Wochen in einem permanentem Dilemma durch die Welt, den Aufgaben des Kontinents hinterher und zugleich unerbittlich verfolgt von der Bundespolitik. An einem typischen Tag in Straßburg wird oft stündlich irgendeine Angelegenheit mit den Berliner Genossen geregelt.
Mal flüstert er einem seiner Leute eine kurze Nachricht für Gabriels Staatssekretär Matthias Machnig zu: "Sag ihm, alles wird gut." Mal ruft ein Berliner Sozialdemokrat an und fragt, ob nicht ein Sommerfest im September etwas "für den Martin" wäre. "September?", antwortet sein Mitarbeiter, "so weit sind wir noch nicht."
Berlin ist immer da und damit auch die wohl größte Herausforderung für Schulz. Es geht um die Zukunft der ältesten Partei Deutschlands und um die Frage, wie viel Freundschaft möglich ist in der Politik.
2003 weigerte sich Gabriel, der gerade als Ministerpräsident in Niedersachsen abgewählt worden war, im Europawahlkampf als Spitzenkandidat Schulz zu verdrängen. Es war die Idee der damaligen Parteiführung um Gerhard Schröder und Franz Müntefering. "Schulz macht die Arbeit, und ich schiebe mich davor? Das mache ich nicht!", sagte Gabriel. Ein feiner, seltener Zug in der Politik. Schulz schwor sich damals, seinem Unterstützer aus Niedersachsen künftig stets ebenso loyal zur Seite zu stehen.
Doch wenn der SPD-Chef nach einer Niederlage in Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg in Bedrängnis gerät oder hinwirft, könnte es unangenehm für Schulz werden. Dann könnte es sein, dass er auf einmal Verantwortung übernehmen soll. Doch Schulz will keinesfalls seinem Freund in den Rücken fallen.
Andererseits sprüht er nur so vor Ideen, wie man die Union in einem Bundestagswahlkampf weich kochen könnte.
Die europäische Finanzpolitik würde er sich vornehmen, "da macht der Schäuble nichts gegen die Steuerhinterziehung", zürnt Schulz. Er fährt jetzt in seinem Flugzeugsitz hoch und gestikuliert, dass fast der Plastikbecher mit Orangensaft vom Nachbartisch kippt. Dabei geht es doch um das Thema Berlin, das ja eigentlich kein Thema ist.
In der Bundes-SPD hat Schulz, seit er bei den Europawahlen 2014 fast sieben Prozentpunkte für die SPD hinzugewann, einen bemerkenswerten Aufstieg hingelegt. Auf keiner großen Veranstaltung darf er fehlen. Auf den Parteitagen der Bundes-SPD ist es mittlerweile Schulz, der die Delegierten mitreißt. Vergessen ist das Jahr 2009, als er mit seinem Wunsch, Parteivize zu werden, an den Gremien scheiterte.
Für viele Genossen steht der ehemalige Bürgermeister aus dem Rheinland für genau das, was der Gabriel-SPD fehlt: den Mut, einen Kurs durchzuhalten, auch wenn es ungemütlich wird. Wer Schulz fragt, worauf es ankomme in Berlin oder Brüssel, bekommt genau jenes Wort zu hören, das den Genossen derzeit immer dann einfällt, wenn sie die Schwächen Gabriels beschreiben sollen. "Haltung", sagt Schulz. "ist das Wichtigste in der Politik."
Anfang Februar sitzt er in Straßburg beim gemeinsamen Abendessen mit seinen Mitarbeitern in einem elsässischen Restaurant. Die drei verschiedenen Schokoladenmousses mit Pfeffer zur Nachspeise sind kaum verdrückt, da platzt Martin Schulz zum wiederholten Mal an diesem Tag der Kragen.
"Terror ist das!"
Er drückt mit beiden Daumen auf seinem neuen Smartphone herum.
"Lauter Knöppe, da bin ich ja nur am Tippen!"
Nach vielen Jahren hat sich Schulz von seinem alten Telefon getrennt. Es ist eine kleine Revolution in seinem Leben, zu dem das alte Nokia-Handy gehörte wie sein tropfenförmiges Goldrandbrillengestell. "Meine Nummer hatten einfach zu viele Leute", sagt er. Seine Mitarbeiter verordneten ihm ein neues Telefon. "Das ist eine Kapitulation", hadert Schulz.
Eigentlich ist er ganz glücklich gewesen in seinem alten Leben, der EU-Parlamentarier Schulz. Er arbeitete für die gute europäische Sache, und abends ging es über die Autobahn zurück nach Würselen. Und obwohl alles gern hätte so bleiben dürfen, wird sich wohl bald vieles ändern in Schulz' Leben. Seit Kurzem trägt er auch eine neue Brille.
Die Frage ist nur: Hat er auch ein neues Ziel?
In Tunesien verabschiedet sich Martin Schulz am Abend stöhnend vor Müdigkeit von seinen Mitarbeitern. Es ist kurz vor Mitternacht. Doch kaum fünf Minuten vergehen, da greift er zum Telefon. "Jungs, kommt mal rüber, das ist ja Wahnsinn." Das Hotel hat ihm die Suite zugewiesen. Endetage, ein riesiger Balkon, sternenklare Nacht, Blick aufs Mittelmeer.
Schulz zieht Fotos seiner Frau aus dem Portemonnaie. Es sind gefaltete Schnappschüsse, die langsam die Farbe verlieren. Sie stammen aus den Achtzigerjahren. Schulz war bis 1980 Alkoholiker, und um trocken zu werden, wählte er die brutale Therapie: kalten Entzug, Neustart.
"So mache ich das auch mit der Politik", sagt er, "ich höre einfach auf."
An dem Abend auf dem Balkon spricht ein Politiker, der schon einmal erlebt hat, wie zerbrechlich Dinge sind. Und der sich deshalb gelegentlich fragt, warum er sich so etwas wie Berlin überhaupt antun sollte. Zu viel Neid. Zu viel Illoyalität. "Viele sagen, Kurt Beck ist an Berlin gescheitert", sagt Schulz über den 2008 zurückgetretenen Parteichef. "Aber die Wahrheit ist: Berlin ist an Kurt Beck gescheitert."
Doch Schulz wäre nicht Schulz, wenn er einem nachdenklichen Satz nicht gleich die Analyse folgen ließe, wie man als SPD-Chef erfolgreich sein kann. Man müsse die kleinen Leute ansprechen wie Beck oder Gabriel. Und man brauche die Härte Münteferings. Die Fähigkeit, Dinge vorbeirauschen zu lassen. Es klingt, als würde da einer überlegen, wie er es machen würde, wenn wieder mal die Revolution ausgerufen werden sollte in der SPD.
Schulz hat mittlerweile viele Fürsprecher in der Partei. Sie schätzen, dass er international angesehen ist wie Außenminister Steinmeier und begeisternd reden kann wie Parteichef Gabriel. Die vielen jungen Bundestagsabgeordneten wünschen sich eine Perspektive, ihr Mandat mit einem ordentlichen Ergebnis behalten zu können. Andere wollen frühzeitig verhindern, dass 2017 Andrea Nahles Parteichefin wird.
Schulz, so viel ist klar, wird seinen Freund Gabriel niemals aus dem Amt putschen. Aber er könnte sich kaum entziehen, wenn ihn der SPD-Chef nach einem Wahldebakel bitten würde, im Bund mehr Verantwortung zu übernehmen.
Mitte Februar sitzt Schulz in einem Klassenraum im Otto-Schott-Gymnasium in Mainz und beantwortet Fragen von Oberstufenschülern zu Europa und der Flüchtlingskrise. Die Stunde ist fast beendet, als sich ein Schüler aus der letzten Reihe meldet. "Ich hätte da noch eine andere Frage", sagt er, in der SPD gebe es ja auch Zweifel an Sigmar Gabriel. "Könnten Sie sich auch vorstellen Kanzlerkandidat zu werden?"
Es ist eine gemeine Frage, denn nun muss sich Schulz zu einem Thema äußern, zu dem niemand in der SPD etwas sagen darf. Plötzlich fängt er an zu lachen, er prustet, und alle Schüler lachen mit, der Präsident des Europäischen Parlaments kringelt sich, weil er weiß, dass er sich jetzt verstellen muss. Er ist knallrot angelaufen. Martin Schulz entscheidet sich für einen Floskelsatz. "Über den Kanzlerkandidaten entscheidet die SPD Ende des Jahres."
Dann springt ihm ein SPD-Kollege bei, er will die Situation retten und deutet auf einen weiteren Schüler, der eine Frage hat.
Aber Schulz ist in Gedanken noch bei der Kanzlerkandidatur und in Berlin, der Stadt der Intrigen, die doch kein Thema sein soll.
Dann sucht sein Blick den Schüler. "Würden Sie mich denn wählen?"
Von Gordon Repinski

DER SPIEGEL 10/2016
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