05.03.2016

UmgangsformenDarf man sich nicht mehr siezen, Herr Bartmann?

Christoph Bartmann, 60, leitet das Goethe-Institut in New York und hat sich für das Sachbuch "Leben im Büro" mit der Welt der Angestellten beschäftigt.
SPIEGEL: Herr Bartmann, sollen wir uns siezen oder duzen?
Bartmann: Wenn man heute das Du verweigert, gilt man ja fast als Soziopath oder zumindest als Problemfall. Von daher lässt mir schon die Frage keine Wahl.
SPIEGEL: Hans-Otto Schrader, der Chef des Traditionsunternehmens Otto, hat seinen 54 000 Angestellten das Du angeboten – was passiert da gerade in deutschen Büros?
Bartmann: Es gibt schon seit einigen Jahrzehnten einen Trend zu mehr Nähe, Wärme und Kommunikation an unseren Arbeitsplätzen.
SPIEGEL: Was für eine Idee von Unternehmenskultur steckt dahinter?
Bartmann: Die Idee, dass Kommunikation Trumpf ist. Man kann nach dieser Auffassung gar nicht genug zusammenarbeiten. Früher hieß es ja immer, im Büro regiere die Angst. Jetzt soll dafür das zwischenmenschliche Verständnis regieren.
SPIEGEL: Gibt es in dieser Arbeitswelt noch Platz für den alten Angestellten, der sich gern siezen lassen möchte?
Bartmann: Der tut sich schwer. Ich glaube, dass man heutzutage in der Arbeitswelt auf eine andere Art und Weise zur Selbstoffenbarung gezwungen ist als früher. Vielen Leuten war das früher sicher sehr angenehm, im Büro hinter ihren Akten unsichtbar zu werden. Ein autoritärer Chef nötigt seine Mitarbeiter, sich zu ducken. Im Büro der Gegenwart ist das Ducken verboten. Überall ist von Sichtbarkeit die Rede und von Performance. Jeder steht an seinem Arbeitsplatz auf der Bühne. Es könnte aber sein, dass die Otto-Revolution etwas spät kommt.
SPIEGEL: Warum?
Bartmann: Ein Übermaß an Zusammenarbeit wird schon eher wieder als Störung der eigentlichen Arbeit empfunden. Manche Leute ziehen sogar einen Trennstrich zwischen diesem zerstreuten, kooperativen Arbeiten und dem, was inzwischen "deep work" heißt – der eigentlichen Arbeit.
Von Mke

DER SPIEGEL 10/2016
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