13.07.1981

SCHWULELiebe Schrillgänse

Als Sammelbecken exzentrischer Show-Freaks macht in Hamburg der „Tuntenchor“ Furore.
An homosexuellen Künstlern war nie Mangel, und auch die deutsche Schwulenbewegung kommt schon in die Jahre. Die von ihr geforderte "schwule Kunst" aber tut sich schwer.
Neben der bürgerlich parfümierten Salonkunst, aus der höchstens Blüten wie Liberace als anerkanntes Tuntenbarock ragen, scheint es nur zwei Triebe zu geben: die seit den preußischen Offizierskasinos beliebten Damenimitationen (immer noch bei Zarah Leander und der Knef festgefahren) und das Gejammer über die Ungerechtigkeit der Welt. Das eine wird auch vom Publikum goutiert, das sich für normal hält, das andere ist oft auch den Schwulen selbst peinlich.
"Die Bürgerlichen haben uns unsere Kultur geklaut und entfremdet", erklärt Gunter Schmidt die Tristesse. "Wir müssen sie uns einfach zurückstehlen. So Sachen wie Oper, Operette oder Ballett konnten doch nur Schwulen einfallen. Oder gar Chorgesang und Kirchenchor ..."
Zu dieser Erkenntnis kam Schmidt als hauptberuflicher Organist einer katholischen Kirche in Hamburg ("Die einzige Bedingung des Pfarrers war, daß mich die Gemeinde beim Gottesdienst nicht sieht"). Nebenberuflich lebt er sie aus als eine der beiden "Mütter" des Hamburger Tuntenchors.
Auch die andere Mutter des Ensembles hat Fronterfahrungen in homosexueller Emanzipation: Corny Littmann gründete 1976 Deutschlands erste schwule Theatergruppe "Brühwarm", die 1979 einging. Corny selbst betätigte sich vorübergehend als Verkäufer für flüssige Schuhpflegemittel und als Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl.
Im "Tuc Tuc", dem Vereinslokal von Hamburgs politisierten Schwulen, trafen die beiden auf die darstellerischen Versuche der Subkultur: Klein- und Kleinstgruppen mit etwas Fummel, Playback und Schminke, verkannte Einzelgenies -- das großstädtisch konzentrierte Repertoire schwuler Provinzsehnsüchte.
Sie verführten zu einem gemeinsamen Zeugungsakt, und zum Maifest der Alternativen vor Jahresfrist erblickte dann der "Tuntenchor" das Licht S.151 der Welt, der mittlerweile von 14 auf durchschnittlich 40 Köpfe gewachsen ist und seine Fans aus der Szene von lila über grün bis ganz rot und schwarz rekrutiert. Nur feinsinnige Homos packt schon bei der Nennung des Chor-Namens das Grausen.
"Wir können einfach nicht anders", zwitschert Gunter, der Akteure wie Publikum stets mit "liebe Schrillgänse und Trümmertunten" tituliert. Als hätten sie nie Versteckspiel-Probleme gehabt, überdreht der Tuntenchor alle (normalen und schwulen) Klischeevorstellungen in eine schon astrale Dimension.
Ohrschmerzendes Tölen gehört dazu, himmelschreiende Pseudonyme und Fummel: Muskeltypen mit Bart wogen in Tüll und Flitter; 1,90 Meter grellgeblümte Körperlänge schwanken auf Pfennigabsätzen; Christbaumschmuck ist obligatorisch, und die Hüte übertreffen die wüstesten Träume von Ascot.
Vollends atemberaubend aber wird es, sobald sich die roten Lippen öffnen. Denn im Unterschied zu fast allen Transvestitenshows, die beim Playback hängenbleiben, singen Hamburgs Tunten auch noch selbst.
Das Repertoire ist überwiegend "zurückgeklaut", also gängig Sangbares aus der Operette und der deutschen Schlagerwelt, für das Tunten eine besondere Vorliebe haben, wenn es aus den verklemmten Fünfzigern stammt.
Oft macht nur subversive Kleinkunst aus Schnulzen Observierungsobjekte für den Verfassungsschutz -wenn etwa ein verblichener Alexandra-Song als FDP-Lied angekündigt wird und der Chor losschluchzt: "Mein Freund, der Baum ist tot, er fiel im Morgenrot", oder ein Wanderlied für Reagan gesungen wird: "Es steht ein Mann so fest wie eine Eiche / er hat bestimmt schon manchen Sturm gesehn / vielleicht ist er schon morgen eine Leiche / so soll's ja Präsidenten öfter gehn."
Die rüden Jungs schrecken auch nicht vor Herzlosigkeit zurück und singen als "staatlichen Beitrag zum Jahr der Behinderten": "Ja, mit sieben Krücken mußt du gehn."
Ein Unternehmen wie die Fischer-Chöre will der Tuntenchor allerdings nie werden. Er versteht sich als schwule Selbsthilfegruppe und seine Auftritte als Fingerübungen des fortgeschrittenen Coming Out. Immerhin gibt es wie bei jedem bürgerlichen Gesangverein feste Probetreffen, jeden Sonntag um 17 Uhr.
Das erinnert nicht zufällig an die Rüpelszenen in Shakespeares "Sommernachtstraum": Studenten sind eine winzige Minderheit, und das Spektrum der Berufe reicht von arbeitslos über Graphiker, Kellner, Krankenpfleger, Lehrer, Psychologe bis Tischler, Töpfer und Versicherungsangestellter.
Auch einige echte Mütter sind dabei, denn zum Befremden der übrigen Homo-Szene akzeptiert der Tuntenchor auch nichtlesbische Sympathisantinnen. Geprobt wird allerdings, so eine Sängerin, "mehr aus Mitleid mit dem Chorleiter, damit der nicht zurücktritt". Sobald nämlich ästhetische Ansprüche aufkommen, probiert Gunter den S.152 "Börner-Effekt", und alle solidarisieren sich zu gewohnter Unsäglichkeit.
Mit der haben die Frauen weniger Probleme als die Nichtfrauen. "Jeder Schwule will insgeheim schön sein", sinniert Gunter, "und davon müssen wir uns emanzipieren." Er geht mit hinterbackentiefem Decollete voran, während Corny, das schüttere Haar unter einem schmierigen Mop verdeckt, psychologische Feinarbeit leistet: "Man wird ja nicht von heute auf morgen unmöglich."
"Gott sei Dank hat noch kein ästhetischer Anspruch einen Auftritt überlebt", trällert Corny, der bei den rammelvollen "Veranstaltungen" auch nie weiß, was gleich passieren wird. Dafür zeugten die Tunten in einer Art Zellteilung neue Kulturbetriebe: eine Ballettgruppe namens "Alsterelsen", das aus besonders hartnäckigen Dilettanten komponierte "Budaschwester Symphonieorchester" und das gallsüße Duo "Familie Schmidt -- aufrecht, deutsch, homosexuell", in dem sich die beiden "Mütter" austoben.
Gemeinsam ist allen, keine Rücksicht auf Gefühle zu nehmen, am wenigsten auf die aufgeschlossener Gönner. "Konsequentes Schwulsein führt in den Anarchismus", doziert Corny.
So ließ der Chor einmal den Papst auf dem Hamburger Hauptbahnhof landen -- "Sind Sie gestürzt?" wurde gefragt, als er die Erde küßte -- und karrte ihn durch die Innenstadt. Mit von der Partie war eine (mit Luftballon) schwangere Maria auf Rollschuhen, die nach dem Absingen einschlägiger Lieder mittels einer Stecknadel abortiert wurde.
Die DKP erwog daraufhin ein Engagement der Truppe, und beim diesjährigen Maifest offerierte sie ihnen die Bühne ihres Saales. Da kündigte ein sächselnder Conferencier die "Maifeier des VEB Plastik- und Textilkombinates Rote Socke Schwerin" an, und die Tunten kamen "unter Leitung von Frau Kranführer Schmidt aus Halle 3a" als FDJ-Maiden. Als nach weiteren losen Scherzen eine "Tölegation der DKP mit solidarischen Westergrüßen" einen Kasten "echtes West-Cola" auf die Bühne wuchtete, verzichtete man auf einen weiteren Auftritt des Chors.
Auch beim Kirchentag traf Gunter die Toleranz der "Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche" auf Anhieb an der Sollbruchstelle. Weil er in einem roten Abendkleid angerauscht kam, durfte er nicht mitsingen -- bekam dafür später einen Brief: Man hätte ja Verständnis, aber ...
Die "Budaschwestern" jedoch waren von den ahnungslosen Kirchen-Homos bereits fest gebucht, und bei der geistlichen Nachtmusik in der Stephanuskirche hatte sogar Geigerin Lisa (Echt-Frau) Glaubensprobleme: "Wenn es Christus nun wirklich gibt und der das hört ..." Textprobe: "So liebt euch denn, ihr Brüder / in Gottes Namen wieder / warm sei der Abendhauch. / Verschon uns, Gott, mit Strafen / nur weil wir uns beschlafen / und unsern süßen Nachbarn auch."
Hamburgs Kulturbehörde sagte den Tunten kürzlich 3000 Mark Subvention zu, und nun überlegen sie, wie sie sich auch diese Sympathisanten vergrätzen können. Nur einmal drohte die Gemeinschaft zu zerbrechen. Gunter nämlich verlobte sich ganz ernsthaft mit Lisa, der Geigerin. Das, fanden die Mit-Tunten, gehe nun doch wirklich zu weit.

DER SPIEGEL 29/1981
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