04.10.1982

Paul Kersten über Ulla Berkewicz: „Josef stirbt“

Der Tod ist kein Mythos Paul Kersten, 39, ist Fernsehredakteur in Hamburg; Bücher: „Der alltägliche Tod meines Vaters“, „Die toten Schwestern“. - Ulla Berkewicz, 31, war Schauspielerin in Köln, München und Hamburg; „Josef stirbt“ ist ihr erstes Buch.
Auf einen Schrei habe ich beim Lesen gewartet, auf einen Entsetzensschrei, einen Ausbruch hilflos-wütenden Mitleids. So unmenschlich schien die Gefühlskälte, so erbarmungslos, so zynisch und detailbesessen die Optik, mit der eine junge Frau das qualvolle Sterben ihres Vaters beschrieb, daß irgendwann die Grenze des Erträglichen erreicht sein mußte.
Endlich kam der Schrei. Die Tochter schlägt die Bettdecke zurück. Der Arzt hat dem neunzigjährigen sterbenden Vater, "weil sonst die Blase zerplatzt", einen Katheter verpaßt: "Sie haben ihm den Schlauch durch das Loch im Schwanz gestoßen! Da liegt er nackt mit zwei angewinkelten Beinen wie ein Bauchkind, eine Geburt aus dem Feuchten." Der Schrei der Tochter: "Herrgott! Müssen sie dich so verhunzen. Herrgott! Macht ihn doch gleich tot, daß er nicht so kaputtgeht wie ein Käfer, wie ein Ding, ein Dreck!"
Ein Ausbruch sinnloser Empörung, der verrät: Diese Erzählung schlägt mit ihrer gedrosselten Emotionalität kein voyeuristisches Kapital aus der anrüchigen und schauerlichen Faszination des Sterbens. Sie ist vielmehr - gerade in ihrem oft grausam anmutenden Realismus - Totenbeschwörung durch das nackte Aussprechen verschwiegener oder euphemistisch verklärter Tabus. Hier versucht eine Autorin, das Entsetzen in Sprache zu bannen.
Keine Sentimentalität wie in den "Vater"-Büchern der letzten Jahre, keine Abrechnung mit einer autoritären Vatergestalt, kein postum ausgetragener Generationenkonflikt wie bei Elisabeth Plessen oder Ruth Rehmann, kein "Suchbild" eines ideologisch verirrten Vaters wie bei Christoph Meckel, keine "nachgetragene Liebe" wie in Peter Härtlings Vater-Buch, keine Suche nach der in "langer Abwesenheit" verlorenen und verdrängten Liebe wie bei Brigitte Schwaiger.
Statt dessen: Reduktion der Beschreibung auf den Prozeß des Sterbens, Überwindung anfänglicher Berührungsangst durch Annäherung an den in Agonie liegenden Vater, Anfassen seines Körpers, in dem es zu "gären und zu jauchen" beginnt. Und schließlich: die Halluzination einer über den Tod hinausgehenden nekrophilen Vereinigung.
Als die Tochter von der Mutter zu dem Sterbenden gerufen wird, hat sie Angst. Sie nennt ihn Josef, sie ist nicht seine leibliche Tochter. Auch die Mutter hat Angst: Nachts kriecht der Alte zitternd zu ihr ins Bett. Der Sterbeort ist ein Zimmer in einer kleinen Wohnung im 12. Stock eines Hochhauses.
Die Familie hatte Josef schon fortschaffen wollen zum Kliniktod. Doch jetzt darf er zu Hause sterben. Wache am Sterbebett. Nachts die Tochter, tagsüber die Mutter. Eine Brustkrankheit, sagt die Mutter, eine "hitzige, in der alten Brust treibt was. Wächst neben dem Herzen, drückt es ab, nistet im Weichen, brütet im Schleim."
Drei Tage und drei Nächte dauert das Sterben, Zeit, sich dem Dahinsiechenden zu nähern. Nur ein paar Lebensdaten weiß die Tochter vom Alten: Josef hat als Ackermann im Böhmerland einst bessere Zeiten gesehen, bis er hierher kam, von 50 bis 65 auf fremden Höfen schuftete. Dann blieb ihm nur noch die Rente.
Die Tochter wäscht ihn, gibt ihm Bier zu trinken, schleppt ihn huckepack zum Sessel, legt ihn trocken wie einen Säugling. Sie registriert die "bläulich zersetzten Füße" und die schwarzen Flecken auf den Händen, sie preßt ihn, als der Atem stocken will, sie führt ihm den Katheterschlauch ein. Und sie wird Zeuge der grausamen Entwürdigung und Entmündigung eines Noch-nicht-ganz-Toten durch die Familie.
Klage der Mutter, daß der Josef die Zwetschgenknödel nicht mehr mag, "wo's doch sein liebstes Mahl gewesen". "Gewesen", sagt sie, obwohl der Alte dabeisitzt. Er ist schon tot vor dem Tod. Aber als Besuch kommt, wird ihm das Gebiß, das man ihm schon fortgenommen hatte, noch einmal in den wunden Mund gestoßen. Die Mutter bessert den schwarzen Anzug aus, den er im Sarg tragen soll, und hängt ihn vorsorglich an den Mantelhaken im Flur.
An einem Sonntag. Josefs letzte Atemzüge: "Nochmal saugt sein Mechanismus, was er kriegen kann, und stößt es gleich wieder von sich und endet. Alles steht gespannt und zählt. Sein Gesicht wird schmal, ich kann zusehn dabei. Fest hält seine Hand an meiner fest. Noch ein Luftzug. Alles fährt zusammen. Ich schreie nach der Mutter. Sie kommt. Jetzt gibt er seine letzte Luft ab. Die vielen kleinen roten Adern vergehen. Das Blut fließt aus allen Enden zusammen und sammelt sich in der Mitte zu einer Lache. Das Blut bleibt stehen."
Mit brutaler Routine bindet Lotte, die "Sohnesfrau", Nachtschwester von Beruf, das Kinn der noch warmen Leiche mit einem Streckverband hoch, "bis daß am Ende da ein Komiker mit Zahnweh liegt".
Der Zimmermann kommt mit dem bestellten Sarg. Ein weißes Hemd ziehen sie Josef an, der Kragen wird mit Hansaplast um den Hals herum geklebt, "damit er nicht absteht, denn er ist gestärkt und liegt doppelt". Als die Leiche in die Kiste gelegt wird, hängt ein Bein raus. Es wird zurückgeschlagen "wie ein Stoffende".
Der Blick der Tochter registriert alles, unnachsichtig, neugierig, aber auch zärtlich. Ihre Augen verfolgen die "Arbeit" der grobschlächtigen Leichenbestatter, fixieren den schwarzen Blutstropfen am Hodensack der Leiche, bleiben aber auch hängen an der aus der Kindheit erhaltenen Impfnarbe am Oberarm des toten Vaters.
Als die Leiche aus dem Haus ist, kehrt die Tochter noch einmal zurück ins Sterbezimmer. Die letzte Totenwache, die ihr die Verwandten streichen wollten, hält sie selbst. Das Bett hat noch Josefs S.260 Geruch, im Laken sind noch die Blutstropfen. Was jetzt folgt, ist eine Vereinigung mit dem herbeihalluzinierten Körper, eine Nacht mit Josef, auf dessen Sterben sich die junge Frau mit aller seelischen und physischen Kraft eingelassen hat.
"Ich löse meine Kleider und die Strümpfe und steige ins Sterbebett und lecke ihn auf und nieder und vom Kopf bis zu den Füßen wie ein neugeborenes Kalb. Wir schlafen bis in die Puppen."
Schlafen bis in die Puppen - die Sprache, die den Schrecken und die Erbärmlichkeit des Sterbens bis ins letzte Detail beschrieben hat, verfällt nun in einen fast heiteren, unbeschwerten Ton. Eine Vereinigung hat stattgefunden, ein Abschied vom Toten, eine Befreiung von der Angst vor dem Sterben. Draußen geht der Alltag weiter: "Es ist Montag. Die Eierfrau kommt. Die Mutter nimmt nur halb so viele Eier."
Ich kenne kein Buch aus der "Väter"-Literatur der letzten Jahre, in dem das Sterben in seiner physischen Widerwärtigkeit, Sinnlosigkeit und tragikomischen Banalität so kompromißlos und eindringlich geschildert worden ist wie in der Erzählung von Ulla Berkewicz.
Was diese Prosa auszeichnet, ist ihre kalkulierte Emotionslosigkeit, ihre Deutungsabstinenz, vor allem aber ihre Bildkraft, mit der die Atmosphäre überscharf, in geradezu halluzinatorischer Intensität wahrgenommen wird. Ein magischer Realismus beherrscht dieses Buch. Es ist eine Totenbeschwörung von beklemmender Authentizität. Was angesichts des Todes nicht mehr sagbar erscheint - hier ist es artikuliert.
Ulla Berkewicz' Erzählung löst kraft ihrer Sprache das ein, was an einer Stelle lapidar als Thema anklingt: "Der Tod ist kein Mythos, er tritt tatsächlich ein."

DER SPIEGEL 40/1982
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