05.03.2016

Global VillageTango gegen Terror

Der Exbürgermeister Molenbeeks wehrt sich dagegen, dass die belgische Gemeinde weltweit als „Jihad City“ gilt.
Der weißhaarige Herr sitzt an einem klapprigen Resopaltisch, knarzend geht die Tür auf und zu. Muslime kommen herein, eine Dame mit lila Turban gibt ihm Küsschen rechts und links. Es folgt ein Mann in Lederjacke und mit festem Handschlag, danach ein Lokalpolitiker im Dreiteiler. "Guten Abend, Genosse", sagt er.
In der Maison de l'Égalité, der etwas angestaubten Parteizentrale der örtlichen Sozialisten, kennt man Philippe Moureaux, 76 Jahre alt, Exminister und bis 2012 zwei Jahrzehnte lang Bürgermeister von Molenbeek.
Bis vor Kurzem war Molenbeek ein weitgehend unbedeutender 95 000-Einwohner-Stadtteil im Westen von Brüssel; seit einigen Monaten ist es ein Ort, der weltweit als Brutstätte des Bösen gilt. Sogar US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump hat die belgsiche Hauptstadt als "hellhole", als Hölle, bezeichnet. Seitdem die Spur einiger Attentäter von Paris im November 2015 nach Molenbeek führte, liegt für viele hier, wenige Kilometer von EU und Nato-Hauptquartier entfernt, die "Jihad City" Europas.
Moureaux will an diesem Abend dagegenhalten und sein neues Buch vorstellen, es heißt, ganz unbescheiden, "Die Wahrheit über Molenbeek". Der Titel gefällt den Besuchern, die in die Parteizentrale gekommen sind, sie finden es ungerecht, dass ihr Stadtteil als Heimat islamistischer Terroristen verschrien ist. Sie wehren sich gegen Politiker wie Belgiens Innenminister Jan Jambon, der "aufräumen" will in Molenbeek und alle in Mithaftung nimmt für die Verfehlungen einiger weniger.
Moureaux gibt dieser Wut eine Stimme. Sicher, es sei "eine Herausforderung", dass einige der Attentäter aus seiner Gemeinde stammten. Aber das habe ja nichts mit der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung zu tun, sagt er. Für seine Zuhörer sind es Worte der Befreiung.
"Sie haben mir aus der Seele gesprochen", sagt eine Frau. Und eine 18-jährige Studentin mit Kopftuch klagt, als Muslimin aus Molenbeek habe sie große Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Ein Mann steht auf und hält fünf Finger hoch, so viele Söhne habe er, aber jetzt fehle ihm einer. Er sei in die Fänge radikaler Islamisten geraten und nach Marokko abgetaucht.
Immer wieder waren Bewohner von Molenbeek an Anschlägen in ganz Europa beteiligt, beim Überfall im Thalys-Hochgeschwindigkeitszug im August vergangenen Jahres ebenso wie beim Attentat auf das Jüdische Museum in Brüssel im Mai 2014. Und schließlich in Paris. Seither geht es in der kleinen Gemeinde um die ganz großen Fragen, auf die Fundamentalismusforscher schon seit Jahren nach Antworten suchen: Wie kommt es zur Unterwanderung durch radikale Muslime, und was kann man dagegen tun?
In der kommenden Woche will Bundespräsident Joachim Gauck nach Belgien reisen und ein Integrationsprojekt besuchen, das muslimische Jugendliche dabei unterstützt, sich in der westlichen Gesellschaft zurechtzufinden. Glaubt man Moureaux, hat Molenbeek keine anderen Probleme als andere Kommunen mit ausgeprägtem Ausländeranteil auch: eine hohe Arbeitslosigkeit, Jugendliche, die sich mit Diebstählen und anderen Gaunereien über Wasser halten, Ansätze von Parallelgesellschaften.
Der ehemalige Bürgermeister ergriff Maßnahmen dagegen, er setzte dabei nicht auf Polizeigewalt, sondern auf Kultur, organisierte Ausstellungen und ein Tangofestival. Er habe aber auch ein Burkaverbot auf den Straßen durchgesetzt und junge Unternehmer nach Molenbeek geholt, sagt er. Es waren rührende Versuche gegen den aufkeimenden internationalen Terror vor seiner Haustür. Aber sie kamen nicht an gegen das, was sich da draußen vollzog – die Radikalisierung in Gebetsräumen, die Rekrutierung über das Internet.
Moureaux deutet durch das Fenster auf die Straße, ein paar Ecken von der Maison de l'Égalité entfernt, gleich beim Rathaus, wohnten die Brüder Abdeslam. Einer der drei war Angestellter der Stadtverwaltung, "ein junger Bursche, der immer korrekt gearbeitet hat", wie der ehemalige Bürgermeister in seinem Buch schreibt. Ein anderer Bruder sprengte sich bei den Attentaten von Paris am 13. November in die Luft. Der dritte, Salah Abdeslam, wird als Mittäter noch immer von Interpol gesucht. Den Vorwurf, "20 Jahre sozialistische Laxheit" hätten die Radikalisierung erst möglich gemacht, lässt Moureaux trotzdem nicht gelten.
Er habe sich sogar in die Veranstaltung eines bekannten muslimischen Wortführers geschlichen, um sich anzuhören, was der erzählte. Der Mann habe seine Zuhörer aufgefordert, demokratische Werte zu verteidigen und Homosexuelle wie Menschen zu behandeln. Es hörte sich damals an, als ob alles in Ordnung wäre in Molenbeek.
Von Peter Müller

DER SPIEGEL 10/2016
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