10.05.1982

Ehrenwerte Verlegenheiten auf dem Sockel

SPIEGEL-Redakteur Jürgen Hohmeyer über neue Denkmäler in Deutschland
Stunk hatte es schon gegeben, lange bevor das Denkmal öffentlich aufgerichtet war. Auch 1912 hatten sich bereits Hamburger zu Wort gemeldet, die den Plan "unvölkisch" fanden, den dichtenden Freigeist und Juden Heinrich Heine in seinem "Stiefvaterländchen" mit einem Standbild zu ehren. Und unmittelbar vor dessen Enthüllung 1926 sah der Senat Gründe, einen "Nachtposten zur Bewachung" der Bronzefigur in den Stadtpark abzukommandieren.
Dort stand das Denkmal dann nur sieben Jahre. Weil der Poet "in seinen Schriften das deutsche Volk in gröblicher Weise beschimpft" haben sollte, wurde die Statue 1933 eilig gestürzt, später eingeschmolzen. Das soll nun wettgemacht werden - soweit möglich.
Denn bei Verlust des Originals hätten auch alte Photos und ein erhaltenes Gipsmodell nicht ausgereicht, um die historische Skulptur, ein Werk des Bildhauers Hugo Lederer, getreu zu rekonstruieren. So bekam der Künstler Waldemar Otto in Worpswede Auftrag, einen Heine dem Vorbild "nachzuschaffen" (Senats-Mitteilung). Am Dienstag dieser Woche wird die Nachschöpfung auf den Rathausmarkt gestellt: in biedermeierlichem Habit und jener Haltung, für die sich schon Lederer entschieden hatte, von Otto freilich stilisiert und gestrafft.
Mit leger gekreuzten Füßen, das Kinn in die linke Hand gestützt, so scheint die Figur Nachdenklichkeit und Skepsis auszudrücken, vielleicht auch angesichts der Frage, ob wohl Heinrich Heine - oder überhaupt wer - 1982 noch angemessen auf einem Sockel steht.
Solche Zweifel drängen sich auf, wann immer eine Stadt oder sonstige Verehrer-Gemeinde einen verstorbenen Großen weithin sichtbar und dauerhaft würdigen möchte.
Daß etwa Konrad Adenauer ein Monument verdient habe, darüber konnten sich Familie und politische Parteien noch ziemlich leicht einigen. Einen Künstler aufzufinden, der diese Aufgabe mit Anstand bewältigte, war schon erheblich schwieriger.
Doch als vor ein paar Wochen der Münchner Plastiker Hubertus von Pilgrim ablieferte, nämlich einen zwei Meter hohen Bronzekopf mit Symbol-Applikationen wie Rosenstock und Kölner Dom, da schien niemand den preziösen Dickschädel haben zu wollen. Letzte Woche endlich sagte ihm die Stadt Bonn endlich einen Standort beim Bundeskanzleramt zu.
Zu guter Letzt an seinen Platz gelangte, nach jahrelangem Streit über die Würdigkeit des Geehrten und das Honorar des Künstlers, 1981 in Wuppertal ein Marmorbildwerk, das Friedrich Engels huldigt. Aber die fertige Skulptur des Wiener Sozialisten Alfred Hrdlicka schlägt keineswegs alle möglichen Einwände nieder. Der Steinklotz, dem ein S.205 chaotisches Knäuel von Gliedern entquillt, provoziert auch nicht nur das obligate Volksempfinden. Sicher hätte mancher Wuppertaler, wenn es denn schon um Engels ging, den Sohn der Stadt lieber als Porträtfigur gesehen. Doch auch das leidende, seine Ketten sprengende Proletariat, das der Bildhauer statt dessen vor Augen führen wollte, hätte eine dreidimensional bewältigte Darstellung vertragen, die nicht in Körperfragmente und Teilansichten auseinanderfällt. Fatal an Hrdlickas zerstückeltem Realismus ist zudem der pathetische Krampf der Muskeln und geschwollenen Adern. Einerseits kein herkömmliches Denkmal, ist die Skulptur andererseits auch als Werk der Gegenwart unglaubwürdig.
Schon ein paar Monate länger als Wuppertal sein Engels-Monument und reichlich ein Jahr länger als Hamburg seinen Heine, hat die Geburtsstadt dieses Dichters, Düsseldorf, als private Stiftung den ihren.
Fragmente auch hier, und dazu eine offene Kapitulation vor der Denkmalsidee: Der Bildhauer Bert Gerresheim verstreut die Gesichtszüge Heines, nach dem Motiv der Totenmaske, buchstäblich über eine Park-Freifläche und macht sie zu Klettergeräten für Kleinkinder.
Natürlich ist Heine nicht zufällig ein wiederkehrender Problemfall. Bei anderen bedeutenden Figuren der Geschichte mögen sich die Deutschen beruhigt auf Denkmal-Pflege beschränken und etwaigen entsprechenden Bedarf mit überkommenen Bildwerken durchaus gedeckt finden. Die wenigen Heine-Denkmäler aus einer Zeit, in der solche Produktion S.207 noch minder heikel erschien, fielen aber den Nazis zum Opfer.
Schwerlich ist nun noch an eine Tradition anzuknüpfen, die in der Antike mit dem Schritt vom Götterbild zum Herrscherdenkmal begonnen hatte. In der Renaissance waren die besten Bildhauer prominenten Heerführern zu Diensten und setzten sie für den Nachruhm aufs Pferd. Das historisierende 19. Jahrhundert, nicht eben eine Blütezeit der Skulptur, holte die Heroen gern vom hohen Roß, erachtete nun aber auch Geistesgrößen, Dichter und Komponisten in bürgerlicher Tracht als denkmalwürdig. Der Personen-Kult an sich blieb ebenso unangezweifelt wie ein gewisser Lesebuch-Kanon erlauchter Namen.
Für die Deutschen rückte beispielsweise, nach seinem Tod, der Reichsgründer Bismarck in dieses Pantheon auf, und nirgends wurde ihm so monumental gehuldigt wie in Hamburg. Den Wettbewerb für ein Bismarck-Denkmal gewann 1901 ein bis dahin wenig bekannter Künstler, Hugo Lederer.
Sein Riesen-Werk, fast schon mehr Architektur als Plastik, das den eisernen Kanzler übermenschlich gepanzert darstellt, bleibt eine höchst originelle Leistung, wenn auch nicht ohne Anflug ungewollter Komik. Doch so selbstverständlich das steinerne Dokument erhalten zu werden verdient, so wenig wären die Nachkriegs-Hamburger wohl auf die Idee gekommen, es nach einer Zerstörung neu zu errichten.
Der Wandel läßt sich weder revidieren noch bedauern. Nicht nur die beflissene Kollektivschwärmerei für den Fürsten Bismarck ist dahin, sondern überhaupt ein Bewußtsein, das guten Gewissens Einzelpersonen auf Denkmalsockel stellte, sie damit demonstrativ über Zweifel und Kritik erhob - eine Illustration der Begriffswelt von Obrigkeit und Gehorsam oder Glauben. Noch im allerbürgerlichsten Philosophen- oder Beamtendenkmal schimmert sein Archetyp, das Götterstandbild, durch.
Der Entwicklungsstand der Kunst im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert bestätigt es: Manche Aufgaben haben sich erledigt. Wie kein wirklich zeitgenössischer Lyriker mehr eine Nationalhymne dichten könnte, wie für repräsentative Porträts nur noch Maler minderen Ranges bereitstehen (scheinbare, ironische Ausnahme: Andy Warhol), so können die besten Bildhauer mit Aufträgen für Personen-Denkmäler nichts anfangen. Typisch: Pablo Picasso erklärte, nach ergebnislosen anderen Projekten, einen Frauenkopf aus seinem Fundus zum Denkmal für den Dichter Guillaume Apollinaire. Vergleichbar sind Überlegungen des deutschen Plastikers Ulrich Rückriem, eine nichtfigürliche Steinskulptur Heinrich Heine zu widmen.
Heine, so die Initiatoren seines neuen Denkmals in Hamburg, hatte Wiedergutmachungsansprüche. Die 1933 an ihm postum und in effigie vollstreckte schändliche Judenverfolgung nährt dabei ein Pathos, das jeden Widerstand moralisch disqualifizieren soll. Leuten, die etwa meinen, die Energien der hartnäckigen Denkmalskampagne wären besser in Heine-Lektüre und -Forschung investiert worden, wird leicht reaktionäre, ja antisemitische Haltung unterstellt.
Eine Art Denkmal kann auch die programmatische Benennung sein, so - aktueller Streitfall - die der Düsseldorfer Universität.
Wer heute an einer Christian-Albrechts- oder Philipps-Universität studiert, mag den ererbten Vor-Namen seiner Alma Mater als blasse Erinnerung an herrscherliche Gründer gelten lassen, so wie man alte Denkmäler respektvoll stehen S.209 läßt. Als aber in Düsseldorf nach einer Heine-Universität gerufen wurde, da war Gesinnung gefordert - eine Identifikation, die keiner historischen Figur gerecht wird.
Der knappen Konventsmehrheit, die sich mit sachlichen Argumenten dem Ansinnen verweigerte, wurde prompt eine "Abart jenes Ungeistes, der schon einmal Heines Bücher in Flammen aufgehen ließ" ("Vorwärts"), bescheinigt. Wird jemand den Standpunkt zur Kenntnis nehmen, daß Heine ebenso wenig wie andere zum Namenspatron und zur Denkmalsfigur taugt und daß der Titel einer Johann-Wolfgang-Goethe-Universität haargenau derselbe Zopf ist?
Das Hamburger Heine-Denkmal war nicht so dringlich, weil die Stadt partout auf diese Art einen Dichter ehren müßte, der zeitweilig mit gemischten Gefühlen in ihr gelebt hat. Auch nicht, weil sie unbedingt einen Schmuck für ihren Rathausmarkt gebraucht oder gar eine zwingende künstlerische Lösung dafür gewußt hätte.
Das Bild, das der durch seinen Bismarck berühmte Lederer sich und den Hamburgern von Heine gemacht hatte, war bloß "ein Dutzenddenkmal", wie sein Nachfolger Otto sagt. Dessen Version ist nun ein redigiertes Zitat, nicht alt und nicht neu. Reliefs am Sockel zeigen Bücherverbrennung und Denkmalsturz. Gegen diese Barbarei, mehr als für Heine, war ein Zeichen erwünscht. Die gute Absicht aber spricht sich in überlebter Form aus.
Wie honorig auch immer: ein Denkmal der Verlegenheiten.
S.205 Von Gerresheim. * S.207 Lederer (links). * Pilgrim (unten). * Von Hrdlicka (oben rechts). *

DER SPIEGEL 19/1982
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