16.11.1981

SPIEGEL Gespräch„Mir reicht's, ich werfe den Krempel hin“

Bankier Guy de Rothschild über den Sozialismus in Frankreich und das Ende seines Finanz-Imperiums
SPIEGEL: Monsieur, das Banken-Imperium der Familie Rothschild hat Kriege, Revolutionen und Pogrome überstanden. Aber den Sozialismus in Frankreich scheint es nicht zu überleben: Die neue Regierung unter Mitterrand, seit sechs Monaten an der Macht, wird Ihre Bank verstaatlichen. Ist das Ende der Finanzdynastie Rothschild gekommen? Ihr Büro hier haben Sie ja schon leergeräumt.
ROTHSCHILD: Ganz einfach: Die Rothschilds haben es satt, in Frankreich zu arbeiten, wo ihnen Regierungen alle 40 Jahre den Besitz zerschlagen.
SPIEGEL: Meinen Sie damit auch die Erfahrungen, die Ihre Familie nach der Niederlage Frankreichs 1940 durchmachen mußte?
ROTHSCHILD: Ja. Einen Monat nach dem Waffenstillstand hat die Regierung Petain per Dekret meinem Vater und zwei Onkeln die französische Staatsbürgerschaft aberkannt, hat sie aus der Mitgliederliste der Ehrenlegion gestrichen und ihr ganzes Vermögen eingezogen. Das hatte nichts mit der deutschen Besatzung und den Nazis zu tun. Das war eine Rache des Justizministers. Nach dem Krieg habe ich nur eine leere Hülle vorgefunden und das wieder aufgebaut, was Sie ein Finanz-Imperium nennen. Das ist ein großes Wort ...
SPIEGEL: ... immerhin, Sie haben ja keinen mittelständischen Betrieb.
ROTHSCHILD: Ich will Ihnen weiter erzählen, was passiert ist. Während der Beschlagnahme haben viele französische Firmen mich mit viel Anstand und Kameradschaft um die Erlaubnis gebeten, von dem Zwangsverwalter Anteile unserer Unternehmen zu kaufen. Selbstverständlich gab es die mündliche Zusicherung, daß wir, wenn wir wieder mehr Glück hätten, unsere Anteile zurückkaufen könnten.
SPIEGEL: Und das ist so gelaufen?
ROTHSCHILD: Ja, ohne ein Wort, reibungslos. Dank der guten Verbindungen meiner Familie haben wir die Sachen wiederbekommen.
SPIEGEL: Und was bedeutet dieses Mal die Verstaatlichung für das wiederaufgebaute Imperium der Rothschilds?
ROTHSCHILD: Sie sagen dauernd "Imperium" - ich mag dieses Wort nicht. Welche Rothschild-Institutionen gibt es in der Welt? Da ist die Bank in London, die meinen englischen Vettern gehört und die prächtig floriert. Da gibt es die Bank in Zürich, die zur Hälfte der englischen Linie und zur Hälfte uns gehört - uns persönlich, nicht der Bank hier. Die gegenwärtige Regierung wäre sicher davon begeistert, eine halbe Bank in der Schweiz zu haben, aber das geht sie nichts an. Dann gibt es noch eine kleinere Firma in New York, eine Investmentbank.
SPIEGEL: In Deutschland, dem Land Ihrer Vorfahren, haben Sie nichts mehr?
ROTHSCHILD: Ich habe oft daran gedacht, nach Frankfurt zurückzukehren, und sei es nur als Verbeugung vor der Geschichte. Aber in Frankfurt gibt es schon zu viele Banken.
SPIEGEL: Außer Banken haben Sie auch mächtige Industrie-Beteiligungen, die in Frankreich ebenfalls von der Verstaatlichung betroffen sind. Darunter fallen eine Transport- und Lagerfirma für Tiefkühlkost, eine Reederei und zwei Bergbaugesellschaften.
ROTHSCHILD: Ich habe all das erfolgreich in einer multinationalen Gesellschaft zusammengeschlossen, das ist ein ganzes Berufsleben. Lassen Sie mich noch hinzufügen, daß die Banque Rothschild S.155 hier, die all das zusammenfaßt, unsere einzige Bank ist, die solche Industriebeteiligungen hält.
SPIEGEL: Und das geht nun alles verloren?
ROTHSCHILD: Technisch gesehen wird dem Staat der Besitz über all das, was hier ist, übertragen, unter anderem die Position des Haupt-Aktionärs in allen Unternehmen, in denen wir die Mehrheit halten.
SPIEGEL: Können Sie nicht mit der Entschädigung, die Ihnen der Staat zahlt, einen Teil der Aktien wieder zurückkaufen?
ROTHSCHILD: Wir wissen noch nicht, ob der Staat das machen wird, und wir wissen nicht, ob wir das überhaupt wollen.
SPIEGEL: Haben Sie schon Ihren gesamten Verlust beziffert?
ROTHSCHILD: Man kann darauf keine Antwort geben. Es fragt sich jetzt, ob die Entschädigung korrekt und ausreichend ist oder nicht. Darauf gibt es keine Antwort. Jeder weiß, daß es in keinem Land der Welt ein Unternehmen gibt, dessen wahrer Wert am Aktienkurs an der Börse abzulesen ist. Wenn man zum Beispiel IBM neu aufbauen wollte, müßte man viel mehr ausgeben, als das in New York notierte Börsenkapital von IBM ausmacht. Alles, was ich Ihnen sagen kann, ist folgendes: Allein dieses Bankgebäude hier ist auf einen Wert geschätzt worden, der zwei Drittel oder drei Viertel der Entschädigung beträgt, die man den Aktionären für die gesamte Bank geben wird. Aber das ist für mich keine Frage von Gewinn oder Verlust. Das Problem ist, daß man uns etwas wegnimmt - nicht das, was Sie Imperium nennen, sondern all das, was wir seit Ende des letzten Krieges aufgebaut haben.
SPIEGEL: Das heißt doch: Wir erleben jetzt das Ende Ihrer wirtschaftlichen Macht in Frankreich?
ROTHSCHILD: In Frankreich leben vor allem die Teilhaber der Bank, die von meinem Vater und meinem Onkel Robert abstammen: Zum einen Teil bin ich das, zum anderen Teil sind das meine Vettern Alain und Elie. Jeder von uns hat in der Bank einen Sohn: Mein Sohn David ist der Vorstandsvorsitzende; Alains Sohn Eric ist der Präsident von zwei Gesellschaften der Gruppe, und Nathaniel, der Sohn von Elie, ist Finanzdirektor.
SPIEGEL: Und was machen Sie hier?
ROTHSCHILD: Ich denke nach, und ich gebe Rat. Als ich 70 wurde, habe ich meinem Vetter die Präsidentschaft über die Bank überlassen.
SPIEGEL: Was werden die von der Verstaatlichung betroffenen Bankiers Rothschild jetzt tun?
ROTHSCHILD: Wir, die Jungen wie die Alten, überlegen noch, was wir machen. Ein oder zwei Mitglieder der Familie wollen ins Ausland gehen, weil sie glauben, daß sie dort größere Chancen haben. Andere wiederum wollen auf keinen Fall weggehen, sondern versuchen, in Frankreich unternehmerisch tätig zu werden. Ob daraus später ein kleines Haus Rothschild wird, kann ich Ihnen nicht sagen; ich weiß es nicht.
SPIEGEL: Eine neue Rothschild-Gruppe, obwohl jetzt das Haus Rothschild zerschlagen wird?
ROTHSCHILD: Zweifellos wird das, was wir aufgebaut haben, zerstört werden, vor allem die Bank. Ohne unseren Namen, ohne unsere Person wird die Bank zerstört sein.
SPIEGEL: Wollen Sie der verstaatlichten Rothschild-Bank den Namen entziehen?
ROTHSCHILD: Als wir 1967 unser Unternehmen in eine öffentliche Geschäftsbank umgewandelt haben, habe ich dafür Sorge getragen, daß die Bank nur dann das Recht hat, den Namen Rothschild zu tragen, wenn wenigstens ein Rothschild im Aufsichtsrat sitzt und die Rothschilds die Geschäfte führen. Andernfalls, so die notarielle Beurkundung, soll die Bank das Recht verlieren, den Namen Rothschild zu tragen. Also haben wir die Regierung sehr nachdrücklich gebeten, den Namen nicht zu behalten, der uns gehört.
SPIEGEL: Versetzen Sie sich mal ins Jahr 1962 zurück: Damals wurde ein S.157 Direktor der Rothschild-Bank, nämlich Georges Pompidou, Premierminister der Fünften Republik. Jetzt nimmt Ihnen die gleiche Fünfte Republik Ihre Bank. Haben Sie sich Vorwürfe zu machen? Hätten Sie die politische Rechte mehr unterstützen sollen, um den Sieg der Linken zu verhindern?
ROTHSCHILD: Aus Tradition mischen wir uns nicht in die Politik ein. Wir sind nicht apolitisch. Denn apolitisch zu sein bedeutet, nicht nachzudenken, und ein apolitischer Mensch ist kein Staatsbürger. Wie jedermann haben wir politische Institutionen unterstützt, ohne, wie auch immer, aktiv zu werden. Aber in der Tat habe ich mir Vorwürfe zu machen.
SPIEGEL: Welche?
ROTHSCHILD: Ich hätte mich nicht auf die wirtschaftliche Entwicklung Frankreichs verlassen dürfen und glauben dürfen, daß eine private Gruppe sich ebenso rasch ohne politisches Risiko entwickeln könnte, wie die französische Wirtschaft seit Beginn des Gemeinsamen Marktes. Die politischen Risiken treten nun in der Verstaatlichung zutage.
SPIEGEL: Was hätten Sie denn machen können?
ROTHSCHILD: Ich hätte mir sagen sollen: In Frankreich könnte eine Mischung sehr gefährlich sein - nämlich wenn die extrem rückschrittliche Philosophie der Linken und der Sozialistischen Partei, die Dinge praktizieren will, die seit 50 Jahren gepredigt werden, sich vermengt mit dem etwas neidischen Charakterzug der Franzosen.
SPIEGEL: Glauben Sie tatsächlich, daß Neid in Frankreich so viel stärker ausgeprägt ist als anderswo? Daß die Franzosen neidischer auf den Reichtum anderer sind als etwa die Deutschen?
ROTHSCHILD: Ich glaube, daß dies ein besonderer Wesenszug der Franzosen ist. Die Franzosen sind neidisch. Die Franzosen sind weniger kooperativ als die Deutschen, die Engländer oder die Amerikaner, und sie haben weniger Teamgeist.
SPIEGEL: Das liegt vielleicht daran, daß der Unterschied zwischen den Reichen und den Armen in Frankreich viel krasser ist als in Deutschland.
ROTHSCHILD: Wenn ich mir die Familie Thyssen in Deutschland ansehe, so ist die sicher viel reicher als all das, was ich in Frankreich kenne.
SPIEGEL: Aber die Reichen in Frankreich führen ihren Reichtum ungenierter vor. Ist das vielleicht die Erklärung?
ROTHSCHILD: Das glaube ich nicht. Der Neid der Franzosen ist spezifisch auf Geld ausgerichtet. Wenn zum Beispiel jemand in Amerika einen guten Job findet, freut sich sein Nachbar, und er sagt es ihm. In Frankreich hingegen sagt der Nachbar eher: Ach, der Kerl hat Glück gehabt - warum der und nicht ich?
SPIEGEL: Aber wenn man bestimmten Reichtum in Frankreich sieht, bei den Rothschilds zum Beispiel, die Rembrandts sammeln, Rennpferde züchten, in Schlössern wohnen und im Rolls-Royce herumfahren - ist es dann so verwunderlich, daß die Leute neidisch werden?
ROTHSCHILD: Ehrlich, ich glaube, daß Sie sich da irren. Ich fahre nicht Rolls-Royce, sondern Mercedes, was Sie mir als Deutsche ja wohl kaum vorwerfen wollen. Ich habe übrigens Hunderte von Briefen erhalten, in denen mir die Leute gesagt haben, daß die Rothschilds Teil der Geschichte Frankreichs sind. In den Briefen heißt es nicht "Adieu Rothschild", sondern "Courage Rothschild" und "Merci Rothschild". Ich bin sogar sicher, daß wir eine gewisse Popularität haben. Keine andere Familie hat anderen so viel zukommen lassen - insbesondere Krankenhäuser, Schulen, Museumsgaben und sonstige Förderung der Künste.
SPIEGEL: Sie halten sich für populär und reden gleichzeitig von dem großen Neid in Frankreich. Ist das nicht ziemlich widersprüchlich?
ROTHSCHILD: Man muß bedenken, daß Frankreich ein sehr katholisches Erbe hat und daß die katholische Kirche im Mittelalter und in der Renaissance allen Geldgeschäften feindlich gegenüberstand. Geld wurde als etwas Schmutziges betrachtet. Nur die Verdammten durften mit Geld zu tun haben, das heißt die Juden. Und die anderen hatten nur das Recht, Geschäften nachzugehen, die nach Ansicht der Kirche ehrenhaft waren, das heißt Grundbesitzer zu werden oder Krieger.
SPIEGEL: Aber von dieser mittelalterlichen Philosophie ist nichts übriggeblieben.
ROTHSCHILD: Geblieben in den katholischen Ländern ist, daß Geldgeschäfte nicht gut sind. Die Reformation und der Protestantismus hingegen haben den Erfolg auf Erden als Segen Gottes betrachtet. So hat die englische Arbeiterbewegung, die wirklich sehr weit gegangen ist, niemals in den Mechanismus des kapitalistischen Systems eingegriffen, das heißt in die Marktwirtschaft und in die Londoner Banken. Es kann sich keine moderne Großindustrie entwickeln ohne die vielfältigen Finanzierungsmechanismen des Kapitalismus. Die Franzosen mögen das nicht, sie mögen nicht den überaus komplizierten Finanzkapitalismus. Sie verwechseln das mit Besitz, mit Reichtum, mit Macht, während es sich tatsächlich um Techniken handelt.
SPIEGEL: Wenn Sie das alles so genau wissen, warum sind Sie Bankier geworden, warum haben Sie sich denn so tatkräftig mit dem beschäftigt, was Sie komplizierten Finanzierungsmechanismus nennen?
ROTHSCHILD: Es war falsch, daß ich eine große Bank geschaffen habe. Das hätte eine kleine egoistische Bank bleiben sollen, eine Bank, die für uns nur ein nettes Taschengeld verdient, die aber in der französischen Wirtschaft nicht zählt.
SPIEGEL: Sie haben gesagt, Geld sei für den Bankier Rothschild nicht das höchste Gut. Wenn es nicht das Geld ist, was war dann Ihre Triebfeder? Politischer Einfluß oder Macht über Menschen? S.158
ROTHSCHILD: Nein, das war die Freude, etwas aufzubauen. Ich habe keinen Geschmack an der Macht.
SPIEGEL: Als Ihr Direktor Pompidou Premierminister wurde, haben Sie da nicht ein wenig Machtgefühl verspürt?
ROTHSCHILD: Nein, das war mir sehr unangenehm, und zwar aus zwei Gründen: Pompidou war mein enger Mitarbeiter, und als er plötzlich weg war, hat er mir gefehlt. Zweitens: Wenn man einen Namen wie den unseren trägt, glaubt man nicht daran, die Politik beeinflussen zu können.
SPIEGEL: Hat Sie damals de Gaulle gebeten, Pompidou ziehen zu lassen?
ROTHSCHILD: Haben Sie jemals gehört, daß der General de Gaulle irgend jemanden um Erlaubnis für irgend etwas gebeten hätte?
SPIEGEL: Herr Rothschild, die französische Linke hat niemals ein Hehl daraus gemacht, Großunternehmen und Banken verstaatlichen zu wollen. Sie dürften eigentlich nicht überrascht sein, was jetzt geschieht.
ROTHSCHILD: Zunächst einmal ist das Programm zur Verstaatlichung der Banken erst verkündet worden mit dem Gemeinsamen Programm der Sozialisten und Kommunisten ...
SPIEGEL: Das war aber schon 1972.
ROTHSCHILD: Damals hatte ich schon lange zuvor meine große öffentliche Bank geschaffen. Dann, 1978, war das Gemeinsame Programm vom Tisch und das Bündnis von Sozialisten und Kommunisten vorbei. Man hat glauben dürfen - und viele haben es geglaubt -, daß die Sozialisten die extremsten und absurdesten Punkte des gemeinsamen Programms aufgeben würden, vor allem die Verstaatlichung aller Banken.
SPIEGEL: Sie hatten sicher auch nicht geglaubt, daß Präsident Giscard d''Estaing die Wahl verlieren könnte?
ROTHSCHILD: Das hat man erst zwei Monate vor der Wahl gesehen, und zudem war ich persönlich sehr überrascht, als ich während des Fernseh-Streitgesprächs Mitterrand-Giscard - das war vor dem zweiten Wahlgang - erfuhr, daß Mitterrand zum erstenmal sagte: Unser Programm beinhaltet die Verstaatlichung aller Banken.
SPIEGEL: Das heißt, Sie machen Vorwürfe doch eher Mitterrand als sich selbst.
ROTHSCHILD: Wenn man der sozialistischen Regierung etwas vorwerfen kann, dann folgendes: daß sie ihre Verstaatlichungen wie auch andere Programmpunkte durchdrückt, als ob sie Feuer unter dem Hintern hätte, als ob sie auf einem militärischen Rückzug verfolgt würde und sie dabei in höchster Eile eine Politik der verbrannten Erde betreibt.
SPIEGEL: Mitterrand hat die Kommunisten im Nacken.
ROTHSCHILD: Der würde wütend, wenn er Sie so reden hörte. Denn er S.159 glaubt, daß er die Kommunisten unter Kontrolle hat. Wie dem auch sei, die größte Dummheit ist es, die Banken nach der Höhe ihrer Einlagen zu verstaatlichen. Die Höhe der Einlagen ist nämlich das unbedeutendste Kriterium. Wenn man schon verstaatlicht, dann nach dem Umfang des Kreditgeschäfts. Aber es ist nicht ausgeschlossen, daß Sozialisten und Kommunisten diesen Maßstab gewählt haben, damit die einen oder anderen ihrer Freunde der Verstaatlichung entgehen - was nicht möglich wäre, wenn es nach dem Kriterium der Ausleihungen ginge. Ich weiß es nicht, aber das ist sehr gut möglich.
SPIEGEL: Das sind schwere Beschuldigungen.
ROTHSCHILD: Es gibt noch mehr. Wenn man so etwas macht wie jetzt hier in Frankreich, dann macht man es sauber. Man darf nicht blindlings verstaatlichen, sondern man muß Fall für Fall untersuchen, zumal wenn man einen derart hervorragenden Verwaltungsapparat hat wie der französische Finanzminister. Wir haben unsere Verstaatlichung aus der Zeitung erfahren. So hätte man nicht vorgehen dürfen. Wenn man nicht will, daß die Rothschilds Frankreich verlassen - ich meine nicht physisch, sondern beruflich -, dann ist es schon sehr nett zu sagen: Wir nehmen alles, was ihr habt, alles, was ihr aufgebaut habt, alle eure Arbeitsmöglichkeiten, wir wären aber entzückt, wenn ihr weiterhin in Frankreich lebt und arbeitet.
SPIEGEL: Es scheint uns ganz unmöglich, daß jemand wie Sie, der aus einer alteingesessenen Bankiersfamilie stammt, sich mit den Sozialisten verständigen könnte. Führende Sozialisten haben offen erklärt, daß man die Macht des Kapitalismus brechen müsse.
ROTHSCHILD: Für die Sozialisten sind die Geschäftsleute wie Hühner. Das Huhn legt Eier, und der Geschäftsmann macht Geschäfte. Sie nehmen ihm alles weg, und er macht weiter Geschäfte. Aber was bleibt uns nach der Verstaatlichung der Bank? Man kann Friseur werden, man kann Metzger werden, man kann Verbrauchermärkte kaufen, aber das ist nicht unser Metier. Wir haben eine Berufung, unser Name steht im Lexikon.
SPIEGEL: Unter allen Unternehmern, die von der Verstaatlichung betroffen sind, sind Sie der einzige, der sich mit einer Art Manifest gegen die neue Regierung gewandt hat; veröffentlicht in "Le Monde" unter der Überschrift: "Adieu Rothschild". Warum haben ausgerechnet Sie diesen Schritt getan?
ROTHSCHILD: Weil wir eine der verstaatlichten Firmen sind, die vollkommen unabhängig ist, die klar und deutlich das Unternehmen einer Familie, der Besitz einer Familie ist. Die Bank trägt unseren Namen, sie wird von uns geleitet, ist also eine Bank, die mit uns identifiziert wird. Wenn Sie die großen Gesellschaften nehmen - ob das nun die S.162 Banque de Paris ist oder eine andere -, dann ist das nicht die Angelegenheit von Privatleuten, sondern von Managern. Ich hingegen spreche als Mitglied einer Familie, die eine Geschichte in Frankreich hat, und ich spreche nicht als Ehrenpräsident oder Präsident der Banque Rothschild.
SPIEGEL: Sie haben Ihren Artikel in "Le Monde" mit dem Satz beendet: "Zwangsweise in den Ruhestand geschickt, betrachte ich mich als Streikender." Was will der Streikende Rothschild damit sagen?
ROTHSCHILD: Das bedeutet ganz einfach, daß dies ein psychologischer Ausdruck ist. Das heißt: Genug! Nach all dem, was passiert ist, mache ich nicht mehr mit, mir reicht''s, ich werfe den Krempel hin, ich bin zu nichts mehr bereit. Und wenn ich noch einmal irgend etwas in Frankreich machen sollte, mache ich es egoistisch.
SPIEGEL: Streik bedeutet doch nicht Resignation, sondern Kampf.
ROTHSCHILD: Man sollte das nicht überinterpretieren. Streikender, das will heißen: Ich mache nicht mehr mit, ich arbeite nicht mehr mit.
SPIEGEL: Sie wollen also nicht kämpfen?
ROTHSCHILD: Ich wollte schlicht ausdrücken, daß das offizielle Frankreich "Adieu Rothschild" sagt.
SPIEGEL: Kein Appell an die französischen Unternehmer, passiven Widerstand zu leisten?
ROTHSCHILD: Die Unternehmer scheren sich den Teufel darum, was wir sagen.
SPIEGEL: Ihr Manifest zeugt von großer Bitterkeit, wenn Sie Worte gebrauchen wie: Rothschilds seien zum "sprichwörtlichen Symbol für Reichtum geworden", sie seien "die Quintessenz des Bösen" und "Aussätzige".
ROTHSCHILD: Es handelt sich um die spezifische Gleichsetzung von Rothschild und Reichtum, was bezeichnenderweise nur für die Rothschilds gilt. Es gibt viele französische Familien, die viel reicher sind als wir. Aber wenn eine Mutter ihrem Kind kein Spielzeug kaufen mag, dann sagt sie: Ich bin nicht Rothschild. Sie sagt nicht: Ich bin nicht Dassault.
( Die Familie Dassault, die unter anderem ) ( Flugzeug-, Elektronik- und ) ( Immobilienfirmen besitzt, gilt als die ) ( reichste Frankreichs. )
SPIEGEL: Sie wissen genau, daß Ihre Bank nicht deshalb verstaatlicht wird, weil Sie ein Rothschild sind, sondern weil Ihre Bank Einlagen von vier Milliarden Franc hat.
ROTHSCHILD: Das stimmt. Man hat nicht auf uns gezielt, aber man hat uns getroffen ...
SPIEGEL: ... wie bei einem Jagdunfall?
ROTHSCHILD: Im Prinzip passiert ein Jagdunfall nicht vorsätzlich.
SPIEGEL: Wenn Sie von der "Quintessenz des Bösen" reden, für die - nach Meinung vieler Franzosen - Ihr Name stehe, dann übertreiben Sie zweifellos.
ROTHSCHILD: Wenn man einen Artikel schreibt, dann meißelt man den Sachverhalt immer etwas überdeutlich heraus. Was ich eigentlich damit sagen wollte, ist folgendes: Einer mehr oder minder marxistischen Regierung ist es immer peinlicher, das Haus Rothschild zu fördern als ein anderes Unternehmen.
SPIEGEL: Haben Sie dafür Belege?
ROTHSCHILD: Unter normalen Umständen und bei einer gemäßigten und nicht radikalen Politik werden die Rothschilds akzeptiert. Ich rede nicht von ihrer Popularität in der Öffentlichkeit, ich meine auf Regierungsebene. Sicher will man sich dort nicht dem Verdacht aussetzen, den Leuten, die Geld haben, allzu gefällig zu sein. Aber man unterdrückt diese Furcht. Wenn jedoch die Politik radikal wird, wenn in Frankreich die marxistische Linke an die Macht kommt, dann hackt man zuerst einmal auf den Rothschilds herum.
SPIEGEL: Wenn man Sie so reden hört, hat man den Eindruck, als ob Sie auf einen gewissen Antisemitismus in der Linken anspielen.
ROTHSCHILD: Nein, keineswegs. Das hat alles nichts mit Antisemitismus zu tun. Gewiß, es stimmt, daß die Rothschilds Juden sind. Das ist bekannt, und S.164 in gewissen Zeiten ihres Lebens haben die Rothschilds darunter gelitten, Juden zu sein.
SPIEGEL: Sie hatten unter dem faschistischen Regime Petain zu leiden und Sie haben jetzt Schwierigkeiten unter Mitterrand: "Jude unter Petain, Paria unter Mitterrand", haben Sie geschrieben. Wenn Sie das eine mit dem anderen verbinden, scheinen Sie doch anzudeuten, daß es gegenwärtig Antisemitismus gibt.
ROTHSCHILD: Absolut nicht, und ich habe das auch überhaupt nicht sagen wollen. Ich wollte keine Verbindung herstellen, sondern ich habe das so nebeneinandergestellt. Was ich sagen wollte, ist, daß die Rothschilds spezifische Schwierigkeiten haben, und daß, wenn ich nicht Rothschild hieße, die Dinge anders lägen.
SPIEGEL: Nach Ansicht der Kommunisten und einiger Linkssozialisten sollen die Reichen zahlen. Die Stimmung zwischen der siegreichen Linken und der geschlagenen Rechten ist schon so gereizt, daß eine Menge Leute bereits von einer Bürgerkriegsstimmung reden. Glauben Sie, daß die Entwicklung dahin eskalieren könnte?
ROTHSCHILD: Zur Zeit nicht. Ich gebe jetzt nicht meine persönliche Meinung wieder, aber viele Leute in Frankreich prophezeien enorme wirtschaftliche Schwierigkeiten.
SPIEGEL: Wenn das der Fall ist, kommt es doch sicher zu einer gesellschaftlichen und politischen Radikalisierung.
ROTHSCHILD: Gut, in diesem Moment wird man sagen, daß es am Geld liege, an den Reichen und an den Arbeitgebern. Aber das ist natürlich ein Mythos. Es ist möglich, daß die Neigung einer Sozialistischen Partei, sich von den begangenen Fehlern reinzuwaschen, in ein Klima des Hasses münden könnte. Das ist möglich, aber ich möchte keine Prognose wagen.
SPIEGEL: Premierminister Pierre Mauroy hat gewiß nicht nur die politische Rechte, sondern auch die Unternehmer gemeint, als er sagte: "Wenn die Opposition mit einer solchen Wut auf die Verstaatlichungen reagiert, liegt es daran, daß wir an das gehen, was für sie das höchste Gut ist - das Geld." Was halten Sie davon?
ROTHSCHILD: Was die Regierung jetzt macht, basiert auf ökonomischen und politischen Theorien, mit denen ich mich nicht befreunden kann. Sie hat das Recht, so zu denken, aber nach meiner Ansicht irrt sie. Aber es gibt schlicht und einfach die Eifersucht der Sozialistischen Partei auf andere, die auch eine gewisse Macht haben. Im Gegensatz zu den totalitären Ländern, wo alles in den Händen der politischen Macht liegt, haben Sie in einem liberalen System ein Gleichgewicht - zwar unstabil, aber ein Gleichgewicht - von politischer Macht, gewerkschaftlicher Macht, wirtschaftlicher Macht und so weiter. Alles in einer politischen Partei monopolisieren zu wollen, ist eine Dummheit.
SPIEGEL: Nach allem, was passiert ist - wünschen Sie, daß das sozialistische Experiment in Frankreich scheitert?
ROTHSCHILD: Da ich Frankreich alles Gute wünsche, da ich Patriot und Staatsbürger bin, wünsche ich, daß die sozialistische Partei zunehmend gemäßigter wird, daß sie sich immer mehr dem annähert, was man Sozialdemokratie nennt, und nicht dem Marxismus.
SPIEGEL: Monsieur, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
S.154 Vor seinem leergeräumten Bücherregal; mit Redakteuren Hermann Bott, Helmut Sorge und Dieter Wild. * S.162 Die Familie Dassault, die unter anderem Flugzeug-, Elektronik- und Immobilienfirmen besitzt, gilt als die reichste Frankreichs. * S.164 Photo aus dem Jahr 1900. *
Von Hermann Bott, Helmut Sorge und Dieter Wild

DER SPIEGEL 47/1981
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