04.10.1982

PHOTOGRAPHIEKnüller aus der Retorte

Farbvergrößern im Ein-Blatt-Verfahren, Dia-Film zum Selbstentwickeln - auf der Photokina in Köln gehört die Schau den Chemikern.
Falsch herum ist richtig. Das Diapositiv kommt seitenverkehrt in die Filmbühne des Vergrößerungsgerätes; der Lichtkegel der gekonterten Vorlage muß auf die Rückseite des Vergrößerungspapiers gerichtet werden.
Was bei dem doppelten Dreh herauskommt, hält Rolf-Hasso Ley, Pressesprecher von Agfa-Gevaert, "für die Sensation der Photokina", die am Mittwoch dieser Woche in Köln eröffnet wird.
Zumindest ist die Novität namens "Agfachrome-Speed" das bislang schnellste und simpelste Verfahren, um von bunten Transparentbildern bunte Papierbilder herzustellen - ohne komplizierte Panscherei in Bädern und Laugen, ohne pingelige Temperaturkontrollen und ohne zusätzliches Gerät wie noch bei "Ektaflex" von Kodak (SPIEGEL 18/ 1981).
Nach der rückseitigen Belichtung muß das "Agfachrome-Speed"-Blatt lediglich 90 Sekunden in ein Aktivator-Bad (gleichgültig ob in Schale, Dose oder Trommel) und, nun schon bei vollem Licht, rund fünf Minuten unter klares Wasser.
In dieser Zeit durchlaufen die Farben im Papier-Innern einen komplizierten Diffusionsprozeß und erscheinen endlich leuchtend auf der Vorderseite. Zusätze von Caliumbromid oder reinem Wasser zur Aktivator-Lauge gestatten eine nachträgliche Beeinflussung des Originals, dessen Härtegrad verschärft oder abgemildert werden kann.
Agfa-Gevaerts verblüffendes Ein-Blatt-Verfahren mag nur für jene engagierte Minderheit, die Diafilme noch in Heimarbeit vergrößert, eine "echte Revolution" (Firmenwerbung) bedeuten. Doch auch sonst kommen auf der "Weltmesse der Photographie" diesmal die Knüller aus der Retorte.
Noch vor kurzem sah es so aus, als würden die Chemie-Giganten der Branche, allen voran der US-Konzern Eastman-Kodak, und die japanischen Elektronik-Pioniere das Kölner Knipser-Treffen zum Kampfplatz einer epochalen Wende umfunktionieren.
Nachdem Sony vor einem Jahr mit Prototypen einer filmlosen, das Bild auf Magnetband speichernden "Mavica" (für "Magnetic Video Camera") vorgeprescht war und damit "der Photoindustrie eins in die Fresse hauen" wollte (so seinerzeit Sony-Pressesprecher Peter Hoenisch), schienen die Tage der althergebrachten Lichtbildnerei gezählt.
Doch die Video-Singles der "Mavica" konnten in Schärfe und Kontrast mit herkömmlichen Photos nicht mithalten. Sony entschloß sich, "nach der euphorischen Explosion" (Hoenisch) erst einmal leiser zu treten und die "Mavica" in Köln als futuristisches Gerät nur hinter Glas zu zeigen. Der Rückzug beflügelte die Chemie-Magnaten, "nun erst recht zu demonstrieren, was in der guten alten Chemie noch alles steckt" (Kodak-Pressesprecher Josef Pokorny).
So ist Kodaks schicker Flachmann, die handliche und narrensichere "Disc"-Kamera mit ihren 15 Film-Minis auf rotierender Scheibe, allein schon technologisch eine pfiffige Alternative zu den schweren Systemkameras. Sensationell aber scheint vor allem die Emulsion ihrer Kleinstbilder: Das "Disc"-Material übertrifft in Schärfe und Farbtreue alle bekannten Materialien gleicher Empfindlichkeit.
Allerdings: Da schon auf der Photokina neue "Disc"-Hersteller auftreten dürften (Lizenzen vergibt Kodak für ein Handgeld), die möglicherweise weniger leistungsfähige Filmstücke auf die Scheibe montieren, könnte das System durch miese Bilder in Verruf kommen, noch bevor es sich am Markt durchgesetzt hat. Im S.280 Kampf der Filme-Macher um den Multi-Milliarden-Markt von Profis und Amateuren wirbt der Sofortbild-Spezialist Polaroid sogar erstmals um eine Kundschaft, die sich bislang mit den klotzigen Instant-Kästen nicht anfreunden konnte: Zur Photokina bringt der Konzern Dia-Filme heraus, die für jede gebräuchliche Kleinbildkamera geeignet sind und die jeder daheim entwickeln kann - schon wenige Minuten nach der Aufnahme ist seine Ausbeute projektionsreif.
Anders als bei Polaroids bislang üblicher Praxis, wo Bild und Entwicklungsmaterial auf flachstem Raum zusammengepappt wurden und die Kamera zugleich als Dunkelkammer diente, werden die neuen Filme nach der Belichtung erst einmal im Photo-Apparat zurückgespult.
Zur Entwicklung muß die Patrone dann in ein speziell konstruiertes Kästchen gelegt werden, in dem sich, während der Photo-Freund zwei bis drei Minuten kurbelt, Kapseln mit chemischer Trockensubstanz (die jeder Filmpackung beiliegen) öffnen und die Entwicklung in Gang setzen.
Nach dieser Prozedur wird die Patrone mit dem zurückgedrehten Film noch in ein zweites Kästchen eingeführt, wo ein raffiniertes Transportsystem, ein Spezialmesser und automatisch vorgelegte Rahmen die Dias zur Projektionsreife bringen.
Ob allerdings diese "wahrscheinlich größte Sensation der ganzen Photokina" (Polaroid-Sprecher Axel Mendzigall) das Heer der Dia-Fans künftig mit Vorliebe nach Polaroid-Filmen greifen lassen wird, ist fraglich: Die Instant-Fabrikate - zwei verschieden empfindliche Schwarzweiß- und ein Farbfilm - werden zwischen 20 und 23 Mark, die beiden Bearbeitungs-Schatullen zusammen rund 250 Mark kosten. Mendzigall: "Wir treten damit sicher nicht gegen Agfachrome und Kodachrome an" - die vorerst noch billiger und vermutlich auch besser sind.
Trotz ihrer Zuversicht, "mittels Chemie noch jahrelang für Überraschungen gut zu sein" (Pokorny), wollen sich die S.281 etablierten Filmproduzenten den Chancen der Video-Elektronik durchaus nicht verschließen.
So wurden, rechtzeitig zur Photokina, Geräte entwickelt, mit denen jeder Photoamateur seine Dias auf den heimischen Bildschirm übertragen und dabei noch farblich beeinflussen kann. Großlabors können künftig unter- oder überbelichtete, unscharfe oder verwackelte Vorlagen durch elektronische Computer-Manipulationen zu halbwegs brauchbaren Bildern veredeln.
Ein originelles Bündnis von Photo und Video hat sich Canon zur Photokina ausgedacht. Die Japaner führen auf ihrem Kölner Stand Handhabung und Möglichkeiten von Spiegelreflex-Systemen vor - per Videokassette. Nach der Messe können Interessenten die Video-Bänder mit den Canon-Gebrauchsanweisungen beim Photohändler ausleihen.

DER SPIEGEL 40/1982
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