05.03.2016

KarrierenDer Junge vom Dorf

Jonas Hector ist der Musterschüler beim 1. FC Köln. Dabei ist er als Spätberufener zum Profifußball gekommen – und fremdelt manchmal mit dem überhitzten Bundesliga-Betrieb.
Nach eineinhalb Stunden ist das Training vorbei, Torwart Timo Horn gibt auf dem Weg in die Kabine Autogramme, Trainer Peter Stöger macht Selfies mit den Fans, und Jonas Hector rennt über das Feld und sammelt Fußbälle ein. An seinen Schienbeinen kleben Dreckklumpen, die Profis haben in Kleingruppen trainiert, drei gegen drei, es wurde viel gegrätscht. Es ist ein Nachmittag im Februar, die Sonne steht schon tief über dem Geißbockheim in Köln. Hector klemmt sich vier Bälle unter die Arme, dann geht er zum Kotrainer. "Auf geht's, Schusstraining."
Eine hohe Flanke, Annahme mit der Brust, Abschluss aufs Tor. Hector ist Abwehrspieler, es gibt Profis bei Köln, die hätten das Schusstraining wohl nötiger als er. Aber es gibt vermutlich auch kaum jemanden in der Mannschaft, der fleißiger ist als er.
Jonas Hector, 25, Linksverteidiger beim 1. FC Köln und in der deutschen Nationalmannschaft, ist ein Musterschüler. Von allen Seiten wird er derzeit mit Lob überschüttet. Er sei zuverlässig "wie ein Uhrwerk", sagt Stöger, "souverän und seriös", sagt Bundestrainer Joachim Löw. Hector gehört zu den Bundesligaspielern mit den meisten Ballkontakten, er macht kaum Fehler, spielt ruhig und abgeklärt. Dabei ist er ein Spätberufener im Fußballgeschäft. Lange sah es so aus, als würde es nichts werden mit der großen Karriere. Hector unterschrieb erst vor knapp vier Jahren seinen ersten Profivertrag.
Nach dem Training hat er in der Geschäftsstelle des FC Platz genommen. Er trägt ein Jeanshemd, Sneakers und einen Dreitagebart. Englische Medien berichten gerade, dass der FC Liverpool Scouts nach Deutschland geschickt habe, um ihn beobachten zu lassen. Hector weckt jetzt Begehrlichkeiten bei großen Klubs. Zuletzt spielte er im zentralen Mittelfeld, als Lenker und Denker. Vorige Saison gelang ihm gegen Hoffenheim ein Traumtor, er dribbelte an der Mittellinie los, umkurvte nacheinander fünf Gegenspieler und legte den Ball am Torwart vorbei.
Ist er so gut, weil er so vielseitig ist?
Hector überlegt, reibt die Handflächen aneinander, als würde er frieren. "Ich bin einfach froh, dass ich jedes Wochenende Bundesliga spielen darf, egal auf welcher Position", sagt er, "ich mache keine Überdinge, ich komme über die Passsicherheit, bin laufstark und versuche eben jedes Mal, meine Stärken ins Spiel einzubringen. Ich fühle mich immer gut auf dem Platz."
Seine Karriere verlief fernab des üblichen Wegs. Alle Klubs aus den ersten beiden Ligen betreiben eigene Nachwuchs-Leistungszentren. Die Vereine investieren jährlich 132 Millionen Euro in die Kaderschmieden, wo junge Spieler von Trainern, Sozialpädagogen und Ernährungsberatern rund um die Uhr betreut und geformt werden. Bis auf Miroslav Klose besuchte jeder deutsche Nationalspieler, der im WM-Finale 2014 auf dem Feld stand, einst eine solche Nachwuchsakademie. Jonas Hector, der im November 2014 in der DFB-Auswahl debütierte, blieb lange unentdeckt. Seine Laufbahn zeigt, dass Fußballer auch noch abseits von Sichtungsrastern und Talentspähern bis ganz nach oben kommen können.
Hector wuchs in Auersmacher auf, einem saarländischen Dorf mit 2600 Einwohnern, kurz vor der Grenze zu Frankreich. Ein Bäcker, zwei Friseure, der Metzger hat kürzlich zugemacht. "Es gibt Menschen, die aus einem solchen Ort so schnell wie möglich fliehen wollen", sagt Hector und grinst. "Ich fand es immer klasse dort, ein schönes Fleckchen Erde."
Er kickte für den SV Auersmacher in der Verbandsliga, zusammen mit seinem Bruder Lucas, Fußball war ein Hobby. Hector war immer der Beste im Klub, mit 17 Jahren spielte er schon für die Herrenmannschaft. Angebote vom 1. FC Saarbrücken und dem VfL Bochum schlug er aus. Er genoss lieber das Leben als Dorfjunge, mit Traktorfahren und Vogelnesterplündern. Er machte sein Abitur und danach ein Freiwilliges Soziales Jahr.
"Vom Fußballerischen her hätte ich früher den Schritt zu den größeren Klubs wagen können", sagt er, "vom Menschlichen her war es gut, dass ich so lange zu Hause geblieben bin, bei meiner Familie und meinen Freunden. Ich habe die normalen Seiten des Lebens kennengelernt, hatte nicht viel Geld, so wie alle anderen Jugendlichen auch. Das hat mich geprägt."
Noch als 20-Jähriger spielte Hector in der Provinz. Für Auersmacher lief er im offensiven Mittelfeld auf, er schoss den Klub fast im Alleingang in die Oberliga. Zum Aufstieg gab es einen Umzug durchs Dorf, mit Freibier und Blaskapelle.
"Es war immer seine Stärke, sich nicht zu wichtig zu nehmen", sagt Jörn Birster, der Hector beim SV Auersmacher trainiert hat. "Einmal habe ich Jonas bei einem Hallenturnier als Torwart aufgestellt, er zog die Handschuhe an und stellte sich in die Kiste, ohne rumzuzicken." Birster und an-
dere aus dem Dorfverein redeten Hector ins Gewissen, sie sagten ihm, dass es vielleicht doch zu mehr reichen könnte. Bei einem Probetraining des FC Bayern hinterließ Hector keinen bleibenden Eindruck. Kurz danach, als er sich beim 1. FC Köln vorstellte, aber schon.
Hector zog in die Großstadt, landete beim FC im U23-Team, in der Regionalliga. Plötzlich trainierte er nicht mehr dreimal pro Woche, sondern zehnmal. Er war zu schmächtig und zu leicht, in den Zweikämpfen konnte Hector kaum mithalten. Er schob Extraschichten im Kraftraum, legte an Muskelmasse zu.
So langsam seine Karriere begonnen hatte, so schnell nahm sie jetzt Fahrt auf. 2012 das erste Spiel für Köln in der zweiten Liga, 2014 der Aufstieg. Nach nur zehn Bundesligaspielen rief Löw bei ihm an. 2015 stand Hector bei neun Länderspielen auf dem Platz, insgesamt 754 Minuten, so lange wie kein anderer Nationalspieler. Er ist einer der wenigen im DFB-Team, die für die Europameisterschaft im Sommer in Frankreich einen Stammplatz haben.
Hector ist der erste Kölner Nationalspieler seit Lukas Podolski, dem FC-Idol. Er habe sich daran gewöhnen müssen, auf der Straße angesprochen zu werden, erzählt er. "Jeder, der in dieser Stadt aufgewachsen ist, hat automatisch ein Stück FC in sich drin. Deswegen ist das Interesse riesig." Dabei ist ihm die übliche Selbstdarstellung in seiner Branche zuwider, von Markenbildung hält er wenig. Während Podolski Social-Media-Kanäle auf Deutsch, Englisch, Italienisch, Portugiesisch, Polnisch, Türkisch und Chinesisch betreibt, meidet Hector Facebook und Twitter. Zum Training fährt er in seinem Ford Focus.
Fragt man beim Klub nach, heißt es, Hector wirke "gerne ein bisschen kauzig". Das sei seine Art, mit der hypernervösen Fußballwelt umzugehen.
Fragt man Hector selbst, sagt er: "Mittlerweile ist vieles so extrem aufgezogen. Je mehr man von sich preisgibt, desto eher wird man in ein Raster gedrängt. Ich halte mich da lieber zurück. Ich brauche keine tolle Tasche, keine tollen Schuhe, kein tolles Auto, um zu sagen: Ich bin Fußballprofi und verdiene dementsprechend."
Kürzlich verabredeten sich Mitspieler nach dem Training zum Abendessen. Sie fragten Hector, ob er mitkommen wolle. Der schüttelte den Kopf, gehe leider nicht, er müsse noch an seiner Hausarbeit schreiben. Große Augen bei den Teamkollegen.
Seit zwei Jahren studiert Hector BWL in Oldenburg, es ist ein Fernstudium, er lernt online und muss meistens nur zu den Prüfungen an die Uni. Es tue ihm gut zu büffeln, sagt er, als Ausgleich. Auch wenn ihm die Teamkollegen dafür "den einen oder anderen Spruch reindrücken" würden. Hectors Spitzname beim FC ist Schlaubi. Es kommt vor, dass er mal ein Buch mit ins Trainingslager nimmt.
Vor zwei Wochen, nach der Niederlage im Derby gegen Mönchengladbach, schlich Hector an den Reportern vorbei in die Kabine. Den Kopf eingezogen, die Hände tief in den Taschen seiner Trainingsjacke vergraben. Reden wollte er nicht.
In solchen Momenten wünscht er sich nach Auersmacher zurück. Hätte es mit der Profikarriere nicht geklappt, sagt Hector, würde er noch immer in Auersmacher leben. Einmal im Monat ist er noch dort, mindestens. Er isst dann bei seiner Oma Kartoffelklöße und trifft seine Kumpels.
"Über Fußball", sagt Hector, "reden wir dann eigentlich gar nicht."
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 10/2016
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