01.03.1982

THEATERDer Bombenbastler

Der seit über neun Jahren inhaftierte Peter-Paul Zahl hat ein Theaterstück über den Hitler-Attentäter Johann Georg Elser geschrieben. Es wurde in Bochum uraufgeführt.
Gäbe es den Bochumer Schauspieler Martin Schwab nicht, dann wäre der Kunsttischler Johann Georg Elser diesmal endgültig und als Theaterfigur zu Recht in Vergessenheit geraten. Dabei war er ein Mensch, der die Weltgeschichte hätte ändern können.
Er war, so die einfühlsame Beschreibung seines Wesens, die Hans Magnus Enzensberger geliefert hat, ein "Mann mit grauen Augen, Mitte 30, ordentlich, aber arm gekleidet, wie ein kleiner Handwerker; er schwäbelt ein wenig; seine Hände sind feingliedrig und geschickt. Was wird er gelernt haben, Kunsttischler vielleicht oder Feinmechaniker; nach Feierabend spielt er Zither; oder, wenn das Geld reicht, geht er tanzen. Nein, Zeitungen liest er keine. Manchmal geht er in die Kirche, aber ausgeprägte religiöse oder ideologische S.228 Überzeugungen hat er nicht, und von Politik hält er wenig".
Dieser unscheinbare Handwerker hatte, kniend und in wochenlanger Nachtarbeit, eine Zeitbombe in eine Säule des Münchner Bürgerbräukellers eingebaut. Am 8. November 1939 um 21.20 Uhr explodierte sie. Ums Leben kamen sieben "Alte Kämpfer" und die Kellnerin Maria Henle. Hitler hatte den Saal wenige Minuten vorher verlassen. Dem Attentäter Elser schossen Dachauer KZ-Aufseher im April 1945 eine Kugel ins Genick.
Über Johann Georg Elser hat der wegen versuchten Mordes 1976 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilte Peter-Paul Zahl ein Stück geschrieben, das nicht nur den einzelgängerischen Hitler-Feind ehren will, sondern zugleich Geschichtsunterricht erteilt: In einem Aufwaschen rechnet Zahl mit zögerlichen Generälen ab, weil sie das Attentat nicht wagten und bloß Putschpläne ausbrüteten, mit den Kommunisten, weil sie mit den Sozis, und mit den Sozis, weil sie mit den Kommunisten uneins waren.
Daß auch die Bürgerlichen ihr Fett abkriegen, versteht sich bei einem Mann von Zahls Temperament von selbst. Der im Knast zum Schriftsteller gereifte Außenseiter der Anarcho-Szene, der 1972 bei einem Fluchtversuch panisch um sich geschossen und einen Polizisten lebensgefährlich verletzt hatte, geht vor Gericht wie in Feuilletons gern wortreich gegen die staatliche Gewalt an - das brachte ihm, so seine Freunde, "Gesinnungszuschlag" beim Strafmaß ein.
Zwei Jahre lang schrieb Zahl in seiner Zelle an dem Zeit-Stück, collagierte lange Hitler-Reden mit noch längeren Verschwörer-Erinnerungen und recherchierte auch in Elsers schwäbischer Heimat. Seit einem halben Jahr darf Zahl, zum "Freigänger" avanciert, tagsüber als Volontär in der Berliner Schaubühne Theater-Erfahrungen sammeln - nicht dort aber, sondern in Bochum kam sein Erstlingsdrama zur Uraufführung, inszeniert von Alfred Kirchner, und Martin Schwab gab dem ausufernden Bilderbogen ein solides Zentrum.
Der Bochumer Elser wirkt weder heldisch noch sympathisch. Schwab, und er schwäbelt auch, ist stur, eigenbrötlerisch, starrköpfig - und je näher er seinem Ziel kommt, das heißt, je schlechter die Zeitläufte werden, desto verschlossener und dumpfer wirkt er.
Der unwirsche Grantler mit dem schleppenden Gang verhält sich zum Bild des spinnerten Tüftlers wie eine Zeitbombe zu einem Patentwecker. Weil er monatelang in sich hineinfressen muß, was ihn bei der Arbeit im Dunkeln bewegt - Diebstahl von Sprengstoff und die Drehung des Hebels P an der Feder V -, weil er noch nicht einmal im Fieber sich der Geliebten anvertrauen kann, bleibt dem ausgelaugten Einsamen kurz vor Stückschluß nur eins: ein bloß sekundenlanges Flattern der Hände, als er vor S.229 dem Kriminalrat seine Hosenbeine hochziehen und die vereiterten Knie entblößen muß. Das, und die Frage: "Was kriegt einer, der so etwas gemacht hat?"
Die Szene ist verbürgt - und deshalb bewegend. Wenn aber Autor Zahl seine politischen Lektionen erteilt, dann bewegt sich trotz der Energie des Bochumer Ensembles auf der Bühne wenig. So legitim und theaterwirksam es sein mag, den Führer als blonden, kühlen Jung-Manager im Dunkelblauen mit Weste darzustellen, so einleuchtend Zahls Idee erscheint, den Volksempfänger des Dritten Reiches durch großformatige Fernsehschirme auf der Bühne und im Zuschauerraum zu ersetzen, so sehr stört jene krampfhafte Zahl-Weise, alles mit allem zu verquicken:
Auf sechs Simultan-Schauplätzen laufen die Collage-Stücke ab, dutzendweise. Hitler bei einer Tischrede: "Das Schönste, meine Herren, aber ist der Gesang des Kölner Männergesangvereins." Die hasenfüßigen Offiziersverschwörer, unter nackter Glühbirne in einem Verschlag: "Ich bremse nicht. Einzurichten ist vielmehr eine Arbeitsgruppe." Dann wieder Elsers Zitherclub ("Jetzt gang i ans Brünnele"), Euthanasie- und Polit-Diskussionen, Gipfelgespräche, Familienleben, Diktate. Orientierungshilfe leisten Leuchtschriften auf einem Fernseher in der Bühnenmitte, die jedoch nur Ort ("Berghof") und Zeit ("Juni 1939") angeben.
Den inhaltlichen Zusammenhang indes stellen, wortreich und zitat-befrachtet, die handelnden Personen her: Hitler bramarbasiert, die Offiziersclique klüngelt sich um jede Handlungsfähigkeit. Da wirkt der wortkarge Elser wie der wahre Erlöser.
Das kompliziert verschachtelte Dokumentarmaterial hat Zahl mit aktuellen Anspielungen gewürzt. "Betrachten wir die Stärke unserer Feinde", sagt da etwa der Führer nachdrücklich, "wer kann da gegen Nachrüstungsbeschlüsse sein?" Und weil Zahl einer diffusen Linken Tribut zollen will, kommt auch der berühmte "Mescalero" spät noch zu Theaterehren:
"Ganz klammheimlich, gell?", sagt eine wackere Schwäbin nach dem Attentat auf Hitler, und damit auch jeder merkt, was gemeint ist, wiederholt sie den Spruch: "Und freuen tust dich auch ein bissle, gell? Klammheimlich?"
Zahl, der einstmals gewiß Held und Märtyrer sein wollte, hat in seinem "Elser" einen Helden und Märtyrer porträtiert. Darin ist ihm sein Stück gelungen - trotz allem aufgepackten Polit-Ballast. Der Elser, wie ihn Martin Schwab auf die Bochumer Bühne bringt, vor der Kulisse der Medien und Mächtigen, löst das vielleicht Wichtigste am echten Elser ein.
Der Londoner Germanist J. P. Stern über Elser: "Er hatte etwas Altmodisches." Rainer Weber

DER SPIEGEL 9/1982
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