05.03.2016

KarrierenGroßstadtrevier

Die Bücher zweier Entertainer erzählen von den wilden und angeblich goldenen Tagen St. Paulis, des Hamburger Kiezes, bevor er zur Touristenattraktion aufgedonnert wurde.
Zwei Sehnsuchtsorte gibt es derzeit für viele Kulturmenschen in Hamburg, beide dienen Menschen zum Trinken und zur Freizeitgestaltung, beide liegen in St. Pauli. Und beide tragen das Adjektiv "golden" im Namen, was in beiden Fällen eine glatte Lüge ist.
Die Gaststätte Zum goldenen Handschuh ist eine Trinkerkneipe mit hölzernen Sitzecken und Boxerbildern über und neben dem Spielautomaten an der Wand. Ein Relikt aus den Fünfzigerjahren, ein Asyl für die Verlorenen und Abgehängten. Die Luft ist stickig, die Heizung aufgedreht, Bierflaschen werden gegeneinandergeschlagen, während ausgerechnet der Literaturverleger Alexander Fest davon schwärmt, wie viele Abende er hier schon mit seinem Autor Strunk zugebracht habe. Ein gutes Dutzend Literaturkritiker hören ihm zu. Der Schriftsteller Strunk sagt: "Es gibt kaum eine Kneipe auf dem Kiez, die ich mehr mag."
Der Golden Pudel Club, untergebracht in einem schmalen Haus mit spitzem Giebel, das an der Uferstraße der Elbe und nah an den ehemals besetzten Häusern der Hafenstraße steht, ist mit Metallgittern verrammelt. Ein von Brandstiftern gelegtes Feuer hat Mitte Februar den Dachstuhl zerstört. Nun also verkohlte Balken, zersprungenes Glas und ein paar Blumen, die irgendwer an die Absperrungen geklemmt hat. Seit gut zwei Jahrzehnten wurde der Klub als nicht kommerzielle Tanzdiele und Bierkaschemme betrieben. Nach dem Brand betrauerten Hunderte Künstler und Fans in Mails und Beileidsschreiben die vorläufige Schließung. Der Musiker und Theatermacher Schorsch Kamerun ist einer der Gründer des Klubs. Kamerun behauptet: "Der Golden Pudel Club steht bis heute gegen Gewinnmaximierung. Und für den Versuch, die Verhältnisse umzudrehen."
Heinz Strunk und Schorsch Kamerun sind sich in den Neunzigerjahren im Dunstkreis des Golden Pudel Clubs über den Weg gelaufen und über diverse Freunde und Projekte miteinander verbandelt. Damals war der Club das Zentrum einer von Künstlermenschen, Politaktivisten, feierfreudigen Journalisten und Werbern bevölkerten Subkultur. Maler wie Daniel Richter, John Bock und Jonathan Meese gehörten dazu, Musiker von Bands wie Tocotronic, Die Sterne oder Blumfeld. Zudem eine Menge Menschen, die wegen der Leute kamen, die man hier traf, wegen der Pudel-DJs oder auch bloß wegen des demonstrativ versifften und mit Graffiti vollgeschmierten Gemäuers.
Strunk und Kamerun sind beide fern dieses Großstadtreviers aufgewachsen: der eine in Hamburgs südlichen Vorstädten, der andere in Timmendorfer Strand an der Ostsee. Beide tragen Künstlernamen, Strunk heißt eigentlich Mathias Halfpape, Kamerun eigentlich Thomas Sehl. "Wir haben verschiedene Wege eingeschlagen", sagt Kamerun über Strunk, "aber wir sind an denselben Codes geschult." Beide sind Anfang fünfzig. Und beide haben nun Bücher geschrieben, die von gründlich vergangenen Zeiten erzählen: vom Zauber und vom Schmutz eines St. Pauli, das durch die Gentrifizierung untergepflügt wurde(*).
Strunks Buch heißt "Der goldene Handschuh", ein Schauerroman, wie es ihn selten zu lesen gibt, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse. Erzählt wird die weitgehend wahre Geschichte des Serienmörders Fritz Honka, der in den Siebzigerjahren vier Frauen ermordete, die Leichen zersägte und in Teilen in seiner Wohnung verstaute. Die Opfer, zahnlose Alkoholikerinnen und Gelegenheitsprostituierte, fand er in der Absturzkneipe Zum goldenen Handschuh.
Strunk schildert jedoch keine Kriminalstory, er zeichnet ein Sittengemälde jener Jahre. Sein Thema sind nicht die Morde des Fritz Honka, sein Thema ist die soziale Verwahrlosung, in der sie sich ereigneten. "Der goldene Handschuh" zeigt einen Stadtteil im Vollrausch. Bloß dass dieser Rausch sich wie ein Kater anfühlt.
Schorsch Kameruns Buch trägt den Titel "Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens". Es beginnt mit Szenen einer Punkerjugend in der deutschen Provinz der Spätsiebzigerjahre im Ostseebad Timmendorfer Strand, das hier "Bimmelsdorf" heißt. Eine Hölle, in der die Lehrer alte Nazis sind, die Bürger ängstliche Spießer und die Vorgartenrasenflächen akribisch gestutzt. Ein "Bleigefühl" und eine "Scheißebauwut" eint eine Clique von minderjährigen Punkern, die bald auch als Musiker auftreten und oft Prügel beziehen: "Auf die Fresse war Alltag."
Der Protagonist des Buchs, er nennt sich "Tommi", obwohl er ganz anders heißt, will mit seinen Freunden dringend weg: "St. Pauli ist die einzige Möglichkeit." In der Stadt gründen sie einen "Musik- und Ausprobierclub", in dem es keine Türsteher, keine Getränke zu Wucherpreisen und zunächst nicht mal eine Kneipenkonzession gibt, dafür ein Programm mit Anspruch: "ausnahmslos Abende, die sich grundlegend selbst widersprechen sollten". Dafür wird "auf der einen Seite des Raumes nur Fahrstuhlmusik gespielt und auf der anderen ausschließlich Tekkno". Es ist der Start jenes Klubs, der unter Hamburgs Nachtgestalten schnell unter dem Kürzel "Pudel" berühmt wird.
Das Tableau der Menschen in "Der goldene Handschuh" muss man sich vorstellen wie eine Zeichnung von Manfred Deix: grotesk zerschundene Leiber. Da gibt es Soldaten-Norbert, der vom SS- zum Müllmann wurde. Tampon-Günter, der immer wieder einen Tampon in grünen Pfefferschnaps taucht, einen anderen in Kirschlikör, sie ausnuckelt und sich über die Ohren hängt. "Das ist sein Ding, das war seine Idee, das findet er lustig, das zieht er durch." Eine Frau namens Frauke, ein "Panorama aus Dellen, Wülsten und Rillen", deren Hintern sich anfühlt "wie mit Flüssigkeit gefüllte Ballons".
"Ich bin nicht kieznostalgisch", sagt Strunk, er sei erst mit 26 in die Stadt gekommen, habe lange "in einer Oma-Ecke" in Hamburg-Winterhude gewohnt. Erst 2010 zog er in einen Altbau, 15 Fußminuten entfernt vom Goldenen Handschuh. Dort steht neben der Couch eine Sit-up-Bank, eine Fernsehzeitschrift liegt aufgeschlagen herum. Über eine Wendeltreppe geht es hinauf auf eine Dachterrasse, am Horizont die "Tanzenden Türme", ein Büro- und Gastrokomplex an der Reeperbahn. Die Aussicht sei der Grund für den Umzug gewesen, sagt er.
Strunk trägt einen schwarzen Anzug mit Einstecktuch, das Hemd aufgeknöpft, die Brust darunter fett tätowiert, dazu eine getönte Brille wie aus einem Siebzigerjahre-Porno. Es ist ein Look, wie ihn auch andere alternde Kreative auf St. Pauli mögen. Ein Luden-Look.
In seinem Roman blickt er zurück auf die Jahre, als St. Pauli noch nicht hip und zubetoniert war. Als noch nicht der Geschmack der linksalternativen Szene und des Kulturbürgertums den Stadtteil dominierte, sondern der derbe Kiezsprech der kleinen Leute. Als Kaffee noch "Negerschweiß" hieß und ein leichtes Mädchen "Wegsteckhuhn", als an den Tresen noch Sätze fielen wie diese: "Ich könnte Fotze fressen wie Kartoffelsalat. Ich werd den Sack erst auswringen und dann reinstopfen." Strunk hat sich diese Sprache für den Roman mit Genuss angeeignet.
Er verdichtet und spitzt zu, karikiert manches, und doch zeigt er sich als sozialer Realist. Er hat jahrelang recherchiert, sich in Honkas Prozessakten bedient, in alten Kiezbüchern, in Klaus Lemkes legendärem Fernsehfilm "Rocker" von 1972, er hat das gesamte Werk Charles Bukowskis ein zweites Mal gelesen, um sich in den Trinker-Sound jener Jahre einzufühlen. Und er hat, natürlich, selbst viele Stunden lang getrunken und Trinkenden zugehört, im Goldenen Handschuh von heute.
Schorsch Kamerun sagt über den Schriftsteller Strunk, bei allen Unterschieden in der künstlerischen Arbeit blicke man ähnlich auf die Welt: "Möglicherweise empfinden wir die gleiche Melancholie."
Auch Kameruns Buch beginnt in den Siebzigerjahren, aber es handelt nicht von Enge und Untergang, sondern von einer Befreiung. Es ist ein Schelmen- und Künstlerroman, der die Abenteuer einer Spaßguerilla auf gesellschaftskritischer Mission schildert – und die Freuden und Schmerzen einer Entertainerkarriere. Der Held Tommi, von dem da ein allwissender Erzähler berichtet, beschäftigt sich mit dem Zustand der kapitalistischen Welt und mit seiner eigenen Rolle in ihr. Er feilt, frei nach Peter Weiss, an einer "Ästhetik des Widerspruchs". Er spaziert mit einem Freund in eine Halle, in der einst Schlachtvieh gehandelt wurde und in der nun ein riesiger Supermarkt untergebracht ist; gemeinsam drehen sie in der Technikabteilung sämtliche Hi-Fi-Anlagen auf Maximallautstärke. Das Resultat: eine "sich schwirrend auftürmende Kakophonie". Wenn Tommi mit seiner Band auftritt, dann arbeiten die Musiker daran, jede Routine zu vergessen und sich "in einen Haufen flatternder Truthähne" zu verwandeln.
"Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens" ist das Bekennerschreiben eines Mannes, der in eine Subkultur hineingerät, in der handwerkliches Können als verdächtig gilt – und dann doch zum Unterhaltungsprofi wird. Tommi trifft in der Großstadt auf eine Welt, in der "geniale Dilettanten" gefeiert werden, und bemerkt, dass einige "das Wort Dilettantismus auch noch absichtlich falsch" schreiben. "Niemand musste mehr ausgebildeter Musiker, Schriftsteller, Maler oder Regisseur werden, konnte aber trotzdem all das nach Laune ausüben."
Also wird Tommi Theaterregisseur. Er entdeckt die öffentlich subventionierte Bühne als Spielplatz und setzt sich zum Ziel, mit Schauspielern und Musikern eine Gegenwelt zu erfinden. Er nennt sie den "Vorschlag einer Rettungsblase im Multiterror des Täglichen". Am Ende kommt manchmal intelligenter Bühnenkrawall und manchmal nur Klamauk heraus. Einmal wird er vom Chef eines Theaters beschimpft: Er sei bloß einer jener "Regienarzissten", die das Publikum "hirnficken" wollten. Schlimmer als seine Niederlagen quälen den Regisseur Tommi seine Erfolge. Verrät er seine Ideale an den Beifall des Theaterpublikums? Je lauter der Applaus, "desto kräftiger muffelte die eigene Methode. Tommi kam sich zunehmend vor, als würde er den Kapitalismus bekämpfen und im selben Moment einen fetzigen Reklamesong für die begleitende Werbekampagne erfinden".
Die Figur Tommi ist ein Doppelgänger von Schorsch Kamerun, der bis heute mit einer Band Musik macht, die sich Die Goldenen Zitronen nennt. Sein Buch ist der im Märchenton verfasste Erinnerungsband eines Zerknirschten, der seinen Kampf gegen das System tapfer weiterkämpft.
An den großen Theatern ist Kamerun ein begehrter Regisseur, derzeit arbeitet er im Hamburger Schauspielhaus. Ein paar Tage vor der Premiere seines neuen Werks "Die disparate Stadt" sitzt er in der Kantine, das Haar zerwuschelt und der Blick vom Probenstress gehetzt. "Jede Geste des Aufruhrs landet heutzutage sofort auf der Mattscheibe oder im Museum", sagt er. Im neuen Stück geht es, passend zu Kameruns Buch, um Sinn und Unsinn rebellischer Gesten am Beispiel der Stadt Hamburg. Der Untertitel: "Kühne Widerspenstigkeit oder bequeme Touristenattraktion?"
Der Schriftsteller Strunk erzählt in "Der goldene Handschuh" in einer Nebenhandlung von einer reichen Reederfamilie, die auf der schicken Elbchaussee zu Hause ist, deren Mitglieder aber hin und wieder auf dem Kiez landen. Milieutourismus, schon damals. "Er ist gerne bei den Fertigen, Verrückten, Pennern, Behinderten und Besoffenen", heißt es über einen Reeder. Dessen Sohn, 17 Jahre alt, schaut auch im Goldenen Handschuh vorbei. "Er fühlt sich plötzlich wie ein neuer, ein anderer Mensch. Abgebrüht, mit allen Wassern gewaschen."
Strunk sagt, der Hamburger Berg, die Straße, in der die Absturzkneipe Zum goldenen Handschuh liegt, sei heute "eine studentische Amüsiermeile mit Ballermann-Einschlag". Aber wenn man zur richtigen Zeit komme, könne man das untergegangene St. Pauli im Goldenen Handschuh nach wie vor erleben. Unter der Woche, am besten vor der Mittagszeit. "Ich bin da total gerne."
Das angesengte Haus, in dem der Golden Pudel Club untergebracht ist, soll Ende April versteigert werden. Nicht wegen des Brandes, sondern wegen eines komplizierten Streits zwischen den Besitzern des Gebäudes. Nach dem Brand gab es eine Protestdemonstration gegen die Versteigerung, unter dem Motto "Unsere Ruine kriegt ihr nicht!" Hinter den Kulissen heißt es, Pudel-Gründer, Stadtpolitiker und ein paar engagierte Bürger könnten das Haus womöglich für eine Stiftung erwerben. Die Betreiber haben schon versprochen, den Club neu zu eröffnen.
"Wir haben das Fremde gesucht und, sagen wir es ruhig, die Exotik", sagt Kamerun über seine Ankunft in St. Pauli vor über 30 Jahren. "So wie man in den Sechzigern nach Marokko oder Indien getrampt ist, sind wir in die damals noch unbegradigten Urbanitäten gefahren." Was empfindet er, wenn er heute auf St. Pauli blickt? "Ich bin kein Dogmatiker", sagt Kamerun, "das Leben ist eine Grätsche."
* Heinz Strunk: "Der goldene Handschuh". Rowohlt Verlag, Reinbek; 256 Seiten; 19,95 Euro. Schorsch Kamerun: "Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens". Ullstein Verlag, Berlin; 256 Seiten; 18 Euro. Erscheint am 14. März.
Von Tobias Becker und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 10/2016
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