05.03.2016

Die Augenzeugin„Sechs Cent billiger“

Betty Diane ist Inhaberin einer kleinen Catering-Firma und Schulköchin im oberbayerischen Traunstein. Für die Mittelschule der Stadt darf sie nicht mehr kochen, weil eine Großküche aus Baden-Württemberg das Essen etwas günstiger angeboten hat. Jetzt werden die Mahlzeiten jeden Tag 400 Kilometer weit gefahren.
"Sieben Jahre lang haben meine Mitarbeiter und ich für die Franz-von-Kohlbrenner-Mittelschule in Traunstein gekocht, jeweils rund 40 Mittagessen, von Montag bis Donnerstag. Ich habe mich immer nach dem gerichtet, was die Kinder wollten – und so gesund wie möglich gekocht. Den Schülern hat's richtig geschmeckt, die haben mir auch gesagt, was ihre Leibspeise ist. Wenn von einem Gericht mehr Essensreste als üblich zurückkamen, haben wir da eben was geändert. Wir kochen in der Nähe der Schule und jeden Tag frisch, das Essen liefern wir in Edelstahlbehältern, die wir wieder mitnehmen und reinigen. So entsteht kein Müll. Auch das Warmhalten war wegen der kurzen Strecke zwischen Küche und Schule kein Problem. Wir hatten das Gefühl, dass Schüler, Lehrer und Eltern mit uns voll zufrieden waren.
Seit zwei Jahren muss die Stadt für alle Schul- und Kita-Essen eine europaweite Ausschreibung machen. Deswegen haben wir in diesem Schuljahr keinen neuen Auftrag bekommen. Den hat jetzt eine Großküche des Malteser Hilfsdienstes. Die produziert rund 50 000 Gerichte pro Tag und hat für die Mittelschule die Portion um sechs Cent billiger angeboten. Allerdings muss das Essen jetzt täglich 400 Kilometer weit gefahren werden. Die Portionen sind in Aluboxen eingeschweißt.
Die Traunsteiner haben sich über diese Entscheidung ziemlich empört und vom Stadtrat gefordert, die Entscheidung rückgängig zu machen. Es gab sogar ein Protestkonzert der Musiker Claudia Koreck und Alex Diehl. Sie wollten die Einnahmen an den Oberbürgermeister weitergeben, um die Differenz zwischen dem Preis für mein Schulessen und dem der Malteser auszugleichen. Aber das geht so eben nicht. Da haben sie die 1254,72 Euro mir gegeben. Ich werde das Geld für einen sozialen Zweck spenden, für die Kinder in der Kohlbrenner-Schule."
Von Conny Neumann

DER SPIEGEL 10/2016
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