19.07.1982

Paraguay: „Disneyland für Gangster“

SPIEGEL-Report über Landkäufe deutscher Anleger und Aussteiger „Alternative Freiheit“ bieten Immobilienfirmen im fernen „Goldland Paraguay“. Tausende Deutsche suchen hier Zuflucht vor sowjetischer Bedrohung oder fiskalischer Belastung. Doch Paraguay ist nicht das stabile Paradies, das seine Werber vorspiegeln. Von der Diktatur des Generals Stroessner lange unterdrückte soziale Konflikte brechen auf, Bauern kämpfen um ihr Land. Das paraguayische Kapital geht schon außer Landes.
Knappe zwanzig Sekunden dauert die "Schweigeminute zum Gedenken der Toten, die durch den Kommunismus umgebracht wurden". Dann setzt sich die illustre Gesellschaft von Unternehmern und Politikern nieder, um sich von Ehrengast Hans Filbinger über Weltpolitik belehren zu lassen.
Der mit "den höchsten Auszeichnungen seines Landes" geehrte Politiker (so die Lokalpresse) spricht über den sowjetischen Expansionismus und über "das Selbstverständlichste der Welt", die Nachrüstung.
Wie die Demokratie zu verteidigen ist, weiß der Besucher aus Deutschland genau, und er erinnert daran, wie "das bankrotte System des Herren Allende in Chile auf einem demokratischen Weg weichen mußte".
Recht historisch wird der Redner auch noch: "Vergessen Sie nicht, meine Damen und Herren, daß es ja nicht nur diese zwölf Jahre deutsche Geschichte gibt, sondern eine tausendjährige Geschichte."
Dieser Geschichte bewußt, sieht Filbinger der Zukunft zuversichtlich entgegen. Denn in den USA ist mit Reagan eine "historische Wende" eingetreten, die bedeutet: "Schluß mit einer Politik der Schwäche, Schluß mit Anpassung, endlich Festigkeit."
Der Westen kann also in Freiheit überleben, "wenn er will". Offenbar sind die etwa hundert Zuhörer willens, sie applaudieren begeistert. Die meisten von ihnen haben schon Entschlußkraft gezeigt, indem sie sich durch Landkäufe im "freundlichen Staat Paraguay" (so Filbinger) einen sicheren Rückhalt geschaffen haben.
Der Ort: Asuncion, Hauptstadt der ältesten Militärdiktatur Südamerikas. Der Hörsaal ist die Diskothek des Spielcasinos Ita Enramada, dessen Gewinne in die Familienkasse des Präsidenten-Generals Alfredo Stroessner fließen.
Doch solche Details interessieren niemanden. Die etwa 50 Teilnehmer des Südamerika-Seminars der "Ludwig-Frank-Stiftung für ein freiheitliches Europa", die sich im vergangenen November in Asuncion trafen, wurden streng nach Kapitalkraft und Investitionsbereitschaft ausgesucht.
Die sie in der Ferne begrüßen, sind selbst den Weg schon gegangen, haben sich hier ein neues Leben aufgebaut: Seit etwa acht Jahren kaufen 1500 bis 2000 Deutsche jährlich Land in Paraguay.
Die Angebote sind verlockend: "Nirgendwo auf der Welt können Sie günstiger sehr gutes Land erwerben", verspricht etwa Max Peuker aus Burgwedel. "Paraguay steht an der Schwelle einer neuen Zukunft", so die Prognose von Bernd Riedel in Wuppertal, Repräsentant der "P.I. Paraguay International S. R. L.".
"Alternative Freiheit" bietet gar die Mainzer "Treubesitz-Südamerika GmbH", vor allem wohl vor dem Fiskus: "240 Prozent Verlustzuweisung, anerkannt durch zentrales Betriebsfinanzamt", lockt das "große Farmmanagementunternehmen in Paraguay unter deutscher Leitung". S.99
Die stabilste Währung Südamerikas, ein sicheres Investitionsklima und die Möglichkeit, Steuern zu sparen, machen Paraguay gewiß für Investoren zum Goldland. Doch damit ist das Angebot noch längst nicht erschöpft. "Grüne Oasen werden immer seltener!" warnen nämlich Bruno und Nelida Knoblauch aus Bielefeld. Darum: "Hazienda, der Geheimtip für Anspruchsvolle." Auch Karsten Niemann in Hamburg sieht guten Grund zum Auswandern: "Fern von allen Krisenherden", so inseriert er in der "Welt am Sonntag", "schaffen wir uns Sicherheit."
Und stören kann das ja niemanden. Denn Paraguay, so phantasiert die "Treubesitz", "hat keine Minderheitsprobleme" und "kennt kein Industrieproletariat". Die "einmalige soziologische Situation führt schon seit Jahrzehnten innenpoltisch zu sozialem Frieden".
Einwanderer auf der Suche nach Frieden und Ländereien sind für den zwischen Bolivien, Brasilien und Argentinien eingekeilten Staat nicht neu. Denn mit nur 3,3 Millionen Einwohnern auf der fast doppelten Fläche der Bundesrepublik scheint Paraguay tatsächlich Platz im Überfluß zu bieten.
Schon die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg führte Deutschstämmige ins Land - aus des Kaisers verlorenen Kolonien in Afrika. Es folgten streng protestantische Mennoniten, auch sie deutschen Ursprungs, auf der Flucht vor religiöser Intoleranz. Sie kamen aus der Ukraine, aus Kanada oder aus den Mennonitensiedlungen in Mexiko.
Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten deutsche Vertriebene in Paraguay Zuflucht vor den Sowjets; auch Nazis in großer Zahl, darunter KZ-Arzt Mengele. Ihnen folgten Kriminelle aus aller Welt, Schmuggler, Rauschgifthändler auf der Flucht vor der Justiz, später Ärzte und Anwälte auf der Flucht vor dem Fiskus, ferner zivilisationsmüde Aussteiger, die ihrer verbürokratisierten Heimat entfliehen wollten. Allen bietet S.100 Paraguay ein neues Zuhause, in kaum einem zweiten Land werden Niederlassungsbestimmungen so kulant gehandhabt. Insbesondere wer deutsch spricht, ist willkommen, seit der deutschstämmige General Alfredo Stroessner als Diktator waltet - nun schon 28 Jahre lang.
Sohn eines bayrischen Buchhalters, der 1898 auswanderte, stieg Berufssoldat Stroessner durch Fleiß, Arbeitskraft und mutigen Einsatz im Chaco-Krieg von 1932 gegen Bolivien in den Rängen des Militärs auf. Besondere Phantasie zeigte der biedere Offizier nie, als Volkstribun war er denkbar ungeeignet.
So schien er in der von ständigen Putschen und Gegenputschen bestimmten Politik Paraguays niemandem gefährlich zu sein. Doch er wußte sich den Machthabern verdient zu machen, bis er 1954 selbst putschen konnte. Seither erzwingt er mit harter Hand die von ausländischen Investoren so geschätzte Ordnung und Stabilität.
Doch nicht alle Paraguayer empfangen die Einwanderer aus Übersee mit offenen Armen. Denn die Lobesgesänge auf den angeblichen sozialen Frieden und auf den Überfluß an Land sind nicht mehr als Werbesprüche. In Paraguay häufen sich die Konflikte um Landbesitz - Bauern werden von ihren seit Jahrzehnten bebauten Feldern vertrieben. Der Einwanderer merkt oft zu spät, in welches Land er wirklich kommt.
Der deutschstämmige Sowjet-Emigrant Arno Denig etwa kaufte sich in der Provinz Caaguazu 1284 Hektar Land, gesichert durch einen Vertrag und alle notwendigen Eigentumsurkunden. Wohlgerüstet mit starken Traktoren, mit Planierraupe und Mähdrescher, rückte er an, sein neues Leben aufzubauen.
Doch auf seinem Land saßen schon Siedler. Wo nun dank modernster Technik gewirtschaftet werden sollte, bebauten Bauern auf primitiv gerodeten Lichtungen im Urwald ihre Felder mit Maniok, Mais, Tabak und Baumwolle.
Dem rechtmäßigen Eigentümer wollten die Bauern keineswegs weichen - sie seien schon immer dagewesen. Den Siedler Denig wiederum hielt das nicht zurück. Kurzentschlossen fing er zu pflügen an, trieb sein Vieh auf die Maisfelder der Paraguayer, zog Zäune und zündete jene Hütten, die auf seiner Seite standen, einfach an.
"Hier war mein Schlafzimmer", sagt Bartolome Duarte und stellt sich auf die verkohlten Reste seines einstigen Hauses. Ringsum ist sein vom Vieh zertrampeltes Feld zu erkennen, im übrigen nur noch die weite Einöde, von Denig umgepflügt.
Duarte versteht das alles nicht. Er ist doch Angehöriger der Regierungspartei, trägt stolz das rote Hemd der "Colorados", auf der Brusttasche ein Bildnis "seines" Generals Stroessner. "Ich bin Veteran, ja sogar Kriegsversehrter aus dem Chaco-Krieg, da habe ich doch ein besonderes Recht auf mein Land", sagt er. Doch Polizei und Militär helfen nur dem Ausländer, der ihn vertrieben hat.
Das Gewohnheitsrecht der Einheimischen stört die Neusiedler nicht im mindesten. Sie sehen in den Bauern nur ländliche Chaoten. "Die setzen sich auf ein Stück Land, um Entschädigung zu kassieren", behauptet Rudolf Hambach von der Ludwig-Frank-Stiftung. "Dann ziehen sie weiter, behaupten erneut, schon 20 Jahre dagewesen zu sein, auch wenn es nur drei Monate waren."
"Santa Ana gibt es schon seit über 80 Jahren", meint dagegen der 70jährige S.101 Ireneo Mercado Poblador. Als Inhaber des einzigen Ladens ist er einer der einflußreichsten Männer der von Denig auf der einen Seite, von einer brasilianischen Großfarm auf der anderen Seite eingeengten Siedlung.
Hier leben 78 Familien, aber viele haben jetzt kein Land mehr, auf dem sie dieses Jahr säen könnten. "Wir leben noch von den Vorräten, bald werden wir hungern." Mercado Poblador kam als Zehnjähriger nach Santa Ana, als sich noch niemand um Eigentumsrechte zu kümmern brauchte. "Wir lebten völlig abgeschlossen - nur ein einziger Weg führte hierher. Nach Villarrica auf den Markt fuhren wir hin und zurück zwei Monate mit dem Ochsenkarren." Zwei Monate für 200 Kilometer!
Dann kamen die Holzfäller in den Urwald, schlugen Wege, schleppten die wertvollen Tropenholz-Stämme ab. Sie schufen zwar Arbeitsplätze in ihren Sägewerken, brachten aber auch eine genaue Vorstellung von Eigentum und Gesetz mit.
Es folgten die ersten Neusiedler - meist deutschstämmige Bauern aus Brasilien, die steigende Soja-Preise genutzt hatten, um ihr nun wertvolles Land in Brasilien teuer an Agrarmultis zu verkaufen und in Paraguay billigeres zu erwerben, hauptsächlich in den Grenzprovinzen Alto Parana, Itapua und Canendiyu.
Die Neuzeit war angebrochen: Die Bauern, bislang weitgehend Selbstversorger, erfuhren nun zum erstenmal, daß Land überhaupt verkauft werden kann. Denn was immer im Überfluß vorhanden gewesen, was zudem Grundlage des Lebensunterhaltes war, konnte in der Vorstellung der paraguayischen Bauern kein Handelsobjekt sein.
Zwar verkaufte man sich gegenseitig "mejoras", verbessertes Land - doch bezahlt wurde dabei nur die Arbeit etwa des Rodens oder das Anlegen eines Weges. Daß es irgendwo Großgrundbesitzer gab, die bis zu drei Millionen Hektar ihr eigen nannten, war wohl keinem der Bauern bewußt.
Sie schleichen heute auf ihre früheren Felder, wenn Denig abwesend ist, ernten im Mondschein ihre Maniok-Wurzeln und sehen machtlos zu, wie "el aleman", der Deutsche, Stück für Stück ihrer "chacra" umpflügt.
Dabei hätte der von den Verkäufern, den Brüdern Fernandez, erfahren müssen, daß das Land nicht unumstritten ist. "Schon 1971 haben wir beim Institut für Agrarreform (IBR) auf Eigentum an unseren Feldern geklagt", bestätigt der Sekretär der Bauernkommission von Santa Ana, und tatsächlich ermöglicht ein progressives Agrarreformgesetz, daß lang besiedelte Ländereien in das Eigentum des Bauern übergehen können. Mit Hilfe von Anwälten der Kirche versuchen die Bauern seit Jahren schon, die Anwendung des Gesetzes zu erkämpfen.
Gesetze gibt es in Paraguay aber nur, wenn nicht gerade etwas Wichtigeres dagegensteht - ein Agrarmulti etwa oder ein anderer potenter Käufer aus dem Ausland.
So versprach das IBR zwar schon in den 70er Jahren, 2000 Hektar Land zugunsten der Bauern von Santa Ana zu enteignen. Doch die Truppen, die schließlich ins Dorf einmarschierten, schützen nur das Eigentum der Gebrüder Fernandez. Und auch Arno Denig kann auf die Uniformierten zählen, um lästiges Gesindel zu vertreiben.
In dem von deutschen Werbern so hochgelobten "friedlichen und stabilen Land" Paraguay gilt einzig die Macht des Geldes.
Während immer mehr Bauern vertrieben werden, kaufen ausländische Investoren das Land auf, bisher schon 30 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Der Landbevölkerung hat der Zustrom von Kapital nichts gebracht: Die Kaufkraft der Bauern ist seit 40 Jahren nicht mehr gestiegen.
Um so wohlhabender ist die Oberschicht geworden. "Bestechungsgelder sind eben eine Art Sondersteuer", meint verharmlosend der deutsche Unternehmer Lothar Haupt, "wie überall in Lateinamerika läuft nichts ohne Korruption. Dafür gibt es kaum Steuern, ja nicht einmal eine Branntweinsteuer."
Während der Einwanderer vor allem die Steuerersparnis sieht, beklagen Paraguayer den "Zusammenbruch moralischer Werte, der die Stabilität unserer Nation in Frage stellt", so die Bischofskonferenz des Landes 1979 in einem Hirtenbrief.
Die Folgen zeigen sich überall in Gesellschaft und Staat. "Paraguay ist ein Disneyland für Gangster", sagt ein in Brasilien exilierter Politiker. "Man spricht jetzt viel über Bolivien, wo vor zwei Jahren die Drogenmafia die Macht übernommen hat. In Paraguay sind aber die Gangster seit Jahren die Hauptstütze der Diktatur Stroessners."
Tatsächlich gleicht das langjährige Militärregime einer Unterwelt, in der Mafia-artige "Familien" um Macht und Pfründe streiten.
So hat die Familie Stroessner das Glücksspielgeschäft fest in der Hand, sichere Quelle millionenhoher Gewinne. Ebenso selbstverständlich ist es auch, daß der Import von Batterien verboten wird, sobald ein Verwandter des Diktators eine Batterie-Fabrik eröffnet.
General Andres Rodriguez, Kommandeur des Ersten Armeekorps, ist wohl S.102 der zweitmächtigste Mann nach Stroessner und Kandidat für die Nachfolge. Um den Ursprung seines Reichtums wird heftigst spekuliert. Laut US-Drogenfahndungsbeamten soll der General Verbindung zu Heroinschmugglern gehabt haben. Zwischen 1968 und 1972 kam die Hälfte des in den USA konsumierten Heroins aus Paraguay.
Druck der USA hat diesen Handel heute eingeschränkt, doch das große Geld wird immer noch im Schmuggel gemacht. Seien es minderjährige Mädchen für die Bordelle hoher Militärs oder polnischer Wodka für den Export nach Brasilien, in Asuncion ist der Kommerz fest in der Hand der Gangster.
Fast die Hälfte aller in Paraguay verkauften Waren sind geschmuggelt. Zehntausend in Brasilien und Argentinien gestohlene Autos fahren im Land. Paraguay exportiert mehr Kaffee, als es produziert - brasilianische Pflanzer umgehen via Paraguay die Exportsteuern ihres Landes.
"Schmuggler kaufen bei den Multis direkt ein", sagt ein Polizeireporter in Sao Paulo, "Elektrogeräte bei Sony oder Sharp, die in Brasilien verbotenen Hormone von Pfizer für die Viehzucht, was immer gut verkauft werden kann."
Dank einem Transit-Abkommen für Container werden für Paraguay bestimmte Ladungen im Hafen von Santos nicht kontrolliert. So kann in Sao Paulo ungestört ausgeladen werden, was auf den brasilianischen Markt kommen soll, die Container fahren voller Kaffee nach Paraguay weiter. "Und auf dem Rückweg, um das Dreiecksgeschäft abzuschließen, bringen sie Maconha (Marihuana) mit."
Ein Container soll auf jeder Reise etwa 200 000 Dollar Gewinn bringen. Und vor Verfolgung sind die Schmuggler in Asuncion sicher: Nur wenn die brasilianische Polizei den paraguayischen Behörden noch mehr Schmiergeld zahlt als ein gesuchter Gangster, besteht eine Chance, daß er ausgeliefert wird.
Die Wogen der Korruption spülen aber nicht nur viel Geld ins Land. Sie sind für General Stroessner die Basis seiner Macht. Wie einst Nicaraguas Anastasio Somoza verteilt der General Gunst und Geschäft so geschickt an seine Gefolgschaft, daß sie ihm völlig hörig ist. Nie brachte die Oberschicht Paraguays einen ernsthaften Rivalen für den nun schon greisen General hervor.
Noch besser als die Somoza-Familie verstand es Stroessner, ein im Ansatz demokratisches System von Grund auf zu verfälschen und in seinen Dienst zu stellen, ja einen in Lateinamerika wohl einmaligen Staat zu schaffen.
Er bemächtigte sich nach seinem Putsch im Jahre 1954 einer der beiden großen traditionellen Parteien des Landes, der "Colorado"-Partei. Einige nicht genehme Parteiführer wurden ermordet, andere ins Exil gejagt. Heute sind Militär, Staatsapparat und Colorado-Partei vollständig miteinander verfilzt. Jeder Beamte wird automatisch Mitglied der Partei und bekommt ein Abonnement auf die Parteizeitung "Patria" - die Gebühren werden vom Gehalt abgezogen.
Korruption und seit 1954 ununterbrochener Ausnahmezustand haben die Justiz als unabhängige Kraft ausgeschaltet - die Richter sind vom Diktator abhängig. Die Gewerkschaften wurden gleichgeschaltet, Studenten in hitlerjugendartigen Brigaden organisiert.
Zwischen 1958 und 1976 wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen 10 000 bis 12 000 politische Gegner ermordet, über 1,3 Millionen Paraguayer, das sind 40 Prozent des Volkes, leben heute im Exil.
Die in den 70er Jahren von der Kirche organisierten "Ligas Agrarias" - Selbsthilfeorganisationen, die Kooperativen schaffen und unter Leitung von Anwälten den juristischen Widerstand gegen Großgrundbesitzer organisieren sollten - wurden blutig zerschlagen.
Als 1980 einige Bauern in der Provinz Caaguazu einen Autobus entführen wollten, um in der Hauptstadt gegen ihre Vertreibung zu protestieren, wurden sie als Aufständische bezeichnet und nach einer Hetzjagd umgebracht.
Heute arbeitet die Repression meist weniger brutal. Im Parlament bekommt die Opposition ein Drittel der Sitze, da offenbar sogar Stroessner seine eigenen Wahlerfolge von über 80 Prozent der Stimmen nicht allzu ernst nimmt. Doch die kleinen Oppositionsparteien erschöpfen sich in unendlichen Streitereien und fruchtlosen Debatten.
Zur Mäßigung des Regimes trug vor allem US-Botschafter Robert White bei, der nach 1977 die Freilassung Hunderter politischer Häftlinge erreichte. Das machte den Vertreter Washingtons, der die Regierungmitglieder Paraguays als "besoffene alte Männer" bezeichnete, nicht gerade beliebt. Wohl als einziger Botschafter bekam er nach Ablauf seiner Zeit in Asuncion von Stroessner keine Ehrenmedaille.
Das Regime begriff die Lektion: Offene Gewalt und allzu viele politische Häftlinge bewirken negative Publizität. Selektiver Terror kann die Ordnung ebenso wirksam erhalten.
Und wenn auch heute weniger gefoltert wird als einst, leben viele Paraguayer doch in ständiger Angst, daß man gerade sie als abschreckendes Beispiel heraussuchen könnte.
So geschah es der Psychologie-Studentin Nadymi Yore, die am 30. Juli 1981 von einer Polizeipatrouille verhaftet wurde, weil sie "subversive Literatur" besitze:
Ein Roman des Argentiniers Julio Cortazar und ein Buch über den Marxismus, wenn auch gegen ihn, genügten schon - sie landete im Gefängnis. "Es geht doch darum, alle Studenten zu warnen", meinen Kommilitonen, "weil in S.104 letzter Zeit an der Universität wieder zaghaft protestiert wurde."
Zufällig wohl wurde gerade Nadymi Yore Opfer. Nacht für Nacht umzingelt eine Spezialeinheit der Polizei einen x-beliebigen Häuserblock der Hauptstadt, treibt im Morgengrauen die Bewohner auf die Straße und durchsucht alle Wohnungen systematisch.
Mit solchen Methoden hat Stroessner äußere Ordnung und scheinbare Stabilität erhalten können - wie lange aber noch? Denn die wirtschaftliche Basis seines Regimes schwankt bedenklich.
"Wir kommen in eine ganz deutliche Phase der Rezession", meint ein paraguayischer Wirtschaftler. "Heute treten die Spätfolgen des von ausländischen Investoren so begeistert ausgenutzten Wirtschaftsaufschwunges zutage."
Anfangs konnte Stroessner durchaus noch Erfolge aufweisen. Die politische Ordnung erlaubte einen bemerkenswerten Aufschwung des Handels. Die Exporte Paraguays stiegen von 30,7 Millionen US-Dollar im Jahre 1953 auf 278,9 Millionen im Jahre 1977, die Importe im selben Zeitraum von 56,2 auf 255,3 Millionen.
Der Guarani wird seit 1960 zum festen Wechselkurs von 126 pro US-Dollar getauscht. Das Bruttosozialprodukt nahm während der 70er Jahre um durchschnittlich 7,5 Prozent jährlich zu.
Doch der Erfolg stand auf schwacher Basis. Zu sehr verließ sich Stroessner auf ausländisches Kapital - die Auslandsschuld stieg von 11 Millionen Dollar im Jahre 1956 auf 900 Millionen im Jahre 1981. Das mag bescheiden sein im Vergleich etwa zu den Schuldenbergen der Nachbarländer Argentinien oder Brasilien.
Doch paraguayische Wirtschaftler sind trotzdem beunruhigt über die langfristigen Trends: Seit 1978 ist die Außenhandelsbilanz negativ, 1981 erreichte das Defizit 303 Millionen Dollar. Die Überschüsse der dank ausländischen Investitionen immer noch positiven Zahlungsbilanz sinken rapide, von 167 Millionen Dollar 1980 auf 65 Millionen ein Jahr später - ein Sturz von 61 Prozent.
Das Vertrauen in die einheimischen Banken schwindet zusehends, seit im letzten Mai das Wechsel- und Kreditinstitut Menno Tours zusammenbrach. Sparer hoben in vier Tagen 36 Millionen Dollar ab, ein regelrechter Bankenkrach wurde schon befürchtet.
Hauptgrund für die pessimistischen Analysen ist wohl das fehlende Vertrauen der paraguayischen Unternehmer. "Hier investiert keiner mehr", meint ein Wirtschaftler in Asuncion, "in den letzten vier Monaten des vergangenen Jahres schlossen ebenso viele Betriebe wie in den letzten vier Jahren." Restaurants und Geschäfte klagen über Rückgang ihrer Umsätze, während der in den Wechselstuben frei gehandelte Dollarkurs des Guarani auf 188 gesunken ist.
"Und auch das Kraftwerk von Itaipu wird diese Entwicklung nicht aufhalten können", schätzt ein einheimischer Journalist, "auch dort ist die Fiesta ausgetanzt." Denn der Bau des größten Stauwerks der Erde am Alto-Parana-Fluß ist beinahe beendet. Tausende Arbeiter werden auf einen schrumpfenden Arbeitsmarkt entlassen.
Mit der erwarteten Elektrizitätsproduktion wird Paraguay aber nur wenig anzufangen wissen. Zwar bringt der Export des Stroms nach Brasilien Geld ins Land, aber Einnahmen von über 200 Millionen Dollar jährlich ab Ende der 80er Jahre, die sich die Machthaber errechneten, sind kaum realistisch.
Ein großer Teil des Geldes wird zur Abtragung des von Brasilien vorfinanzierten paraguayischen Anteils der Baukosten des Gemeinschaftsprojektes dienen müssen. So scheint es fraglich, ob die Devisen aus Itaipu (und aus dem ähnlichen Gemeinschaftsprojekt mit Argentinien stromabwärts in Yacyreta) die drohende Krise in Paraguay werden abwenden können.
"Es müssen drastische Maßnahmen ergriffen werden", schätzen Wirtschaftsexperten in Asuncion, "um die produktiven Sektoren wieder anzukurbeln und die Finanzspekulation von Landhändlern und Schmugglern einzuschränken. Sonst droht Paraguay die völlige wirtschaftliche Lähmung."
Während deutsche Investoren in Paraguay Sicherheit suchen, geht paraguayisches Kapital schon außer Landes. Die Kapitalflucht wird für 1981 auf über 400 Millionen Dollar geschätzt.
Auch Investieren in paraguayischem Land ist nicht mehr rentabel. Zwar kann dank ständigem Zufluß von neuem Auslands-Kapital die Illusion eines Booms erhalten werden. Doch "verdienen tun ja nur die, die sich vor ein paar Jahren etliche hunderttausend Hektar gesichert haben", meint ein im Chaco ansässiger Paraguayer. "Die können das Land jetzt zu stark erhöhten Preisen weiterverkaufen. Wer jetzt einsteigt, wird es sehr schwer haben."
Franz Nader aus Ladenburg weiß das schon. Er hatte seinen Ausstieg aus Deutschland - "wo ich ja doch nur für das Finanzamt gearbeitet habe" - genauestens geplant. Fünf uralte Henschel-Traktoren hat er mitgenommen, dazu zwei Container voller Werkzeuge und Material, als Erinnerung an die Heimat auch ein Hufeisen mit Glocke, das zu Hause an der Tür seiner Pferdezucht hing.
Von der Großfarm Aguada Lidia kaufte Nader eine "legua", etwa 1800 Hektar Land, die ersten 80 Hektar ließ er mit der Planierraupe schon roden. "Aber jetzt mache ich alles selber", erklärt er voller Zuversicht, "denn bei den Preisen, die hier verlangt werden, geht man drauf."
Die Firma Aguada Lidia etwa verlangt für die Erstellung eines Zaunes 150 000 Guarani (2900 Mark) pro Kilometer, dazu 15 000 pro Kilometer für "Vorarbeiten". Franz Nader heuerte ein paar Indianer an und schafft dasselbe für ein Drittel des Preises.
Ein Haus baut sich der unternehmungslustige Einwanderer auch selbst, mit den traditionellen "adobe"-Steinen aus getrocknetem Lehm. "Man muß nur schauen, wie es die Einheimischen machen, vor allem muß man sich Zeit lassen - ich brauch'' ja nicht mehr als hundert Hektar pro Jahr zu roden, um hier gut S.105 und in Ruhe leben zu können. Da brauche ich nicht mal eine Planierraupe."
Aber was für den Aussteiger gilt, der mit Frau und 16jährigem Sohn eigenhändig sein neues Leben aufbauen will, gilt keineswegs für den renditebewußten Investor.
"Ich habe hier vor drei Jahren ein Stück Land zu einem Viertel des heutigen Preises erworben", rechnet ein Unternehmer aus Bremen vor. "Jetzt müßte ich für die Rodung, Umzäunung, Aussaat des Büffelgrases und Ankauf des Viehs 300 000 Mark investieren. Davon kann ich, das versichert die Farmleitung, eine Rendite von 18 bis 20 Prozent in zehn Jahren erwarten."
Doch der Anschaffungspreis des Landes ist dabei nicht mitgerechnet. Und ob die Viehzucht so blendend läuft, wie es die Phantasie der Landverkäufer darstellt, ist zweifelhaft: Verendete Kühe in den Straßengräben zeigen, was Trockenheit und Futtermangel in diesem Land bedeuten.
"Es ist erstaunlich, wie leicht sich wichtige Leute in Politik und Industrie aufs Kreuz legen lassen", meint der Bremer Unternehmer nach dem Besuch auf der Farm. Denn wer kühl kalkuliert, kann im "Goldland Paraguay" kaum noch investieren wollen. "Aber viele können hier einfach nicht mehr rechnen, obwohl sie sonst Großbetriebe leiten und in wichtigen Ausschreibungen genaueste Kalkulationen erstellen müssen. Die Angst vor den Russen blendet sie."
So verkauften sie ihre Villen auf Ibiza, schaffen sich schnelle Firmenflugzeuge an, um im letzten Moment abhauen zu können, und suchen in Paraguay eine Zuflucht für den Tag der Apokalypse.
Die aber könnte sie am Alto Parana eher erreichen als an Weser oder Elbe. "Wenn General Stroessner stirbt", so ein in Paraguay ansässiger Bundesdeutscher, "bricht hier das Chaos aus."
Die auf eine einzige Person maßgeschneiderte Diktatur dürfte dann tatsächlich schnell zerfallen. "Wie in Spanien nach dem Tode Francos", prophezeit ein einheimischer Journalist, "wird man sich hier plötzlich schämen, so lange einem einzigen Herrn gedient zu haben. Alle werden sie die Jacke umkehren wollen, ein ''strosnismo'' ohne Stroessner ist unmöglich."
So bereiten sich Mafiafamilien wie Wirtschaftsclans darauf vor, um die Nachfolge Stroessners zu kämpfen. Weitsichtige Unternehmer hoffen auf eine demokratische Öffnung nach spanischem Modell, eine Anpassung der politischen Strukturen an die Bedingungen der modernen Wirtschaft. Andere jedoch sehen gegeneinander putschende Generäle und gewaltsame Austragung sozialer Konflikte.
"Es wird neben Paraguay und Parana einen dritten Fluß geben", ahnt düster ein General, "einen Strom von Blut."
S.101 Mit einem Plan umstrittener Ländereien. * S.104 Im Heldenpantheon, mit Studiengruppe der Ludwig-Frank-Stiftung. *

DER SPIEGEL 29/1982
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