05.03.2016

PolitkulturJawoll!

Die AfD spricht mit ihrem Volk, in tiefer Provinz, da, wo in einer Woche neue Landtage gewählt werden. Protokolle aus deutschen Kulturzentren, Reithallen und Schlossgewölben. Von Maik Großekathöfer

Mittwoch, 10. Februar, Hotel Stadt Balingen, Balingen, Baden-Württemberg


Heute sprechen Marc Jongen, der stellvertretende Landessprecher der AfD, und Stefan Herre, Landtagskandidat im Zollernalbkreis.

Die AfD feiert ihren politischen Aschermittwoch im Cubus, einer Halle des Hotels Stadt Balingen. Am Eingang stehen drei Wahlschilder.
"Asylchaos stoppen! Grenzen sichern!"
"Mut zur Wahrheit"
"Kinder willkommen! JA zur Familie!"
Im Saal warten rund 80 Besucher, in der Überzahl Männer. Sie tragen Tweedjackett, Lederjacke oder Steppblouson. In einer der hinteren Reihen sitzt eine Frau mit Nasenpiercing. Auf einem Tisch steht die Spendenbox aus Pappe, daneben Getränke: Tannenzäpfle-Bier, Fanta und stilles Wasser.
Am Rednerpult steht Stefan Herre, 24, Landtagskandidat im Wahlkreis Balingen. Er sagt, seit der Flüchtlingskrise gewinne die AfD im Zollernalbkreis monatlich ein Mitglied hinzu. "Ein Wahlergebnis von zwölf Prozent in Baden-Württemberg ist realistisch. Deutschland braucht die AfD mehr denn je. Wir wollen die Sicherung der nationalen Grenzen, um unkontrollierte Einwanderung zu stoppen."
Applaus.
Ans Pult tritt Marc Jongen, Jahrgang 1968, akademischer Mitarbeiter für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, ehemaliger Assistent von Peter Sloterdijk. Er ist der stellvertretende Landessprecher der AfD. Jongen redet über "Die Flüchtlingskrise: Fakten – Ursachen – Auswege". Das Mikrofon hält er mit den Fingerkuppen.
Jongen sagt, jedes Treffen der AfD sei ein Sieg für die Demokratie. Seine Partei werde als "Pack" bezeichnet, als "geistige Brandstifter", der SPIEGEL habe die AfD "Hassprediger" genannt. "Ich frage Sie, wer sind eigentlich die Hetzer in diesem Land?"
Zwischenruf: "Lügenpresse!"
"Wir leben in einem permanenten Albtraum, seit Merkel die Grenzen geöffnet hat", sagt Jongen. "So schlimm kann der nächtliche Albtraum gar nicht sein, wenn man morgens die Augen öffnet und sich gewahr wird: Schon wieder sind Tausende gekommen. Da von Willkommenskultur zu reden ... das ist eher eine Selbstabschaffungskultur."
Applaus.
Jongen redet langsam und deutlich. "Wenn unsere Vorfahren nach den Methoden von Claudia Roth, Heiko Maas und Angela Merkel gehandelt hätten, gäbe es Deutschland nicht, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Unsere Vorfahren haben ihr Territorium verteidigt. Wir, die AfD, handeln wie unsere Vorfahren. Zur Sicherheit gehört Wehrhaftigkeit."
Er hält eine Ausgabe des SPIEGEL mit dem Titel "Dunkles Deutschland" hoch, auf dem ein brennendes Flüchtlingsheim abgebildet ist. Dann zeigt er das Heft mit der Zeile "Helles Deutschland", auf dem ein Kinderfest für Flüchtlinge zu sehen ist. Lachen im Publikum. "Solange wir so diffamiert und indoktriniert werden, können wir das Flüchtlingsproblem nicht lösen."
Applaus. Es folgt die Fragerunde.
Frage: "Wenn jeden Tag Tausende Flüchtlinge kommen, müssen wir jeden Tag quasi ein Dorf bauen, damit die alle Platz haben. Wir können sie doch auch heimatnah und kulturnah unterbringen. Wir bauen deutsche Kolonien in Syrien und in Marokko auf. Dann entstehen da die Dörfer. Oder?"
Jongen: "Ganz richtig. Darüber nachzudenken, die Flüchtlinge in diese Zone zurückzuschicken, ist im Bereich des Denkbaren."
Frage: "Was sagen Sie dazu, dass prominente Landespolitiker die AfD als Rattenfänger bezeichnet haben?"
Jongen: "Wenn wir die Rattenfänger sind, dann sind sie die Ratten."
Zwischenrufe: "Ratten sind sehr intelligente Tiere!"
"Und saubere Tiere!"
"Wir können uns geehrt fühlen!"
Jongen: "Das wird aufhören, wenn wir im Landtag sitzen und seriös auftreten. Das ist peinlich und lächerlich, was die da abziehen."
Frage: "Überall wird berichtet, Deutschland sei das reichste Land der Welt. Wie sehen Sie das?"
Jongen: "Uns ging's noch nie so gut – sagten die Gänse vor Weihnachten. Unsere Maschine läuft recht gut, aber es sind Krisensymptome zu erkennen. Es kann sehr bald anders sein, weil die arbeitende Bevölkerung kleiner wird. Die Babyboomer gehen in Rente. Das schaffen wir nicht, wenn wir ein riesiges Heer nicht integrierbarer Einwanderer mitschleppen müssen. Dann ist es mit unserem Reichtum schnell vorbei."
Frage: "Sie wollen nach australischem Vorbild Flüchtlingsboote nicht an Land lassen und zurückschicken. Das geht doch nicht so einfach. Die Flüchtlinge können doch nicht, ich sage mal, in Libyen einfach wieder aussteigen."
Jongen: "Wieso nicht? Sie sind doch auch dort eingestiegen."
Zwischenruf: "In Libyen gibt es Warlords, mit denen könnte man doch was regeln."
Jongen: "Der europäische Grenzschutz betreibt Schlepperei, indem er Flüchtlinge nach Europa bringt. Wenn sich rumspricht, dass man mit dem Boot nicht nach Europa kommt, würde das Geschäft austrocknen."
Applaus.
Nach drei Stunden ist der Wahlkampfabend zu Ende. Vor dem Saal liegen Butterbrezeln bereit. Sie sind schnell vergriffen.

Donnerstag, 11. Februar, Druckwerk, Trier, Rheinland-Pfalz


Gäste: Beatrix von Storch, stellvertretende AfD-Vorsitzende, Michael Frisch, Direktkandidat in Trier, und Jens Ahnemüller, Direktkandidat im Wahlkreis Konz/Saarburg.

Es regnet. Draußen haben sich rund 250 Demonstranten versammelt. Antje Eichler, die Sprecherin der Grünen in Trier, ist dabei. Sie sagt: "Die rassistische Hetze der AfD ist unerträglich. Frau von Storch ist die Speerspitze. Eine unmögliche Person."
Beatrix von Storch hatte auf Facebook die Frage, ob man an der Grenze auch auf Frauen und Kinder schießen dürfe, mit Ja beantwortet. Später sagte sie, sie habe das nicht gewollt, sie sei nur am Computer auf der Maus abgerutscht.
Beatrix von Storch steigt aus dem Wagen und betritt das Druckwerk, ein Kulturzentrum im Trierer Stadtteil Euren. Die Demonstranten pfeifen und schwenken Regenbogenfahnen.
Drinnen stehen acht Reihen mit jeweils 25 Stühlen unter grauen Holzbalken. Im Publikum sitzen auch junge Menschen mit Rastalocken, in Parka, mit Strickmütze.
Walter Klicker nimmt Platz. Er ist 55 Jahre alt und arbeitet als Jobcoach. Er sagt: "Ich habe jahrelang darauf gewartet, dass eine Partei die Themen Staatsverschuldung und Währungssystem aufgreift. Danke, AfD."
Neben ihm sitzt ein Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. Er ist Lehrer. "Wie kann man die Partei als braun bezeichnen? Wo sind das Nazis? Die AfD ist eine bundesweite CSU. Das linke Pack sollte man sonst wo hinstellen. Gabriel ist der größte Drecksack. Und die Merkel hat ihr Geld schon ins Ausland geschafft, das weiß man von Insidern."
Um 19.30 Uhr beginnt Michael Frisch, der Direktkandidat der AfD in Trier, seinen Vortrag. Er ist Lehrer für Mathematik und Religion an einer Berufsschule. Er sagt: "Wir erfahren einen nicht für möglich gehaltenen Zuspruch ..."
Fünf junge Leute stehen auf und rufen: "Say it loud, say it clear: Refugees are welcome here!" Sie lassen sich von drei Ordnern aus dem Saal führen.
Applaus.
"Diese linksradikalen Demonstranten sind die Totengräber der demokratischen Kultur", sagt Frisch.
Zwischenruf: "Heul doch!"
"Diese Leute sind mitverantwortlich für den blanken Hass, der mir entgegenschlägt", sagt Frisch. "Sie sind mitverantwortlich, dass ich beim Flyer-Verteilen als Nazi beschimpft werde."
Zwischenruf: "Richtig so!"
Zwischenruf: "Schmeißt das Gesocks raus!"
Frisch sagt: "Kinder gedeihen am besten in einer Familie, bei ihren biologischen Eltern."
Sechs Jugendliche stehen auf: "Fick doch, wen du willst! Fick doch, wen du willst!"
Sie werden von Männern geschubst, die vor und hinter ihnen sitzen. Eine Frau fällt zu Boden.
Die Sicherheitsleute bringen die Jugendlichen nach draußen.
Zwischenruf: "Ihr könnt nach Hause gehen!"
Vier Polizisten mit Funk im Ohr filmen mittlerweile die Veranstaltung.
Dann spricht Jens Ahnemüller, 54 Jahre alt, AfD-Mitgliedsnummer 8940, gebürtig aus Apolda in Thüringen.
"Wir wollen die Biotonne abschaffen. Die braucht man in Trier wie einen Kühlschrank am Nordpol."
Zwischenruf: "Oooooh!"
Ein junger Mann ruft: "Was hast du für Sorgen!"
Ahnemüller: "Ja, als Student hat man andere Sorgen. Wir wenden uns nicht an Sie. Wir wenden uns an Leute, die jeden Tag um sechs Uhr aufstehen müssen."
Zwischenruf: "Jawoll!"
Beatrix von Storch ist Europaabgeordnete der AfD. Sie sagt: "Ich habe einen Fehler gemacht, das tut mir leid. Niemand will an der Grenze auf Menschen schießen."
Zwischenruf: "Lächerlich."
Zwischenruf: "Menschenverachtung kann man nicht zurücknehmen!"
"Der Protest ist geheuchelt", sagt Storch. "Mein Auto brannte, meine Scheiben im Büro wurden eingeschmissen. Auf uns wird scharf geschossen!"
Acht Leute stehen auf und rufen: "Say it loud, say it clear ..." Handgemenge mit den Ordnern. "Nimm deine Drecksfinger weg!", ruft eine Frau.
"Wer keine Argumente hat, schreit rum", sagt Beatrix von Storch.
Applaus.
Um 21.45 Uhr verabschiedet Michael Frisch die Gäste.
Die Polizei nimmt die Personalien von 39 Menschen auf, eine Frau erstattet Anzeige wegen Körperverletzung.


Freitag, 12. Februar, Food Hotel, Neuwied, Rheinland-Pfalz


Es sprechen Uwe Junge, Spitzenkandidat für die Landtagswahl, und Jan Bollinger, Vorsitzender des Kreisverbandes, Listenplatz drei.

Ein Mann aus dem Publikum fragt: "Du Kanzler werden, du mich nach Russland schicken?"
Zwei Ventilatoren drehen sich im Kaffeekontor des Food Hotel über Uwe Junge, der neben dem Rednerpult sitzt. Junge ist 58 Jahre alt und Oberstleutnant der Bundeswehr. Er war zweimal in Afghanistan stationiert. Bevor er in die AfD eingetreten ist, war er 30 Jahre lang Mitglied der CDU, dann der islamfeindlichen Partei Die Freiheit.
"Warum?", fragt Junge zurück.
"Ihr Nazis. Rassisten."
Junge: "Wir haben Millionen Russlanddeutsche aufgenommen. Das hat reibungslos funktioniert. Sie haben Werte geschaffen in diesem Land. Ich wüsste nicht, warum ich Sie nach Russland zurückschicken soll. Das hat nichts mit Nazis zu tun. Sie sind willkommen."
"Ich denke, Merkel macht gute Arbeit. Das schafft."
Junge: "Glückwunsch für Ihre Hoffnung."
Der Mann fährt in fehlerlosem Deutsch fort: "Das war nur ein Test. Ich wollte sehen, wie Sie reagieren. Was ich wirklich wissen will: Was tun Sie, um Russlanddeutsche und Türken anzusprechen?"
Der Mann heißt Andreas, seinen Nachnamen möchte er nicht nennen. Er ist Industriekaufmann und 35 Jahre alt. Mit 19 ist er aus Westsibirien nach Deutschland gekommen, ein Spätaussiedler. Er wird am 13. März zum ersten Mal wählen, "definitiv AfD".
Andreas sagt, der unkontrollierte Zuzug von Ausländern gefährde die Wirtschaft und die Sicherheit Deutschlands. "Wir müssen aktiv werden, für unsere Kinder. Ich bin Deutscher, das dürfen Sie nicht vergessen. Ich bin nicht geflohen, sondern in meine Heimat gezogen."
Bollinger: "Sie können gern mal zu einer Kreisversammlung kommen. Es ist wichtig, dass Sie in die Community reinwirken."
Frage: "Die Burka gehört nicht in unser Land. Wenn man durch Bad Godesberg geht, denkt man doch, man ist in Afghanistan. Warum lässt der Deutsche sich das gefallen? In unserem Land sind 200 000 Flüchtlinge, von denen wir nicht wissen, wo sie sich aufhalten. Und noch mal 200 000, von denen wir nicht wissen, wie sie aussehen."
Applaus.
Junge: "Wir treten zur Wahl an, um das zu verbieten. Wir haben ja Vermummungsverbot in Deutschland."
Frage: "Eine Radikalisierung ist da, weil die Leute keinen Ausweg sehen. Die werden dann gewalttätig. Diesen Menschen muss man klarmachen, dass sie nicht Gewalt anwenden, sondern die AfD wählen sollen. Wie sehen Sie das?"
Junge: "Vielen Dank, Sie haben gerade die AfD erklärt. Bürgerwehren finde ich nicht gut. Gucken und der Polizei melden, das ist okay. Wenn ich in den Urlaub fahre, sage ich meinem Nachbarn ja auch: Guck mal. Aber wenn die sich bewaffnen, dann ist das nicht okay."
Günther Marth hat drei Stunden lang zugehört, nun zieht er seine Jacke an. Marth, Jahrgang 1942, war Mitglied bei den Grünen und den Linken. Jetzt wird er die AfD wählen. "Die sogenannten Gutmenschen erkennen den Ernst der Situation nicht", sagt er. "Zur Hälfte bin ich Protestwähler."
"Ich nicht", sagt Harry von Grotthuss, Ingenieur, 69 Jahre alt. "Ich wähle die AfD aus Überzeugung." Er hat seine Stimme in der Vergangenheit oft der FDP gegeben.
Grotthuss hat seine Kinder davon überzeugt, bei der letzten Europawahl die AfD zu wählen. "Die AfD als Brandstifter darzustellen ist ungerecht. Was die Frauke Petry gesagt hat, steht im Gesetz. Man darf an der Grenze von der Schusswaffe Gebrauch machen. Die Journalisten sind es, die ihr erst die Worte im Mund verdreht und sich dann über sie hergemacht haben."
Im Saal stehen zwei Kühlschränke mit Mineralwasser. Eine Flasche kostet zwei Euro, die man in eine Schüssel legen soll. Niemand bezahlt.


Mittwoch, 17. Februar, Schlossrestaurant, Zeitz, Sachsen-Anhalt


Eingeladen haben: André Poggenburg, Spitzenkandidat, und Andreas Kalbitz, Mitglied des Landtags in Brandenburg.

Zur Bürgerrunde im Schlossrestaurant Moritzburg kommen 46 Männer und Frauen. Sie sitzen an Tischen, die zu einem U zusammengeschoben wurden. Über ihnen spannt sich eine Gewölbedecke. An den Wänden leuchten Fackellampen.
Eine Frau, 55, die ihren Namen nicht nennen will, erzählt, dass sie lange ihre Mutter gepflegt habe und nun Arbeit suche. "Ich bin gekommen, um Deutschland zu retten", sagt sie. "Der Islam strebt die Vorherrschaft an, ich weiß das, weil ich mich mit dem Koran beschäftigt habe." Sie ist enttäuscht von der CDU, von Merkel. "Die hat sich von Lothar de Maizière installieren lassen, und der war IM. Ich frage mich, was hat sie vor mit der Republik?"
Hinten links wartet ein komplett in Schwarz gekleideter Mann aus Naumburg darauf, dass es losgeht. Auch er will seinen Namen nicht nennen. Er ist 42 und Angestellter im Rechnungswesen. "Wenn die Massenzuwanderung nicht gestoppt wird, ist die jüngere deutsche Generation in drei bis vier Jahren in der Minderheit. Ich würde mit der Mistgabel durchs Parlament jagen, wenn ich nicht daran glauben würde, dass es eine politische Lösung gibt." Er nimmt an den Legida- und Pegida-Aufmärschen teil, "das ist eine tolle Sache, hinterher hat man das Gefühl, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein".
Er sagt, die AfD zu wählen sei der letzte Schritt, um Gewalt auf der Straße zu verhindern. "Wenn die AfD sich nicht durchsetzt, bleibt nur noch Kampf. Sollte die AfD bis zur Bundestagswahl 2017 verboten werden, wird Deutschland einen Aufstand erleben wie die DDR 1953."
Eine Kellnerin serviert Hasseröder Pils.
Es spricht André Poggenburg, 40, Spitzenkandidat. "Wir peilen 20 Prozent plus x an", sagt er.
Zwischenruf: "Wir schaffen das!"
Poggenburg: "Hat jemand Fragen zur AfD als solches?"
Wortmeldung: "Ich will eventuell in die AfD eintreten."
Poggenburg: "Gute Idee."
Frage: "Muss ich da ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen?"
Poggenburg: "Das müssen Sie nur, wenn Sie ein bestimmtes Amt bekleiden möchten, etwa auf die Landesliste wollen."
Poggenburg spricht über "das Asylchaos", über "verzerrte Berichterstattung in den Medien" und über die "Frühsexualisierung". Er sagt: "Wenn unsere Kinder in der Vorschule, in Kindertagesstätten und Grundschulen mit Plastepenissen spielen müssen, wenn bestimmte sexuelle Ausrichtungen als besser angepriesen werden, dann ist das ein unverschämter Eingriff in die Entwicklung und Erziehung. Wir müssen alles tun, um solche Experimente zu beenden."
Applaus.
Frage: "Gesetzt den Fall, die AfD bekommt 17 Prozent und die NPD 7, 8 oder 9 Prozent. Trauen wir uns, den Bückling zu machen?"
Poggenburg: "Es ist richtig, dass die NPD zum Teil dieselben Themen anspricht wie wir. Aber es geht darum, wie man sie ausspricht. Wir wollen mit denen nicht koalieren."
Applaus.
Frage: "Wie steht die AfD zur Europapolitik?"
Poggenburg: "Wir sind gegen ein EU-Diktat. Das ist ein Zentralismus, den sich Stalin gewünscht hätte. Wir sind für ein Europa der Vaterländer."
Wortmeldung: "Ich hoffe und wünsche mir, dass die AfD eine Alternative für uns ist. Ich sage es mit Heine: Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht."
Applaus.
Andreas Kalbitz, 43, gehört dem Brandenburger Landtag an. Er ist ehemaliger Zeitsoldat, war Verleger der Werke Ernst Jüngers, früher Mitglied der Republikaner. Bevor er anfängt zu reden, serviert eine Kellnerin Jägerschnitzel mit Kroketten.
"Die AfD ist nicht die Ursache für irgendwas, nur die Wirkung", sagt Kalbitz. "Wenn Sie in einem Land leben, in dem Angeln ohne Angelschein bestraft wird, aber illegaler Grenzübertritt nicht, dann werden Sie von Idioten regiert."
Applaus.
"Es kommen nicht nur syrische Hirnchirurgen zu uns, es kommen viele Analphabeten. Der Fachkräftemangel ist eine Lüge. Mag sein, dass die Leistungen der Berufsschüler im Fach Deutsch schlechter geworden sind. Aber nun sollen junge Menschen, die nicht richtig Deutsch können, durch Menschen ersetzt werden, die gar kein Deutsch können." Kalbitz ist rot im Gesicht.
"Es kommen vor allem junge muslimische Männer. Wie das praktisch aussieht, wenn die den demografischen Wandel schaffen, dass will ich mir gar nicht vorstellen, meine Damen und Herren! Wir haben die Schnauze voll! Wir haben keine Geduld mehr!"
"Jawoll!"
Kalbitz stößt mit dem Zeigefinger in die Luft. "Wir wollen keine Multikultigesellschaft", sagt er. "Die Kuscheltierwerfer haben ihren Beitrag übererfüllt."
Er sagt: "Die Polizei ist unterbesetzt. Es dauert 60 Minuten, bis die Polizei zu einem kommt. Was macht man da, wenn die Frau gerade vergewaltigt wird?"
Applaus.
"Wir sind gekommen, um zu bleiben!", ruft Kalbitz. "Diese durchgeknallte Kanzlerin! Die Flüchtlingsherden, die ins Land kommen! Wir wären noch viel mehr Leute hier heute Abend, wenn jeder käme, der wollte, sich aber nicht traut."
"Bravo!"
"Richtig!"
Vier Männer stehen auf und applaudieren im Stehen.
André Poggenburg bittet den Journalisten, den Raum zu verlassen.
Journalist: "Warum?"
Zwischenruf: "Der Kerl benimmt sich nicht deutsch. Raus mit dem!"
Poggenburg: "Die Leute trauen sich vielleicht nicht, bestimmte Fragen zu stellen, wenn Sie hier sind."
Journalist: "Fragen Sie doch die Leute, wie die das sehen."
Zwischenruf: "Der fliegt raus!"
"Der kriegt gleich eine rein."
"Ich finde, wir sollten abstimmen."
"Nein! Raus!"
Kalbitz: "Der Ton muss gesittet bleiben."
Poggenburg: "Ich habe persönlich kein Problem mit der Presse. Wir wollen aber im kleinen Kreis weitermachen, bitte gehen Sie jetzt."
"Raus!"
Zigarettenpause, bevor die Bürgerrunde weitergeht. Andreas Kalbitz steht mit einer Handvoll Gästen vor der Tür und raucht. "Die Attacken der Leute dürfen nicht persönlich werden", sagt er, an den Journalisten gerichtet. "Für das Heil aller zu sorgen ist aber schwer."
Es schneit.


Montag, 22. Februar, Reithalle, Rastatt, Baden-Württemberg


Es treten auf: Jörg Meuthen, Bundessprecher und Spitzenkandidat für die Landtagswahl, und Manuel Speck, Kandidat im Wahlkreis 32.

Von draußen dringt "Alerta, alerta Antifascista!" in die Reithalle, die gegenüber vom Bahnhof liegt. Jörg Meuthen steht am Rednerpult und sagt: "Was Sie da hören, ist Nazipropaganda."
"Scheiß-Antifa!", ruft jemand.
Vor der Tür zieht ein Dutzend Schüler vorbei, die Polizei verscheucht sie. Ein glatzköpfiger Mann, der eine weiße "Ordner"-Binde trägt, sagt: "Da gehen sie, die Schwuchteln. Deren Schwestern sind wohl noch nicht von Flüchtlingen gefickt worden."
Im Saal eine Wortmeldung: "Ich bin erfreut, dass die Schläger und Gröler nicht die Möglichkeit hatten zu stören. Die werden von unseren Steuergeldern gepäppelt. Früher hatten solche keine schwarzen Hemden an, sondern braune."
200 Leute sind gekommen, ein Anwalt, ein Physiker, ein Student, eine sonnenstudiogebräunte Frau auf High Heels samt Freund mit blond gefärbten Haaren. Meuthen, 54, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule zu Kehl, hat gut eine Stunde lang geredet.
Wortmeldung: "Ich finde es schlimm, dass draußen die Schläger stehen, dass wir nur in der Gruppe nach Hause gehen können, dass junge Frauen nicht mehr rausgehen aus Angst vor Vergewaltigung."
Frage: "Wo im politischen Spektrum würden Sie sich einordnen?"
Meuthen: "Ich bin gesellschaftspolitisch ganz klar konservativ. Wenn Sie wollen, auch rechtskonservativ. Ich habe mit dem Begriff ,rechts' kein Problem, finde aber die Links-rechts-Einordnung nicht gut. Wirtschaftspolitisch bin ich liberal."
Wortmeldung: "Thema Waffenrecht: Es ist offensichtlich, dass es für Kriminelle abschreckend ist, wenn die Bürger wieder bewaffnet sind nach schwedischem Vorbild."
Manuel Speck antwortet, ein 24 Jahre alter Sanitär- und Heizungsmeister, die langen Haare hinten zusammengebunden. "Wir wollen das Waffenrecht nicht verschärfen. Es soll nicht jeder eine Waffe besitzen. Aber das Recht dazu wollen wir bewahren. Die unangemeldeten, kostenpflichtigen Kontrollen bei Waffenbesitzern gehören abgeschafft."
Wortmeldung: "Nach Köln bin ich bedrückt. Ich habe Angst vor dieser Flut, die auf uns zukommt. Jede Grausamkeit, jede Kinderverstümmelung wird dem Islam zugestanden, weil es Teil der Religion ist. Ich habe Angst, nachts allein rauszugehen. Ich will noch in Ruhe am Baggersee liegen oder ins Schwimmbad gehen."
Meuthen: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland."
Applaus.
Meuthen: "Die Menschen islamischen Glaubens müssen sich anpassen, dann akzeptieren wir sie als unsere Mitbürger. Wir müssen uns zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher bewegen können, überall. Wer das nicht akzeptiert, muss die Härte des Gesetzes zu spüren bekommen."
Applaus.
Geklatscht hat auch eine Dame, die nicht sagen möchte, wie sie heißt. Zu Zeiten Helmut Schmidts hat sie die SPD gewählt. "Ich will, dass Verbrechen wieder bestraft wird", sagt sie. "Ich will keinen Staat, der Täter schützt." Sie sagt: "Ich habe heute Abend nichts Rechtspopulistisches gehört. Ich bin empört, wie versucht wird, die AfD in diese Ecke zu schieben. Als wären die Bürger dumme Schafe. Mit dieser Einstellung wird nur das Gegenteil erreicht." Dann geht sie.
Um 22 Uhr ist der Saal leer. ■

"Und die Merkel hat ihr Geld schon ins Ausland geschafft, das weiß man von Insidern."

"Ich habe Angst, nachts allein rauszugehen. Ich will am Baggersee liegen, ins Schwimmbad gehen."

Über den Autor

Maik Großekathöfer, Jahrgang 1972, hat Publizistik, Politikwissenschaft und Germanistik studiert, ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und schreibt seit November 1999 für den SPIEGEL. Er arbeitete zunächst im Sportressort, heute ist er Redakteur im Ressort Gesellschaft.

Von Maik Großekathöfer

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