05.03.2016

KommentarWider den Böxit

Die Börse muss ihren Sitz in der EU behalten – auch nach einer Fusion mit London.
Nun klagen sie wieder in der Börsenstadt Frankfurt am Main: Der Finanzplatz dürfe keinesfalls leiden unter einem Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange (LSE). In der stets von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Metropole fürchtet man um Ansehen und Arbeitsplätze, sollte Börsenchef Carsten Kengeter seine Pläne für eine Fusion mit der LSE durchsetzen. Doch Kengeter hat im Grundsatz recht: Eine solche Fusion ist wirtschaftlich sinnvoll. Und wichtig ist eigentlich nicht, ob die gemeinsame Börse aus Frankfurt oder London heraus geführt wird, sondern dass sie in Europa ihren Hauptsitz hat. Die Frage ist allerdings, ob London weiterhin zu Europa gehören wird.
Die wirtschaftliche Logik ist so simpel wie überzeugend: Der Börsenhandel wird heute über immer leistungsfähigere Computer abgewickelt. Wer technologisch führend ist und die meisten Marktteilnehmer auf seine Plattform zieht, setzt sich durch. Die Deutsche Börse ist zwar technologisch stark, aber in der Vergangenheit immer wieder mit Fusionsversuchen gescheitert. Weil es der LSE ähnlich erging, drohen die Europäer immer weiter hinter die Amerikaner und Asiaten zurückzufallen. Es ist daher klug, die Kräfte zu bündeln.
Zu Recht warnt Kengeter, die hiesigen Börsen dürften nicht in US-Hände fallen. Die Schaltzentrale für den europäischen Kapitalmarkt darf aber auch nicht aus der EU herausfusioniert werden. Das droht, wenn Kengeter sich auf London als Hauptsitz der neuen Börse festlegt und die Briten im Sommer für einen Austritt aus der EU votieren. Von wem die Börse geführt wird, ist egal, Menschen kommen und gehen. Doch die politische Kontrolle über eine für die fragile Finanzwelt so kritische Infrastruktur sollte in der EU, wenn nicht sogar in der Eurozone verbleiben. Einen Exit der Börse, einen Böxit, darf es nicht geben.
Von Martin Hesse

DER SPIEGEL 10/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 10/2016
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kommentar:
Wider den Böxit