05.03.2016

HandelAdenauers Erbe

Andreas Adenauer – ein Enkel des ersten Bundeskanzlers – macht den Familiennamen zur Marke und verkauft Strandmode.
Er sieht aus wie ein Seemann, der gerade vom Kutter gestiegen ist: kurz geschorener Kopf, Dreitagebart, dunkelblauer Pullover und Jeans aus eigener Kollektion, dazu Stiefel und dicke Taucheruhr. "Moin", begrüßt der 54-Jährige seine Gäste. Ist er mal nicht erreichbar, verrät sein Anrufbeantworter: "Ich bin am Strand", und Mails unterzeichnet er gern mit "Andreas Adenauer vom Meer". Vor seiner Firmenzentrale prangt eine rote Boje.
Dabei ist die nächste Küste gut 250 Kilometer entfernt. Adenauer steuert sein Unternehmen in einem alten Zollhaus in Düsseldorf, aber sein Sortiment bedient ein Lebensgefühl, das vor allem mit Strand, Sonne und Sommerferien zu tun hat. Der Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers verkauft bunte Sweatjacken und Hoodies, Shirts und Freizeithosen – und versucht so, seinen bekannten Namen als deutsche Alternative zwischen Ralph Lauren und Tommy Hilfiger zu platzieren.
18 Läden, die bei ihm Strandhäuser heißen, vertreiben seine Mode. Drei führt Adenauer selbst, 15 werden von Franchisenehmern betrieben – in Düsseldorf, Köln und Münster, aber auch an Nord- und Ostsee. Sein Ziel sind 100 Läden bundesweit. Läuft alles nach Plan, sollen die Deutschen künftig nicht mehr allein an Westbindung und soziale Marktwirtschaft denken, wenn sein Familienname fällt, sondern an "Adenauer & Co – The german beach house company".
Andreas Adenauer war fünf, als der "Alte" 1967 starb; die Erinnerung an seinen Opa Konrad ist nur noch bruchstückhaft. An den Besuch von Charles de Gaulle kann er sich erinnern, an die vielen Gäste und Fotografen. Und an die Geschichte, dass er einmal als kleiner Bub vom Balkon auf die Wartenden hinuntergepinkelt haben soll.
Mit seinen Eltern wohnte er in Rhöndorf bei Bonn, gleich neben dem Haus des berühmten Großvaters. Sein Vater war Landnotar, die Mutter eine Schwedin aus reicher Industriellendynastie. Sie waren alles andere als begeistert, als er schon als Schüler anfing, mit Klamotten zu handeln: Andreas Adenauer kaufte während seiner Sprachferien in England Kleidung in Secondhandläden und verkaufte sie mit Gewinn im Rheinland weiter.
"Jung, du musst studieren gehen", befand sein Vater. Adenauer schrieb sich in Köln ein, aber seine Leidenschaft für den Handel war größer als die fürs Betriebswirtschaftsstudium. Als Student hatte der Kanzlerenkel bereits drei Modeläden in der Eifel, dazu eine Firma für Gürtel und, mit einem Vetter, mehrere Videotheken.
Bald schmiss er die Uni, verkaufte seine Geschäfte und arbeitete als Manager für deutsche und internationale Modekonzerne. Am Ende verantwortete er als CEO der Firma O'Neill bis zu zwölf Kollektionen im Jahr. Anfang 2009 wollte er nur noch eines: "raus aus der Branche."
Da saß dann dieser Workaholic in seinem Haus auf Mallorca und suchte bei der Gartenarbeit nach dem Sinn seines weiteren Lebens. "Ich bin ein gläubiger Mensch", erzählt er heute, "und habe auf mein Herz gehört." Ende 2009 machte er sich wieder selbstständig und gründete die Firma Adenauer & Co – die Familie hatte ihm erlaubt, den Namen zu verwenden. Berührungsängste mit der freien Wirtschaft hatte schließlich auch der berühmte Ahnherr nicht gekannt: Konrad Adenauer versuchte sich seinerzeit als Erfinder einer "von innen beleuchteten Stopfkugel", einer Brotsorte und einer Sojawurst – wenngleich eher erfolglos.
Enkel Andreas konzentriert sich hundert Jahre später ausschließlich auf Mode. "Eine richtige Kollektion war das eigentlich nicht", sagt er über seine ersten Versuche in der Strandmode, "ziemlich unstrategisch" habe er zunächst sein Sortiment aufgebaut. Ein Jeansproduzent aus Griechenland, den er von früher kannte, lieferte Hosen, aus der Türkei kamen die ersten T-Shirts und Sweatjacken.
Der Durchbruch kam 2012 mit einem winzigen Laden auf Norderney. Mit einem Geschäftspartner eröffnete Adenauer ein Strandhaus für seine Kollektion. Der Laden hatte gerade mal 33 Quadratmeter Verkaufsfläche. Viel zu klein, unmöglich, dachte Adenauer. Er täuschte sich gewaltig. In der Saison kommen wöchentlich über 40 000 Gäste auf die Insel. Und die kauften wie verrückt Hoodies und T-Shirts, auf denen "Adenauer 1876" stand, das Geburtsjahr des Kanzlers. "Was geht hier ab?", fragte er sich damals.
Der nächste Laden wurde in Westerland auf Sylt gebaut, auch ein Erfolg. Adenauer verkaufte nun Mode an ein deutsches Strandpublikum, das er kaum kannte: Im Sommer war er bis dahin meist an der schwedischen Küste gewesen, im Ferienhaus der Familie seiner Mutter.
Aus zwei Ehen hat Adenauer inzwischen sieben Kinder, ganz wie einst der Großvater in Rhöndorf. Sogar die Firmenphilosophie klingt fast schon wie ein Grundsatzprogramm seines Opas. "Deutschland ist unsere Heimat, darum lieben wir Europa!", steht auf der Website von Adenauer & Co.
Nur modisch liegen Welten zwischen Konrad und Andreas. Der erste Bundeskanzler hätte sich selbst im Urlaub am Comer See niemals im Kapuzenpulli vor die Tür getraut – bei seinem geliebten Bocciaspiel trug der "Alte" gern Krawatte, Weste und Hut.
Von Barbara Schmid

DER SPIEGEL 10/2016
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