05.03.2016

GesundheitSportlich dick

Wissenschaftler haben herausgefunden, warum Sport allein nicht hilft, um abzunehmen: Zum Ausgleich verbraucht der Körper weniger Kalorien in ruhigeren Phasen.
Millionen Deutsche joggen, radeln oder gehen ins Fitnessstudio, weil sie rank und schlank werden wollen. Ein Pfund Fettgewebe hat einen Brennwert von 3750 Kilokalorien. Mit jeder zusätzlichen Anstrengung, so ihr Kalkül, verbrennen sie ein wenig mehr von der ungeliebten, schwabbeligen Masse.
Doch diese Rechnung geht nicht auf. "Die Leute glauben, dass der Energieverbrauch linear mit der körperlichen Bewegung steigt", sagt der Anthropologe Herman Pontzer, 38, vom Hunter College in New York. Das sei allerdings ein Irrtum. Gemeinsam mit Kollegen hat der Forscher den Energieverbrauch von 332 Menschen aus fünf verschiedenen Ländern in Amerika und Afrika untersucht – und ist dabei auf ein merkwürdiges Phänomen gestoßen: Je mehr Sport ein Mensch treibt, desto weniger Energie verbraucht er dafür in der übrigen, ruhigeren Zeit.
Dieser Spareffekt sei eine in der Evolution entstandene Anpassung, sagt Pontzer. Der Körper habe offenbar einen Trick entwickelt, um seinen Energiebedarf in einem "vergleichsweise engen, physiologischen Bereich zu halten".
Seine verblüffende Erkenntnis will der Anthropologe keinesfalls so verstanden wissen, dass sich die ganzen Mühen der Freizeitsportler gar nicht lohnten. Niemand möge über aktive Füllige spotten, die sich vergebens schinden. Pontzer: "Bewegung bringt viele, viele Vorteile für die Gesundheit mit sich – nur nicht unbedingt einen Gewichtsverlust."
Tatsächlich hat sich die körperliche Bewegung in den vergangenen Jahren als ein Zaubermittel gegen Leiden aller Art entpuppt. Wer sich regelmäßig bewegt, der beugt vielen Krankheiten vor und kann sein Leben um einige Jahre verlängern. Der Grund: Die Bewegung führt in den Zellen und Organen des Körpers zu messbaren biochemischen Veränderungen, die pharmakologische Effekte haben. Diese wirken oftmals besser als Pillen und Operationen, sie können mitunter Krankheitsverläufe stoppen oder gar umkehren.
Deshalb raten Ärzte vielen Patienten nicht mehr wie früher zur Bettruhe, sondern verschreiben ihnen das Gegenteil. Bewegung normalisiert den Zuckerhaushalt und hilft gegen Typ-2-Diabetes. Sie stärkt das Herz und lässt neue Gefäße sprießen. Sie macht die Knochen fest und beugt Osteoporose vor. Sie fördert die Neubildung von Nervenzellen im Hippocampus, hellt die Stimmung auf und beugt Alzheimer vor.
Selbst für Menschen, die eine Diagnose für Brust- oder Darmkrebs haben, scheint es das Beste zu sein, sich zu bewegen. Patienten, die sich regelmäßig trimmten, hatten in epidemiologischen Studien erhöhte Überlebensraten. Vorvergangene Woche haben Wissenschaftler der Universität Kopenhagen im Fachblatt "Cell Metabolism" einen Hinweis geliefert, warum das so sein könnte: Die Aktivität regt die Entstehung von bestimmten Immunzellen an, die Krebszellen gezielt bekämpfen können.
Und doch bewegen sich die meisten Menschen, gerade jetzt im Spätwinter, eigentlich nur aus einem Grund: um angesammelte Speckpolster loszuwerden. Und viele sind enttäuscht, dass die Pfunde nicht purzeln wollen.
Denn der Organismus scheint die zusätzliche Bewegung durch geringeren Energieverbrauch in Ruhephasen weitgehend auszugleichen. In einer Studie absolvierten Frauen ein straffes Fitnessprogramm – die einen aber nur zu 50 Prozent, die anderen zu 150 Prozent. Am Ende waren die fleißigen Frauen zwar tatsächlich 1,5 Kilogramm leichter – doch die bequemeren Frauen hatten mit einem Gewichtsverlust von 1,4 Kilogramm fast ebenso viel abgenommen.
Wie kann das sein? Eigentlich würde man erwarten, dass auch im menschlichen Körper die Gesetze der Thermodynamik gelten: Wer mehr Energie verbraucht, als er zuführt, nimmt ab. Und in Diäten klappt das anfangs auch ganz gut. Eine verminderte Kalorienzufuhr führt zunächst zu Erfolgen auf der Waage. Allerdings nimmt mit der Zeit auch der Grundumsatz des Körpers ab, insbesondere weil die energetisch aktive Muskelmasse abgebaut wird.
Wenn mehr als zehn Prozent des Körpergewichts futsch sind, dann ist der Energieumsatz zugleich um etwa 20 bis 25 Prozent gesunken. Wer also dauerhaft abnehmen will, der muss immer wieder nachjustieren und die tägliche Kalorienzufuhr immer stärker begrenzen. Von einem bestimmten Punkt an schafft das keiner mehr, es kommt zu dem berüchtigten Jo-Jo-Effekt.
Als Ausweg aus diesem Dilemma rieten Mediziner bisher zu körperlicher Aktivität. Dadurch könne man den Energieverbrauch gezielt steigern – und das Fett planmäßig verbrennen. Doch auch gegen diese Abnehmstrategie setzt sich der Körper offenbar erfolgreich zur Wehr.
Pontzers Studien führten ihn zunächst nach Tansania, zum Volk der Hadza, dessen Mitglieder noch als Jäger und Sammler leben. Der Anthropologe vermaß dort den Energieverbrauch von 13 Männern und 17 Frauen und verglich deren Daten mit denen von Menschen aus Industriestaaten. Pontzer: "Die Jäger und Sammler der Hadza haben eine sehr aktive Lebensweise – aber ihr täglicher Energieverbrauch war gar nicht anders als der von Erwachsenen in den USA und in Europa."
Als Pontzer über das erstaunliche Ergebnis nachdachte, kam er auf die Idee, dass der Körper offenbar einen Kniff entwickelt hat, den Grundumsatz zu beeinflussen. Im Fachblatt "Current Biology" stellen er und seine Kollegen die neue Studie vor, an der insgesamt 332 Menschen aus Amerika und Afrika teilnahmen. Bei den besonders aktiven Menschen erreichte der Energiebedarf ein Plateau; am Ende verbrannten sie pro Tag nicht mehr Kalorien als jene Personen, die nur mäßig aktiv waren.
Die Erklärung: Auf dem Laufband verbrauchen alle Menschen zwar gleich viel Energie – aber in den Ruhestunden kommen die besonders sportlichen dann mit weniger Energie aus. Ausgelöst wird diese Anpassung möglicherweise durch sogenannte Myokine und andere Botenstoffe, die von aktiven Muskeln abgegeben werden. Sie senden bei körperlicher Anstrengung das Signal aus: Energie sparen, wo es nur geht!
Nach dem Verausgaben spüren Menschen eine wohlige Erschöpfung – sie zappeln weniger herum. Unbemerkt fahren auch die Körperzellen die Lebensvorgänge ein wenig nach unten. Dadurch sinkt der tägliche Grundumsatz.
Insbesondere der Aufwand für die Fortpflanzung wird Pontzer zufolge verringert. In der Tat ist von Läuferinnen bekannt, dass ihre Periode mitunter aussetzt. Der bewegte Leib schenkt es sich, Eizellen zu produzieren. Eine Schwangerschaft, die schätzungsweise 78 000 Kilokalorien kostet, will er sich ebenso wenig zumuten wie die Produktion der Muttermilch (jeden Tag bis zu 630 Kilokalorien).
Dass Aktivität den Körper knausern lässt, ergibt aus Sicht der Evolution durchaus Sinn. Vor allem in Zeiten, in denen das Essen knapp war, mussten die Urmenschen den ganzen Tag lang nach Nahrhaftem suchen. In solchen körperlich anstrengenden Phasen war jede Kalorie, die der Organismus an anderer Stelle sparen konnte, überlebenswichtig.
Heute macht der archaische Mechanismus ausgerechnet bewegungsfreudigen Menschen das Leben schwer. Wer über einen gesteigerten Energieverbrauch Kilos loswerden möchte, müsste jeden Tag stundenlang trainieren, um seinen Körper zu überlisten.
Die gute Nachricht zum Schluss: Niemand ist zum Dicksein verdammt, wenn er die Erkenntnis der Evolutionsmedizin richtig umsetzt. Zum Abnehmen gehören Bewegung und Ernährung gleichermaßen.
"Wer Gewicht verlieren will, muss vor allem seine Ernährung umstellen", sagt Anthropologe Pontzer. "Anders essen ist das beste Mittel, um abzunehmen – weniger Kalorien, vor allem aus energiedichten und zuckerhaltigen Nahrungsmitteln."
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 10/2016
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