19.07.1982

RUDOLF AUGSTEINAriks gordischer Knoten

Die Gründung des Staates Israel ist, namentlich unter Deutschen, bekannt oder sollte es sein. Hitler stellte durch Ausrottung klar, daß die Juden aller Welt ein Heimatland brauchen. Es gab nur das Heimatland Palästina.
Der Staat Israel wurde am 14. Mai 1948 gegründet. Ich nahm an der Gründungsfeier für die Britische Zone in Bad Harzburg teil. Noch heute höre ich den Rabbiner sagen: "... und werden wir nicht ruhen, bis wir werden stehen auf beiden Seiten von dem Jordan."
Ein Programm der Landnahme also, oder, weniger vornehm ausgedrückt, eines der militärischen Eroberung. Daß zur "Westbank" noch der Gazastreifen, die Golanhöhen, der durchweg arabische Ostteil Jerusalems, vielleicht der Südteil des Libanon (den Mosche Dajan schon 1954 forderte) und wer weiß welche Ländereien nach dem nächsten oder übernächsten Krieg hinzukommen würden, konnte damals noch niemand wissen.
Wohl aber stand damals schon fest, daß Israel im technischen und für die Araber auch im moralischen Sinne der Aggressor war. Es wollte haben, was anderen gehörte, und was ohne Krieg nicht zu haben war. Wundert man sich da, daß die zionistische Bewegung wider ihr ursprüngliches Programm einen Militärstaat ausgebrütet hat?
Man kann das Argument nicht mehr hören, 300 tote Soldaten seien für das kleine Israel eine zu schwere Bürde, wo doch für das noch kleinere Libanon, das von sich aus den Juden nie feindlich gesonnen war, 3000 tote Nicht-Kombattanten offenbar nicht zuviel sind. Wer mit Israel mehr fühlt als mit den Arabern, muß die Israelis doch nicht gleich für die rassisch höherwertigen, und auch nicht für die "besseren" Menschen halten?
An die 40 Kilometer Pufferzone
( Eine Pufferzone von 700 ) ( Quadratkilometern haben sie ihrem ) ( Quisling-Major Saad Haddad schon 1978 ) ( zugeschanzt, in der sie selbst sich ) ( allerdings frei bewegen. )
im Libanon hätten die Europäer, und namentlich die Deutschen, den Israelis aus schlechtem Gewissen noch gutgebracht; sie haben nichts zu sagen, ich weiß, aber sie werden ja schließlich dafür zur Kasse gebeten.
Nein, der Vorstoß auf Beirut ist brutale, nicht mehr zu rechtfertigende Aggression. Er richtet sich gegen die Terror-Organisation PLO, die zum Terror ebenso unberechtigt oder berechtigt ist wie ehedem der jetzige Premier Begin, der 1946 das King-David-Hotel in Jerusalem hochjagen ließ.
Wenn die PLO-Palästinenser dem Judenstaat das Lebensrecht bestreiten, tun die Israelis nicht ähnliches? Beide müssen sich wechselseitig anerkennen, was ja schon auf gewissen Wegen war. In dieses Bild passen keine Eroberungen, um die es aber geht.
Uns nützen Umfragen unter Israelis recht wenig, solange Leute wie Begin und Arik Scharon gewählt werden. Es kennzeichnet die Lage, daß man für möglich hält, Scharon habe eine "Kriegslist" ("FAZ") gegenüber den USA, Syrien, dem eigenen Volk, dem eigenen Parlament, ja vielleicht sogar gegenüber Teilen der eigenen Regierung angewandt, als er das Kriegsziel zum Schein begrenzte. Wiederwählen werden sie ihn trotzdem. Man möchte nur wissen, ob auch Begin ursprünglich getäuscht wurde.
Anders als der Nahost-Fachmann und Realpolitiker Kissinger glaubt, wird Scharons Krieg auch nicht die gewünschten Früchte zeitigen. Hier wurde nicht, wie die "FAZ" schwärmte, "ein gordischer Knoten zerhauen". Die Idee eines unbestrittenen Heimatlandes für das heimatlose palästinensische Volk wird mit diesem Schlag nicht sterben.
Wohl kann die PLO zerbombt werden, nicht aber der palästinensische Nationalismus, der so legitim ist wie der jüdische. Und schließlich werden die Israelis, bisher schon mit zuviel aufsässigen arabischen Hintersassen ausgestattet, den mehrheitlich moslemischen Libanon sowenig beherrschen können, wie die Syrer das vermochten, die 1976 auch vielerorts als Befreier, als "Ordnungsmacht" begrüßt worden waren. Der Zerfall des Libanon ist längst internationalisiert. Und wieder waren die USA, wie schon bei den Falklands, entweder nicht willens oder nicht fähig, einen Klienten zurückzuhalten. Glaubt man, all dies wird niemals Folgen haben? Was wird aus der mehr als heiklen ägyptischen Position?
Es mögen die meisten arabischen Staaten die PLO zum Teufel wünschen. Aber mehr noch fürchten sie Israel und den Iran, die nicht zufällig Waffengeschäfte miteinander tätigen.
Ist Scharon der Schurke im Stück, so hält die "FAZ" respektive ihr Gordische-Knoten-Kritiker nicht nur eine Kriegslist dieses Generals für denkbar, sondern ebenso die "Eigendynamik des Krieges". Er sieht hier "eine interessante Frage für Zeithistoriker".
Fürwahr, eine interessante Frage, nicht nur für Zeithistoriker. Denn wir täuschen uns, wenn wir uns trösten, der große, der Atomkrieg, werde nicht von den Eigendynamikern a la Arik Scharon inszeniert werden.
S.84 Eine Pufferzone von 700 Quadratkilometern haben sie ihrem Quisling-Major Saad Haddad schon 1978 zugeschanzt, in der sie selbst sich allerdings frei bewegen. *
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 29/1982
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