05.03.2016

AutorenAuch Stuckimann unter den Opfern

Dem Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre gelingt in seinem Memoir „Panikherz“ eine brillante Erzählung über die Obsessionen unserer westlichen Kultur. Von Thomas Hüetlin
Berlin, Grill Royal, ein Sommerabend, die Geburtstagsfeier eines Freundes. Benjamin von Stuckrad-Barre, der einer der Gäste ist, kommt an. Es ist eher ein Auftritt als ein Ankommen.
Er trägt einen weißen Anzug, er hat das größte und teuerste Geschenk. Er erzählt, dass es ihm super gehe. Er lebe jetzt in Los Angeles, im Chateau Marmont, dem legendären Hotel am Sunset Boulevard. Die Adresse der A-Liga von Hollywood.
Dann erzählt er, dass er gerade den alten Beatles-Song "I Saw Her Standing There" so oft höre. Paul McCartney habe den einmal bei einem Konzert von Billy Joel im New Yorker Shea-Stadion gespielt.
Ach. Wirklich?
Ja, Billy habe Paul angerufen und ihm gesagt, komm doch vorbei. Da sei Paul aber schon in der Luft gewesen, raus aus New York in seinem Learjet. "Dann dreh eben um", habe Billy ihn gebeten. Und Paul ließ den Flieger wenden und stand dann mit Billy auf der Bühne für einen Song. Paul, Billy, Learjets, die in der Luft merkwürdige Manöver veranstalten, um einem Freund und natürlich 50 000 Zuschauern einen Gefallen zu tun.
Das ist eine Welt, über die Stuckrad-Barre gern spricht. Diese Welt zieht ihn an. Er möchte Teil von ihr sein. Und sein Auftritt heute Abend in Berlins chicstem Lokal ist einer, mit dem Billy und Paul zufrieden wären. Denn hier stürmt jemand auf die Berlin-Mitte-Bühne, mit dem es das Leben gut zu meinen scheint, einer, der wirkt, als habe er keinerlei Probleme damit, gut zu sich selbst zu sein. Ein sonniger Narziss.
"Und dann entdeckte ich das Kotzen, Magersucht wurde Bulimie. Irgendwann in so einer Attacke wird dann alles egal. Man sitzt und kotzt im Wechsel. Im Verlauf eines solchen Anfalls sinkt man auch jedes Mal tiefer ins Klo, man möchte am liebsten ganz darin verschwinden, das Spülwasser kühlt angenehm den erhitzten Kopf", schreibt Stuckrad-Barre in seinem Buch "Panikherz", das am Donnerstag erscheint(*).
Stuckrad-Barre ist einer der talentiertesten Autoren des Landes und wohl auch einer der bestbezahlten, aber auf den 576 Seiten dieses Buches entblößt er sich, beschreibt seine Kokainsucht, seine Magersucht, seine Aufenthalte in Entzugskliniken. Der vermeintliche Erfolgsmensch zeigt das Röntgenbild seiner geplagten Seele.
Aber warum? Stuckrad-Barre verdient viel Geld als Reporter beim Springer-Verlag. Er schrieb früher mal Gags für Harald Schmidt, er schrieb mit Helmut Dietl das Drehbuch zu dessen letztem Film, er schreibt Songs mit Udo Lindenberg. Er ist ein begnadeter Reporter. Sein voriges Buch "Auch Deutsche unter den Opfern" erhielt wunderbare Kritiken. Und jetzt das: Stuckrad-Barre als einer, der sich so sehr hasst, dass er über Jahre versuchte, sich abzuschaffen. Auch Stuckrad-Barre unter den Opfern? "Panikherz" erzählt von einem Mann, der selbst sein größtes Opfer ist.
Im Moment lebt Stuckrad-Barre im Hamburger Hotel Atlantic, sein Held Udo Lindenberg wohnt dort schon seit Jahrzehnten. "Panikherz" handelt auch von Stuckrad-Barres Verehrung für Lindenberg, inzwischen darf er sogar seine Mentholzigaretten in Lindenbergs Humidor im Raucherzimmer des Atlantic lagern. Stuckrad-Barre hat ein Gespür für Symbolik. Im Grill Royal in Berlin ist es ein Messingschild an der Bar, auf dem "Stucki" geschrieben steht.
Stuckrad-Barre wirft einen weißen Schal auf eines der roten Chesterfield-Sofas im Raucherzimmer. "So einen Schal habe ich dem Helmut geschenkt", sagt er. Helmut Dietl. Auf Seite 547 steht, dass der Schal von Hermès ist und 360 Euro gekostet hat. "Freili ist des scheißteuer", sagt Dietl in Stuckrad-Barres Buch. "Aber gut is's scho'aa."
Man erschrickt, wenn Stuckrad-Barre diesen Schal ablegt, man sieht dann, wie dünn sein Oberkörper ist, ungesund dünn.
Aber warum das alles öffentlich machen?
"Ich kann nicht Fiction schreiben", sagt Stuckrad-Barre. "Ich lese ungern Fiction, das interessiert mich irgendwie nie. Deshalb habe ich relativ früh angefangen zu beschreiben, was mit mir ist. Mich selbst als Abräumhalde zu benutzen. Relativ 1:1."
Er habe dieses Buch seit 15 Jahren schreiben wollen, erzählt er. Aber immer sei etwas dazwischengekommen. Bei einem Versuch 2006 in Italien habe er sofort wieder so einen Heißhunger auf Drogen und das asoziale Leben bekommen, dass er im Nu wieder dabei war.
"Panikherz" ist kein Roman, sondern ein Memoir und dennoch viel mehr als nur der Offenbarungseid eines Extrembegabten. Das Buch liest sich wie ein Roman über einen fallenden Helden unserer Zeit. Es handelt von einem Mann, der die Oberflächen liebt, den Glanz, den Ruhm, das Geld, den Pop, die Mode, die Drogen, das Schöne. Von einem, der unbedingt dorthin will, wo er "das Licht" vermutet. Und verdammt hart dafür arbeitet, um in diese Höhen zu gelangen.
Es geht um einen Helden, der sich diese Oberflächenwelt einverleibt und der das nicht genießen kann. Der immer mehr braucht. Mehr Ruhm. Mehr Helden. Mehr Bret Easton Ellis. Mehr Harald Schmidt. Mehr Udo Lindenberg. Mehr Helmut Dietl. Mehr Geld. Mehr Drogen. Und der aus dem Licht immer tiefer hineingetrieben wird in die Finsternis. Ein Entwicklungsroman über die Strahlkraft der Popkultur und die Leere, die sich dahinter verbirgt. Der davon erzählt, wie Angst, Rausch, Übelkeit, Panik immer größer werden. Ein Entwicklungsroman ins Nichts. Ein Krankenbericht der Generation Golf.
Stuckrad-Barre aber verfügt über die Erzählkraft, diese existenzielle Oberflächlichkeit genau und intensiv und grotesk zu beschreiben. Die Gnadenlosigkeit seines Humors und die Härte, mit der er die Welt um sich herum katalogisiert, wenden sich auch gegen sein erzählerisches Ich. "Ich gehörte in die Bahnhofskneipe, dort sahen alle aus wie ich und hatten auch dieselben Interessen: Bitte einmal Vollrausch, mein Vermögen habe ich hier in Münzform in meiner ausgestreckten Hand, nehmen Sie sich, meine Hände zittern zu sehr, um selbst die paar traurigen Kröten zu zählen, die auch nur noch von hier bis zur Wand reichen. Aber diese Wand wollenwir bitte so schnell und so berauscht, wie mit dieser Summe möglich, erreichen."
Es ist eine Welt fast ohne normale Menschen, die Stuckrad-Barre beschreibt, ohne Frauen sowieso. Der Icherzähler verwendet all sein Talent und seine Energie darauf, seinen Helden nahezukommen. Dietl wird sein enger Freund und Vertrauter, aber der größte Held des Starsuchers ist Udo Lindenberg. Der Erzähler ist eine Art Superfan, der alle Lindenberg-Songs auswendig kann. Der Udo-Kosmos aus Nordsee-, Reeperbahn- und Desperado-Romantik ist für ihn die bessere Welt, es ist die Welt, die wirklich zählt.
Dummerweise ist das auch ein Pfad ins Verderben. "Udos Werk und Auftritte empfand ich von Beginn an als Werbung für den Rausch als solchen, Rausch als Spaß und Selbstzweck, Rausch aber auch als Protest, als Haltung", schreibt Stuckrad-Barre.
Lindenberg ist es auch, der das Verfassen von "Panikherz" erst ermöglichte. Er hatte Stuckrad-Barre eingeladen, mit nach Los Angeles zu kommen, ein wenig Urlaub zu machen im Chateau Marmont. Raus aus dem grauen Berlin, weg von der trüben Stimmung, hin in die Leichtigkeit des kalifornischen Seins. "Ich solle einfach hier bleiben, bis der Winter in mir vorüber ist. Bisschen auf Vorrat die Sonne einsammeln, hm, Stuckimann?", habe Lindenberg zu ihm gesagt.
Erst in diesem seltsam fröhlich-melancholischen Licht von Los Angeles traut sich Stuckrad-Barre, von seinem Selbstzerstörungstrip zu erzählen, von seiner Flucht vor den Eltern, vor der verordneten Demut der evangelischen Pfarrersfamilie, vor der Stille, vor sich selbst.
Die Selbstentäußerung, das Anbeten der Helden trägt durchaus religiöse Züge. Das Superfantum schenkt ihm Sinn und Richtung im Leben, manchmal sogar eine bewusstlose, spirituelle Transzendenz. An diesem Nachmittag im Atlantic, zwischen vielen doppelten Espressi und noch mehr Menthol-Marlboros fasst sich Stuckrad-Barre gelegentlich ans Herz, wenn er von Lindenberg spricht. Es gehe ihm da, sagt er, wie Amerikanern, sobald die Nationalhymne gespielt werde.
So überspannt, neurotisch, aber auch lustig Stuckrad-Barre heutzutage ist, so vernünftig und ernst scheint seine Kindheit gewesen zu sein, die er in "Panikherz" beschreibt. Ein protestantisches Pfarrhaus in einer Kleinstadt zwischen Hamburg und Bremen, die Eltern Ökos aus dem Bildungsbürgertum. Es wird Wert gelegt auf klassische Musik und darauf, die Not zu lindern in der Dritten Welt. Zum Frühstück werden Sprüche aus der Bibel zitiert, die Stuckrad-Barre als "Showstopper und Extremdowner" fürchtet.
Er beneidet ausgerechnet diejenigen, die von seinen Eltern als "Spießer" belächelt werden. Dort gibt es Cola und Nutella, Tennisunterricht und Markenkleidung. Die Spießermütter verbringen viel Zeit beim Friseur und bedienen ansonsten ihre Kinder. Die Spießerväter sind selten da und rauchen, und den Sommer verbringen die Spießerfamilien im Pauschalurlaub am Mittelmeer und nicht in den Bergen, wo der Pfarrersohn mit seinen drei Geschwistern wandern muss.
Es quält ihn, Vererbtes, Geflicktes und Selbstgestricktes zu tragen. Die Klassenschönheit, eine blonde Architektentochter, verachtet ihn. Er schämt sich wegen seiner Eltern, mag die ständigen Ermahnungen, Gutes zu tun, nicht mehr hören. Dosen für Afrika werfen, Eier auf Löffeln gegen das Wettrüsten balancieren, Luftballons gegen Atomendlager steigen lassen. "Die Helfer rochen alle unterm Arm und aus dem Mund", schreibt Stuckrad-Barre. "Und im Gemisch mit Bohnerwachs und Erbsensuppendampf wabert dieses säuerliche Hilfsbereitschaftsodeur durch alle Gemeindehäuser."
Stuckrad-Barre ist zwölf Jahre alt, als er zum ersten Mal Udo Lindenberg hört. Sein Bruder hat ihm eine alte Platte auf Kassette aufgenommen. Ein Erweckungserlebnis. "Dieser Udo Lindenberg, das merkte ich sofort, der ist unser Freund. Der kämpft für uns, der ist Vorbild, Leitstern, der hat recht."
In Wahrheit ist die gute Zeit Lindenbergs Ende der Achtziger lange vorbei. Hut, Sonnenbrille, die nervkumpelige Ey-du-Sprache – er ist auf dem Weg zur Witzfigur, populär vor allem noch in der dahinbröselnden DDR, ein musikalisches Carepaket für die Provinz. Die blonde Architektentochter in der Schule gibt ihr Geld längst für Hip-Hop aus. Stuckrad-Barre will nichts davon wissen. Er hört die Lindenberg-Kassette, bis das Band reißt.
In der Schule bei den Mädchen bleibt Stuckrad-Barre ein Außenseiter, trotzdem schenkt ihm die Welt des Pop jetzt einen Zugang zum Schatz des coolen Wissens. Er schafft es, dass eine Punkband aus der Region, die Bates, bei der Abiturfeier auftritt. Schließlich gibt ihm der Sänger der Band vor dem versammelten Jahrgang noch ein Upgrade der besonderen Art. "Das ist für Benny, Glückwunsch zum Abi, Alter." Er ist jetzt jemand. Er ist der Typ, den die Bates als Freund ansprechen. Mensch, Alter.
Einmal auf der Spur, nimmt Stuckrad-Barre Fahrt auf. Er wird Journalist in Hamburg, aber es reicht ihm bald nicht mehr, seine Helden zu treffen und dann ein paar Zeilen über sie zu verfassen. Er möchte ihnen viel näher sein, deshalb setzt er seinen Charme, seinen Witz ein, damit sie erkennen, wie wichtig er für sie sein kann. Er geht jetzt fast strategisch vor, immer auf der Suche, wie er schreibt, nach einer undichten Stelle in einem Organismus, in den man sich reinschlawinern kann.
Erst arbeitet er für den Moderator Friedrich Küppersbusch, dann bei Harald Schmidt, dem Sniper des deutschen Fernsehens. Stuckrad-Barre wird einer seiner Haupt-Gagschreiber. Menschen, lernt Stuckrad, sind Material. Größtmögliche Rücksichtslosigkeit, das ist das Diktum Schmidts. Stuckrad-Barre wird einer von Schmidts Paradekillern. Nebenbei schreibt er seinen ersten Roman: "Soloalbum". Das Buch macht ihn nun selbst berühmt. Mädchen schicken ihm Nacktfotos, seine Lesereisen gleichen den Tourneen eines Rockstars.
Die Beschleunigung seines Aufstiegs lässt ihn immer ruheloser werden. Nervosität ist jetzt sein Dauerzustand, dazu die Angst, dem allgegenwärtigen Besichtigtwerden nicht zu genügen. Er findet sich zu dick, isst wochenlang nur Sauerkraut. Das große Kotzen beginnt. "Hundert Prozent Lesesaalauslastung, ein Prozent Fett – das ist das Glück", schreibt er.
Es ergeben sich neue Möglichkeiten. Während einer Buchmesse zieht er auf der Toilette des Hotels Frankfurter Hof Kokain mit dem amerikanischen Schriftsteller Bret Easton Ellis, seinem größten literarischen Idol. Ellis ist, was Stuckrad-Barre gern wäre – ein vollendeter Kältetechniker der Popkultur. Ein König des eingefrorenen Gefühls.
Kokain ist die Droge dafür. Totale Ichbezogenheit paart sich mit einem kompletten Desinteresse für andere Menschen, sogar die engen Freunde werden nur noch nach dem Nutzen für das eigene Ego abgetastet – das ist die gute Zeit auf Kokain. Die schlechte ist das Runterkommen. Das miese Gewissen, die Panik. Und natürlich die Paranoia, dass selbst die guten Freunde vor allem darauf aus sind, einem schaden zu wollen. Der einzige Ausweg: noch mehr Kokain. Noch mehr Kälte. Noch mehr Paranoia. Noch mehr weißes Pulver.
Koksen, kotzen, koksen, kotzen, so geht das über Jahre. Vorschüsse werden kassiert, Tausende vollgeschriebene Zettel von Wohnung zu Wohnung geschleppt. Veröffentlicht wird wenig, auf Kokain schreibt sich nicht gut. Der Laptop wird zur Drogenzerkleinerungsunterlage, die Behausungen bleiben kahl, ohne Möbel, ohne Lampen. Weihnachten verbringt Stuckrad-Barre allein. Der Dealer ist sein einziger Gast. Das Menü: irgendwas aus einer braunen McDonald's-Tüte.
Er beginnt Therapien. In Privatkliniken am Chiemsee erst, im Schwarzwald. Er wird rückfällig. "Der Sucht ist der Abstieg völlig egal", erzählt Stuckrad-Barre jetzt im Atlantic. "Die Sucht sagt: Wenn du kein Geld mehr hast, ist mir das wurst, ich bin die Sucht, da leihst du dir was. Wenn du dir nichts mehr leihen kannst, gehst du in die Bars an der Reeperbahn, wo alle Leute Drogen nehmen, nimm deren Drogen. Die Sucht sagt nicht, oh, wir sind auf null, weil Geld zu Ende. Die Sucht sagt: Wir gehen weiter."
Es dämmert bereits, als Udo Lindenberg den Raucherraum des Atlantic betritt. Lindenberg lebt vor allem nachts, er ist gerade aufgestanden und auf der Suche nach einer Zigarre. Er trägt seine Udo-Uniform, frackähnlicher Mantel, Hut, Sonnenbrille, beugt sich zum Humidor herunter und murmelt, er suche die von Fidel oder Che, aber zur Not nehme er auch die von Churchill.
Lindenberg greift sich zwei Zigarren, dann setzt er sich zu Stuckimann. Sie reden über Lindenbergs neues Album, das nächsten Monat erscheinen soll, und den Porsche, in dem sie neulich nach einer langen Nacht im Studio von der Polizei gestoppt wurden. Jungs, habe Lindenberg zu den Polizisten gesagt, fahrt ihr das Ding ins Atlantic. Stuckimann und ich gehen zu Fuß.
Stuckrad-Barre entspannt sich. Er redet lieber über seinen großen Helden und dessen Autos als über sein Buch und sich selbst. Lindenberg, das merkt man, respektiert Stuckrad-Barre nicht nur, er scheint ihn wirklich zu mögen. "Er ist", sagt Lindenberg, "ein großer Inspirator."
Es war Anfang der Nullerjahre, als die beiden sich besser kennenlernten. Damals befand sich Lindenberg immer noch in seinem Tief, hatte fast jedes Interesse an der Musik, sich selbst und an der Welt verloren, er redete wie sein eigener Parodist und soff an der Bar des Atlanticdie Nächte weg.
Jemand hatte die Idee, dass Lindenberg mit einem Sonderzug nach Magdeburg fahren und dort eine "Mauer des Frusts" aus Styropor durchbrechen sollte. Lindenberg war alles egal, auch die ganzen Schlaumeier-Journalisten, die mitgekommen waren, um ihn zu verhöhnen, nur einer nicht: Stuckrad-Barre, der auf dieser Reise vor lauter Kokain nicht mehr geradeaus gucken konnte und einen Halt suchte. Ausgerechnet Lindenberg war seine letzte Ausfahrtmöglichkeit auf der Autobahn zur Hölle. Stuckrad-Barre deklamierte Dutzende Lindenberg-Songs, dazu erklärte er den Drüberstehjournalisten, dass Lindenberg größer als Mick Jagger sei, echter Rock 'n' Roll. Niemand nahm ihn ernst. Er wirkte wie ein irrer Stalker, kurz bevor der Mann mit der Beruhigungsspritze kommt.
"Einen Bruder im Geiste" habe er damals erkannt, sagt Lindenberg an diesem Nachmittag. "Ich stehe auf angenehm Verrückte. Normalität fällt nicht in unseren Zuständigkeitsbereich. Er war ein bisschen speedy unterwegs. Bisschen auf Schleuderkurs. Aber das kann jedem mal passieren."
Lindenberg brachte damals nach der Zugfahrt Stuckrad-Barre zu seinem Arzt. Eine dritte Entziehungskur begann.
Für Lindenberg jedenfalls hat sich dieser Einsatz gelohnt. "Er hat mir aus dem Matsch geholfen", sagt er jetzt. Stuckrad-Barre hatte ihm Mitte der Nullerjahre geraten, zurückzukehren zu seinem musikalischen Kern. Die Musik zu befreien von zu viel Zucker, zu viel Bizeps, zu viel Schrott. Stattdessen: Mut. Na ja, und dann war es auch so, dass sich Lindenberg selbst einen großen "Dröhner" nannte.
Stuckrad-Barre wohnte im Hotel Prem damals, nicht mal einen Kilometer vom Atlantic entfernt. Täglich hängte er Lindenberg zur Aufmunterung eine schmale Krawatte an dessen Zimmertür, Nummer 212, dazu einen Zettel mit der Aufschrift: "Eine Schmale gegen die breiten Zeiten". Lindenberg war damals ziemlich drauf, Stuckrad-Barre hatte bei Zara gleich eine große Tüte voll mit Krawatten gekauft. Die Krawattentherapie wirkte: "Stark wie Zwei", Lindenbergs Album aus dem Jahr 2008, war seine beste Arbeit seit einem Vierteljahrhundert. Ein überragendes Comeback.
Seltsamerweise erzählt Stuckrad-Barre von diesem Teil der Geschichte nichts in seinem Buch. Vielleicht weil sie nicht passt. Stuckrad-Barres Erzählperspektive ist ja die eines rücksichtslos ironischen Angebers und Büßers, der von Lindenberg, wie von einem Märchenonkel, gerettet wird. Lindenberg, das merkt man an diesem Nachmittag, ist dieses Ungleichgewicht zu seinen Gunsten ein bisschen peinlich, und er scheint froh zu sein, die Sache in die Balance rücken zu können.
Lindenberg verabschiedet sich. Er will heute Nacht nach Amsterdam fahren. Stuckrad-Barre muss noch Texte von Udos neuer Platte Korrektur lesen und sagt, dass er nach über 40 Jahren endlich die Interpunktion auf dem "Planeten Lindenberg" eingeführt habe. Er spricht davon, dass es für einen Egozentriker wie ihn angenehm sei, auf diesem Planeten zu leben, voll einzusteigen auf dem "Panikdampfer", weil dies gleichzeitig bedeute, dass er dann "Ferien von sich selbst" habe.
In seinem Zimmer hängen zwei Laufausrüstungen zum Trocknen. Jeden Tag läuft Stuckrad-Barre dreimal um die Alster. Einmal morgens zwei Runden allein und dann eine Runde mit Lindenberg nachts um drei Uhr.
Ferien von sich selbst, das ist das, was Stuckrad-Barre beim Laufen erlebt, und er erlebte das auch, als er das Buch in Los Angeles schrieb. "Mich gab es gar nicht mehr, da war alles Buch", sagt Stuckrad-Barre. In L. A., dieser Welt der Künstlichkeit und der Fälschungen, findet er im Schreiben, in der KunstKlarheit und Versöhnung mit sich selbst. Er schafft einen Erzähler, der in seinem Ringen um Größe immer weiter zerfällt und schließlich von einem gerettet wird, der selbst dringend Hilfe braucht.
Es ist, wenn man sich einige Biografien aus der Geschichte des Pop ansieht, eine klassische Erzählung. Mit dem Unterschied nur, dass sie bei Stuckrad-Barre fürs Erste gut auszugehen scheint. Andere wie Amy Winehouse oder Kurt Cobain hatten nicht so viel Massel. Vielleicht auch, weil man in einem Buch die Dinge besser erzählen und zu sich finden kann, als in den knappen Zeilen eines Popsongs.
Vor der Reise nach Los Angeles, erzählt Stuckrad-Barre, hätten ihn Depressionen geplagt. Die Geburt seines Sohnes habe bei ihm das Gefühl verstärkt, nicht mehr schreiben zu können, ein Verstummen habe sich in ihm ausgebreitet. Er hielt wie viele Ego-Artisten die Kleinfamilie nicht aus. Sein Umzug in eine Wohnung unweit von Frau und Kind habe alles noch schlimmer gemacht. Ein Apartment mit Tisch, Stuhl, Bett, Büchern und ihm selbst. Mit der Stille seien die Panikattacken gekommen. "Man hat das Gefühl, dass der Körper zu klein ist für das, was drinnen ist. Das Gefühl, man muss jetzt vom Balkon springen." Manchmal habe er gedacht, nur dieses Buch noch schreiben, das musst du noch tun, schon weil sich dann die Nachrufe besser lesen.
Stuckrad-Barre wurde vor Kurzem 41. Er hat seit Jahren kein Kokain und keinen Alkohol mehr angerührt, er trinkt doppelten Espresso und zum Runterkommen Kamillentee, aber weil das alles nur bedingt hilft, braucht er nach wie vor Drogen, nicht vom Dealer, sondern vom Arzt. Jeden Abend zwei Schlafmittel, um nachts Ruhe zu finden. Antidepressiva, um durch den Tag zu kommen. Laufen und Schreiben sind die einzigen Medikamente, die er sich selbst verordnen kann.
"Ich fühle mich unwohl, irgendwo anzukommen", sagt Stuckrad-Barre. "Ich kann schlecht wohnen. Ich langweile mich wahnsinnig schnell. Auch mit mir selbst."
Was wird geschehen, wenn "Panikherz" erscheint und viele Menschen sein Inneres entdecken? Was wird aus dieser Abräumhalde namens Ich? Gibt es ein Leben nach der Adoleszenz, das die Beschreibung lohnt? Das nächste große Ereignis in unserem Leben wird unser Tod sein, schreibt Stuckrad-Barre in seinem Buch über sich und das in die Jahre gekommene Publikum eines Konzerts von Noel Gallagher, dem ehemaligen Chef von Oasis.
Das ist verrückt. Zwischen der Liebe zu Oasis und dem Tod liegt jene Zeit, die man das Leben nennt. Eigentlich. Vorausgesetzt, man verlangt von seinem Leben nicht, dass es dahinrast wie ein endloser Kokainrausch.
Draußen auf dem Gang vor seinem Zimmer fragt ein Kellner, ob Stuckrad-Barre schon einmal die Karte für das Frühstück morgen haben wolle.
"Auf gar keinen Fall", sagt Stuckrad-Barre.

Koksen, kotzen, koksen, kotzen. So ging das über Jahre. Veröffentlicht wurde wenig.

Über den Autor

Thomas Hüetlin kennt den Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre seit Jahren in Berlin als Extremisten: extrem begabt, extrem lustig, extrem anstrengend. Seit der Lektüre von "Panikherz" weiß er auch, wie extrem neurotisch Stuckrad ist. Einem zufälligen Treffen auf der Straße Anfang des Jahres folgte nun eine Einladung Stuckrads ins Hamburger Hotel Atlantic und ein extremer Tag dort.
* Benjamin von Stuckrad-Barre: "Panikherz". Kiepenheuer &Witsch, Köln; 576 Seiten; 22,99 Euro.
* Mit dem Schriftsteller Christian Kracht.
Von Thomas Hüetlin

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