05.03.2016

RusslandDrei Frauen gegen Putin

Ihre Väter waren die Begründer der russischen Demokratie, darunter der ermordete Boris Nemzow. Die Töchter kämpfen nun gegen den Kreml, zwei von ihnen aus dem Exil.
Die genaue Lage ihres neuen Büros muss geheim bleiben, sie hat schon in Moskau Morddrohungen erhalten. Und auch hier, in Bonn, machen sich die Behörden Sorgen um die Sicherheit von Schanna Nemzowa, 31, Tochter des ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemzow, vor neun Monaten aus Russland nach Deutschland geflohen, weil sie es nicht mehr aushielt in Moskau. Außerdem misstraute sie den Ermittlern dort.
"Ich denke, von hier kann ich mehr Druck aufbauen, damit der Mord an meinem Vater restlos aufgeklärt wird", sagt Nemzowa, die gerade ein Buch mit dem Titel "Russland wachrütteln" geschrieben hat und inzwischen für den Auslandssender Deutsche Welle arbeitet. Sie kämpft nun beim Europarat für einen Sonderberichterstatter zu dem Fall.
Vor gut einem Jahr, am 27. Februar, hatten Attentäter ihren Vater in Kremlnähe mit vier Kugeln in Hals, Lunge, Herz und Leber niedergestreckt. Die Schüsse auf ihn waren der Beleg dafür, dass selbst ein ehemaliger Gouverneur und Vizepremier in Russland nicht mehr sicher leben kann, wenn er sich kritisch gegenüber dem Regime äußert. Unter Oppositionellen ging von da an die Angst um, der Nächste sein zu können.
Außer Nemzowa flohen nach dem Mord zwei weitere junge Frauen ins Ausland: Xenija Sobtschak, Tochter des ehemaligen Oberbürgermeisters von Sankt Petersburg Anatolij Sobtschak, einst der politische Ziehvater Putins. Ihr Name soll auf derselben Liste gestanden haben wie der von Boris Nemzow.
Auch Marija Gaidar verließ das Land, Tochter des Wirtschaftsreformers Jegor Gaidar, dem ersten Premierminister unter Boris Jelzin nach dem Zerfall der Sowjetunion. Eines eint die drei Frauen: Ihre Väter waren alle drei Spitzenpolitiker in der Geburtsstunde der jungen russischen Demokratie. Die Töchter wuchsen in liberalen Elternhäusern und mit dem Gefühl auf, dass sich in ihrem Land Demokratie und Rechtsstaatlichkeit durchsetzen werden. In Wladimir Putin sahen sie am Anfang noch einen Hoffnungsträger, heute aber halten sie ihn für den Totengräber von Freiheit und Menschenrechten. Keine der drei Frauen glaubt daran, die Ideale ihrer Väter in naher Zukunft durchsetzen zu können. Sobtschak ist inzwischen wieder nach Moskau zurückgekehrt, Nemzowa und Gaidar stellen sich auf lange Jahre im Exil ein.
"Persönlich hasse ich Putin nicht, auch wenn während seiner Herrschaft mein Vater ermordet wurde", sagt Nemzowa. Noch im Jahr 2009 hatte sie Putin in der Frauenzeitschrift "Elle" als "starken, außergewöhnlichen Charakter mit vielen Verdiensten für die Wirtschaft" gerühmt.
Nun zieht sie eine vernichtende Bilanz. "Präsident Putin hat alle Medien gleichgeschaltet. Er hat neue korrupte, ihm nahestehende Oligarchen an die Futtertröge des Staates gelassen. Unsere Wirtschaft stürzt immer weiter ab, auch wegen der Kremlpolitik. Viele der Besten verlassen Russland, Menschen, die meine Heimat eigentlich dringend braucht", sagt Nemzowa bei einem Abendessen in der Wohnung von Gerhart Baum, dem ehemaligen FDP-Innenminister, in Köln.
Sie plant mit Baum die Gründung einer Stiftung in Gedenken an ihren Vater. "Für die Freiheit" soll sie heißen; einmal im Jahr soll ein Preis vergeben werden an Menschen, die sich um "die Förderung europäischer Werte in Russland verdient machen". Baums Ehefrau will wissen, ob Nemzowa plane, wieder nach Russland zurückzukehren. "Wenn mein Heimatland ein Rechtsstaat ist", antwortet sie.
2200 Kilometer von Köln entfernt, in der südukrainischen Hafenstadt Odessa, wiederholt eine Alters- und Gesinnungsgenossin Nemzowas wortgleich diesen Satz. Auch sie will erst nach Russland zurück, wenn dort Demokratie und Rechtsstaat gesiegt haben. Wie Nemzowa hat auch Marija Gaidar das Exil gewählt. Auf ihrem Schreibtisch in Zimmer 311 im Regierungsgebäude des Gouverneurs von Odessa hat Gaidar zwei kleine Fahnen platziert: eine der Europäischen Union, eine der Ukraine.
Sie trägt einen Hosenanzug, einen schwarzen Pullover und am rechten Arm ein Bändchen in den Nationalfarben der Ukraine. Seit Juli arbeitet sie für Gouverneur Micheil Saakaschwili als Sozial- und Gesundheitsministerin. Es ist die größtmögliche Provokation für den Kreml. Gaidar, Kind einer brillanten Intellektuellenfamilie, stellt sich in den Dienst der verhassten Maidan-Revolution und arbeitet ausgerechnet für Moskaus schlimmsten Erzfeind. Gouverneur Saakaschwili war zuvor Präsident in Georgien. In den USA, wo er lange lebte, gilt er als Reformer und Demokrat. In seiner alten Heimat aber ist er wegen Korruption und Amtsmissbrauch zur Fahndung ausgeschrieben.
Wütend beschimpften die russischen Staatsmedien Gaidar als Vaterlandsverräterin; der Schriftsteller Eduard Limonow forderte, Gaidar und ihre gesamte Familie zu erschießen.
"Solche Angriffe ist meine Familie gewohnt", sagt Gaidar. Ihr Vater war für viele Russen wegen seiner neoliberalen Wirtschaftsreformen eine Hassfigur. Nun will auch sie eine Kämpferin für die gerechte Sache sein, notfalls auch eine öffentlich angefeindete Märtyrerin.
Gaidar hatte früh und mit spektakulären Aktionen gegen Putins zunehmend autoritären Kurs protestiert. Im November 2006 seilte sie sich von einer Brücke in unmittelbarer Nähe des Kreml ab und hängte ein Plakat auf: "Gebt dem Volk die Wahlen zurück, ihr Scheusale", stand darauf.
Als Putin den liberaleren Dmitrij Medwedew 2008 zum Präsidenten und seinem Statthalter im Kreml machte, setzte Gaidar zum Marsch durch die Institutionen an, wurde stellvertretende Gouverneurin und Sozial- und Gesundheitsministerin im zentralrussischen Kirow. Die gleichen Positionen bekleidet sie nun wieder, allerdings im Ausland.
Gaidar will mithelfen, "in der Ukraine zu zeigen, wie auf dem Erbe und den Trümmern der Sowjetunion trotz allem Demokratie und Marktwirtschaft entstehen können". Es ist mittlerweile dunkel geworden. Die Gesundheitsministerin klemmt sich einen Aktenberg unter den Arm und läuft zu ihrem Dienstwagen, einem Škoda. Sie will zu einem Treffen mit Aktivisten der Maidan-Revolution, 30 Minuten nur, letztendlich werden es knapp zwei Stunden. Auf abgeschabten Sesseln sitzen neun Männer, eine junge Ärztin und eine Frau mittleren Alters.
Ein Unternehmer stellt ein mehrseitiges Programm vor, mit dem er die Steuereinnahmen erhöhen will. "Wir brauchen drei, vier Firmen, die öffentlichkeitswirksam aufhören, Steuern zu hinterziehen, und so ein Beispiel geben", sagt er. Das funktioniere nicht, fürchten seine Mitstreiter, weil alle das alte, korrupte System bevorzugten. Je länger der Abend dauert, desto trüber wird die Stimmung. "Wir dürfen uns hier nicht in Revolutionsromantik und Aktivistenrhetorik ergehen", sagt Gaidar. "Lasst euch in die Parlamente wählen, kommt zu öffentlichen Ausschusssitzungen." Am Ende einigt man sich auf eine Initiative, die Einkünfte der Abgeordneten und ihrer Familien transparenter zu machen und ins Netz zu stellen.
Noch vor Gaidar war eine weitere Ikone der Anti-Putin-Bewegung nach Odessa gereist: Xenija Sobtschak, glamouröses It-Girl, Journalistin, Schauspielerin und Tochter des verstorbenen Oberbürgermeisters von Sankt Petersburg, einem Wegbegleiter Putins. Im vergangenen Sommer interviewte Sobtschak hier Gouverneur Saakaschwili für den russischen Oppositionssender Doschd.
An einem Mittwoch im Februar sitzt Sobtschak wieder im Studio von Doschd-TV. Sie trägt ein Jeanshemd, einen schwarz-weiß karierten Rock, ihre Lippen sind knallrot. Vor vier Jahren hatte der Sender wie kein anderer die Proteste gegen Putins Rückkehr in den Kreml und gegen Wahlfälschungen angefeuert. Sobtschak trat vor Zehntausenden Demonstranten auf. Damals wie heute ist sie umstritten, weil sie die Mächtigen kritisiert, ihnen zugleich aber nahesteht.
Zu ihrer Sendung "Sobtschak live" hat sie an diesem Tag zwei Schauspieler und Filmemacher eingeladen, die eine systemkritische Komödie gedreht haben. Die Handlung: Aus dem Kreml ist der Befehl erfolgt, freie und ehrliche Wahlen durchzuführen. Im Land aber weiß niemand mehr mit dieser Anweisung etwas anzufangen. Alle sind schon zu lange an Manipulation und Fälschung gewöhnt. Als Satire verkleidete Kritik, das ist noch möglich in Russland. "Solange wir Putin nicht direkt angreifen", sagt einer der Filmemacher.
Eine ähnliche Logik gilt auch für die Ermittlungen im Fall Nemzow. Vor sechs Wochen meldete das Ermittlungskomitee die Aufklärung des Mordes: Die fünf in Untersuchungshaft sitzenden Tschetschenen seien eindeutig die Täter. Das glauben auch die Hinterbliebenen, beklagen aber, "dass die Hintermänner unbehelligt bleiben".
Wie schon nach dem Mord an der Enthüllungsjournalistin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 verfährt der Kreml nach diesem Muster: Aufklärung wird nur so weit zugelassen, wie sie nicht vor die eigene Haustür führt. Und Verschleierung scheint im Fall Nemzow besonders angesagt zu sein. Zehn Tage lang tauchte Putin nach dem Mord ab; das ließ nicht nur die amerikanischen Geheimdienste von einem brutalen Machtkampf hinter den Kulissen sprechen. Der Inlandsgeheimdienst FSB und der tschetschenische Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow sollen damals aneinandergeraten sein.
Auch Xenija Sobtschak hatte sich nach den Schüssen auf Nemzow mit scharfer Kritik zu Wort gemeldet. "Es gibt keinen Putin, der den Befehl zum Mord erteilt hat", sagte sie da, "aber es gibt einen Putin, der diese Höllenmaschine geschaffen und die Kontrolle über sie verloren hat."

"Wir dürfen uns hier nicht in Revolutionsromantik ergehen. Lasst euch in die Parlamente wählen."

Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 10/2016
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