05.03.2016

SPIEGEL-Gespräch„Von meiner Sorte verträgt die Partei bestenfalls zwei“

Erhard Eppler ist seit 60 Jahren in der SPD, oft stand er im Widerspruch zu ihrer Linie. Wer, wenn nicht er, könnte erklären, warum es der Sozialdemokratie heute so schlecht geht?
Er gilt als einer der großen alten Männer der deutschen Sozialdemokratie: Vor 60 Jahren, im Januar 1956, ist Erhard Eppler in die Partei eingetreten, er nahm schon früh Positionen ein, die heute eher von den Grünen vertreten werden, und kämpfte jenseits der sozialdemokratischen Denkmuster für die Verbesserung dieser Welt, sei es in der Afrikapolitik, im Umweltschutz oder in der Friedensbewegung. Von 1968 bis 1974 war er Entwicklungshilfeminister in Bonn, danach zweimal – erfolgloser – Spitzenkandidat der SPD in Baden-Württemberg. Eppler hat eine Menge Niederlagen einstecken müssen, auch und gerade gegen Helmut Schmidt, seinen großen Antipoden. Und doch steht sein Name für eine Zeit, in der seine Partei die Republik mehr geprägt hat als jemals zuvor (und danach). Eppler wird im Dezember 90 Jahre alt und hat vor Kurzem seine Memoiren vorgelegt(*). Geschrieben hat er das Buch in seinem Haus auf dem Friedensberg in Schwäbisch Hall, in das er 1935 mit seinen Eltern eingezogen war. Wer ihn dort besucht, wird in ein Wohnzimmer geführt, in dem einfache Korbmöbel und bunte Sofas stehen – der bescheidene Wohlstand eines ebenso gottesfürchtigen wie kampfeslustigen Bildungsbürgers, den sein Fraktionschef im Bundestag, Herbert Wehner, einst als "Pietcong" verspottet hatte.

SPIEGEL: Herr Eppler, in Ihrem Buch findet sich am Ende ein Satz, den Sie uns erklären müssen: "Mir gefiel es in der SPD, weil die meisten ganz anders waren als ich." Was unterscheidet Sie von den anderen?
Eppler: Das begann bei meinem Eintritt in die SPD in der Arbeiterstadt Schwenningen, wo es damals, 1956, noch an die 80 Uhrenfabriken gab. Da, am Rande des Schwarzwalds, lernte ich erst ein richtiges Arbeitermilieu kennen, und zwar ein stolzes. Die haben mir noch erzählt, wie sie sich mit der SA gerauft hatten und gelegentlich auch mit den Kommunisten. Auch später war es immer so, dass ich die meiste Sympathie für Leute hatte, die das genaue Gegenteil von mir waren.
SPIEGEL: An wen denken Sie dabei?
Eppler: An Leute wie Kurt Beck und Holger Börner zum Beispiel oder an Georg Leber, einen gelernten Maurer und großen Sozialdemokraten. Er war wohl der Verteidigungsminister, den die Soldaten am meisten geschätzt haben – während ich ein miserabler Verteidigungsminister geworden wäre, wenn man mich dahin geschickt hätte. Ich war immer der Meinung, von solchen Leuten könnte eine Partei beliebig viele haben. Von meiner Sorte verträgt sie bestenfalls zwei; drei sind schon zu viel.
SPIEGEL: Warum?
Eppler: Ich habe eben so meine eigenen Vorstellungen gehabt. Wir hatten 1976 noch eine Million Mitglieder, wenn da jeder genau gewusst hätte, in welche Richtung es gehen soll, hätte das nicht funktioniert. Aber vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass ich die Partei, so seltsam das klingt, als eine Art Befreiung aus dem bildungsbürgerlichen Milieu empfunden habe.
SPIEGEL: In dem Sie selbst groß geworden sind.
Eppler: Und ich stehe auch dazu. Mein Vater leitete hier in Schwäbisch Hall das Gymnasium, das ich selbst besucht habe. Aber dass es ganz andere Formen einer höchst respektablen Menschlichkeit gibt, das habe ich dann in der Partei gelernt.
SPIEGEL: Was unterscheidet die SPD des Jahres 1956 von der des Jahres 2016?
Eppler: Sagen wir es mal so: Es gibt heute viel weniger Gründe als damals, die SPD nicht zu wählen. Es gibt aber auch viel weniger Gründe, die SPD zu wählen.
SPIEGEL: Was heißt das?
Eppler: Ganz einfach: Das heißt, die Zahl der Menschen, die niemals SPD wählen würden, ist heute eher geringer als früher; aber die Zahl derer, die wirklich motiviert sind, sie zu wählen, ist ebenfalls deutlich geschrumpft.
SPIEGEL: Und woran liegt das?
Eppler: Alte Ressentiments gegen die Roten, die zum Teil noch in der NS-Zeit verfestigt worden waren, spielen heute keine große Rolle mehr. Auf der anderen Seite hat sich die SPD so stark in diese Republik eingepasst, dass viele denken, wenn sie die Merkel wählten, sei das auch so etwas Ähnliches wie die SPD.
SPIEGEL: Sie haben eben die Arbeiter in Schwenningen erwähnt. Die hatten, wie Sie in Ihren Erinnerungen schreiben, 1956 nur zwölf Tage Urlaub im Jahr. Man wählte die SPD, weil sie ganz konkrete Arbeiterinteressen vertrat: mehr freie Zeit, höhere Löhne. Solche Angebote kann die SPD heute kaum machen. Weswegen sollte man sie noch wählen?
Eppler: Einige Angebote macht sie ja schon. Der Mindestlohn zum Beispiel. Der ist für viele Männer und Frauen sehr wichtig, und es gibt noch ein paar andere Fortschritte. Aber den klassenbewussten Arbeiter, den es damals noch gab, finden Sie heute immer weniger. Jetzt möchte man zum Mainstream gehören, Klasse hin oder her. Und der Mainstream wird ja nun meistens von der Union vorgegeben.
SPIEGEL: Die SPD regiert sowohl im Bund als auch in Baden-Württemberg als kleinerer Koalitionspartner konstruktiv mit. Hat sich die Partei diesem Mainstream zu sehr angepasst? Regiert sich die SPD zu Tode mit ihrem pragmatischen Kurs?
Eppler: Dann stellen Sie sich vor, die SPD hätte vor fünf Jahren nicht mit Winfried Kretschmann zusammen die Regierung gebildet. Wie hätte man das begründen sollen? Unsere Freunde im Stuttgarter Landtag haben sich stattdessen gesagt: Wir wollen jetzt wichtige Ministerien und zeigen, dass wir regieren können. Und es geschah, was keiner erwartet hatte, ich auch nicht, nämlich dass am Ende die meisten Schwaben, Alemannen und Franken, die hier leben, sagen, sie seien gut regiert worden.
SPIEGEL: Von den Grünen, aber nicht von der SPD.
Eppler: Nein, nicht von den Grünen. Das sagen sie nicht, sondern von Winfried Kretschmann. Wenn es nach dem Gemeinschaftskundelehrbuch ginge, dürfte es gar nicht passieren, dass eine Partei dafür bestraft wird, dass sie ordentlich regiert hat.
SPIEGEL: Und warum geht es nicht mehr nach Lehrbuch?
Eppler: Es ist schlicht nicht ins Bewusstsein der Menschen eingedrungen, was hier an Landespolitik gemacht worden ist. Das ist alles nie spektakulär, aber es ist wichtig.
SPIEGEL: Auf Bundesebene ist es doch genauso: Die SPD hat in zwei Großen Koalitionen pragmatisch mitregiert, aber den Erfolg fährt Angela Merkel ein. Deswegen noch einmal die Frage: Regiert sich Ihre Partei mit diesem Kurs zu Tode?
Eppler: Wenn es so wäre, dann würde das bedeuten, dass immer nur die Spitzenfigur letztlich die Wahl entscheidet. Dann wäre dies allerdings auch kein spezifisches SPD-Problem, oder?
SPIEGEL: Sie waren schon in der ersten Großen Koalition in Bonn dabei, als Entwicklungshilfeminister seit 1968. Warum ist der SPD damals gelungen, was ihr heute nicht mehr gelingt, nämlich als Juniorpartner in einer Großen Koalition bei der folgenden Wahl 1969 die Nase vorn zu haben?
Eppler: Aber es war auch ganz knapp, nur zusammen mit der FDP. Ich glaube, in den Sechzigerjahren ging es vielen Wählerinnen und Wählern erst mal nur um die Frage: Sind die Sozis überhaupt regierungsfähig? Sie müssen sich vorstellen, von 1949 bis 1966 hatte es keinen einzigen sozialdemokratischen Bundesminister gegeben. Und nun wollte die SPD, das war das Kalkül von Herbert Wehner, in der Großen Koalition zeigen: Wir können es auch. Das hat Willy Brandt in der Außenpolitik gezeigt, Karl Schiller in der Wirtschaftspolitik. Heute wird gefragt: Warum gerade die?
SPIEGEL: Also müsste man der SPD davon abraten, weiter an einer Großen Koalition auf Bundesebene als Juniorpartner mitzuwirken, weil sie dadurch ihr Profil verwischt und Stimmen verliert?
Eppler: Ich bin keineswegs sicher, dass die Opposition lohnender wäre als das Regieren. Ich glaube, die SPD ist einfach ein fester Bestandteil dieser Republik geworden, ein verlässlicher, auch kompetenter, aber kein aufregender. Um eine Wahl wirklich zu gewinnen, wird eine Partei wie die SPD wahrscheinlich immer auf eine ganz starke Spitzenfigur angewiesen sein, weil sie sonst mit einer wohlwollenden Nichtachtung bestraft wird.
SPIEGEL: Sie schreiben in Ihrem Buch: "Als ich 1956 eintrat, hatte sich die Partei schon daran gewöhnt, dass sie ernsthafte Chancen nur in den Kommunen und in einigen Bundesländern hatte." Das war vor 60 Jahren. Man könnte sagen, es sei heute wieder genauso.
Eppler: Inzwischen haben wir immerhin drei sozialdemokratische Bundeskanzler hinter uns. Und keine schlechten. Jetzt warten wir erst einmal ab, was mit der CDU passiert. Die geben sich ja derzeit auch große Mühe, in eine ähnliche Position wie die SPD zu geraten.
SPIEGEL: Inwiefern?
Eppler: Die Union kann sich in der im Augenblick wichtigsten Frage, der Flüchtlingspolitik, nicht verständigen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass die Landespolitiker der Union, die jetzt nur Forderungen an die Kanzlerin stellen, die dann doch nicht erfüllt werden, auf diese Weise die Leute noch mehr verschrecken. Wenn ich das Personal der CDU hier im Lande mit dem Personal der SPD vergleiche, da habe ich keinerlei Minderwertigkeitskomplexe.
SPIEGEL: Wenn Sie das Personal der SPD mit dem der Grünen im Land vergleichen, fällt Ihr Urteil dann auch so aus?
Eppler: Ja. Wenn man Kretschmann ausnimmt.
SPIEGEL: Der Ministerpräsident vertritt viele Positionen, die Sie in Ihrer politischen Laufbahn auch vertreten haben, oder?
Eppler: Er beruft sich gelegentlich sogar auf mich.
SPIEGEL: Sie sehen das als Bestätigung?
Eppler: Ich habe seinerzeit erkannt, dass die Ökologie etwas ist, was die Union verschlafen hat, lange Zeit, obwohl das eigentlich ein konservatives Thema war. Und wir, die Sozialdemokraten, haben 1976, als ich zum ersten Mal als Spitzenkandidat in Baden-Württemberg antrat, ein ziemlich grünes Wahlprogramm vorgelegt. Ich bin damit noch nicht durchgedrungen, aber es war mir klar: Wem es einmal gelingen würde, die wertkonservativen Wähler der Union zu gewinnen, der könnte sogar die CDU-Herrschaft in diesem Land beenden. Und genau das hat Kretschmann getan. Er hat Wähler auch in den ländlichen Schichten, bis in die Bauernschaft hinein, angezogen.
SPIEGEL: Hätten Sie bei einem Wahlerfolg 1976 die Etablierung der Grünen als Partei verhindern können?
Eppler: Na ja, jedenfalls wollte ich das, und zwar mit der Rückendeckung von Willy Brandt. Der hat zwar nicht gesagt, das wird gelingen, aber er hat gesagt, probiere es mal. 1980 sind die Grünen zum ersten Mal in das Landesparlament eines Flächenstaates eingerückt, hier in Baden-Württemberg mit 5,3 Prozent. Und ich bekam danach Körbe von Briefen, in denen sich die Leute entschuldigt haben und sagten, wir wollten ja nicht dich bestrafen, sondern den in Bonn, also haben wir grün gewählt.
SPIEGEL: Bundeskanzler Helmut Schmidt war gemeint?
Eppler: So ist es. Der hielt die Ökologen noch für Spinner. Wenn wir damals von Bonn mehr Unterstützung bekommen hätten, wären die Grünen wahrscheinlich bei der Landtagswahl unter der Fünfprozenthürde geblieben. Ob es auf Dauer gelungen wäre, eine grüne Partei zu verhindern, weiß ich nicht.
SPIEGEL: Die SPD hat sehr lange gebraucht, um sich mit den Grünen im Bund zu verständigen. Wäre es sinnvoll, auf die Linkspartei zuzugehen, um eine rot-rot-grüne Koalition zu bilden?
Eppler: Wenn es in den neuen Bundesländern immer noch eine Partei gäbe, die aus der SED entstanden ist, aber auf die Ex-DDR begrenzt wäre, käme sie heute als Koalitionspartner längst infrage. Die Schwierigkeit ist durch Oskar Lafontaine entstanden. Ohne ihn hätte man die westdeutsche Linke und die ehemalige SED nie zusammengebracht. Damit gibt es eine Konkurrenz für das gesamte Bundesgebiet. Und das macht die Sache kompliziert.
SPIEGEL: Sigmar Gabriel könnte von heute auf morgen die Kanzlerin stürzen und mit einer rot-rot-grünen Mehrheit regieren.
Eppler: Und dann gäbe es nach kurzer Zeit Neuwahlen, und die Union würde die absolute Mehrheit bekommen.
SPIEGEL: Würden Sie der Aussage zustimmen, dass Ihr Exgenosse Oskar Lafontaine der Partei in den vergangenen 60 Jahren, solange Sie Mitglied sind, mehr Schaden zugefügt hat als jeder andere Genosse?
Eppler: Ja. Und zwar nicht, weil er bestimmte politische Ansichten vertritt, die sich auch schnell ändern können, sondern weil er – wie einige Angehörige seiner Generation – erkennbar narzisstische Züge hat, bei ihm sind sie allerdings unerträglich. Er ist nicht teamfähig.
SPIEGEL: Sie saßen mit ihm in der Programmkommission der SPD ...
Eppler: ...die er leitete, und für ihn war immer klar: Er selbst ist das Programm, und der Eppler ist ein dummer Hund, wenn er das noch nicht gemerkt hat.
SPIEGEL: Sie schreiben allerdings auch über Helmut Schmidt: "Politik war Sache des Kanzlers." Der war in Ihren Augen offenbar ebenfalls ein Mensch, der alles auf seine Person zurückgeführt hat.
Eppler: Schmidt hat eine sehr hohe Meinung von sich selbst gehabt, er war ja auch unglaublich begabt auf den verschiedensten Feldern. Aber er war dann doch immer wieder so sachbezogen, dass man ihn nicht als Narziss bezeichnen kann.
SPIEGEL: Von Ihnen allerdings hat Schmidt keine so hohe Meinung gehabt.
Eppler: Das stimmt. Er schob mich in die Ecke des Gesinnungspolitikers. Dabei sah ich meine Verantwortung nur anders, räumlich und geistlich. So redeten wir aneinander vorbei. Aber Schmidt war immer sachbezogen, kein Narziss.
SPIEGEL: Wir sprechen von vergangenen Helden. Wen bewundern Sie heute?
Eppler: Unsere Republik ist im Augenblick nicht verwöhnt, was politische Köpfe angeht, und der einzige Kopf, der bis vor Kurzem noch das Vertrauen der Menschen in diesem Land bekommen hat, wird jetzt demontiert.
SPIEGEL: Angela Merkel?
Eppler: Ja. In einer Republik, wo der Beruf des Politikers nur einer von vielen möglichen Karrierewegen geworden ist, wird es allerdings immer nur wenige überragende Figuren geben.
SPIEGEL: Hat sich das in den vergangenen 60 Jahren geändert?
Eppler: Natürlich. Denken Sie doch mal an die Biografien von Gustav Heinemann oder Herbert Wehner. Oder meinetwegen auch Franz Josef Strauß. Das sind ja alles Lebensläufe, die wenig mit dem zu tun haben, was man heute Karriere nennt. Oder nehmen Sie den SPD-Fraktionschef Fritz Erler, der mich in die Partei gezogen hat: Wenn man mit dem zusammen war, da brannte wirklich ein verstecktes Feuer. Was der sich alles schon in seiner KZ-Haft ausgedacht hat für die Zeit, wenn der Krieg einmal vorbei ist! Und dabei kam eben eine Figur heraus, die jederzeit eine Kanzlerschaft hätte übernehmen können. Wo sind diese Figuren heute?
SPIEGEL: Aber wir können uns ja nicht einen Krieg wünschen, nur damit es wieder Menschen gibt, die mit einer solchen Leidenschaft Politik machen.
Eppler: Sie haben recht, aber die Sehnsucht vieler Menschen nach einer Politikerin oder einem Politiker, der für etwas steht, der weiß, was er will, und der sich notfalls für das prügeln lässt, was er will – das gehört eben auch zu einer Demokratie und gerade zu einer linken Partei.
SPIEGEL: Die Sozialdemokraten haben 1990 einen Fehler gemacht, als sie sich weigerten, die Mitglieder der SED-Nachfolgepartei zu integrieren. Jetzt hat die Union ein ähnliches Problem mit der AfD. Da ist eine Partei rechts von ihr entstanden, die ihr eine Menge Wähler wegnimmt.
Eppler: Auch der SPD!
SPIEGEL: In Ihrem Buch steht der Satz: "Verantwortliche Politik besteht zu einem beträchtlichen Teil aus dem Bemühen, die Leute zu verstehen, die anders denken und anders handeln als ich." Können Sie die AfD-Wähler verstehen?
Eppler: Natürlich kann ich verstehen, was die AfD-Leute wollen. Die haben eine andere Vorstellung von Gesellschaft. Und sie sind die Repräsentanten einer großen Zahl von Menschen, die Überfremdung befürchten, denen alles Fremde unheimlich ist.
SPIEGEL: Sie haben den Aufstieg von drei rechten Parteien in der Bundesrepublik miterlebt. Erst die NPD in den Sechzigern, dann die Republikaner und jetzt die AfD. Halten Sie die AfD für gefährlich?
Eppler: Die AfD hat, anders als NPD und Republikaner damals, ein sehr populäres Thema. In dem Augenblick, in dem das Thema Flüchtlinge die Menschen nicht mehr so sehr beschäftigt, wird es auch mit der AfD wieder bergabgehen. Sie bekommt dann vielleicht noch zwischen 5 und 15 Prozent, wie ähnliche Parteien das in anderen europäischen Ländern schaffen, aber sie wird nicht mehr die politische Diskussion bestimmen.
SPIEGEL: Könnte die SPD etwas unternehmen, um die AfD zu schwächen?
Eppler: Solange sie in dieser Koalition in Berlin ist, fast nichts. Da kommt es jetzt einfach darauf an, ob Frau Merkel im Laufe der nächsten Monate, und mehr als drei hat sie sicherlich nicht Zeit, beweisen kann, dass mit ihren Methoden die Zahl der Flüchtlinge drastisch zurückgeht. Und so lange bleibt der SPD auch nichts anderes übrig, als die Kanzlerin zu stützen.
SPIEGEL: Für die SPD ist das doch ein Dilemma. Sie hat es mit einer Kanzlerin zu tun, die eine ihr sympathische Politik macht, und zugleich mit einer CDU, die ihr politischer Konkurrent ist.
Eppler: Zuerst einmal ist das ein Problem der Union. Wenn ich Unionswähler wäre, würde ich mich auch fragen: Was machen die da für ein Spiel? Und wie gehen die mit ihrer Kanzlerin um? Wenn es gelänge, die Zahl der Flüchtlinge in diesem Jahr auf 500 000 zu begrenzen, dann, würde ich sagen, hat die Kanzlerin gewonnen. Mit 500 000 kommen wir durch.
SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Deutschen eine viel größere Bereitschaft zur Aufnahme von Flüchtlingen zeigen als andere Nationen? Es ist ja nicht nur die Kanzlerin, sondern es sind ungezählte Landräte, Bürgermeister und Bürgerinitiativen, die sich alle dieser Aufgabe verschrieben haben.
Eppler: Ich finde, das ist eine wunderbare Reaktion auf unsere Geschichte.
SPIEGEL: Warum?
Eppler: Ich glaube nicht, dass meine Begründung für jeden einzelnen Menschen in diesem Land so gilt, aber dass es viele gibt, die sagen, wir wollen jetzt einmal zeigen, dass wir nicht nur tüchtig sind und Autos verkaufen und Kriege anzetteln, sondern dass wir Bürgerinnen und Bürger sind, die menschliche Gefühle auch Fremden gegenüber haben.
SPIEGEL: Welchen Kurs sollte die SPD einschlagen, um vielleicht auch im Bund wieder den Kanzler stellen zu können?
Eppler: Ich glaube, dass die Sozialdemokraten nicht nur in Deutschland erst wieder zu einer führenden politischen Kraft werden, wenn sie einem marktradikalen Gesellschaftsmodell ein eigenes entgegensetzen. Wähler reagieren nicht auf Einzelforderungen. Wenn die SPD wieder einen Katalog von Forderungen aufstellt, wie Peer Steinbrück sie so heruntergehaspelt hat, ein, zwei, drei, vier, fünf, dann wird sie wieder genauso auf die Nase fliegen. Willy Brandt hat ja mal gesagt: "Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein, nach innen und nach außen." Da kann man anknüpfen. Ich muss ein guter Nachbar sein, damit andere auch meine guten Nachbarn sind. Das heißt, es muss uns um ein wärmeres Sozialklima gehen, und da braucht man dann eine Figur, die das verkörpert. Ich bin überzeugt davon, dass darauf auch viele Leute warten, die heute keine SPD-Wähler sind.
SPIEGEL: Wer hätte das Zeug zu so einer starken Spitzenfigur in der heutigen SPD?
Eppler: Das ist schwer zu beantworten, weil die Willy Brandts ja nicht auf jeder Wiese wachsen. Ich bin aber der Überzeugung, dass in der SPD die Zukunft eher den Frauen gehört. In dieser harten und kalten marktradikalen Gesellschaft, in der wir leben, da scheint das Weibliche, wenn es auch ein bisschen mit Mütterlichem verbunden ist, ein interessantes Gegenmittel zu sein, das zeigt doch auch Angela Merkel für die CDU.
SPIEGEL: Aber Sie denken jetzt nicht an Manuela Schwesig oder Andrea Nahles?
Eppler: Nicht direkt, nein, aber ich halte von beiden mehr als andere.
SPIEGEL: Sie haben also noch Hoffnung für die SPD?
Eppler: Ja, natürlich. Die hat schon vieles überlebt.
SPIEGEL: Herr Eppler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

"Man möchte zum Mainstream gehören, und der wird meistens von der CDU vorgegeben."

"Wenn die SPD nur einen Katalog von Forderungen aufstellt, fliegt sie wieder auf die Nase."

* Erhard Eppler: "Links leben. Erinnerungen eines Wertkonservativen". Propyläen Verlag, Berlin; 336 Seiten; 22 Euro.
* Sebastian Hammelehle und Martin Doerry in Schwäbisch Hall.
Von Sebastian Hammelehle und Martin Doerry

DER SPIEGEL 10/2016
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