13.07.1981

BRECHTSack und Asche

Brechts Erben haben wieder zugeschlagen: Vorbeugend verboten sie eine Stuttgarter Aufführung des „Guten Menschen von Sezuan“.
Nach dem Tod der Helene Weigel wurde Brechts Erbe geteilt wie weiland das Römische Reich.
Die Rechte an den veröffentlichten rund 10 000 Seiten Brecht wurden zwischen einem West-Erben, dem amerikanischen Sohn Stefan, und einem Ost-Erben, der Brechttochter Barbara, die mit dem Brecht-Schauspieler Ekkehard Schall verheiratet ist, gesplittet.
Die Ost-Erben, unter deren europäisches Hoheitsgebiet sowohl die DDR wie die Bundesrepublik fällt, Brechts Ost-Rom also, haben die deutschsprachigen Verlagsrechte außerhalb der DDR dem Suhrkamp-Verlag und seinem allzu rührig-wendigen Chef Unseld übertragen. Im Osten bestellen sie das Haus weitgehend selber.
In Ost-Berlin haben Frau Schall und ihr Mann die Volksbühne sozusagen Brecht-frei gekämpft und am Berliner Ensemble (BE) alle unorthodoxen Erneuerungsversuche unterbunden, alle unbotmäßigen Regisseure verjagt. Übrig blieb ein verstaubtes Brecht-Mausoleum, das der verschüchterte Regisseur Manfred Wekwerth werk- und erbentreu bis zur Selbstaufgabe leitet.
Jüngster DDR-Fall: Dario Fo, der linke italienische Volkskünstler, wurde von seiner Regiearbeit an der "Dreigroschenoper" am BE entbunden.
Im Westen, wo Unseld in der Furcht der Erben lebt -- ohne Brecht-Tantiemen sähen die Verlagsbilanzen nicht so rosig aus --, sorgt Suhrkamps Theaterlektorat an den kleineren Theatern, die Brecht-Erbin direkt in den großen Städten für Ruhe und Ordnung.
Mal schnüffelt man nach einem Kühlschrank, den "Mutter Courage" in Ulm unvorschriftsmäßig auf ihren Wagen gepackt haben soll, mal stört sie eine Besetzung, wie sie die BE-Abtrünnigen Karge und Langhoff für eine Hamburger Brecht-Aufführung vorgesehen haben. Und mal (wie in München) achtet man auf Einhaltung einer Sonderklausel: Da nämlich lebt Brecht-Tochter Hanne Hiob, und deren Erbe besteht in Rollen. Mit anderen Worten: In München geht fast nichts ohne sie.
Jüngster westdeutscher Fall polizeilicher Erbverwaltung: Stuttgarter Schauspieldirektor Heyme wollte den "Guten Menschen von Sezuan" inszenieren. Er wurde mit einem Bann aus Ost-Berlin gestoppt. Begründung: Da er, vor Jahren in Köln, bei seiner "Dreigroschenoper"-Inszenierung den Bettlerkönig Peachum antisemitisch interpretiert habe, komme er auch fürderhin als Brecht-Regisseur nicht in Frage.
Dieses Verbot brachte wiederum westdeutsche Theaterleute, allen voran den allzeit erregbaren und nach allen Seiten solidarisch keilenden Bochumer Direktor und Regisseur Claus Peymann, in Zorn.
Im Namen der Frankfurter Akademie der Darstellenden Künste forderte er Ost-Berlin zur "Nationalisierung" Brechts und seinen Stuttgarter Nachfolger Heyme zum Ungehorsam auf: "Machen Sie weiter, und lassen Sie es auf ein Verbot der fertigen Aufführung ankommen. Wir unterstützen Sie und werden Ihrem Beispiel folgen."
Inzwischen hat Suhrkamps Unseld in einer Verlautbarung erklärt, daß er künftig "bis auf weiteres" die "ausschließliche Verantwortung für Werktreue" übernommen habe. Und zu Heyme: der habe trotz Bitten von seiten des Verlages "bis heute auf seiner Position" bei der "Dreigroschenoper" beharrt. Erwartet Unseld öffentliche Selbstkritik in Sack und Asche?

DER SPIEGEL 29/1981
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