05.03.2016

HomestoryRandparzelle

Mein erstes Jahr als Schrebergärtner
Vergangenes Wochenende, als ich die ersten Krokusse sah, wurde mir klar, dass die schönste Jahreszeit bald vorbei sein würde. Unter der Erde erwachte das Leben, und ich musste an meinen Schrebergarten denken. Es war kein schöner Moment, so viel kann ich schon mal sagen.
Ich bin in einem Dorf nahe Siegen im südlichen Westfalen groß geworden, mit einem Kastanienbaum, der größer war als das Haus, mit Kirsch- und Zwetschgenbäumen, mit einem Bach, in dem Forellen schwammen, und einer Wiese, die von diesem Bach stets gut getränkt war. Das Gras gedieh prächtig. Alles war wahnsinnig schön, machte allerdings auch irre viel Arbeit. Besser wurde es, als mein Vater einen Aufsitzmäher geschenkt bekam, worüber ich mich noch mehr freute als er. Samstags hatte ich fortan frei.
Mit 18 zog ich weg, nichts würde mich dorthin zurückbringen, und doch war da immer eine Sehnsucht. Man bekommt den Jungen aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus dem Jungen.
Im vergangenen Jahr habe ich dann diesen Schrebergarten gepachtet. Eine Laube aus Holz mit Veranda, drei Apfelbäume, einige Beerensträucher, ein Gemüsebeet, ein Teich. Und drum rum ein saftig grünes Stück Wiese. Ein Aufsitzmäher gehört nicht dazu.
Schrebergärten sind seit einiger Zeit sehr gefragt bei jüngeren Großstadtakademikern. Ein Haus mit Garten können wir uns nicht leisten, wir leben im Jugendstil-Altbau und pachten ein grünes Wohnzimmer dazu. Wir mögen Biolebensmittel, backen Brot, brauen Bier. Wir schätzen all die Dinge, die wir früher für spießig hielten: Heimwerken, Handarbeiten, Marmelade einkochen, Radieschen säen.
Der Altersschnitt der Pächter sinke rapide, erzählte mir Dirk Sielmann, der Vorsitzende des Landesbunds der Gartenfreunde Hamburg. Mich nannte er am Telefon "Gartenfreund Becker".
Um einen Garten zu bekommen, sagte Sielmann, müssten Interessenten bis zu fünf Jahre warten, ein Verein führe eine Liste mit 160 Bewerbern. Ganz so viele sind es in meinem Verein nicht, aber beliebt ist auch er. Der Vorsitzende, ein Rechtsanwalt, lädt Bewerber zu Vorstellungsgesprächen, als ginge es um eine Führungsposition. Mich nahm er im April ins Verhör: "Was machen Sie beruflich?" – "Ich bin Journalist." – "Hm, noch ein Akademiker." Er schwieg. "Und wie wollen Sie sich bei uns einbringen?" Er betonte das "Sie", schwieg wieder. "Sagen Sie jetzt nicht, indem Sie die Homepage pflegen oder einen Text für die Mitarbeiterzeitung schreiben. Was wir bräuchten, wäre mal wieder jemand, der einen Spaten halten kann."
Ich erzählte von meiner Jugend, von den Kirsch- und Zwetschgenbäumen, von der riesigen Wiese. Vom Aufsitzmäher erzählte ich nichts. Ich bekam den Garten.
Es ist eine Randparzelle, mit Nachbarn nur auf zwei Seiten, also halb so vielen Beschwerdeführern, falls der Rasenmäher mal zwischen 13 und 15 Uhr läuft. Sie denken, das ist ein Klischee? Dachte ich auch. Aber meine Nachbarn sind keine Hipster in einem Urban-Gardening-Projekt auf St. Pauli, sie sind Schrebergärtner. Sie trinken kein Craft Beer, sondern Holsten. Sie sind HSV-Fans.
Als ich einzog, schickte mir ein Freund ein Bild, darauf drei Männer, die mit einer Bierkiste vor einer Laube sitzen. Die Zeile: "Das Schönste an der Gartenarbeit ist das Gießen." Ich kaufte eine Kiste Bier und Biergläser, machte ein Foto und schrieb zurück: "Die ersten Tulpen sind schon da."
Bevor ich den Schrebergarten hatte, war ich samstags hin und wieder zur Maniküre gegangen. Gentleman-Behandlung, noch so ein Großstadttrend. Nun schrubbte ich meine Hände mit Sandseife. Samstags ging ich in den Baumarkt.
Die Plastik- und Terrakotta-Tiere, die sich mein Vorpächter gehalten hatte, vertrieb ich aus dem Paradies. Schweinchen, Schnecken, Frösche, Igel, eine Gans. Auf Facebook postete ich ein Foto: "Diese Tiere sind seit heute leider obdachlos." Neun Likes. Den Fahnenmast des Vorpächters ließ ich stehen, eine ironische Geste, erzählte ich. In Wahrheit hätte ich nicht gewusst, wie ich ihn abmontieren sollte.
Als die beiden Benzinrasenmäher, die ich übernommen hatte, nicht mehr ansprangen, schaute ich über den Zaun zum Nachbarn. Er murmelte etwas von Gaszug reparieren, ich fuhr in den Baumarkt, um mir einen dritten Rasenmäher zu kaufen. Zurück kam ich mit einem Elektromodell, der Aufdruck: "Lamborghini". Das Gras kürzte mein Lamborghini perfekt, beim zweiten Einsatz rasierte er das Kabel. Es gab, kurz gesagt, immer etwas zu tun.
Zum wichtigen Helfer wurde mir eine Garten-App, die Monat für Monat verriet, was zu tun war, und so konnte ich bald Riesenzucchini ernten, doppelt so lang wie meine Arbeitsschuhe. Noch besser gedieh ein Gewächs, das ich nicht gepflanzt hatte, das mir für Unkraut aber zu stattlich erschien. Mehrmals war ich drauf und dran, es auszurupfen, doch als ich im Herbst den Spaten ansetzte, kamen Kartoffeln ans Licht, noch vom Vorpächter gesetzt. Richtig dicke Dinger. Ich aß eine Woche lang nichts anderes, Salzkartoffeln, Bratkartoffeln, Kartoffelgratin. Ich schmückte mich mit fremden Kartoffeln, so sagt man das wahrscheinlich unter Schrebergärtnern.
Ein Schrebergarten macht sich super als Statussymbol, leider macht er auch Arbeit. Es ist eine Beziehung voller ambivalenter Gefühle. Ich liebe es, einen Garten zu haben, bloß Gärtner zu sein, das mag ich nicht. Zurzeit läuft es ganz gut. Fast nichts wächst, nicht mal das Gras. Und doch kann ich von meinem Garten erzählen, jeden Tag, nun sogar im SPIEGEL.
Wenn es wärmer wird, werde ich meine Eltern mal wieder nach Hamburg einladen, am besten an einem Samstag. Mein Vater hilft sicher beim Mähen.
Von Tobias Becker

DER SPIEGEL 10/2016
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