19.07.1982

As und Pik sieben

Vor fünf Jahren feierten Fans und Fachleute den deutschen Radprofi Thurau als Star der Tour de France. Diesmal kämpfte er bei der Tour um die Fortsetzung seiner Karriere.
Soll das heißen, daß ich schon weg vom Fenster bin", fragt der besiegte Radstar Budzinski seinen sachverständigen Freund. "Es kann etwas zerbrochen sein in dir", hört er als Antwort.
Der Dialog im Radsportroman ("Salz im Kaffee") des Bestseller-Autors und Radsportexperten Hans Blickensdörfer kündigt den Niedergang seines Romanhelden Budzinski an. Die Karriere des fiktiven Stars entspricht bis in viele Einzelheiten dem Radlergeschick des aktiven Radprofis Dietrich Thurau, 27.
Dem real existierenden Thurau war im Juni von seinem Arbeitgeber Konrad Kotter wegen Erfolgslosigkeit fristlos gekündigt worden. Ein Schnellvertrag eröffnete ihm dennoch den Start bei der Tour de France. Doch Thurau muß, um bei seiner neuen Firma Honorar und einen Anschlußvertrag zu verdienen, nach 3519 Kilometern mit knapp 2000 Meter hohen Pässen am 25. Juli in Paris ankommen.
Wie die Kunstfigur Budzinski hatte Thurau 1977 am gefürchteten Tourmalet, einem Zweitausender in den Pyrenäen, seinen bedeutendsten Sieg erkämpft und bei der kräfteraubendsten Dauerprüfung, die Sportveranstalter ersonnen haben, die Führung verteidigt. 15 Tage fuhr Thurau im Gelben Trikot, fünfmal erspurtete er Etappensiege, als fünfter der Gesamtwertung beendete er die Tour de France; etwas später wurde er Vizeweltmeister. Die französische Zeitung "Sud-Ouest" schlagzeilte "Thurau über alles", die Bundesdeutschen wählten den Frankfurter zum "Sportler des Jahres".
Alsbald schlüpfte sein Vater Helmut Thurau in die Rolle des Managers. "Mer koste jetzt 4000", vermittelte er seinen Didi für Autogrammstunden.
Tief, wie vom Gipfel des Tourmalet, stürzte Thurau ab. Er war in seinem Glanzjahr für TI-Raleigh gerollt, die erfolgreichste Equipe von allen, allerdings nicht als Kapitän. Übertriebene Ansprüche und Kollegenschelte untergruben seine Stellung. Sein damaliger holländischer Rennleiter Peter Post ahnte, daß "Thurau überall Schwierigkeiten bekommt, wenn er sein persönliches Verhalten nicht radikal umstellt".
Beim nächsten Vertragspartner, dem belgischen Rennstall Ijsboerke, für den er 1979 seine zweite Vizeweltmeisterschaft einfuhr, geriet er ebenso zwischen die Speichen. Er trennte sich vorzeitig und im Streit; 100 000 Mark Konventionalstrafe wurden fällig. Thurau wechselte die Rennställe wie Steuerflüchtlinge ihren Aufenthaltsort. Bei Steyr-Puch erlangte er zwar die Kapitänswürde. Aber von Mannschaft zu Mannschaft stieg er gleichsam von der Bundesliga in die Amateurklasse ab.
Zudem kostete das schwarze Jahr 1980 den einstigen Star viel Kredit. Er gab im Giro d'Italia und in der Tour de France auf und verwickelte sich in drei Doping-Affären. Das erste Mal erschien er nicht zur Doping-Kontrolle: 1000 Mark Geldstrafe. Beim zweitenmal sonderte die Analyse verbotenes Phentermin aus; ein Formfehler verhinderte die fällige Strafe.
Beim dritten Mal fiel die Probe abermals positiv aus. Doch vor der Gegenprobe hatte ein nie überführter Unbekannter offensichtlich das Fläschchen vertauscht: Der Testtropf des Nichtrauchers Thurau wies einen besonders hohen Nikotinspiegel auf. "Wer nichts nimmt", hatte Thurau zu seiner Glanzzeit zum Thema Drogen erklärt, "der bringt auch nichts." Er wollte jedoch nichts schlucken, "was mich schnell kaputtmacht".
Im letzten Jahr schien das auffallendste Talent des bundesdeutschen Radsports wieder Tritt zu fassen. Er behauptete sich wenigstens bei der Schweizer Rundfahrt im Vorderfeld und wurde Zweiter im Frankfurter Weltcuprennen "Rund um den Henninger Turm" - nicht ohne einen Geruch von Skandal aufzurühren. Der belgische Sieger Jos Jacobs behauptete, Thurau hätte ihm 20 000 Mark geboten, falls er ihn gewinnen ließe. Thurau: "Ich weiß von nichts."
Trotz aller Pannen verdiente der einstige Star klotziges Geld: Bei Sechstagerennen kassierte er bis zu 50 000 Mark. Im vergangenen Winter strampelte er acht Sixdays mit - extrem viele. Erfolgreiche Straßenprofis wie Eddy Merckx (fünf Toursiege) oder Bernard Hinault (drei Toursiege) meiden die Winterrennen in verräucherten Hallen, weil sie großenteils in die unerläßliche Erholungsphase fallen und das notwendige Saisonaufbautraining verzögern.
Erst im März stand zudem fest, daß Thuraus Kotter-Team auch in dieser Saison starten konnte. Thurau fuhr noch Sechstagerennen, als die Konkurrenz schon an der Mittelmeerküste für die bevorstehende Saison Kilometer bolzte.
Ohne zureichende Vorbereitung kam der Kotter-Kapitän bei Rennen von Rang nicht mehr an. Als er beim Giro d'Italia - eineinhalb Stunden im Rückstand - wieder vom Rad kletterte, feuerte ihn Teamchef Kotter fristlos. Thuraus Tätigkeit, begründete er, bedeute keine Werbung mehr für ihn, "sondern eher schon Geschäftsschädigung".
Kurzfristig engagierte der italienische Rennstall Hoonved-Bottecchia Thurau für die Tour de France - ohne Garantiegehalt. "Ich komme in Paris an", versprach Thurau, "egal wie." Er startete überraschend gut.
Der einstige französische Toursieger Jacques Anquetil lobte schon: "Er hat bewiesen, daß er doch Klasse hat." Da standen allerdings die entscheidenden Bergetappen noch bevor, auf denen er sich stets mehr quälte als Kleinere.
"Schon vor ein paar Wochen hätte er beim Giro wissen müssen, daß der Junge ausgebrannt war", sagt sich der Radsportjournalist am Ende des Blickensdörfer-Rennromans. "Kein As, sondern Pik sieben. Kanonenfutter für die anderen."

DER SPIEGEL 29/1982
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