05.03.2016

SportgeschichteKleinkrieg im Breisgau

Die Forscher, die die Dopinghistorie der Freiburger Uni aufklären sollen, geben auf. Sie fühlen sich von der Hochschule zensiert.
Es ist neun Jahre her, dass der Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst von Baden-Württemberg in Not war. Der SPIEGEL hatte in einer Titelgeschichte enthüllt, dass die Universität Freiburg tief im Dopingmorast um Jan Ullrich und weitere Radprofis des Teams Telekom steckte.
Wie legt man solch einen Sumpf trocken? Peter Frankenberg machte sich auf den Weg nach Heidelberg, ins Deutsche Krebsforschungszentrum, um dort Rat bei Werner Franke einzuholen. Der Professor für Molekularbiologie gilt als profundester Dopingkenner Deutschlands.
"Alle Lügen gnadenlos aufdecken", sagte Franke, er riet dem CDU-Mann zu einer unabhängigen Untersuchungskommission, besetzt mit hochkarätigen Wissenschaftlern. Wenig später nahmen drei Expertengruppen ihre Arbeit auf.
In dieser Woche nun löste sich die sogenannte "Unabhängige Gutachterkommission zur Evaluierung der Abteilung Sportmedizin des Universitätsklinikums Freiburg" auf. Frustriert vom Verhalten der Universitätsspitze, entnervt vom jahrelangen Kleinkrieg um die Herausgabe von Unterlagen und des Glaubens beraubt, irgendjemandem im Ländle ginge es noch um "wahrhaftige Aufklärung".
Verschlissen wurden im Laufe der neun Jahre über ein Dutzend Professoren für Sportmedizin, Biochemie, Pädagogik, Pharmazie und Recht, international renommierte Hormonforscher sowie Letizia Paoli, die Kommissionsvorsitzende, eine Kriminalwissenschaftlerin der belgischen Universität Leuven mit der Mafia als Forschungsschwerpunkt. Als einer der Ersten war Franke gegangen – die Universität hatte ihm übel genommen, die Dopingvergangenheit eines Freiburger Sportmediziners an die Öffentlichkeit gebracht zu haben.
Das vorläufige Ende der Dopingaufklärung in Freiburg ist ein Musterbeispiel dafür, wie Organisationen vollmundig Aufklärung versprechen, insgeheim aber erfolgreich Transparenz verhindern. Was Minister Frankenberg offenbar unterschätzt hatte, ist die Selbstherrlichkeit von Hochschulen. Die Untersuchungskommission hatte von Beginn an keine Chance, weil sie am Gängelband ihres offiziellen Auftraggebers hing – der Universität.
Es war offenbar eine Zermürbungsstrategie in mehreren Schritten. Der erste: Der Kommission wurden Unterlagen vorenthalten. Fünf Jahre nach Arbeitsbeginn stellten die Aufklärer fest, dass eine von der Uni abgestellte Mitarbeiterin zu Hause drei laufende Meter Akten über den früheren Freiburger Sportmedizinprofessor Joseph Keul gehortet hatte. Kommissionsmitglieder glauben, dass die Dokumente in der Zwischenzeit gesäubert wurden. Ende 2014 fanden sich zudem mehrere Dutzend Aktenordner brisanter Unterlagen von Ermittlungsverfahren gegen Keul und seinen Professorenkollegen Armin Klümper.
Der zweite Schritt bestand darin, Kommissionsmitarbeiter zu verunsichern. Die Uni gab bekannt, 2016 eine neue Forschungsstelle für Sportmedizin einzurichten. Das Kommissionsmitglied Professor Gerhard Treutlein bekam mit, dass dafür sein Mitarbeiter Andreas Singler vorgesehen sei. Treutlein und Singler zerstritten sich, ein bis dahin erfolgreiches Aufklärungsduo war gesprengt, die Arbeit kam noch mühsamer voran. Die Universität gibt jetzt an, Singler sei "nie eine Stelle zugesagt" worden, er sei auch nicht als Mitarbeiter vorgesehen.
Die Erosion in der Kommission nutzte die Universität zu ihrer dritten Attacke: Sie bemängelte den mangelhaften Fortschritt. In der Öffentlichkeit entstand der Eindruck, die Aufklärer seien überfordert, lahm, auf jeden Fall zu kostspielig. Nach Uni-Angaben kostete die Kommissionsarbeit bisher über eine Million Euro.
Was nicht erwähnt wurde: Einige Kommissionsmitglieder verzichteten auf ihr Honorar, Treutlein übernachtete bei Recherchen im spartanischen Gästehaus der Sporthochschule Köln, um Kosten zu sparen. Und das Entgelt für Paoli fließt an ihre Universität in Belgien. Dort wurden die Querschüsse aus Freiburg aber zunehmend eine Belastung für ihre Stellung.
Mehrmals drohte die Kommission mit Rücktritt. Aber die Mitglieder wollten auf der anderen Seite ihre Arbeit unbedingt zu Ende führen. Sorgfalt ging ihnen vor Tempo. Längst dreht sich ihre Arbeit nicht mehr allein um die Sportmedizin. Die Kommission hat Hinweise, dass über viele Jahre Mitglieder der Stuttgarter Landesregierung Doping im Breisgau protegiert hatten. Noch brisanter für die Uni: Den Aufklärern waren mehrere Beispiele für wissenschaftliches Fehlverhalten aufgefallen, nicht nur in der Sportmedizin – Plagiate, Fälschungen und Missdeutungen von Daten. Einige Professoren und Doktoren wurden dafür bereits bestraft, weitere Verfahren laufen. Unter den Beschuldigten sollen sich auch hochrangige Wissenschaftler befinden, die nicht mehr in Freiburg tätig sind.
Zum Bruch mit den Aufklärern führte nun das letzte Manöver der Uni: Sie gab bereits fertiggestellte Teilgutachten an externe Rechtsanwälte heraus, angeblich "um das Prozessrisiko für die Gutachtenverfasser zu minimieren". Die Kommissionsmitglieder, die davon nichts wussten, sehen darin "einen Akt der Zensur". Zudem stellte sich heraus, dass einer der beauftragten Juristen in der Vergangenheit den Freiburger Dopingarzt Klümper vertreten hatte. Die Universität erklärt in der Stellungnahme, dies sei ihr bei der Mandatierung nicht bekannt gewesen. "Für eine angesehene Uni wie Freiburg ist dieser Vorgang einfach nur peinlich", sagt Kommissionsmitglied Fritz Sörgel, im Hauptberuf Leiter eines Biomedizinischen Instituts bei Nürnberg.
Frankenberg ist längst nicht mehr Minister. Und sein Berater betrachtet von außen, was aus dem Aufklärungsprojekt geworden ist. "Keiner hat das Recht, die Wahrheit zu unterdrücken", sagt Dopingkenner Franke, "und erst recht haben die Lügner nicht das Recht, die Wahrheitssuchenden zu unterdrücken."
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 10/2016
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