04.10.1982

Unglaubliche Angst

Alle Doping-Tests haben den Mißbrauch von Geschlechtshormonen nicht beseitigt. Aber gesundheitsgefährdende Manipulationen schrecken viele Leichtathleten ab und verringern die Startfelder.
Die Spaltung im Sport hat schon begonnen. Politik ist gegenwärtig nur ein Nebenschauplatz. Methoden der illegalen Leistungssteigerung dividieren vor allem Athletinnen aus Ost und West auseinander.
"Osteuropas Überlegenheit", faßte die französische Sportzeitung "L'Equipe" zusammen, "ist vor allem, was die DDR anbetrifft, unbestreitbar." Eine genauere Analyse ergibt allerdings, daß sich die Vorherrschaft des Ostblocks in bestimmten Wettbewerben verfestigt, die sich besonders zur pharmazeutischen Leistungsmanipulation eignen.
Das Kugelstoßen der Frauen bietet dafür ein Muster: An den Europameisterschaften im September in Athen nahmen nur noch elf Konkurrentinnen teil. Aus westlichen Ländern beteiligten sich zwei chancenlose Athletinnen, eine Griechin aus dem Gastgeberland und eine Schwedin. Sie belegten die letzten Plätze; die Schwedin blieb um 8,35 Meter hinter der Siegesweite (21,59 Meter) zurück.
Das Gold gewann die Olympiasiegerin Ilona Slupianek aus der DDR. Sie ist schon einmal des Dopings überführt worden. "Schön, daß sich unsere Athletinnen diesem Vergleich nicht stellten", unterstützte das offizielle Organ des bundesdeutschen Verbandes (DLV), "Leichtathletik Magazin", den Verzicht westdeutscher Teilnehmerinnen.
Nachdem in der Leichtathletik Dopingkontrollen auf alle internationalen Wettkämpfe ausgedehnt worden waren, hagelte es zunächst Strafen gegen entdeckte Doping-Sünder. Zwischen 1977 und 1979 ertappten die Tester 22 Manipulanten, die muskelbildende Anabolika geschluckt hatten. 15 stammten aus dem Ostblock.
Das Puzzlebild aller Fälle ergab: Im Westen, vor allem in den USA, Skandinavien, aber auch in der Bundesrepublik, verschlangen Athleten die Kraftpillen ohne ärztliche Kontrolle und willkürlich dosiert, weil Funktionäre und Verbandsstatuten die Drogen offiziell verbieten und auch die meisten Sportärzte nicht mitspielen.
Dagegen ist seit der abenteuerlichen Flucht der einstigen DDR-Olympiakandidatin Renate Neufeld erwiesen, daß im Ostblock leistungsfördernde Präparate systematisch verabreicht werden. Als die Sprinterin einen Bart sprießen spürte und sich weigerte, weiter Hormonpillen einzunehmen, flog sie aus dem Leistungskader. Sie brachte Pillen-Muster in die Bundesrepublik mit.
Dazu gelangte auch ein sowjetischer Bericht in den Westen, der Gewichthebern empfahl, "die Anwendung pharmakologischer Mittel muß komplex sein", und zugleich warnte, "selbst mit Dopingmitteln zu experimentieren".
Anabolika sind mittlerweile sicher nachzuweisen. Deshalb stellte sich die Branche auf Cortison und Medikamente mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron um. Auch Testosteron bewirkt Muskelbildung in höherem Maße, als es durch Training möglich wäre. Leistungen wie 20 Meter und mehr im Kugelstoßen sind ohne Pillenpush nicht erreichbar.
Aber das Hormon bildet sich auch im Körper. Dopingtester stehen vor dem Problem, zu bestimmen, von wo an der Testosteron-Anteil überhöht und manipuliert ist.
"Bei Frauen habe ich unglaubliche Angst", warnte der bundesdeutsche Dopingexperte Dr. Manfred Donike, dessen Kölner Institut als eines von vieren auf der Welt offizielle Dopingproben vornimmt. Testosteron kann Bartwuchs, Baßstimme und ungünstigenfalls Gebärunfähigkeit bewirken. Athletinnen wie Renate Neufeld oder die frühere 800-Meter-Meisterin Ursula Hook, eine Arzttochter, gaben den Leistungssport auf, weil sie Hormonmanipulationen ablehnen, ohne die jedoch keine Chancengleichheit mehr besteht.
Folgenschwere Fehlentscheidungen und Untätigkeit des Weltverbandes (IAAF) bestätigten die Verantwortlichen im Ostblock offenbar darin, ihre Praxis der systematischen Leistungsmanipulation fortzusetzen und verführten ehrgeizige West-Athleten dazu, ebenfalls Kraft durch Pillen zu erwerben.
Überführte sowjetische Dopingsünder bestritten trotz ihrer Sperre Wettkämpfe, und die IAAF unternahm nichts. Bei den Junioren-Europameisterschaften 1977 in Donezk lagen positive Proben von vorwiegend sowjetischen Athleten vor. Da verschwanden rechtzeitig die Urinröhrchen für die Kontrollanalyse.
Bei einem Länderkampf 1978 in Dortmund erschienen die zur Dopingprobe ausgelosten UdSSR-Sportler nicht zum Wasserlassen. "Übersetzungsprobleme", schützten sie später vor. Schlimmer, S.231 der inzwischen abgelöste holländische IAAF-Präsident Adrian Paulen setzte die Begnadigung zunächst auf Lebenszeit disqualifizierter Leichtathleten durch: Olympia 1980 in Moskau stand bevor. Die ursprünglich ausgeschlossene sowjetische Fünfkampf-Weltrekordlerin Nadeschda Tkatschenko durfte trotz Dopings Olympiasiegerin werden.
Trotz schlechter Erfahrungen wähnten sich gutgläubige Funktionäre beim Olympia in Moskau dennoch kurz vor dem Endsieg gegen die Pillenplage. Kein Harnröhrchen hatte positive Reaktionen ausgelöst. Erst anschließend gelang es Chemikern im Donike-Institut, einen künstlich erhöhten Testosteron-Spiegel nachzuweisen.
"Mit Genehmigung und im Auftrag der medizinischen Kommission des IOC" prüften die Kölner 564 anonyme Proben aus Moskau neuerdings. Tests waren fast ausschließlich an Medaillengewinnern vorgenommen worden. Je nach Toleranzgrenze für das körpereigene Hormon wiesen 40 bis 89 Proben manipulierte Testosteron-Werte auf. Vorsichtig umgerechnet besagt das: Jeder zehnte Medaillengewinner hatte seiner Leistung künstlich nachgeholfen. 498 Medaillen hatten Athleten aus kommunistischen Ländern gewonnen, 132 waren für den Rest der Welt abgefallen.
Auch bei den Europameisterschaften fiel keine Dopingprobe positiv aus. Vieles weist darauf hin, daß zumindest die Sowjets vor der Abreise nach Athen interne Tests vorgenommen und Athleten, die Medikamente nicht rechtzeitig abgesetzt hatten, aussortiert haben. "Nach Fehlern in der chemischen Vorbereitung der Athleten", räumte ein Ostblock-Funktionär ein, "wird nun schon zu Hause gefahndet."
Die Teilnehmerliste der UdSSR sei "noch einmal völlig neu gedruckt worden", meldeten die griechischen Organisatoren in einer Mitteilung verärgert, "wegen der großen Zahl von Streichungen, Neubenennungen und Verbesserungen".
Die Sowjets strichen aus ihrer Meldeliste, die schon in den Programmen ausgedruckt erschienen war, insgesamt 26 Athleten und schoben dafür 11 andere nach. Eine derart lange Latte von Abmeldungen ist bisher einzigartig, auch wenn kurzfristige Ausfälle wegen Verletzungen im Hochleistungssport üblich sind.
Die Änderungen zeigen an, daß sich in der Praxis die Muskel-Manipulationen auf bestimmte Übungen konzentrieren. Langstreckenläufer, zu deren Merkmalen vor allem geringes Körpergewicht und ein hohes Maß an Organkraft gehören, würden durch übermäßige Muskelpakete nur gehemmt. Bei den Europameisterschaften fiel im 10 000-Meter-Rennen der schnellste Russe - überrundet - auf den 15. Platz zurück.
Dagegen gelangen Werfer ohne Hilfe von Muskelpräparaten nicht mehr in Weltrekordnähe. Mitglieder ihrer Gilde ernteten bei Dopingproben die meisten roten Karten - in Ost und West.
In Europa zeichnete sich bei den Titelkämpfen schon eine Spaltung in Ost und West ab: Von 20 Teilnehmern im Kugelstoßen stieß ein Finne auf den neunten Platz vor. Die ersten acht stammten aus dem Ostblock. Im Diskuswerfen qualifizierten sich nur drei Westeuropäer für den Wettkampf der besten zwölf; sie teilten sich die letzten drei Plätze. Im Speer- und Hammerwerfen führten jeweils vier Ostblockwerfer das Feld an; dann folgten Athleten aus dem Rest Europas.
Umstritten ist der Nutzen muskelfördernder Drogen für Sprinter. Überdimensionierte Muskelstränge erhöhen das Risiko von Zerrungen und Rissen. Anders verhält es sich bei Frauen. Sie verfügen durchschnittlich über 20 Prozent weniger Muskelmasse als Männer.
Ein Teil der Trainer unterstellt, daß künstlicher Muskelzuwachs Sprinterinnen eine schnellere Schrittgeschwindigkeit erlaube. Zumindest eine Sprinterin, die schwedische Olympiavierte Linda Haglund, fiel 1981 auch bei der Dopingprüfung durch.
Doch westeuropäische Sportlerinnen scheuen Hormon-Manipulationen mit ihren unabsehbaren Folgen offenbar eher. Jedenfalls verkümmern die Sprint-Wettbewerbe der Frauen, und die Überlegenheit kerniger Teilnehmerinnen aus Osteuropa ohne weibliche Kurven setzt sich auf den Mittelstrecken fort.
Nur noch 18 Teilnehmerinnen faßten Tritt im Kampf um die Medaillen im 100-Meter-Rennen, je 16 in den Wettkämpfen über 200 und 400 Meter. Bei nur sieben Mannschaften in der 4 X 100-Meter-Staffel entfielen Vorkämpfe; sogar eine der acht Bahnen blieb frei. Im 100-Meter-Hürdenlauf waren Ostblock-Athletinnen unter sich.
Nur Gaby Bußmann aus der Bundesrepublik drang gegen die osteuropäische Konkurrenz in das 400-Meter-Finale vor. Sie wurde Siebte. Öffentlich wehrte sie sich gegen ungleiche Chancen. "Die Kratochvilova ist für mich kein Thema", kritisierte sie die Olympiazweite aus der CSSR. "Das läßt mich kalt bei all den körperlichen Veränderungen, die an ihr festzustellen sind."
Jarmila Kratochvilova, 31, berichteten Konkurrentinnen, habe erst in den letzten Jahren ihre männliche Figur angenommen und ihre Leistungen erheblich verbessert. "1978 habe ich sie noch geschlagen", erinnerte sich Gaby Bußmann und schlug vor, "sie von seiten der westeuropäischen Veranstalter nicht mehr einzuladen."
Die DDR-Olympiasiegerin und Weltrekordlerin Marita Koch nimmt Gaby Bußmann aus: "Bei ihr sieht man, daß sie eine Frau ist." Andeutungen aus der DDR lassen auf eine neue Entwicklung schließen, die muskelbildende Hormonpräparate verdrängen könnte. Zwar experimentieren Ärzte und Athleten seit Jahren damit, Muskelwachstum durch Elektroschocks auszulösen. Doch das gelang bisher nicht schmerzfrei. Inzwischen haben DDR-Forscher anscheinend ein Gerät entwickelt, das ohne Quälerei und Nebenwirkungen Muskeln mästet.
Auch das wird einen Wettbewerb wie das Kugelstoßen der Frauen nicht retten: Bei den wichtigsten internationalen Sportfesten wie in Zürich oder Berlin findet kein Stoßkampf mehr statt. Und jüngst beim Nationencup in Tokio strichen die Veranstalter das Frauen-Kugelstoßen erstmals aus einem offiziellen Wettkampf des Weltverbandes.

DER SPIEGEL 40/1982
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