05.03.2016

Sommermärchen-AffäreSchmutz in der Schweiz

Die vom DFB beauftragte Kanzlei Freshfields bringt mit ihrem Bericht zum Korruptionsverdacht um die WM 2006 Franz Beckenbauer in Bedrängnis. Die Spur der Louis-Dreyfus-Millionen führt über ihn.
Sarnen also. Das kleine Sarnen in der Schweiz. Der Ort, an dem die Lichtgestalt der Deutschen schon immer ihre dunklen Geheimnisse verbarg. Wo Franz Beckenbauer in den späten Siebzigern wohnte, offiziell zumindest. Wo er versuchte, das Großgeld aus der großen Fußballwelt ganz klein zu tricksen. Auf dem Papier, für die Steuer. Und wo das alles dann doch nicht klappte und teuer zu Ende ging. Weil der Trick eben doch nicht so gut war; aus Sicht von Ermittlern versuchte Steuerhinterziehung.
Und nun wird dieser Flecken in der Schweiz zum dunklen Flecken auf der Landkarte des deutschen Sommermärchens, der Affäre um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Nach Frankfurt, wo jahrelang der Schmutz der deutschen Bewerbung im Archiv des Deutschen Fußball-Bundes versteckt war. Nach Zürich, wo die Deutschen im Jahr 2000 auf so rätselhafte Weise den Zuschlag für die WM bekommen hatten. Nun also Sarnen.
Wieder steht der Ort für eine gut getarnte Trickserei, die am Ende doch auffliegt – die geschönte Erklärung der WM-Macher um Kaiser Franz, wie ihnen der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus mal 6,7 Millionen Euro geliehen hatte. Glaubte man den alten Männern, war das eine leider nötige Provision gewesen, gezahlt Anfang 2002, und zwar direkt, ohne Umwege, von DFB-Freund Louis-Dreyfus an die Fifa-Finanzkommission. Angeblich im Gegenzug sollte die Fifa den Deutschen dafür 250 Millionen Franken, umgerechnet 170 Millionen Euro, zur WM zubuttern. Diese Geschichte dürfte nun geplatzt sein. In Sarnen.
In dieser Woche hat die Rechtsanwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer dem DFB ihren Untersuchungsbericht zur Sommermärchen-Affäre vorgelegt, die größte Überraschung darin: Louis-Dreyfus hat das Geld gar nicht an die Finanzkommission der Fifa überwiesen. Es ging auf ein Konto in Sarnen, geführt von der Kanzlei Gabriel & Müller. Dieser Anwalt Othmar Gabriel aber spielte in Beckenbauers altem Schweizer Netzwerk schon lange eine wichtige Rolle.
Beckenbauer hatte bislang stets behauptet, er habe mit der Zahlung von Louis-Dreyfus – angeblich an die Fifa – nichts zu tun gehabt. Das war also offenbar eine Falschaussage. Schlimmer noch: Das Geld floss vom Kanzleikonto aus weiter an eine Firma des früheren Fifa-Funktionärs Mohamed Bin Hammam, eine der zwielichtigsten Figuren des Weltfußballs, 2011 lebenslang gesperrt. Das muss Beckenbauer nun erklären. Seine nonchalante Ahnungslosigkeit, mit der er sich durch Interviews und Vernehmungen mogelte, sie wird ihm nicht mehr weiterhelfen.
Die nächste Überraschung im Freshfields-Report ist das Datum, wann Louis-Dreyfus sein Geld überwies: am 16. August 2002 nämlich, deutlich später als bisher gedacht. Das wirft zwar viele neue Fragen auf, auch im Hinblick auf eine möglicherweise gekaufte WM im Jahr 2000. Aber: Ein so später Geldfluss passt auch nicht so recht zur Version, die Beckenbauer, sein langjähriger Spezl Fedor Radmann, Ex-DFB-Chef Wolfgang Niersbach und andere aus der alten Riege bisher erzählt hatten.
Ihr Mantra war immer, die WM sei nicht gekauft gewesen, das Geld habe man doch nur für den Fifa-Zuschuss gezahlt. Und die "Süddeutsche Zeitung" malte sich aus, es sei dann am Ende bei der Fifa vielleicht in einer schwarzen Kasse für den Wahlkampf von Fifa-Chef Sepp Blatter versickert. So raunte es auch Niersbach in seiner Freshfields-Vernehmung: Beckenbauer habe mal gesagt, die Wiederwahl von Blatter gehe auf sein Konto.
Ausgeschlossen ist das zwar nicht – so wie Freshfields gar nichts ausschließen will, was am Ende mit den Millionen geschah. Aber klar ist: Als das Geld floss, im August, hatte die Fifa den Zuschuss schon seit drei Monaten offiziell bewilligt und die ersten 25 Millionen Franken sogar schon ausgezahlt. Und das alles passierte auch sechs Monate nachdem die Deutschen den ersten fetten WM-Sponsorenvertrag abgeschlossen hatten. Warum hätten sie sich für die Provision dann noch unter der Hand heimlich Geld von Louis-Dreyfus leihen müssen?
Gut vier Monate lang haben die Freshfields-Anwälte all diese Versionen untersucht. Nachdem der SPIEGEL die Affäre im Oktober ins Rollen gebracht hatte, haben sie 128 000 elektronische Dokumente und 650 Aktenordner gesichtet; in Spitzenzeiten waren 35 Juristen im Einsatz. Viele Fragen bleiben immer noch offen, darunter die entscheidenden: Was hat Bin Hammam mit dem Geld gemacht? Und warum hat der DFB 2005 Beckenbauers Schulden bei Louis-Dreyfus an den Franzosen zurückgezahlt? Möglicherweise wird die Antwort erst in den 100 Aktenordnern der ebenfalls ermittelnden Frankfurter Staatsanwaltschaft zu finden sein, die Freshfields nicht einsehen konnte; möglicherweise findet man sie nie. Trotzdem, das Ergebnis kann sich sehen lassen.
Nicht nur, dass die Fahnder im letzten Moment auf die Zahlung in Beckenbauers Umfeld in Sarnen stießen. Sie fanden weitere Belege, dass es vor und nach der WM-Vergabe im Jahr 2000 nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.
Da gab es kleinere und größere Geschenke für Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees, die über die WM entschieden, zum Beispiel Ticketkontingente für die Europameisterschaft 2000, Luxuslimousinen zur Gratisnutzung, teure Hotelübernachtungen. Selbst Shopping-Rechnungen übernahm der DFB. Hinzu kamen fragwürdige Verträge, mit denen die Deutschen die Fußballverbände von Katar und Oman bei Laune hielten – ausdrücklich für "die Unterstützung der Bewerbung Deutschlands". Und ganz nebenbei: Wolfgang Niersbach hat die Öffentlichkeit in die Irre geführt. Die Handschrift auf einem Papier von 2004, mit dem die geplante Rückzahlung an Louis-Dreyfus beschrieben wird, war seine, wie Freshfields festgestellt hat. Niersbach hatte darauf gepocht, erst 2015 von der Louis-Dreyfus-Affäre gehört zu haben.
Die Anwälte beschreiben in ihrem Bericht einen ganzen Kranz von verdächtigen Umständen, die für ein gekauftes Sommermärchen sprechen. Was aber ist mit den ominösen zehn Millionen Franken, umgerechnet 6,7 Millionen Euro, von Louis-Dreyfus? Obwohl die Überweisung nun also erst auf August 2002 datiert, lange nach der Vergabe der WM im Jahr 2000, halten die internen Ermittler des DFB eine Verbindung zu einem Stimmenkauf weiterhin für möglich. So wie auch erst Jahre nach der WM in Südafrika plötzlich Millionen an den Verband des korrupten Wahlmannes Jack Warner aus Trinidad und Tobago geflossen waren, nicht schon vor der Vergabe.
Alles dreht sich nun um Franz Beckenbauer. Der Hinweis auf das Konto in Sarnen kam erst jüngst vom Zürcher Testamentsvollstrecker des 2009 gestorbenen Louis-Dreyfus. Aber dass so etwas noch ans Licht kommen könnte, muss Beckenbauer schon vor Wochen geahnt haben. "Ausschließen kann ich nichts, vielleicht findet so ein Zauberer noch was", sagte er mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Charme und Chuzpe Mitte November in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Es war jenes Gespräch, aus dem vor allem hängen blieb, dass er für nichts verantwortlich sei, weil "ich immer alles einfach unterschrieben habe". Blind, ohne überhaupt zu lesen, was er da unterschrieb.
Beckenbauer, der ewige Schlawiner. Er war ein großer Spieler, ein großer Trainer, die Wahrheit lag auf dem Platz. Aber neben dem Platz lag auch mal die Unwahrheit, da nahm er es mit der Ehrlichkeit nicht so genau. Sondern lieber, was er kriegen konnte. Schon in den Sechzigern besorgte ihm sein Manager Robert Schwan Werbeverträge mit Spitzenhonoraren; beiden war sehr daran gelegen, dass der Fiskus davon möglichst wenig abbekam. Deshalb verlegte Beckenbauer 1977 seinen Wohnsitz in die Schweiz, in den Kanton Obwalden. Er hatte gerade den Vertrag seines Lebens unterschrieben, sieben Millionen Mark für drei Jahre bei Cosmos New York. Danach arbeitete Beckenbauer in New York und zahlte seine Steuern im kleinen Sarnen, das sich dem Kaiser dafür ganz und gar unterworfen hatte. Vor allem seine Steuerregelungen. Knapp 20 000 Franken Steuern pro Jahr – mehr soll der Millionario Beckenbauer in der Schweiz nicht gezahlt haben.
Möglich gemacht hatte das sein Berater, der Anwalt Hans Hess aus Sarnen, der über den unschlagbaren Vorteil verfügte, gleichzeitig einer der Spitzenpolitiker des Kantons zu sein, ab 1981 sogar Justizdirektor, quasi Justizminister. Dass die Steuersätze in Obwalden so niedrig lagen, um Prominenz in die Provinz zu ziehen, soll auch seinem Einfluss zu verdanken gewesen sein – bis die Regierung in Bern hineingrätschte und den Kanton steuerrechtlich unter Vormundschaft stellte.
Eine der Firmen, um die sich Hess für den deutschen Starkicker kümmerte, war die Heka GmbH, Heka für Hess und Kaiser. Darin waren Werbeeinnahmen von Beckenbauer aus den Jahren 1970 bis 1975 gelandet. Als Hess das Geld für Beckenbauer flüssig machen wollte, liquidierte er die Heka und versuchte, wie die Richter später feststellten, gut 1,2 Millionen Franken an der Steuer vorbeizuschleusen. Hess kassierte eine Verurteilung wegen "eventualvorsätzlicher Beihilfe zur Steuerhinterziehung", Beckenbauer musste Steuern nachzahlen.
Schon Ende 1984 meldete sich der Kaiser in der Schweiz ab, um sich im österreichischen Kitzbühel niederzulassen. Das Kapitel Sarnen schien damit beendet, aber das schien wohl nur so. Noch gab es nämlich die Rofa, Abkürzung für Robert und Franz, gegründet als gemeinsame Vermarktungsfirma von Schwan und Beckenbauer. Um die Jahrtausendwende stand Schwan immer noch im Handelsregister der Nachfolgefirma SKK-Rofa – neben einem Anwalt und Notar aus Obwalden: Othmar Gabriel nämlich. Und als die Firma 2010 aufgelöst wurde, war dieser Othmar Gabriel der Liquidator. Ein Mann also aus dem alten Sarnen-Netzwerk von Schwan und Beckenbauer.
Von 1981 bis 1990 hatte Gabriel erst als Praktikant, dann als Anwalt in der Beckenbauer-Kanzlei Hess gearbeitet, sich später selbstständig gemacht. Und im Jahr 2002 – wer dachte da noch an Beckenbauers alte Steuergeschichten – kommt nun Gabriel plötzlich wieder ins Spiel. Als schweigsamer Helfer, immer bereit, wenn Beckenbauer schmuddelt, wie schon in den Achtzigern. Gabriel ist der Herr über das Konto, auf das Robert Louis-Dreyfus zehn Millionen Schweizer Franken überwies.
Was die Freshfields-Anwälte herausgefunden haben, bringt Beckenbauer in höchste Not: Noch bevor Louis-Dreyfus zahlte, waren Beckenbauer und Schwan mit sechs Millionen Schweizer Franken in Vorlage getreten. Das Geld kam ab Ende Mai 2002 von einem Konto, das "Robert Schwan oder Franz Beckenbauer" als Inhaber auswies. Diese sechs Millionen gingen in Richtung Gabriel. Das Geld blieb nicht lange in Sarnen. Wenige Tage nach dem Eingang soll es von Gabriel oder seinem Büro auf ein Konto der Kemco bei der Doha-Bank in Katar weitergeleitet worden sein. Kemco – das ist die Firmengruppe von Bin Hammam.
Sämtliche Tranchen, so Freshfields, seien unter dem Verwendungszweck "Erwerb von TV und Marketingrechten Asienspiele 2006" gelaufen. Die Asienspiele waren so etwas wie die Olympischen Spiele von Asien. Merkwürdig. Von einer Provision war jedenfalls nicht die Rede. Und was hatten Beckenbauer oder Schwan mit den Asienspielen zu tun? Als TV-Makler waren sie nie aufgefallen, und die Europarechte für die Spiele sicherte sich der Sender Eurosport. Das riecht streng nach einer Tarnung.
Gabriel soll dazu jetzt erklärt haben, Robert Schwan habe das so angewiesen, heißt es bei Freshfields. Schwan kann dazu nichts mehr sagen, er starb im Juli 2002, vier Tage nach der Überweisung der letzten Tranche an Gabriel.
Dann kam Louis-Dreyfus ins Spiel. Der hatte extra ein Konto bei der BNP Paribas, Kontonummer 3136594/001.000.756, eröffnet, ausdrücklich mit dem Zusatz "FB" – FB für Franz Beckenbauer. Von dort überwies Louis-Dreyfus die zehn Millionen Franken am 16. August 2002 auf ein Konto der Kanzlei Gabriel & Müller bei der Obwaldner Kantonalbank in Sarnen. Kurz danach wurde das Geld verteilt.
Am 3. September 2002, gut zwei Wochen nachdem Louis-Dreyfus die zehn Millionen Franken auf das Gabriel-Konto überwiesen hatte, bekam Beckenbauer auf ein eigenes Konto seine sechs Millionen zurück, mit denen er in Vorlage getreten war. Die restlichen vier der zehn Millionen von Louis-Dreyfus gingen am 5. September 2002 an die Kemco von Bin Hammam. Machte zusammen zehn Millionen Franken für den Katarer. Verwendungszweck: "Asian Games 2006 Schlusszahlung".
Franz Beckenbauer sagte dazu den Freshfields-Anwälten in dieser Woche, er sei überrascht über die Erkenntnisse. Anwalt Gabriel behauptete, Beckenbauer sei nie wirtschaftlich Begünstigter eines bei dem Büro geführten Kontos gewesen.
Mag stimmen, aber von den Geldbewegungen, vor allem von der Rückzahlung der sechs Millionen Franken auf sein Konto, hat er profitiert. Fest steht: Es war ein kompliziertes Hin und Her. Ansonsten aber gibt es mehr Fragen als Antworten: Was wollten Beckenbauer, Schwan und Louis-Dreyfus damit erreichen? Was kaufen? Oder wen? Bis zum Donnerstag dieser Woche wartete Freshfields auf Antwort von Bin Hammam – vergebens.
Nächste Frage: Warum ließ sich das DFB-WM-Komitee drei Jahre später dafür in die Pflicht nehmen, als es das Geld unter falscher Flagge an Louis-Dreyfus zurückzahlte? Und: Warum durfte die ganze Operation auf keinen Fall an die Öffentlichkeit kommen? Nicht mal, als der SPIEGEL die ominöse Zahlung im Oktober aufdeckte. Eine Provision, das wäre zwar seltsam, aber noch nicht verwerflich gewesen. Worum ging es also stattdessen? Wieder Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt.
Was die Wucht der neuen Enthüllung ausmacht, ist daher erst mal etwas anderes: Sie zeigt, wie wenig von den bisherigen Erklärungen eines Franz Beckenbauer, eines Wolfgang Niersbach, eines Fedor Radmann zu halten ist. Was hatte zum Beispiel Niersbach nicht alles in seiner Stammel-Pressekonferenz 18 Tage vor seinem Rücktritt behauptet, um die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die WM nicht gekauft gewesen sei.
Niersbach am 22. Oktober: "Also, wir haben kein Geld von Robert Louis-Dreyfus bekommen. Ich habe ja gesagt, es war die Finanzkommission." Falsch, das Geld ging doch an "uns", genauer an den Anwalt in Sarnen und von dort sechs Millionen Franken zurück an ein Mitglied des WM-Komitees, nämlich Beckenbauer.
Niersbach: "Das OK hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine eigenen Finanzmittel. Wir haben den Vertrag mit einem nationalen Sponsor erst ein paar Monate später gemacht." Auch falsch, das Geld von Louis-Dreyfus floss erst im August 2002, aber den ersten Sponsorenvertrag über 12,9 Millionen Euro mit dem Energiekonzern EnBW hatte das OK schon im Februar 2002 abgeschlossen. Geld genug für eine offizielle Zahlung an die Fifa, um den 250-Millionen-Franken-Zuschuss zu sichern, wäre also da gewesen.
Dass man trotzdem Louis-Dreyfus einspannte, spricht für andere Zwecke, von denen keiner erfahren durfte. Niersbach: "Im Januar 2002 hat der Fifa-Präsident einen Zuschuss von 250 Millionen Schweizer Franken in Aussicht gestellt ... Aber im Gegenzug müssen zehn Millionen an die Finanzkommission überwiesen werden." Beckenbauer: "Bei der Fifa wollten s' halt so haben." Geben und nehmen?
Die einzige Originalquelle für diese Version ist bisher der Beckenbauer-Intimus Fedor Radmann, der seine Aussage gegenüber Freshfields hinterher nicht autorisieren, nicht unterschreiben wollte. Kein Wunder, denn was er erzählte, klingt hanebüchen: Er habe im Auftrag von Beckenbauer Gespräche mit Bin Hammam geführt, dem Mitglied der Finanzkommission. Beckenbauer habe wissen wollen, warum Verhandlungen mit der Fifa über einen Zuschuss zur WM so zäh verliefen. Deshalb habe er, Radmann, mit Bin Hammam telefoniert. Japan und Südkorea hätten für ihre WM 2002 schließlich auch schon 200 Millionen Euro bekommen.
Das habe Bin Hammam eingesehen und gesagt, die Deutschen müssten auch etwas erhalten. So weit, so gut für das deutsche WM-OK, das dringend auf den Zuschuss angewiesen war. Dann aber, so Radmann, habe er einen Anruf bekommen, mit der Forderung, die Deutschen müssten eine "Sicherheitsleistung" für den Zuschuss zahlen. Wer ihn angerufen habe? Das wisse er leider nicht mehr. Bin Hammam? Blatter? Keine Ahnung.
Kann man das vergessen? Und soll man das glauben? Alles Weitere habe er Beckenbauers Manager Robert Schwan überlassen. Warum Schwan, nicht dem WM-OK? Außerdem: Dass die Fifa den Deutschen die gewünschten 250 Millionen zahlen würde, hatte sie schon Anfang Mai 2002 verkündet. Warum kam dann die Louis-Dreyfus-Zahlung über 10 Millionen Franken, 6,7 Millionen Euro, erst danach, als längst alles klar, die erste Tranche ausgezahlt war?
Alles Fragen, die auch Freshfields bisher nicht beantworten konnte. Natürlich ist da auch die Blatter-Wahl im Mai 2002 – Blatter war schwer unter Druck. Möglich, dass er Geld brauchte, um sich Stimmen zu kaufen, oder Stimmen, die er bekam, hinterher zu entlohnen. Blatter bestreitet das. Er hatte aber auch viele Superreiche als Gönner, die ihm für den Wahlkampf Privatjets und vieles mehr zur Verfügung stellten. Warum hätte er mühsam die Deutschen auspressen müssen?
Deshalb verfolgen die Anwälte in ihrem Bericht auch weiter die Spuren, die auf eine gekaufte WM-Vergabe im Jahr 2000 hindeuten – und auf Dankeschön-Gelder hinterher, möglicherweise verteilt von Bin Hammam. Dass die Deutschen alles andere als sauber gespielt haben, dafür finden sich bei Freshfields viele Hinweise.
Wie groß die Not der Deutschen war, die nötigen Stimmen im Fifa-Exekutivkomitee zusammenzubekommen, zeigt schon der Vertrag, den sie vier Tage vor der Abstimmung in Zürich mit dem Verband des korrupten Jack Warner aus Trinidad und Tobago schlossen. Er trägt neben Warners Unterschrift die von Beckenbauer und die Paraphe von Radmann. Die Anwälte fanden eine Notiz des früheren OK-Vizes Horst R. Schmidt aus dem August 2000, gut einen Monat nach der Vergabe, in dem er das Gesamtpaket mit Warner "auf rund zehn Millionen DM" schätzte. Der Vertrag mit Warners Kontinentalverband Concacaf sei aber gar nicht umgesetzt worden, behauptet der DFB heute. Doch ganz so war es nicht. So wurden Papierfähnchen und Tickets für Trinidad und Tobago gedruckt – im Wert von 77 707 Mark. Für ein Spiel habe die Concacaf die Tickets selbst gedruckt – auf Rechnung des DFB. Machte 3500 US-Dollar. Im August 2000, nach der WM-Vergabe, logierte Warner im Münchner Hotel Vier Jahreszeiten. Die Kosten, 1461 Mark, übernahm wieder der DFB. Ebenso eine Einkaufstour des Ehepaars Warner. Gesamtkosten allein von März bis Mai 2000: mindestens 45 670 Mark. Abgezeichnet wurde so etwas in der Regel von Horst R. Schmidt, dem Finanzfachmann des OK, jeweils mit dem Zusatz "WM 2006 Entwicklungshilfe".
In einer Budgetübersicht für die Bewerbung um die WM 2006 werden Posten für Warner oder seinen Verband mit insgesamt 437 500 Euro veranschlagt. Fest steht: Der Vertrag mit ihm enthielt eine Klausel, dass die DFB-Spitze noch zustimmen musste, nach der WM-Vergabe. Dazu kam es nicht. Allerdings wollen Freshfields-Anwälte nicht ausschließen, dass der ebenfalls lebenslang gesperrte Warner, bekannt für seinen Jähzorn, hinterher ruhiggestellt werden musste. Sein guter Draht zu Bin Hammam war bekannt, eine Millionenzahlung der Bin-Hammam-Firma Kemco an Warner im Jahr 2011 ist aktenkundig. Möglich deshalb, dass auch die 6,7 Millionen Euro der Deutschen an die Kemco im Jahr 2002 bei Warner landeten.
Warner war auch nicht der Einzige, der von den Deutschen umgarnt, geschmiert wurde. Was sonst soll man von einem Vertrag halten, den der DFB Anfang 2000 mit dem Verband von Katar unterschrieb? Beckenbauer und der Emir unterzeichneten das Papier, es ging unter anderem um Trainingsleistungen, in Wahrheit aber wohl um etwas anderes: In einer Aktennotiz vom 16. Februar 2000 erklärte Horst R. Schmidt den Sinn der Sache so, dass Katar den DFB bei seiner Bewerbung um die WM 2006 unterstützen werde. Spannender noch: Schmidts Vermerk, wonach Bin Hammam mitteilte, dass man mit drei Stimmen aus Asien fest rechnen könne. Nach außen hin werde die Regierung von Katar aber aus politischen Gründen weiter die beiden afrikanischen Bewerber unterstützen.
Schon 1998 hatte der DFB auch einen Hilfsvertrag mit dem Sultanat Oman unterschrieben. Der nächste, der auf seine Kosten kam: Woradi Makudi, Wahlmann aus Thailand. Der hatte ohnehin schon von TV-Verträgen mit dem deutschen Kirch-Konzern profitiert, der die Fernsehrechte für die WM hielt und sie unbedingt in Deutschland sehen wollte ( SPIEGEL 43/2015). Seine Frau verkaufte plötzlich in Thailand Autos des DFB-Hauptsponsors Mercedes-Benz. Und wie Freshfields nun feststellte, durfte er sich auch noch über 25 Tickets für das Halbfinale und 25 für das Finale der Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden freuen. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, die Rechnung über 18 750 Mark ging an das WM-Bewerbungskomitee.
Da sollte wohl auch der Chef des afrikanischen Verbands, Issa Hayatou, nicht leer ausgehen. Von April bis Dezember 2000 stellten der DFB und sein Hauptsponsor Mercedes-Benz dem Afrikaverband über den Verleiher Avis zwei Mercedes-Limousinen der E-Klasse vor die Tür. Auf der Rechnung, knapp 30 000 Euro pro Wagen, stand in Handschrift ganz schlicht – und aus heutiger Sicht ganz schlecht – der Verwendungszweck: "WM 2006".

Seine nonchalante Ahnungslosigkeit, mit der Beckenbauer sich durch Interviews und Vernehmungen mogelte, sie wird ihm nicht mehr weiterhelfen.

Von Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 10/2016
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