23.08.1982

Flagge zeigen

In dieser Woche starten Segler zur abenteuerlichsten Regatta, allein um die Welt. Organisator ist der Brite Knox-Johnston, der 1969 als einziger nach dem ersten Rennen ans Ziel gekommen war.
Ein Dutzend Skipper strich die Segel, nachdem Robin Knox-Johnston, Präsident des Regatta-Komitees, vermutet hatte, daß "wahrscheinlich weniger als zehn die Ziellinie erreichen" würden. Dafür kämen sie "mit jener Selbsterkenntnis zurück, die wirkliche menschliche Stärke ausmacht".
Aber 25 Segler aus zehn Ländern, von denen jeder schon Abertausende von Seemeilen allein unter den Kiel genommen hat, gehen das Wagnis ein. Am Sonnabend dieser Woche starten sie von Newport im US-Staat Rhode Island zum großen Rennen um die Welt.
Zwischenstopps legen sie in Kapstadt, Sydney und Rio ein. 27 000 Seemeilen (50 000 Kilometer) haben sie bis zur Rückkehr nach Newport vor sich, dem Jachthafen vor der nordamerikanischen Ostküste, von dem aus auch die aufwendigste Regatta der Welt, der "America''s Cup", gesegelt wird. Mit dem Einlaufen der Jachten rechnen die Veranstalter nicht vor dem Frühjahr 1983 - soweit sie durchstehen.
Denn in "unserem modernen Leben, in dem Menschen selten Gelegenheit finden, wirklich an ihre physischen und psychischen Grenzen vorzustoßen", bietet die Allein-Umsegelung der Welt nach Knox-Johnston "das äußerst Mögliche im Segeln, die größte Herausforderung, die einer an seine Überlebensfähigkeiten stellen kann". Die Solosegler "werden ihre Ausdauer, ihr Selbstgefühl und ihre Erfindungsgabe bis aufs äußerste erproben".
Das Alter des Starterfeldes reicht von 29 bis zu 59 Jahren. Jüngster Teilnehmer ist der Brite Richard Broadhead, der in Südamerika auf einer Gummiplantage und einer Rinderfarm gearbeitet hat. Er segelte schon von England nach Rio und zurück sowie 3500 Seemeilen weit bis in die Amazonasmündung.
Als Senior nimmt der einzige deutsche Teilnehmer, der Architekt Claus Hehner aus Idstein im Taunus, die Einhand-Weltreise
( Von "hand", englisch für Matrose. )
auf, ein Segler, der schon Tausende von Seemeilen allein zurückgelegt hat.
"Meine Frau übernimmt so lange das Geschäft", freute sich Hehner. Er will sich die Flautenstunden mit Sachbüchern vertreiben, "alles das, wozu ich sonst keine Zeit habe". Noch 1982 kommt sein jüngstes Buch heraus: "Allein, aber nicht einsam". Hehner hat zweimal an der Transpazifik-Regatta teilgenommen und ist beim erstenmal Dritter geworden.
Das zweitemal, 1975, war er auf dem Kurs von San Francisco nach Okinawa lange verschollen: Seine Stromversorgung versagte, die Funksprüche konnten nicht mehr empfangen werden. Dann knickte seine Selbststeueranlage ab; er durfte das Ruder nicht mehr aus der Hand lassen. Völlig übermüdet mußte er in eine japanische Bucht beidrehen und eine Schlafpause einlegen.
Der renommierte US-Anwalt Thomas Lindholm, 57, ist kaum jünger. Er diente im Zweiten Weltkrieg bei der Marine und stieg immer wieder zu Einhandregatten, etwa 1978 zum Rennen der Solosegler über den Pazifik, aus seiner Anwaltskanzlei aus.
Paul Rodgers aus London hatte 1980 in einer Langstrecken-Regatta deutlich geführt, als ihn ein Wal rammte und zur Aufgabe zwang. Der gebürtige Neuseeländer beschäftigt sich beruflich mit den Krankheiten der Haare. Er versuchte schon, die Welt in einem Törn zweimal zu umsegeln. Nach eineinviertel Umrundungen schlug sein Boot leck.
Schon 50 000 Seemeilen
( Eine Seemeile = 1852 Meter. )
hat der Australier Neville Edward Gosson in kleinen Booten zurückgelegt. Der Franzose Philippe Jeantot kreuzte bislang viermal allein den Atlantik. Yukoh Tada, 52, aus Japan, gab seinen Job als Taxifahrer auf und wurde Profi-Abenteurer. Er segelte nicht nur allein über den Pazifik, sondern begleitete 1978 auch seinen Landsmann Naomi Uemura auf Hundeschlitten zum Nordpol. Tada entwirft und baut zudem Boote.
"Wie die meisten Einhandsegler und Abenteurer bin ich mehr neugierig auf mich selbst als mutig", erklärte der Neuseeländer Richard McBride, der in der Antarktis Hundeschlitten lenkte. Während Franzosen, Briten und Alleinsegler aus Bulgarien und der CSSR vom Staat unterstützt werden, halfen McBride mehr als 100 lokale Klubs und Mäzene privat, den Welttörn zu finanzieren.
Richard Konkolski aus der CSSR schrieb bislang zehn Segel- und Abenteuerbücher S.143 über seine 95 000 Seemeilen auf hoher See. Er ist schon einmal allein um den Globus gesegelt.
Als erster hatte der Amerikaner Joshua Slocum 1895 das Wagnis unternommen, allein in seinem Elfmeterboot "Spray" die Welt auf dem Wasserwege zu umrunden. Er benötigte etwa drei Jahre und verfaßte einen Bestseller darüber. Der nächste, Slocums Landsmann Harry Pidgeon, ließ 23 Jahre später das schwerste Hindernis aus: Statt sich durch die "Roaring Forties", die brüllenden Vierziger südlich des 40. Breitengrades und um Kap Hoorn vorzukämpfen, schipperte er durch den Panama-Kanal.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedeten sich nahezu jedes Jahr zivilisationsmüde Solosegler aus Nordamerika und Westeuropa von Familie, Freunden, vor allem aber aus einer immer bürokratischeren, durchtechnisierten Wohlfahrtswelt. Auch die beiden Deutschen Wilfried Erdmann und Rollo Gebhard vollendeten den Solotörn über die Weltmeere. Der Franzose Alain Colas bewältigte die Erdumrundung 1974 in der Rekordzeit von 169 Tagen. Das farbigste Kapitel schrieb jedoch 1967 der Brite Francis Chichester.
Zehn Jahre zuvor war der Landkarten- und Stadtplanverleger mit Lungenkrebs zusammengebrochen. Chichester lehnte eine Operation ab, die Ärzte gaben ihn auf. Trotzdem erholte er sich und begann zu segeln. Chichester überquerte viermal allein den Atlantik und brach schließlich zur Fahrt um die Welt auf. Während ihn Beethoven-Musik vom Tonband depressiv stimmte und er als Folge der Einsamkeit in Halluzinationen den eigenen Untergang erlebte, verfolgte die ganze Nation seine einsame Reise.
An seinem 65. Geburtstag schlüpfte er in seine grüne Smoking-Jacke und öffnete eine Flasche Veuve Cliquot. Als er zerschlagen und erschöpft in Sydney einlief, erreichte ihn ein Anruf aus London: Queen Elizabeth adelte ihn und wünschte glückliche Heimkehr. Dann schlug der Taifun "Dinah" seine "Gipsy Moth IV" leck; den Kopf unter Wasser, behob Chichester den Schaden.
"Was soll all dieser Rummel", grummelte der Heimkehrer, als er nach 226 Tagen, vier Flicken im Segel, unter Vollzeug in Plymouth einlief. Obwohl Chichester zuletzt Position und Ankunftsdatum aus Angst vor zuviel Trubel verschleiert und über Funk mit seiner Frau nur noch im Code gesprochen hatte, empfingen ihn Böller, eine Boots-Armada, "wie sie sich seit Dünkirchen hier nicht versammelt hat" ("Guardian") und eine Viertelmillion Neugierige. Nach der Rückkehr vollzog die Königin nach mittelalterlichem Vorbild den Ritterschlag an Großbritanniens neuem Seehelden.
Mit der "Gipsy Moth V" wollte Chichester 1976 den Rund-um-die-Welt-Rekord des Franzosen Colas brechen. Doch unterwegs erkrankte er schwer, kehrte um und starb kurz darauf. Von der Chichester-Familie charterte der Brite Desmond Hampton die "Gipsy Moth V". Er verkürzte sie allerdings, um die Höchstlänge von 56 Fuß (17,07 Meter) für die Regatta um die Welt nicht zu überschreiten.
Eine Frau, die Friseuse Naomi James aus Neuseeland, bewältigte die Weltumrundung sogar trotz kaum mehr als theoretischer Kenntnisse. Sie war nach Europa ausgewandert, hatte geheiratet und legte zur Alleinfahrt um die Welt ab. "Ich wollte an die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit heran", begründete sie. "Ich wollte zu mir selbst finden."
Die erste offizielle Solo-Regatta nonstop um die Welt hatte 1969 Knox-Johnston als einziger von neun Teilnehmern S.144 mit seiner Jacht "Suhaili" nach 313 Tagen beendet. Die meisten anderen waren an Havarien gescheitert. Einer, Brian Crowhurst, glaubte sich im Besitz göttlicher Kräfte, wie aus seinen Tagebüchern hervorging; sie fanden sich im unversehrt, aber leer treibenden Boot. Offenbar hatte er sein Schiff auf dem Atlantik zu einem Spaziergang über die Wellen verlassen, auf Nimmerwiedersehen.
Vorher hatte er sich durch falsche Positionsangaben in Führung gefunkt. Sein Rivale Nigel Tetley prügelte sein Boot deshalb noch schneller voran und mußte wenig später aus Seenot gerettet werden. Er beging Selbstmord.
Der Franzose Bernard Moitessier hatte nach 204 Tagen klar geführt. Doch dann wendete er zur Verblüffung der Seglerwelt, "vielleicht, weil ich meine Seele retten will", wie er einer Flaschenpost anvertraute, die er vor Kapstadt abwarf. Er nahm Kurs auf Tahiti, "denn da gibt es viel Sonne und mehr Frieden als in Europa".
Schon mancher flippte nach langer Isolierung aus, nicht nur auf See. Die Solosegler führen wohl zur Unterhaltung Musikkassetten und Lektüre mit, aber Halluzinationen gehören für die meisten dennoch zur gängigen Erfahrung. Denn die Einhandsegler kämpfen mit einem weiteren Problem: "Es gibt kein Schlafen, wenn man müde ist", erklärte Knox-Johnston. "Man darf ohne Unterbrechung nicht länger als eineinhalb bis zwei Stunden schlafen", berichtete Hehner.
Besonders auf vielbefahrenen Schifffahrtsrouten droht die Gefahr, daß ein Dickschiff die nur schwer auszumachende Nußschale überrennt - zumal bei Nacht. Dagegen hilft keine Selbststeueranlage. Deshalb bedauern die Teilnehmer, daß sie Sydney statt Hobart in Tasmanien anlaufen sollen: Die Seestraßen vor Australiens größtem Hafen gehören zu den verkehrsreichsten der Welt.
Segeln sie dagegen weitab der Hauptwasserwege, laufen sie statt dessen ein anderes Risiko: Wenn sie im Orkan scheitern, ist jede Hilfe fern. Die gefürchtetste Passage ist Kap Hoorn. Dort tost an 300 Tagen im Jahr Sturm, gewöhnlich aus West und kaum je unter Orkanstärke. Allein zwischen 1850 und 1900 zertrümmerte die See dort mindestens 30 vollbemannte Windjammer.
"Man muß dieses Meer gesehen haben, wie es in Wut gerät", schrieb der französische Kap-Hoorn-Segler Moitessier. Kein Land bricht die Wellen in den Breiten unterhalb der Landspitze Südamerikas. "Sie können sich zu glatten, senkrechten Mauern auftürmen", schilderte Knox-Johnston. "Dann sieht es aus, als kämen die Geschäftshäuser von einer Seite der Londoner Oxford Street auf dich zu." Solche Wogen haben Boote schon vornüber gekippt. "Besonders nachts sind sie gefährlich, weil nichts vor ihrem Hereinbrechen warnt."
Aus allen Erfahrungen hat der Veranstalter, der britische BOC-Mischkonzern, der zahlreiche Produkte von Industriegasen bis zum Computer-Service vertreibt und auch Preise im Werte von 100 000 Dollar bereitgestellt hat, ein Netz von Sicherheitsvorkehrungen geknüpft. Nur Einrumpfboote dürfen teilnehmen. Die drei Zwangsstopps schaffen Gelegenheit, notfalls fachgerechte Reparaturen vorzunehmen, aber auch frische Verpflegung zu bunkern.
Jeder Teilnehmer muß 1000 Seemeilen Alleinfahrt in seiner Jacht nachweisen. Das Reglement schreibt die bewährtesten Rettungsmittel bis zum Notsignal vor, das im Ernstfall auf bestimmter Frequenz ständig sendet. "Sie müssen nicht nur ein Funkgerät mitführen", ordnete Organisator Knox-Johnston an, "sie müssen es auch benutzen." Jeder Segler soll sich mindestens einmal pro Woche melden. Fällt seine Funkanlage aus, ist er gehalten, bei Strafe der Disqualifikation den nächstgelegenen Hafen anzulaufen.
Der kalifornische Einhandsegler David White, der schon von Tahiti nach San Francisco und weiter nach Japan gesegelt ist, hatte den BOC-Konzern für die Welt-Regatta gewonnen und das Rennkomitee gegründet. "Das ist wie die Super-Bowl", verglich der Amerikaner das Rennen mit der Weltmeisterschaft im American Football, der beliebtesten Sportart in den USA, "oder wie ein Trip zum Mond."
Der einzige Deutsche im Rennen hatte vor allem ein Motiv: "Ein Deutscher sollte wenigstens dabeisein", wünschte Hehner, "und Flagge zeigen."
S.142 Von "hand", englisch für Matrose. * Eine Seemeile = 1852 Meter. * Am 29. Mai 1967 in Plymouth. *

DER SPIEGEL 34/1982
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