05.03.2016

FilmkritikDas Gesicht des Todes

„Son of Saul“, gerade mit einem Oscar ausgezeichnet, bricht mit den Regeln des Holocaustdramas.
Wenn man die Augen schließt, ist das Grauen in diesem Film kaum noch zu ertragen. Dann hört man sie, die Tötungsmaschinerie des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Man hört, wie die stampfenden Dampfloks neue Gefangene heranbringen, wie verzweifelte Menschen gegen die Stahltüren der Gaskammern trommeln und ihre Leichen Minuten später über den Boden geschleift werden.
"Son of Saul", der erste große Film des 39-jährigen ungarischen Regisseurs László Nemes, erhielt gerade den Oscar für den besten ausländischen Film. Er spielt im Oktober 1944. Die Befreiung des Lagers ist nur noch eine Frage einiger Wochen, die Rote Armee nur noch wenige Hundert Kilometer entfernt. Doch statt der Hoffnung wächst die Verzweiflung. Jeden Tag kommen mehr Gefangene in die Gaskammern, in immer kürzerer Zeit werden immer mehr Menschen ermordet.
Um ihr Plansoll zu erfüllen, haben die SS-Wachmänner Gefangene zu sogenannten Sonderkommandos zusammengestellt. Sie müssen die Kleidung der Ermordeten nach Wertsachen durchsuchen, die Gaskammern reinigen und die Toten ins Krematorium schaffen. Sie sind Schichtarbeiter des Todes, verdammt zum Mord im Akkord. Einer von ihnen ist Saul Ausländer (Géza Röhrig), ein Ungar jüdischen Glaubens. Seine Geschichte erzählt der Film.
Es gibt im Grunde nur zwei Arten von Einstellungen in "Son of Saul". Entweder sieht der Zuschauer in Sauls Gesicht, oder er blickt ihm über die Schulter. Selten war ein Film so auf seinen Helden ausgerichtet, und selten war ein Filmheld so auf sein Ziel konzentriert. Saul findet in der Gaskammer einen Jungen, der überlebt hat und den er für seinen Sohn hält. Er muss mitansehen, wie der Junge von einem SS-Arzt getötet wird, und setzt fortan alles daran, ihm ein würdiges Begräbnis zu verschaffen.
Die meisten der erfolgreichen und oscargekrönten Filme über die Vernichtungslager wie "Schindlers Liste" von Steven Spielberg oder "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni erzählen, wie Menschenleben gerettet werden. In den Augen von Nemes sind das irreführende Geschichten. Ja, sicher, es kamen auch Menschen davon. Aber was sagt das schon angesichts Millionen Ermordeter? Es sagt nur, dass die Tötungsmaschine nicht perfekt war und gelegentlich Ausschuss produzierte, Überlebende.
Die Stärke von Nemes' Film besteht darin, dass er sich der Ausweglosigkeit der Situation stellt und dabei eine Energie entwickelt, die der Zuschauer körperlich spürt. Nemes gönnt seinem Publikum keine Fluchtmöglichkeit, keinen Schritt zur Seite, wenn man den Blick abwenden möchte, keine Totale, wenn einem alles viel zu nahe kommt, keine Metapher wie in "Schindlers Liste", wenn Spielberg in seinem Schwarz-Weiß-Film ein Mädchen im roten Mantel auftauchen lässt, um eines der vielen Opfer aus der Masse herauszuheben.
Der Holocaust-Film, sagt Nemes, sei ein eigenes Genre, mit dessen Regeln man brechen und dessen Bilder man durchdringen müsse. Nemes hat jahrelang für "Son of Saul" recherchiert, Dokumente über die Sonderkommandos und Zeitzeugenberichte gelesen, er hat mit Wissenschaftlern gesprochen, Kurzfilme gedreht, um sich an das Thema heranzutasten, er hat mit seinem Kameramann lange experimentiert, um herauszufinden, wie sich darstellen lässt, was sich kaum vorstellen lässt.
Nemes nimmt in seinem Film das frenetische Tempo einer sich beschleunigenden Massenvernichtung auf und hetzt mit seinem Helden durch eine Welt am Rande des Untergangs. Die Ordnung des KZ weicht dem Chaos und der Hysterie. Weil die Gaskammern nicht ausreichen, werden die Gefangenen erschossen und mit Flammenwerfern verbrannt. Durch diesen Irrsinn bahnt sich Saul seinen Weg, um einen letzten Kampf für menschliche Würde zu führen. Unverdrossen sucht er für das Begräbnis des Jungen nach einem Rabbi.
Die Gräuel, mit denen er dabei konfrontiert wird, versinken meist in der Unschärfe, im Hintergrund des Bildes. Dies wirkt aber nie wie schamhafte Diskretion, die das Publikum schonen soll. Vielmehr übernimmt Nemes ganz und gar den Blick seines Helden, der ähnlich besessen ist wie die Mörder, von denen er umgeben ist. Das Gute, was er tut, sehen die Zuschauer. Das Böse, was die anderen tun, bleibt weitgehend der Vorstellungskraft überlassen.
Kinostart: 10. März
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 10/2016
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