05.03.2016

SPIEGEL-Gespräch„Die Ideen sind genauso gut“

Der Gründer Andreas von Bechtolsheim über die Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Start-ups und die Frage, ob sich auswandern lohnt
Bechtolsheim , 60, zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Köpfen der IT-Industrie. Anfang der Achtzigerjahre schuf der aus Bayern ins Silicon Valley ausgewanderte Informatiker mit Sun Microsystems einen der ersten Großkonzerne des PC-Zeitalters. In den folgenden Jahrzehnten gründete er vier weitere erfolgreiche IT-Unternehmen und versorgte zahlreiche Start-ups mit Wagniskapital – darunter auch Google.
SPIEGEL: Herr Bechtolsheim, Uber wird mit mehr als 60 Milliarden Dollar bewertet, die Messenger-App Snapchat mit über 16 Milliarden. Finden Sie das verrückt?
Bechtolsheim: Die Bewertungen der vielversprechendsten Start-ups sind wirklich enorm in die Höhe geschossen. Ich wundere mich da auch schon mal. Manche Ideen sind allerdings eben so außergewöhnlich gut, dass viele Geldgeber der Meinung sind: Da muss man einfach investieren.
SPIEGEL: Aber ist damit schon gerechtfertigt, dass zwei Jahre alte Unternehmen mit kaum hundert Mitarbeitern so viel wert sind wie Weltkonzerne?
Bechtolsheim: Es scheint auf den ersten Blick vielleicht nicht ganz logisch. Aber diese neuen Firmen haben oft sehr vielversprechende Geschäftsmodelle und können enorm schnell wachsen. Wenn man erwartet, dass ein Start-up in Zukunft weltweit einen Markt dominieren wird, dann sind solche Summen gerechtfertigt. Firmen, die in ein paar Jahren an der Börse einen Marktwert von zehn Milliarden Dollar erreichen können, sind dann eben heute schon eine Milliarde wert.
SPIEGEL: Für europäische Start-ups scheinen solche enormen Bewertungen dagegen unerreichbar. Wird hier nicht mit zweierlei Maß gemessen?
Bechtolsheim: Das ist nicht ganz richtig. In Deutschland hat sich zuletzt einiges getan, und es gibt bereits fünf sogenannte Unicorns ...
SPIEGEL: ... so nennt man Start-ups, die mehr als eine Milliarde Dollar wert sind. In den USA gibt es davon allerdings mehr als hundert.
Bechtolsheim: Das stimmt, aber man muss auch die Relation zum Wagniskapital beachten. In den USA wurden im Jahr 2015 etwa 58 Milliarden Dollar Venture-Capital investiert, davon knapp die Hälfte im Silicon Valley. In ganz Europa wurde im vergangenen Jahr nur ein Bruchteil dieser Summe an Wagniskapital investiert.
SPIEGEL: Den deutschen Nachwuchsunternehmern fehlt also vor allem das Geld?
Bechtolsheim: Der deutsche Binnenmarkt ist kleiner. Das macht es schwieriger, genügend Wagniskapital aufzutreiben, damit eine Firma schnell wachsen kann. Die Wahrscheinlichkeit, ein erfolgreiches Start-up in Deutschland aufzubauen, ist dadurch viel geringer als in den USA. Aber zuletzt ging es trotzdem voran: Der Gründergeist in Deutschland ist neu erwacht. Und auch die Politik hat das offenbar erkannt.
SPIEGEL: Könnte das nächste Facebook aus Stuttgart oder Berlin kommen? An technischem Verständnis mangelt es in Deutschland doch nicht.
Bechtolsheim: Eigentlich sind alle nötigen Zutaten vorhanden. Es gibt sehr gute Ingenieure und Wissenschaftler in Deutschland, das ist keine Frage. Und auch die Ideen sind mindestens genauso gut wie in den USA. Erfolg haben aber vor allem die Gründer, die ihre Ideen auf den deutschen Markt zuschneiden: mit Internetshopping, Medien oder Finanztechnologie zum Beispiel. Einen globalen IT-Konzern aus Deutschland heraus aufzubauen ist heute dagegen sehr schwierig oder sogar vielleicht unmöglich. Dazu braucht es mehr Geld und Marktzugang – beides ist im Silicon Valley einfacher zu bekommen.
SPIEGEL: Das klingt doch ziemlich fatalistisch. Was sollen deutsche Tech-Gründer dann tun, wenn sie weltweiten Erfolg wollen? Sofort auswandern?
Bechtolsheim: Das ist oft der beste Rat, den ich deutschen Gründern geben kann. Das Kernteam und die Ingenieure können ja in Deutschland bleiben. Aber wenn man global denkt, sind die USA der am einfachsten zu erobernde Markt. Hinzu kommt, dass deutsche Unternehmen eher konservativ sind, wenn es darum geht, ob man bei einem Start-up etwas kauft. Für deutsche Gründer ist es oft leichter, in den USA zu verkaufen als im eigenen Land.
SPIEGEL: Investieren Sie denn selbst in deutsche Start-ups?
Bechtolsheim: Das ist leider so kompliziert, dass ich es nicht wieder machen werde. Jedes Mal, wenn die eine Unterschrift brauchen, muss ich zum Konsulat nach San Francisco fahren, damit ein deutscher Beamter die Richtigkeit meiner Unterschrift bestätigen kann.
SPIEGEL: Wie bitte? Das klingt absurd.
Bechtolsheim: In einem Zeitalter, in dem man eigentlich alles elektronisch machen kann, sind solche Komplikationen schwer zu erklären. Und sie tragen dazu bei, dass sehr wenig amerikanisches Wagniskapital in Deutschland investiert wird.
SPIEGEL: Das Silicon Valley scheint den Rest der Welt abzuhängen. Können die Europäer den Vorsprung überhaupt noch aufholen?
Bechtolsheim: Das ist unwahrscheinlich. Die Entwicklung geht einfach zu schnell, und die Innovationsmaschine, die hier über Jahrzehnte entstanden ist, läuft ständig auf Hochtouren. Der Optimismus und die Mentalität sind einzigartig. Alle sind fest überzeugt, dass die Zukunft im Silicon Valley erfunden wird. Es gibt so viele Menschen hier, die so besessen sind vom Unternehmergeist, dass sie sich von nichts ablenken lassen. Auch nicht von den großen Problemen der Welt.
SPIEGEL: So eine Denkweise kann man fokussiert, aber auch ignorant nennen. Sie einfach zu kopieren scheint jedenfalls nicht erstrebenswert.
Bechtolsheim: Natürlich soll man nicht die Augen vor dem Unglück der Welt verschließen, aber ich finde es nützlicher, wenn man sich auf konkrete neue Ziele und Aufgaben konzentriert, die man lösen kann, statt sie nur endlos zu debattieren. Das Silicon Valley hat so einen enormen Fokus auf Innovationen, dass viele der Projekte, die hier vor 20, 30 oder 40 Jahren begonnen wurden, nun unsere Zukunft bestimmen. Das sollte durchaus ein Vorbild für den Rest der Welt sein.
SPIEGEL: Optimismus und Fokus allein können es aber nicht sein, was das Silicon Valley von Berlin unterscheidet.
Bechtolsheim: Nein, natürlich nicht, entscheidend ist die kritische Masse. Alles, was man braucht, um eine neue Firma zu gründen, vom Wagniskapital bis zu den richtigen Leuten, gibt es hier im Umkreis von wenigen Kilometern zu finden. Das ist genau so, wie Hollywood die Filmbranche dominiert, weil dort die Studios, die Schauspieler, die Direktoren, die Drehbuchschreiber und der ganze Rest der Industrie an einem Fleck versammelt ist. Großer Fortschritt kommt durch intensiven Wettbewerb. In Deutschland sieht man das vor allem an der Autoindustrie, die weltweit wirklich einmalig ist.
SPIEGEL: Aber gerade auf die Autoindustrie plant das Silicon Valley nun einen Frontalangriff. Google entwickelt selbstfahrende Autos, und Apple baut angeblich eine eigene Autoabteilung auf, um ein fahrerloses Elektroauto zu entwickeln.
Bechtolsheim: Ich weiß nicht, was Apple wirklich plant. Sicher ist, dass sie eine ganze Reihe Leute eingestellt haben. Trotzdem wird es schwer sein, an das heranzukommen, was die deutsche Autoindustrie über so lange Zeit perfektioniert hat. Die deutschen Hersteller werden ganz sicher das perfekte Elektroauto bauen, und ich halte es nicht für aussichtsreich, gegen sie anzutreten. Ich gehe allerdings davon aus, dass in der Zukunft fast jedes Auto mit Software von Apple oder Google ausgestattet sein wird.
SPIEGEL: Die meisten Gründer, die den großen Durchbruch geschafft haben, verteilen nur noch Geld und Rat. Sie haben stattdessen am laufenden Band neue Firmen gegründet. Was treibt Sie an?
Bechtolsheim: Mir macht es großen Spaß, immer wieder bessere Produkte und neue Firmen zu bauen. Ich investiere aber auch in andere Start-up-Firmen.
SPIEGEL: Dabei haben Sie 1998 vielleicht den wertvollsten Scheck der Wirtschaftsgeschichte ausgestellt: Sie drückten den beiden Google-Gründern Larry Page und Sergey Brin ihr erstes Wagniskapital, 100 000 Dollar, in die Hand und erhielten dafür im Gegenzug Firmenanteile, die heute Milliarden wert sind.
Bechtolsheim: Google war die beste Idee, die ich jemals gesehen habe. Ich wollte unbedingt dabei sein. Und deswegen stellte ich Larry und Sergey einen Scheck für eine Firma aus, die es damals eigentlich noch gar nicht gab. Zu meinem großen Bedauern war ich nur finanziell an Google beteiligt, weil ich damals mit anderen Projekten beschäftigt war. Aber ich bin Ingenieur, ich will selbst etwas schaffen.
SPIEGEL: Ihre jüngste Firma, Arista, ist auf Cloud-Networking spezialisiert. Die Idee dazu hatten Sie allerdings schon vor zehn Jahren. Sind so grundlegende Entwicklungen für Silicon-Valley-Insider früher erkennbar?
Bechtolsheim: Ich wusste von Google, dass die existierenden Netzwerke nicht schnell genug waren für die entstehenden neuen riesigen Datenzentren. Dafür brauchte man einen neuen Ansatz, und den haben wir mit Arista entwickelt.
SPIEGEL: In welchen Bereichen erwarten Sie als Nächstes besonders große Umwälzungen?
Bechtolsheim: Im vergangenen Jahr gab es enorme Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz. Das Feld fasziniert mich schon seit meinen Studententagen in Stanford vor 40 Jahren. Damals waren die Computer allerdings einfach noch nicht schnell genug. Heute dagegen kann man mit den riesigen Rechenzentren Hunderttausende Computer zugleich nutzen.
SPIEGEL: Wohin führt das?
Bechtolsheim: Es kommen große Veränderungen auf uns zu. Vor allem einfache Aufgaben werden künftig immer mehr von Maschinen übernommen. Viele Arbeitsvorgänge werden automatisiert.
SPIEGEL: Immer mehr Ökonomen fürchten deshalb zumindest zeitweise eine globale strukturelle Massenarbeitslosigkeit. Sorgt Sie das auch?
Bechtolsheim: Ich bin optimistisch, dass die Entwicklung zum Vorteil für die Menschheit sein wird. Früher waren ja auch fast alle Menschen in der Landwirtschaft tätig, heute spielt das kaum noch eine Rolle, und uns geht es trotzdem viel besser.
SPIEGEL: Technologischer Fortschritt hat aber durchaus einen zweischneidigen Charakter: Gesichtserkennung macht zwar Fotosoftware immer besser, aber die Überwachung auch immer einfacher.
Bechtolsheim: Man kann auch in einer Bratpfanne ein Ei braten oder einen Menschen damit erschlagen. Mein Punkt ist: Der technologische Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Man kann sich zwar dagegenstemmen, aber den Kopf in den Sand stecken bringt doch nichts. Es ist sinnvoller, sich auf die Vorteile zu konzentrieren.
SPIEGEL: Das scheinen auch immer mehr deutsche Firmen so zu sehen. Daimler etwa hat im Silicon Valley eine Abteilung für künstliche Intelligenz aufgebaut, und immer mehr Konzerne machen Ableger auf.
Bechtolsheim: Das ist klug und richtig. Wenn ich für eine größere deutsche Firma verantwortlich wäre, würde ich ganz bestimmt hier eine Dependance eröffnen.
SPIEGEL: Sie sind jetzt 60. Denken Sie manchmal an den Ruhestand, vielleicht sogar in der alten Heimat in Bayern?
Bechtolsheim: Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen. Das Silicon Valley ist die Speerspitze des Fortschritts, und daran will ich beteiligt sein. Ich wünschte nur, ich könnte 200 Jahre leben, um zu sehen, wie das alles weitergeht.
SPIEGEL: Herr Bechtolsheim, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

"Die deutschen Hersteller werden ganz sicher das perfekte Elektroauto bauen."

Das Gespräch führte der Redakteur Thomas Schulz in Santa Clara, Kalifornien.
Von Thomas Schulz

DER SPIEGEL 10/2016
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