19.07.1982

Masada wird nie wieder fallen

„Zahal“, Israels „Verteidigungsarmee“, beherrscht das Leben des Landes - optisch, auf den Straßen, aber auch in Wirtschaft und Industrie, in Diplomatie und Politik. Der Judenstaat ist zum Militärstaat geworden, auch wenn Männer an der Spitze wie Ex-General Ariel Scharon nunmehr Zivil tragen.
Masada - mitten in der Wüste am Toten Meer ein riesiges Felsplateau, darauf eine Festung, uneinnehmbar über mehr als zwei Jahrhunderte, letzte Zuflucht der Juden vor den Marschkolonnen der Römer. Aber dann, im Jahre 73, fällt Masada schließlich doch, 960 Juden, Männer, Frauen, Kinder, begehen kollektiven Selbstmord.
Masada - Symbol für ein Volk auf der Flucht, Symbol für die Sehnsucht der Juden nach einem Stück Heimat, Symbol für die Entschlossenheit, diese Heimat, dieses neue Masada, "nie wieder fallen" zu lassen.
Mit diesem Schwur traten sie 1948 an, als ihnen, nach fast zwei Jahrtausenden der Verfolgung, nach dem Holocaust, dem größten systematischen Völkermord der Weltgeschichte, endlich - wenn auch gegen den erklärten Willen ihrer Nachbarn - eine neue Heimat, der Staat Israel, zugewiesen wurde.
Wie dieses neue Masada zu verteidigen, wie allein sein Fall zu verhindern sei, hatte ihnen schon Theodor Herzl, der Vater des Zionismus, mit auf den Weg ins Gelobte Land gegeben: "Der Judenstaat ... braucht ... ein Berufsheer - ein mit sämtlichen modernen Kriegsmitteln ausgerüstetes - zur Aufrechterhaltung der Ordnung nach außen wie nach innen."
Der Judenstaat hat sein Heer bekommen (schon zwei Wochen nach seiner Geburt mit dem Erlaß Nummer 4 der ersten provisorischen Regierung); längst ist es mit sämtlichen modernen Kriegsmitteln ausgerüstet; längst ist es stärker als die Heere aller seiner Nachbarn; längst hat es auch begonnen, außerhalb Israels für Ordnung zu sorgen, die "pax judaica" weit über die Grenzen jenes Gebietes hinaus zu verbreiten, das dem jungen Staat einst von seinen Gründern - den Vereinten Nationen - zugeteilt worden war.
Männer (und Frauen) dieses Heeres okkupieren seit über 15 Jahren jordanisches Territorium (am Westufer des Jordan), ägyptisch-palästinensisches Territorium (im Gaza-Streifen) und syrisches Territorium (auf den Golanhöhen).
Sie kontrollieren, ebenfalls seit 1967, die (arabische) Altstadt von Jerusalem und stehen nun, seit gut einem Monat, auch noch als Besatzer im zerstörten Libanon.
Die Begründung für all diese Landnahmen war einfach und stets dieselbe: "Masada wird nie wieder fallen." Diese Losung ist auch die Eidesformel israelischer Offiziersanwärter.
Wo immer an einer der unsicheren Grenzen des Zwergstaates - der bei seiner Gründung ein Gebiet von etwa 20 000 Quadratkilometern umfaßte, etwa die Fläche von Rheinland-Pfalz - mittelbare oder unmittelbare Gefahr für die Sicherheit Israels drohte, breitete sich der Judenstaat ständig weiter aus.
Und die Welt schaute, von Israels Nachbarn und deren Verbündeten abgesehen, meist widerspruchslos, manchmal bewundernd, oft auch mit schlechtem Gewissen zu: Die meisten der Gefahren waren real, die unsicheren Grenzen waren dem neuen Staat gewissermaßen als Geburtsfehler mit auf den Weg gegeben worden.
Seit Anfang vorigen Monats hingegen, seit dem Einmarsch der Israelis in den Libanon, ist alles ganz anders, sieht sich Israel plötzlich auch bei seinen Freunden und Verbündeten auf der Anklagebank, werden Premier Menachem Begin und sein Verteidigungsminister Ariel Scharon als "halbfaschistische" Expansionisten gebrandmarkt, verantwortlich für ein "Gemetzel", einen "Völkermord" sondergleichen.
Dabei bestreitet kaum jemand, daß den Israelis von Norden her sehr wohl Tod und Gefahr drohten: nicht vom Nachbarn Libanon, sondern von den Freischärlern der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die sich seit Jahren im Südlibanon eingenistet, sich allmählich zur regulären Armee gemausert und in regelmäßigen Abständen mit Raketen und Artillerie ins galiläische Grenzland hineingefeuert hatten.
Die erste Phase der israelischen Operation "Schlom hagalil" (Frieden für Galiläa) stieß deshalb auch noch auf stillschweigendes Verständnis: Ariel Scharons Truppen sollten die PLO aus einem gut 40 Kilometer tiefen Gürtel jenseits der Grenze vertreiben.
Doch weil das so schnell und so gut ging, dachte Scharon gar nicht daran, seine Soldaten bei Kilometer 40 zu stoppen. Sie stießen weit nach Norden vor, bis in die Vororte der libanesischen Hauptstadt Beirut; mit einem Male ging es nicht mehr nur um die PLO-Nester im Süden, nun ging es auch um die im Libanon stationierten Syrer, vor allem aber ging es um das Hauptquartier und S.81 die Führungskader der PLO in West-Beirut.
Auf ihrem unaufhaltsamen Vormarsch sprengten die Soldaten mit dem Davidstern riesige Waffen- und Munitionslager der PLO in die Luft und zerstörten gleich reihenweise Flugzeuge, Panzer und Raketenstellungen der Syrer.
Aber unterschiedslos überrollte die jüdische Militärmaschinerie auch nichtmilitärische Objekte, brachte unsagbares Leid über die Zivilbevölkerung, hinterließ Schutt und Ruinen, Tausende von Toten und Obdachlosen, Brand, Verwüstung und Verwesung.
In der alten phönizischen Handelsstadt Tyrus zum Beispiel wurde an zwei Kampftagen fast die Hälfte aller Häuser zertrümmert, verlor ein Drittel der 60 000 Einwohner seine Unterkunft.
Und in West-Beirut wurde das "Darc el-Idschasa Islami Hospital" von israelischer Artillerie unter Feuer genommen, obwohl das nächste militärische Objekt mehrere hundert Meter entfernt war. Nach einem zweieinhalbstündigen Dauerbeschuß zählten Ärzte und Pfleger nicht weniger als 800 Treffer von Granaten und Raketen. Beim Einschlag von vier Phosphorgranaten in einen Krankensaal wurden sechs Patienten der Psychiatrischen Klinik getötet, 20 weitere erlitten schwere Verbrennungen.
"Wir hatten die Wahl zwischen dem Feldzug gegen die PLO-Terrortrupps und einem neuen Treblinka", suchte Premier Menachem Begin das Geschehen zu erläutern.
Doch mit diesem Vergleich zur Nazi-Zeit - im KZ Treblinka nahe Warschau haben die Deutschen etwa 900 000 Juden ermordet - kam Begin diesmal nicht weit.
Seine Kritiker wissen zwar, daß fast seine ganze Familie dem deutschen Holocaust zum Opfer fiel; daß dem jüdischen Volk nun ein neuer, diesmal von Palästinensern geplanter Holocaust drohte, schien vielen aber doch zu weit hergeholt.
Frankreichs sozialistischer Präsident Francois Mitterrand, vor kurzem noch auf Staatsbesuch in Israel, verglich vielmehr das von Scharons Truppen eingekesselte West-Beirut mit dem französischen Dorf Oradour, wo Einheiten der SS im Zweiten Weltkrieg sämtliche 642 Zivilisten umgebracht hatten, um die Ermordung eines SS-Majors durch die Resistance zu rächen.
Über tausend Menschen demonstrierten in Paris, Tausende in Athen gegen den israelischen Überfall auf den Libanon und Beirut.
Und sogar vor dem Weißen Haus in Washington, sonst Ziel unzähliger Demonstrationen für Israel, versammeln sich nun Abend für Abend schwarz gekleidete Frauen zum Protest gegen Israel. Die Beziehungen zwischen der großen Schutzmacht USA und dem Schützling Israel sind, so Charles Percy, Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses, S.84 "auf dem tiefsten Punkt seit 25 Jahren" angelangt.
In der "seit Jahren härtesten Botschaft eines US-Präsidenten an einen israelischen Führer" ("Time") drohte Ronald Reagan dem störrischen Begin vorletzte Woche mit dem Fegefeuer: Die USA würden direkt mit der - bislang von Washington und Jerusalem geächteten - PLO verhandeln, falls die Israelis ihre Hunger-Blockade gegen West-Beirut fortsetzten und die Vermittlungsversuche des amerikanischen Nahost-Unterhändlers Habib weiter sabotierten.
Die Israelis argumentierten, ihre Geschütze drohend auf West-Beirut gerichtet, es handele sich - wie stets - um eine "defensive Aktion". Doch das mochten nicht einmal mehr ihre eifrigsten Fürsprecher hören. Wenn "defensiv" so definiert werde, daß "Zivilisten in einem anderen Land, viele Meilen entfernt von Israel, um ihr Leben fürchten müssen", empörte sich Richard Cohen, jüdischer Kolumnist der "Washington Post", dann bleibe wenig von dem Land, das einmal aus "Gründen der Moral" geschaffen worden sei.
Tatsache ist, daß die Träume vom Musterstaat, von einer überaus schöpferischen S.85 Gesellschaft der Gleichen stets nur Träume waren, geträumt, bevor der Judenstaat Wirklichkeit wurde, zerplatzt, als seine ersten 600 000 jüdischen Einwohner erkennen mußten, daß der Kampf um die physische Existenz mit der Ausrufung des Staates Israel keineswegs beendet, sondern lediglich in eine neue Runde getreten war: Am Tage eins des neuen Staates begann auch sein erster Waffengang gegen die arabischen Nachbarn; Israel mußte sich seine Unabhängigkeit nun auch noch erkämpfen - mit dem Leben von 6000 Bürgern, einem Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung.
Und die Araber, entschlossen, die "Katastrophe von 1948" rückgängig zu machen, drohten weitere Schlachten an. "Israel wird vernichtet und erwürgt", prophezeite Radio Kairo. "Schlachtet sie ab und wascht ihr Blut von euren Waffen", funkte Radio Damaskus. "Wir werden mit ihren Schädeln unsere Straßen pflastern", tönte Radio Bagdad.
So großmäulig und prahlerisch das auch klingen mochte - den von Feinden eingekreisten Israelis war klar, daß für das Überleben ihres kleinen Staates nichts so wichtig war wie der Aufbau einer möglichst großen, möglichst schlagkräftigen Streitmacht.
"Israel", so später einer seiner berühmtesten Soldaten, Mosche Dajan, "steht und fällt mit der Macht seiner Armee."
Bald schon prägte "Zahal" (so die hebräische Abkürzung für "Verteidigungsarmee Israels") das Leben des Staates, beherrschten Uniformen und Uzi-Maschinenpistolen das Bild der Städte und Dörfer. Jeder jugendliche Israeli über 18 muß einen Militärdienst absolvieren - Jungen für drei, Mädchen für zwei Jahre (und künftig, Folge des Libanon-Feldzuges, wohl noch drei Monate länger).
In normalen Zeiten dient jeder männliche Staatsbürger unter 54 außerdem jährlich bis zu 35 Tagen als Reservist; in Kriegs- und Krisenzeiten kann diese Zeitspanne, wie es auch jetzt geschah, bis auf 70 oder sogar 90 Tage verlängert werden.
Beinahe zwangsläufig wurde die Armee, als Sammelbecken der aus aller Welt in Israel wiederversammelten Juden, zum Schmelztiegel der Nation - und zur größten Kaderschule des Landes.
Die höheren Offiziere verlassen den Dienst meistens in relativ jungen Jahren und übernehmen nicht selten wichtige Schlüsselfunktionen im Zivilleben. Etwa 1500 höhere Chargen a. D. sitzen heute an den Schalthebeln des Staates, in der Wirtschaft und Industrie, im Finanz- und Erziehungswesen, in der Forschung, der Diplomatie und, natürlich, auch in der Politik: In der Regierung sitzen zwei Generäle, Ariel Scharon und Mordechai Zippori; zur Führungsriege der oppositionellen Arbeitspartei zählen drei frühere Stabschefs: Jizchak Rabin, Chaim BarLev und Mordechai Gur.
Zwischen diesen ehemaligen Offizieren bestehen, unabhängig von der Parteizugehörigkeit, nach wie vor enge Querverbindungen, persönliche Freundschaften aus der Zeit gemeinsamer Gefahren und Erfahrungen und damit auch sehr oft gemeinsame Interessen, vor allem auf dem Gebiet der Militär- und Verteidigungspolitik.
Stets verfügt das Verteidigungsministerium über das höchste Einzelbudget; keine andere Behörde unterhält so viel Personal - mehr als 20 Prozent der Beschäftigten, über 200 000 Personen also, stehen direkt oder indirekt im Dienste des Ministeriums oder der Armee; die Bedürfnisse und Ansprüche der Streitkräfte bestimmen die langfristige industrielle Forschung und Entwicklung.
Israels Militärindustrie produziert nicht nur eigene Düsenflugzeuge und Panzer, Raketenboote und Artillerie, S.86 sondern auch eine hochgezüchtete Elektronik - alles Produkte, die sich nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch vorzüglich für den Export in alle Welt eignen.
Dabei ist Israel in bezug auf die Kunden kaum wählerisch. Der südafrikanische Apartheidstaat wird ebenso beliefert wie die Militärjunta in Argentinien, deren Offiziere zu den Antisemiten des Kontinents zählen.
Israel exportierte auch dann noch Waffen in den Iran, als die Revolutionäre des Ajatollah Chomeini 52 Diplomaten des Israel-Protektors USA als Geiseln festsetzten.
Die Waffenexporte, meinte ein hoher Beamter des israelischen Verteidigungsministeriums, seien "nicht nur gut fürs Geschäft, sie halten auch unsere industrielle Kapazität aufrecht und garantieren uns eine Belegschaft hochmotivierter Spezialisten".
Die Strategie war erfolgreich: Innerhalb von zehn Jahren stieg Israel zum siebtgrößten Waffenexporteur der Welt auf. 1981 lieferte Israel Rüstungsgüter im Wert von 1,3 Milliarden Dollar an über 35 Staaten - die Hälfte davon nach Lateinamerika.
Ebenso wie auf die Wirtschaft nimmt die Armee auch auf die Außenpolitik - zumindest indirekt - beträchtlichen Einfluß. In mehreren Ländern unterhält sie "militärische Missionen"; zuweilen gehen gute bilaterale Beziehungen eher auf Männer in Uniform oder Verteidigungspolitiker als auf Diplomaten zurück.
Die enge Freundschaft der 50er und 60er Jahre zwischen Frankreich und Israel zum Beispiel entsprang vorwiegend Kontakten des militärischen Establishments in Paris. Generaldirektor im israelischen Verteidigungsministerium war damals der heutige Oppositionsführer Schimon Peres.
Auch zwischen der Bundesrepublik und Israel liefen - zu Zeiten von Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß - auf dem Wehrsektor bereits gute Beziehungen an, als von der Aufnahme normaler diplomatischer Beziehungen noch nicht die Rede war.
Unverändert gilt zwar, daß die Politisierung der Armee peinlichst vermieden und jede politische Tätigkeit in den Reihen der Zahal scharf geahndet wird. Die umgekehrte Entwicklung allerdings - die Militarisierung der Politik - ergab sich angesichts des Selbstverständnisses und der Schlüsselrolle der Armee beinahe zwangsläufig, vor allem in den Jahren nach dem erfolgreichen Sechs-Tage-Krieg von 1967.
Die Generale, die den Sinai, Westjordanien, die Golanhöhen und Ostjerusalem erobert, die ihre arabischen Gegner der Lächerlichkeit preisgegeben hatten, wurden über Nacht zu Helden der Nation. Mehr denn je suchten die Politiker den Rat der erfolgreichen Militärs, mehr Militärs denn je wechselten über in die Politik.
Der Jom-Kippur-Krieg von 1973 tat dem Ruhm der Militärs zwar vorübergehend Abbruch - über ein glückhaftes Patt waren sie nicht hinausgekommen -, doch schon bald setzte sich im Volk die Überzeugung durch, nicht die Militärs, sondern die Politiker hätten versagt: Sie hätten es nicht verstanden, Erfolge auf dem Schlachtfeld in politisches Kapital umzumünzen.
Sowohl an der ägyptischen wie auch an der syrischen Front hatte Zahal im Endstadium der Kämpfe tatsächlich noch feindliches Gebiet erobert, mußte es jedoch aufgrund der politischen Vereinbarungen, die Amerikas Außenminister Henry Kissinger mit den Parteien aushandelte, wieder räumen. "Das Ende S.87 des Krieges", jammerte damals Mosche Dajan, "war ein russisches Diktat in einem amerikanischen Umschlag."
Solche Sorgen müssen sich die Militärs in Uniform und die Ex-Militärs in Zivil seit dem Sommer 1977 nicht mehr machen. Denn seither regiert, an der Spitze des rechtsradikalen Likud-Blocks, der nur äußerlich gebrechliche Menachem Begin. Und dessen konservativ-klerikale, am Alten Testament ausgerichtete chauvinistische Ideologie ist so recht nach dem Geschmack jener Militärs, die Israels Heil in der Expansion des Judenstaates sehen.
Den größten Sprung nach vorn machte dabei Israels heutiger Verteidigungsminister Ariel Scharon. Der umstrittene General, einst Anführer der berüchtigten "Sondereinheit 101", später als eigenwilliger Divisions-Kommandeur von seinen Soldaten geliebt ("Arik, König Israels"), von seinen Vorgesetzten getadelt (SPIEGEL 27/1982), mußte sich zwar anfangs mit dem Amt des Landwirtschaftsministers zufriedengeben. Aber einen Ariel Scharon kann so etwas nicht bremsen.
Obwohl von Amts wegen zuständig für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, kümmerte er sich vor allem um seine strategischen Konzepte - die Konzepte eines Generals in Zivil. Kernpunkt: Israel müsse in den besetzten Gebieten aus Gründen der Sicherheit eine intensive Besiedlungspolitik betreiben und so "vollendende Tatsachen" schaffen.
Besuchern zeigte er gern eine zerfledderte Landkarte als Beleg für die Notwendigkeit militärischer Siedlungen in Westjordanien und auf dem Golan. Premier Begin, in dessen Augen diese Gebiete ohnehin jüdisches Territorium waren, folgte den Vorstellungen Scharons nur allzu gern.
Mitte vorigen Jahres, nach seinem knappen Wahlsieg, machte Begin den Ex-General schließlich zu seinem Verteidigungsminister - den Mann, von dem der frühere Außenminister Abba Eban meint, er sei "nicht gerade ein fanatischer Anhänger der parlamentarischen Demokratie".
Scharon hatte kaum sein Ministerbüro im fünften Stock des Verteidigungsministeriums in Tel Aviv bezogen, da begann er bereits, seine sicherheitspolitischen Vorstellungen voranzutreiben, Israel wurde endgültig zum Militärstaat.
Mit der stillschweigenden Zustimmung - zumindest aber ohne spürbare Opposition - von Regierungschef Begin proklamierte Scharon im besetzten Westjordanien eine angebliche Liberalisierung, die aber in Wahrheit beinahe schon einer Annexion gleichkam: Er setzte eine Zivilverwaltung ein, das Gebiet war nunmehr eher eine Provinz als eine militärisch besetzte Zone. Den Widerstand der palästinensischen Bevölkerung ließ Scharon von seinen Soldaten niederschlagen, mindestens 20 Menschen kamen ums Leben.
Zugleich versuchte sich der Soldat Scharon auch als Außenpolitiker: In Washington zerstritt er sich mit seinem amerikanischen Kollegen Caspar Weinberger über Amerikas Absicht, moderne Waffen an gemäßigte, pro-westliche, aber anti-israelische arabische Länder wie Jordanien und Saudi-Arabien zu liefern.
Nur einmal, als er seine ohnehin schon herausragende Position innerhalb des Kabinetts durch eine Reform der Armee und seines Ministeriums noch weiter ausbauen wollte, mußte Ariel Scharon einen Rückzieher machen: Er scheiterte am aktiven Widerstand seines Personals, das, zum erstenmal in Israels Geschichte, das Verteidigungsministerium mit einem Streik lahmlegte.
Anfang vorigen Monats aber war das vergessen: Der General in Zivil startete die Operation Libanon, die er schon seit langem geplant und vorbereitet hatte; es war - so der israelische Journalist und frühere Knesset-Abgeordnete Uri Avnery, "Ariks Krieg".
"Falls ihm dieses Unternehmen gelingt", erkannte ein Widersacher Scharons im Kabinett, "wäre sein Aufstieg zur Macht frei" - der Militärstaat Israel hätte dann auch einen Militär an der Spitze.
"Israels Regierung darf keine Filiale des Generalstabs werden", warnte zwar der stellvertretende Premier David Levy. Doch anfangs sah es ganz so aus, als werde genau das geschehen.
Denn Scharons Truppen erreichten ihre ersten beiden Kriegsziele - die Ausschaltung der PLO im Südzipfel des Libanon und die Zerstörung der syrischen Sa-Raketenbasen - in nur vier Tagen.
Diese beiden Kriegsziele aber fanden die volle Unterstützung im Volk (86 Prozent der Israelis billigten die Schaffung eines 40 Kilometer tiefen PLOfreien Gürtels im Süd-Libanon) und sogar weithin Verständnis in der westlichen Welt. Wer wollte Ariel Scharon noch stoppen?
Er stoppte sich zunächst einmal selbst: als er seine Truppen ungebremst weiter in Richtung Beirut marschieren ließ. Nun war Ariel Scharon plötzlich in Israel, war Israel plötzlich in aller Welt isoliert.
Denn im Siegesrausch hatten sich die Soldaten des Judenstaates, die man einst wegen ihrer Tapferkeit und Ritterlichkeit durchaus einmal bewundert hatte, nicht anders präsentiert, zuweilen schlimmer noch als gemeine Landser irgendwo sonst in der Welt.
Vor allem die rüden Methoden, mit denen israelische Soldaten ihre Gefangenen behandelten, stießen weltweit auf heftigen Protest. So berichteten zum Beispiel zwei norwegische Ärzte aus eigener Anschauung, die Israelis hätten Gefangene mit Stuhlbeinen, Stöcken und Schläuchen geschlagen, andere mit Handkantenschlägen und Fußtritten bis zur Besinnungslosigkeit malträtiert. Mehrere Gefangene, so die beiden Norweger, seien nach Folterungen tot abtransportiert worden.
Parallel zur Kritik im Ausland wuchs auch die Kritik an der Heimatfront. Denn inzwischen hat Ariel Scharons Krieg schon etwa 300 israelische Tote und an die 1700 Verletzte gefordert. Scharon-Vorgänger Eser Weizman: "Wie viele Jahre wären wohl vergangen, S.88 bevor die PLO-Terrortrupps 300 Israelis getötet hätten?"
Zwar bezeichnet Israels Stabschef, General Rafael Eitan, das Ringen im Libanon immer noch als einen "Kampf um die Heimat", aber mehr und mehr Israelis zögern, die Hauptstadt des Libanon wirklich als Vorposten ihrer Heimat zu betrachten: Nicht weniger als 68 Prozent der Bevölkerung lehnen eine militärische Attacke auf Beirut ab.
Immer häufer wird die Besorgnis laut, statt des befürchteten - und von Scharon abgewendeten - Abnützungskrieges an der israelischen Nordgrenze beginne nun möglicherweise ein ähnlicher Abnützungskrieg vor den Toren von Beirut.
Denn schon hat Vizestabschef Mosche Levi erklärt, es sei erforderlich, die israelische Armee für ein Überwintern im Libanon vorzubereiten. Und auch Menachem Begin hat angeblich in kleinem Kreise bereits davon gesprochen, Israel müsse auf mehrere Jahre im Libanon militärisch präsent bleiben.
Sogar in der Armee selbst bezweifeln zunehmend mehr Soldaten den Sinn des Vorstoßes auf Beirut.
Reservisten forderten, sie wollten künftig nur innerhalb der Grenzen des jüdischen Kernstaates dienen; "das ist nicht unser Krieg", protestierten einfache Gefreite im offenen Gespräch mit westlichen Kriegsreportern. Unter den Protestlern: der Sohn des Innenministers Josef Burg, Hauptmann bei den Fallschirmjägern.
Schließlich versammelten sich, zum erstenmal in Israels staatlicher Geschichte, noch zu Kriegszeiten Israelis zu einer Demonstration gegen den Krieg. Etwa hunderttausend Bürger zogen auf die Straßen, um gegen Scharons Abenteuer zu protestieren - die bei weitem größte Demonstration, die irgendwo auf der Welt gegen Israels Libanon-Krieg stattfand.
"Join the Army, see the world, see nice people, and kill them all", werde Soldat, lerne die Welt kennen, lerne nette Menschen kennen und töte sie alle, höhnte in seiner Zeitschrift "Haolem Haseh" der Scharon-Porträtist Uri Avnery.
Aber derartige Bemerkungen schmälern keineswegs Kampfgeist oder Einsatzbereitschaft der Truppen; sogar die überzeugtesten Anhänger der "Frieden jetzt!"-Bewegung folgten ohne Murren ihrem Einberufungsbescheid. "Es gehört zum Charakter des israelischen Bürgersoldaten, daß er kritisiert, meckert und dennoch kämpft, kämpft und dennoch meckert", analysiert der israelische Kolumnist Nahum Barnea.
Darauf, daß die Soldaten parieren und daß das Volk am Ende einen Krieg noch immer unterstützt, bauen auch Premier Menachem Begin und sein Verteidigungsminister Ariel Scharon. Für den vergangenen Sonnabend riefen sie auf zu einer Demonstration unter dem Motto "Frieden für Galiläa, Frieden für Israel und Dank der Armee".
Die beiden Gesinnungsgenossen an der Spitze des Militärstaats Israel scheinen unverändert entschlossen, den Feldzug zu einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. "Kein einziger Terrorist darf in Beirut bleiben", beteuerte Begin vorige Woche.
Neben einem massiven Angriff auf die Stadt, so deutete er an, habe Israel noch mehrere andere militärische Alternativen. Und auf wen er dabei vertraut, steht für Eingeweihte außer Zweifel: auf seinen Verteidigungsminister Ariel Scharon. Der trägt zwar schon längst Zivil, aber der alte Begin nennt ihn auch heute noch "mon General".

DER SPIEGEL 29/1982
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