10.05.1982

Politische Pornographie

„Blow Out“. Spielfilm von Brian De Palma. USA 1981; 108 Minuten; Farbe.
Ein kinoversessener Detektiv könnte in Brian De Palmas jüngstem Film Spuren anderer Filme, Fingerabdrücke anderer Regisseure zuhauf aufspüren. Schon der Titel "Blow Out" erinnert sehr bewußt an Antonionis "Blow Up". In beiden Filmen hat der Zufall auf Film oder Tonband Spuren eines Verbrechens festgehalten, in beiden Filmen werden die Helden so zu unfreiwilligen Zeugen eines Mords. Sie stehen plötzlich mit Beweisstücken in ihren Händen da.
"Blow Out" erinnert aber auch an Coppolas "Dialog", wenn er ein Labyrinth aus versteckten Mikrophonen und verborgenen Kameras aufbietet, eine Welt der technischen Überwachung, in der jeder jeden bespitzeln, überführen, täuschen und bedrohen kann.
Vor allem aber erinnert "Blow Out" an Hitchcock, dem Brian De Palma mit all seinen Filmen, technisch so brillant S.216 wie sein Vorbild, Huldigungen gewidmet hat. "Blow Out" erinnert an "Der unsichtbare Dritte", wenn Verfolger und Opfer durch die riesige Bahnhofshalle irren, die Kamera sie wie in ohnmächtiger Omnipräsenz verfolgt und aus bunt uniformierten Menschen Ornamente und tückische Hindernisse zugleich formt.
Brian De Palma zitiert "Über den Dächern von Nizza", wenn er am Schluß das Paar vor einen Himmel setzt, der in einem Riesen-Feuerwerk explodiert. Und er zitiert "Vertigo", wenn statt der rothaarigen Heldin eine Doppelgängerin getötet wird und der Held vergeblich ihr Leben zu retten sucht.
Gleich der Beginn, wo ein bedrohlich schnaufender unsichtbarer Mörder ein offenbar sexbesessenes Studentinnenheim umkreist, bis er sein schreiendes Opfer unter der Dusche ausmacht, wirkt, natürlich, wie ein "Psycho"-Zitat. Doch während der Zuschauer dem Horror auf den Leim geht, hat ihn De Palma bereits zum erstenmal in die Irre geführt. Was man da als alptraumartiges Gruseln erlebt, ist nur ein Film im Film:
Der "Blow Out"-Held ist Tontechniker bei einer billigen Produktionsfirma, die nur lässig durch eine Krimistory kaschierte Sexfilme der schäbigsten Art dreht, Filme, die "Blutbad" und "Blutbad II" heißen oder "Die Monster vom blutigen Strand". Und während der Zuschauer eben noch über den Todesschrei des Mädchens unter der Dusche erschrocken war, muß er jetzt erfahren, daß dieser Schrei selbst für einen billigen Porno zu schlecht ausgefallen ist: Der Held (von John Travolta gespielt) soll sich gefälligst um authentischeres, besseres Tonmaterial kümmern.
Das tut er dann auch mit dem Richtmikrophon in der Umgebung von Philadelphia, und prompt ist man in einem Politkrimi, der an Chappaquiddick erinnert, wo Edward Kennedy eine Sekretärin ins Wasser karrte, auch an den Kennedy-Mord von Dallas mit den Schüssen aus dem Hinterhalt, und an die schmutzigen Drahtzieher-Tricks von Watergate.
Das Mikrophon nämlich fängt die Todesfahrt eines Senators ein, dessen Auto über eine Brücke ins Wasser stürzt. Travolta, der die bildhübsche Begleiterin des aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten aus der Tiefe rettet, gerät unversehens in eine undurchsichtige politische Intrige - er hat zufällig ein mörderisches Verbrechen mit seinem Tonband aufgezeichnet.
Der Film nutzt effektsicher das (noch immer) vorhandene Gefälle zwischen öffentlicher Moral und privater Promiskuität. Natürlich sollte der Senator von politischen Gegnern mit Hilfe eines Flittchens kompromittiert werden, natürlich versuchen seine Freunde, das Mädchen nachträglich aus seiner Todesstunde zu eliminieren. Und als der Killer seine Tat zu vernebeln sucht, tut er dies mit einer Reihe von Prostituiertenmorden:
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß auch Regisseur De Palma ein Puritaner ist, der mit offenkundigem Genuß die Kamera in die Pornowelt richtet, um an den ausübenden Prostituierten prompt die Todesstrafe zu exekutieren. Das war schon in "Dressed to Kill" so, wo der entsetzliche Mord dem vergnüglichen Ehebruch auf dem Fuße folgte.
Auch die politische Moral, die De Palma für seinen Film aufbietet, hat einen doppelten Boden. "Blow Out" spielt in Philadelphia, der Wiege der amerikanischen Freiheit, und der Film spielt zu einer Zeit, als man sich anschickt, mit Pomp und bunten Paraden den "Liberty Day" zu feiern.
Die fröhlichen Feierlichkeiten auf der einen Seite, ein Philadelphia der Pornoschuppen, der miesen kleinen Nutten und erpresserischen Zuhälter auf der andern Seite: In De Palmas Film dringen die hochgemuten offiziellen politischen Äußerungen fast nur noch aus den Fernsehgeräten, die da den ganzen Tag, wie nebenbei, laufen, während die Berieselten dieses Fernsehens sich in schmuddligen Absteigen belauern.
Sicher übertreibt De Palmas Film den Gegensatz zwischen öffentlichem Leben und dem dahinter drohenden Verbrechen, wenn er in der Schlußverfolgungsjagd Travolta durch die Parade der ihre Beine schwenkenden Cheerleaders Amok fahren läßt - "wahrscheinlich" ist das nicht mehr, wie da der Held, um das Leben seiner Freundin zu retten, zahllose Polizeisperren durchbricht und schließlich sogar aus dem Krankenwagen flüchtet, in dem man ihn nach einer Karambolage aufgebahrt hat.
Aber andererseits zeigt eine solche Verfolgungsorgie nicht nur die unbändige Kinolust und Bilderopulenz des Regisseurs. Sie offenbart auch die krassen Gegensätze zwischen polierter Oberfläche und dem wirklichen Leben. Während Travolta durch die wild zur Seite stürzende Menge prescht, während die Stadt von Glockenklang und festlicher Militärmusik durchtönt wird, zerrt der Mörder sein ahnungsloses Opfer durch die Abfallgruben der U-Bahn-Schächte.
"Blow Out" zeigt nicht nur, daß es diese beiden Seiten der Wirklichkeit gibt, sondern macht auch deutlich, daß das Verbrechen an den Nahtstellen dazwischen entsteht: Da, wo sich ein Präsidentschaftskandidat von einem Festbankett zu Ehren der Freiheit verabschiedet, um sich heimlich mit einer Nutte im Auto aus dem Staub zu machen.
Der Film hatte in Amerika keine allzu gute Presse. Was man De Palma verübelte, war etwa, daß er (seine Frau) Nancy Allen ein allzu unbedarftes Flittchen spielen läßt, das mit seinem Mörder so zutraulich mitläuft wie ein unaufgeklärtes Kind mit einem Schokolade-Onkel.
In der Tat liegt hier eine, wenn nicht die einzige Schwäche des Films. Es ist sicher mehr als ein Zufall, daß De Palma ihn mit einem Gag schließt, der so gut wie alles vorher Gezeigte kichernd noch einmal in Frage stellt.
Wurde am Anfang ein echt klingender Todesschrei für einen drittklassigen Pornofilm gesucht, so ist der am Ende überzeugend genug gefunden. Daß es sich dabei um einen echten Todesschrei aus einem Politverbrechen handelt, scheint De Palma nicht zu stören. Ihm kommt es nur darauf an, den Zuschauer noch einmal zu foppen, ihm zu beweisen, daß man im Kino alles beweisen kann: Politik als Pornographie, Pornographie als Politik. Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 19/1982
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